Film "Tabu"Krokodil und Kruzifix
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Wieso ist Tabu nicht nur ein Sammelsurium origineller Ideen?

Was aber, so fragt man sich sogleich, hatte es mit all den wohlgesetzten Zeichen der Ironie auf sich? Was mit dem kryptischen Prolog, dem mysteriösen Forscher im Tropenhelm, den Missgeschicken der hilfsbereiten Pilar, den vielen Kruzifixen, den ausufernden Traummonologen der alten Aurora oder auch der sich bei jeder Gelegenheit produzierenden schlechten Band? Warum der Schritt ins epische Verstummen im zweiten Teil – und wie stellt Gomes es an, aus solch disparaten Elementen eine derart überzeugende Komposition zu formen? Wieso also ist Tabu nicht nur ein Sammelsurium origineller Ideen, sondern eine perfekt gefügte Einheit?

Das ist das eigentliche Rätsel dieses Films. Deutlicher noch als in Unser geliebter Monat August scheint Gomes uns zeigen zu wollen, dass ein Kunstwerk durch und durch ironisch sein kann, ganz und gar Zitat, Anspielung und höherer Scherz und doch zugleich durchgängig ernst, authentisch und wahr. Die Ironie selbst wird gewissermaßen ironisiert und die Parodie zu dem, worüber sie sich lustig zu machen vorgibt.

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Mit diesem Film, der den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale schmückte, ist Miguel Gomes in die erste Reihe der europäischen Regisseure getreten; dort aber steht er als verwirrender Solitär, dessen Werk sich nicht einordnen lässt und über dessen Absichten man endlos spekulieren kann. Tabu ist voll kulturgeschichtlicher Anspielungen – nicht nur verweist der Titel auf den gleichnamigen Film Murnaus und die Konstellation einer Frau, die in einer afrikanischen Kolonie zwischen ihrem Ehemann und einem menschlich substanzlosen Liebhaber steht. Der Film verdankt nicht wenig Tania Blixens Out of Africa beziehungsweise der Verfilmung durch Sydney Pollack; auch wird mehrmals die fiktive Hollywoodproduktion It Will Never Snow Again Over Kilimanjaro erwähnt, und die Art und Weise, wie die drei Hauptteile scheinbar unverbunden nebeneinandergestellt sind und sich doch untergründig aufeinander beziehen, könnte vom Werk des chilenischen Autors Roberto Bolaño beeinflusst sein, in dem man überhaupt einen Geistesverwandten von Miguel Gomes vermuten darf. Auch Bolaño ist ein Meister des Bizarren und des strukturellen Rätsels; bei vielen seiner Werke besteht ein wesentlicher Reiz der Lektüre darin, herauszufinden, wodurch Teile, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben, eben doch zusammenhängen. Aber all das ist seltsam unwichtig. Gomes’ Film ruht in sich und scheint der Tradition, auf die er sich immer wieder bezieht, gar nicht zu bedürfen; die wesentlichen Anspielungen sind eben nicht die auf andere Filme und Bücher, sondern die zwischen seinen einzelnen Abschnitten, also dem Prolog über den traurigen Forscher, dem ersten Teil über eine verrückte alte Frau, die glaubt, verhext worden zu sein, und dem zweiten Teil über eine verzweifelte Liebesaffäre in einer zerfallenden Kolonie.

Die wohlfeile Formulierung, dass ein Film einen nicht loslässt, hier trifft sie einmal wirklich zu. Wer nur eine kurze Zusammenfassung gehört hat, wird wahrscheinlich lieber den nächstbesten Blockbuster sehen wollen. Wer sich aber von der Aussicht auf einen epischen, nicht linearen, schwarz-weißen Stummfilm, in dem sehr viel geredet wird, nicht abschrecken lässt, auf den wartet ein Kunstwerk, das ihn lange begleiten wird.

Berichtigung 14.1.2013: Die Darstellerin der Aurora (als ältere Frau) spielt nicht Teresa Madruga, sondern Laura Soveral; Aurora als junge Frau wird von Ana Moreira verkörpert.

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Leserkommentare
  1. Eine kleine Anmerkung:
    Aurora wird nicht von Teresa Madruga, sondern von der wunderbaren Laura Soveral gespielt.

    • jqqg
    • 10. Februar 2013 21:27 Uhr

    angesehen nachdem ich diesen Text gelesen habe, ein beeindruckendes Werk!
    (Und Daniel Kehlmanns Text eine plastische Beschreibung dessen was man dann zu sehen bekommt.)
    Die Stimmung in diesem Film (besonders im letzten Teil, wenn der Erzähler aus dem Off die Bilder kommentiert) würde ich nicht unbedingt als Ironie bezeichnen, obwohl auch Ironie im Spiel ist. Es ist eine seltsam verhaltene und manchmal übersteigerte Pathetik, eine Exaltiertheit die allerdings dann schon immer wieder ironisch gebrochen ist. Es ist auch viel Kitsch im Spiel, aber genau das hält einen ja dann auch bei allen formalen Experimenten bei Laune.

    • Fiesko
    • 11. Februar 2013 16:34 Uhr

    "Wieso also ist Tabu nicht nur ein Sammelsurium origineller Ideen, sondern eine perfekt gefügte Einheit?"

    Vielleicht weil der Regisseur Portugiese ist und das aus irgendeinem Grund bei Filmkritikern gerade hip?

    "[...]dass ein Kunstwerk durch und durch ironisch sein kann, ganz und gar Zitat, Anspielung und höherer Scherz und doch zugleich durchgängig ernst, authentisch und wahr. Die Ironie selbst wird gewissermaßen ironisiert und die Parodie zu dem, worüber sie sich lustig zu machen vorgibt."

    Versteh' ich nicht. Parodierte Parodie und ironisierte Ironie? Das klingt eher nach totaler Beliebigkeit und Pseudo-Tiefsinn. Hauptsache irgendwie anders als die anderen, Schwarzweiss und verrückte Menschen und ein bissel Kolonialgeschichte-Aufarbeitung - das kommt immer gut.

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