Film "Tabu"Krokodil und Kruzifix

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann über Miguel Gomes’ Film "Tabu", ein Meisterwerk des Bizarren. Eine Verbeugung von Daniel Kehlmann

Es gibt Filme, die sich leicht beschreiben und empfehlen lassen, Tabu gehört nicht zu ihnen. Will man für dieses in vieler Hinsicht ungeheuerliche Werk viele Zuschauer gewinnen – und das sollte man –, muss man vielleicht besser ein paar Dinge verschweigen.

Es ist zum Beispiel nicht hilfreich, zu erwähnen, dass es von der Mitte an keine Dialoge mehr gibt. Vielleicht sollte man auch die Information unterschlagen, dass Tabu ein Schwarz-Weiß-Film ist, und besser auch nicht davon sprechen, dass es darin sehr viel und ausführlich regnet. Stummfilm, schwarz-weiß, Regen: Sogleich malt man sich ein Arthouse-Produkt der anstrengenderen Sorte aus, aber das wäre ganz und gar falsch. Man sollte vielmehr sagen, dass dieser Film unvergesslich ist und packend und meisterlich; man sollte die großen Worte bemühen, die hier, ausnahmsweise, einmal am rechten Ort sind.

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Miguel Gomes’ letzter Film Unser geliebter Monat August war eine Spieldokumentation darüber, wie ein Regisseur namens Miguel Gomes in ein Dorf kommt, in dem er einen Horrorfilm drehen soll, für den er sich nicht im Mindesten interessiert, und stattdessen beginnt, die Einheimischen über ihr Leben zu befragen. Das Eigentümliche aber ist, dass man bis zum Schluss nicht zu sagen weiß, ob es sich um ein postmodernes Spiel handelt oder um schlichte Wirklichkeit. Der Film kreist wie ziellos um die immer absonderlicher werdenden Anekdoten der Dorfbewohner, und vergeblich versucht man zu verstehen, was man da eigentlich sieht: eine Feier ländlicher Naivität, ein Werk höchster Ironie oder einen Film, der auf merkwürdige Weise beides zugleich ist. Das Überraschendste aber ist, dass Gomes es zustande bringt, dass man sich dabei keine Minute langweilt.

Daniel Kehlmann

Der 37-Jährige zählt zu den renommiertesten  deutschen Autoren  der Gegenwart.  Sein Roman »Die  Vermessung der Welt« (2005) war ein  Weltbestseller

Unser geliebter Monat August war ein Capriccio, in Gomes’ neuem Film Tabu geht es nun aber um alles: große Liebe, leidenschaftliche Verfallenheit, Zufall, Bestimmung, Alter und Tod.

Auf körnig aussehendem Filmmaterial sehen wir im Prolog einen Forscher der etwas albernen Art – Tropenhelm, Feldflasche, eine Kolonne eingeborener Helfer, ein unhandlicher Rucksack – stoisch und traurig in einen absurden Tod marschieren. Während man noch darüber rätselt, wie ernst man die pathetische Melancholie der Erzählerstimme, den don-quixotesken Helm des Abenteurers und ein wunderliches, symbolträchtiges Krokodil nehmen soll, entpuppt sich das Gesehene als Film, den sich die Protagonistin des ersten Teils, eine sanfte und einsame Frau mittleren Alters namens Pilar, in einem leeren Kino in Lissabon gerade angesehen hat. Pilar, eine katholische Cineastin, die in gewisser Weise ebenso bedauernswert und komisch ist wie der Forscher mit dem Tropenhelm, muss unversehens ihre Nachbarin Aurora nach Hause fahren, eine geistesverwirrte ältere Dame, die gerade ihr ganzes Geld an die Spielautomaten im Kasino verloren hat. Aurora ist weder reuig noch bemitleidenswert, sondern von scharf-bösem Witz; dargestellt von der großartigen Laura Soveral, ist sie die lebendigste Figur des ganzen Films. Dieser erste Teil ist immer wieder von schlechthin surrealer Komik, ständig scheint die Handlung sich in skurrilen Monologen und absonderlichen Abschweifungen zu verlieren, um dann doch zu Pilar, Aurora und dem Rätsel der Vergangenheit zurückzukehren. Erst Auroras Tod führt dazu, dass eine neue Figur auftaucht, zu erzählen beginnt und den zweiten Teil einleitet.

In diesem nun hören wir keine Gespräche mehr, niemand redet außer dem Erzähler. Er berichtet von Auroras Zeit als junge Frau im portugiesischen Mosambik, von ihrer Ehe und ihrer verhängnisvollen Affäre mit dem Abenteurer Ventura, von Zauberei, von Krokodilen und nicht zuletzt vom elenden Ende der verhängnisvollen portugiesischen Kolonialgeschichte. Ganz zuletzt erst hören wir einen Brief von Aurora an Ventura, und nun erst stehen alle Einzelheiten an ihrem Platz, wir begreifen die Zusammenhänge, und wir verstehen auch, dass wir nicht bloß einen verspielten Experimentalfilm gesehen haben, sondern ein erschütterndes Drama um Liebe, Tod und den gnadenlosen Umstand, dass im Leben jede Tat für immer geschehen und kein Fehler zu korrigieren ist.

Was aber, so fragt man sich sogleich, hatte es mit all den wohlgesetzten Zeichen der Ironie auf sich? Was mit dem kryptischen Prolog, dem mysteriösen Forscher im Tropenhelm, den Missgeschicken der hilfsbereiten Pilar, den vielen Kruzifixen, den ausufernden Traummonologen der alten Aurora oder auch der sich bei jeder Gelegenheit produzierenden schlechten Band? Warum der Schritt ins epische Verstummen im zweiten Teil – und wie stellt Gomes es an, aus solch disparaten Elementen eine derart überzeugende Komposition zu formen? Wieso also ist Tabu nicht nur ein Sammelsurium origineller Ideen, sondern eine perfekt gefügte Einheit?

Das ist das eigentliche Rätsel dieses Films. Deutlicher noch als in Unser geliebter Monat August scheint Gomes uns zeigen zu wollen, dass ein Kunstwerk durch und durch ironisch sein kann, ganz und gar Zitat, Anspielung und höherer Scherz und doch zugleich durchgängig ernst, authentisch und wahr. Die Ironie selbst wird gewissermaßen ironisiert und die Parodie zu dem, worüber sie sich lustig zu machen vorgibt.

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Mit diesem Film, der den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale schmückte, ist Miguel Gomes in die erste Reihe der europäischen Regisseure getreten; dort aber steht er als verwirrender Solitär, dessen Werk sich nicht einordnen lässt und über dessen Absichten man endlos spekulieren kann. Tabu ist voll kulturgeschichtlicher Anspielungen – nicht nur verweist der Titel auf den gleichnamigen Film Murnaus und die Konstellation einer Frau, die in einer afrikanischen Kolonie zwischen ihrem Ehemann und einem menschlich substanzlosen Liebhaber steht. Der Film verdankt nicht wenig Tania Blixens Out of Africa beziehungsweise der Verfilmung durch Sydney Pollack; auch wird mehrmals die fiktive Hollywoodproduktion It Will Never Snow Again Over Kilimanjaro erwähnt, und die Art und Weise, wie die drei Hauptteile scheinbar unverbunden nebeneinandergestellt sind und sich doch untergründig aufeinander beziehen, könnte vom Werk des chilenischen Autors Roberto Bolaño beeinflusst sein, in dem man überhaupt einen Geistesverwandten von Miguel Gomes vermuten darf. Auch Bolaño ist ein Meister des Bizarren und des strukturellen Rätsels; bei vielen seiner Werke besteht ein wesentlicher Reiz der Lektüre darin, herauszufinden, wodurch Teile, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben, eben doch zusammenhängen. Aber all das ist seltsam unwichtig. Gomes’ Film ruht in sich und scheint der Tradition, auf die er sich immer wieder bezieht, gar nicht zu bedürfen; die wesentlichen Anspielungen sind eben nicht die auf andere Filme und Bücher, sondern die zwischen seinen einzelnen Abschnitten, also dem Prolog über den traurigen Forscher, dem ersten Teil über eine verrückte alte Frau, die glaubt, verhext worden zu sein, und dem zweiten Teil über eine verzweifelte Liebesaffäre in einer zerfallenden Kolonie.

Die wohlfeile Formulierung, dass ein Film einen nicht loslässt, hier trifft sie einmal wirklich zu. Wer nur eine kurze Zusammenfassung gehört hat, wird wahrscheinlich lieber den nächstbesten Blockbuster sehen wollen. Wer sich aber von der Aussicht auf einen epischen, nicht linearen, schwarz-weißen Stummfilm, in dem sehr viel geredet wird, nicht abschrecken lässt, auf den wartet ein Kunstwerk, das ihn lange begleiten wird.

Berichtigung 14.1.2013: Die Darstellerin der Aurora (als ältere Frau) spielt nicht Teresa Madruga, sondern Laura Soveral; Aurora als junge Frau wird von Ana Moreira verkörpert.

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Leserkommentare
  1. Eine kleine Anmerkung:
    Aurora wird nicht von Teresa Madruga, sondern von der wunderbaren Laura Soveral gespielt.

    • jqqg
    • 10. Februar 2013 21:27 Uhr

    angesehen nachdem ich diesen Text gelesen habe, ein beeindruckendes Werk!
    (Und Daniel Kehlmanns Text eine plastische Beschreibung dessen was man dann zu sehen bekommt.)
    Die Stimmung in diesem Film (besonders im letzten Teil, wenn der Erzähler aus dem Off die Bilder kommentiert) würde ich nicht unbedingt als Ironie bezeichnen, obwohl auch Ironie im Spiel ist. Es ist eine seltsam verhaltene und manchmal übersteigerte Pathetik, eine Exaltiertheit die allerdings dann schon immer wieder ironisch gebrochen ist. Es ist auch viel Kitsch im Spiel, aber genau das hält einen ja dann auch bei allen formalen Experimenten bei Laune.

    • Fiesko
    • 11. Februar 2013 16:34 Uhr

    "Wieso also ist Tabu nicht nur ein Sammelsurium origineller Ideen, sondern eine perfekt gefügte Einheit?"

    Vielleicht weil der Regisseur Portugiese ist und das aus irgendeinem Grund bei Filmkritikern gerade hip?

    "[...]dass ein Kunstwerk durch und durch ironisch sein kann, ganz und gar Zitat, Anspielung und höherer Scherz und doch zugleich durchgängig ernst, authentisch und wahr. Die Ironie selbst wird gewissermaßen ironisiert und die Parodie zu dem, worüber sie sich lustig zu machen vorgibt."

    Versteh' ich nicht. Parodierte Parodie und ironisierte Ironie? Das klingt eher nach totaler Beliebigkeit und Pseudo-Tiefsinn. Hauptsache irgendwie anders als die anderen, Schwarzweiss und verrückte Menschen und ein bissel Kolonialgeschichte-Aufarbeitung - das kommt immer gut.

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