ErzgebirgeSei mr allezamm su fruh

Im Erzgebirge ist Weihnachten mehr als nur eine Feier, weiß unsere Autorin Anne Hähnig. Es ist eine Weltanschauung – ganzjährig. von Anne Hähnig

Die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, schrieb der Schriftsteller Joachim Ringelnatz , hätten schon manche um die Besinnung gebracht. Weihnachten nervt viele Menschen. Mich nicht. Ich bin im Erzgebirge aufgewachsen. Und wen schon vier Adventswochen an den Rand des Besinnlichkeitskollapses bringen, der sollte mal nach Seiffen fahren, nach Freiberg oder Annaberg-Buchholz. Hier hört Weihnachten nie auf. Es ist für diese Region wichtiger als der Karneval für das Rheinland . Ich habe das schon als Kind gelernt.

Wenn sich heute jemand beschwert, weil die Radios im Dezember permanent Last Christmas spielen, dann erzähle ich gern die Geschichte meiner früheren Musiklehrerin: einer leidenschaftlichen, aber strengen Frau, Typ Margaret Thatcher . Sie hatte eines Tages verfügt, dass jeder ihrer Schüler das Raachermannel-Lied mitzusingen habe – und zwar beim großen Weihnachtssingen in meiner Schule. »Wenn es Raachermannel nabelt un es sat kaa Wort drzu, un dr Raach steigt an dr Deck nauf, sei mr allezamm su fruh.« Wer nicht mitsinge, wer da lache oder quatsche, drohte meine Musiklehrerin, dem schreibe sie eine Sechs ins Notenbuch – kommentarlos.

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Früher fand ich das unmöglich. Meine Eltern mussten einst FDJ-Lieder auswendig lernen, dachte ich, und wir, die erste freie Generation, sollten nun eben auch zu irgendetwas gezwungen werden – zum Weihnachtswahnsinn. Heute sehe ich das anders. Weihnachten gibt dem Erzgebirge eine Identität. In der Adventszeit freut man sich hier an den gleichen Dingen, man findet die gleichen Sachen schön, man hat die gleiche Meinung – und sei es auch nur zu der Frage, wann Räuchermänner vom Dachboden geholt werden dürfen.

Zu dem Wertvollsten, das ich früher besaß, gehörte eine Schneemannfamilie aus Holz; »Echt Erzgebirge« stand darauf. Meine Großeltern hatten sie mir – natürlich – am 24. Dezember geschenkt. Zum Räucherkerzenabbrennen habe ich diese Räuchermänner nie benutzt. Dafür seien sie, wie meine Mutter sagte, »viel zu gut«. Räuchermänner adelte man als »etwas Bleibendes«, als etwas, auf das ich achtgeben, das ich mein Leben lang in Ehren halten sollte.

Ich habe meine kleine Schneemannfamilie nie aufgebaut in der Wohnung meiner Eltern, denn dafür wäre in der Adventszeit gar kein Platz gewesen. Meine Eltern hatten eine eigene kleine Schar von Räuchermännern gesammelt. Und wenn mein Vater sie vom Dachboden holte, sah es so aus, als trüge er ein Neugeborenes die Treppe herunter. Wer seine Räuchermänner allerdings schon vor dem Totensonntag aufstellte, der wurde bei uns im Erzgebirge so kritisch beäugt wie jemand, der seine Räuchermänner tatsächlich zum Räucherkerzenabbrennen benutzte. So etwas machte man nicht.

Früher nervte mich dieser Dogmatismus manchmal, es störte mich, wie Weihnachten zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht wurde.

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