WeihnachtenSanta Frank

Er war der Schlagerstar der DDR. Heute ist er der Held der Adventszeit: Wie Frank Schöbel zum Weihnachtskulturgut wurde. von 

Frank Schöbel wird zum Superstar; alle Jahre wieder. Dieser Mann mit blonden Engelslocken, dieser Sänger mit ewigem Bubengesicht: Immer im Winter kommt seine Zeit, da liegt ihm das Ostvolk zu Füßen. Schöbel, seit Kurzem 70, war der Schlagerstar der DDR. Inzwischen ist er in den neuen Ländern so etwas wie Weihnachtskulturgut. Wird in den besinnlichen Wochen beinahe religiös verehrt: als Musiker, dessen Lieder bleiben. Weil man sie hört, sobald Schneeflocken treiben.

Weihnachten in Familie
sieh, wie die Kinder sich freu’n,
wenn wir die Silbersterne
auf ihr Bäumchen streu’n.

Eine Fahrt zu Schöbel nach Hause, der Meister hat eingeladen, am Rande Berlins wohnt er heute. Er kehrte gerade von einer Aufzeichnung heim, seine wichtigste Show ist im Kasten: Fröhliche Weihnachten mit Frank, Ausstrahlung an Heiligabend, um 19.45 Uhr im MDR. Millionen Ostdeutsche werden zusehen – wie jedes Jahr um diese Zeit. Simpel ist das Konzept. Schöbel lädt gute Freunde ein, gemeinsam die Weihnacht zu verbringen. Es gibt Gespräche bei Speis und Trank, in Einspielern tritt Schöbel zudem als Weihnachtsmann in Aktion. Man singt Lieder, auf dem Flachbildschirm lodert ein Feuer. Dies ist die Sendung, an der sich viele weihnachtsabends das Herz wärmen. Es gibt Menschen, die sagen: Nach dem Essen – wenn Westdeutschland in die Kirche geht – schaltet Ostdeutschland zu Frank Schöbel. Die Sendung, erfunden 1985, erzielte schon 1993, da lief sie erstmals nach der Wende, grandiose Einschaltquoten.

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Schöbel, dieser Santa Claus des Ostens, lebt in Mahlsdorf, Bezirk Marzahn, in Deutschlands angeblich größter Eigenheimsiedlung. Die Straßen sind gepflastert mit steinernen Platten; wie schon in der DDR. »Warten Sie!«, ruft ein Mann aus dem Küchenfenster, es ist Frank Schöbel, hier Kleinbürger und Privatier. Er eilt aus dem Haus, in Gummisandalen und Lederjacke, er empfängt den Gast am Tor. Sein Häuschen, sagt Schöbel, habe er in den Neunzigern erbaut. Stumme Finnen hätten es montiert. »Es besteht komplett aus Holz. Hier ist es immer wie im Urlaub: nirgends Beton, alles wunderschön. Es duftet. Herrlich.« Auch seine Weihnachtssendung findet in Holzhauskulisse statt, Schöbels Stube wird dafür quasi nachgebaut. Die Show soll ein Heimkommen sein, ein Heimkommen zu ihm. Schöbel, das wird einem hier gleich klar, ist ein Mann wie sein Publikum – sehr auf der Suche nach Behaglichkeit.

Zu Dieter Thomas Heck ließ ihn die SED nicht. Weil Heck in der CDU war

Vor der Tür hat der Weihnachtsmann den Schlitten geparkt, Ford Galaxy, weinrot. Er fährt damit keine Geschenke aus. Sondern sich selbst von Konzert zu Konzert. Zu Hunderten Auftritten jedes Jahr. An Weihnachten verdichtet sich alles. Die Ziele im Dezember sind Bernau und Eisenhüttenstadt, Cunewalde und Staßfort und Rüdersdorf bei Berlin. Schöbel geht in die kleinen Orte, füllt dort aber die größten Häuser. Fröhliche Weihnachten mit Frank heißt die aktuelle Tournee, genauso wie die Sendung also. Gesungen werden Lieder, die im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen fest verankert sind. Die Lieder von Schöbels Weihnachtsplatte.

Weihnachten in Familie, dies ist das Album seines Lebens, 1985 eingesungen von Schöbel mit seiner damaligen Frau Aurora Lacasa und den beiden gemeinsamen Töchtern. Die meistverkaufte Platte der DDR: 1,7 Millionen Exemplare. Ein Longseller, bis heute. Bei Amazon in den Musik-Charts, Rubrik »Weihnachtsmusik«, steht es in den Top Ten. Weit vor Andrea Jürgens, die einst das erfolgreichste Weihnachtsalbum West aufnahm.

Schöbel bittet in den Wintergarten, er hat Kaffee gekocht. Wie wurde er zum Weihnachtshelden? »Bin ich das?«, fragt er kokett zurück. Aber bitte, Herr Schöbel, lesen Sie nie Ihre Post? »Ja, gut, die Leute schreiben mir: Weihnachten gehört die Platte dazu. Die läuft den ganzen Tag. Abends isst man schnell. Und dann sieht man die Sendung.« Wieso das so sei, sagt er, das wisse er nicht – beim besten Willen. Weihnachten, das sei aber schon immer Spezialität des Ostens gewesen. »Und wissen Sie, warum? Weil wir es uns besonders schön machen mussten. Wir mussten es besonders heimelig haben, Heiligabend musste etwas Besonderes sein. Wer nicht in die Welt reisen darf, der braucht es zu Hause gemütlich.«

Dabei bekam er ja mehr zu sehen als die meisten anderen DDR-Bürger. Als Siebenjähriger fing Schöbel mit dem Singen an. 1962 kam er, damals 19, auf die Bühne: mit dem »Tanzorchester der Sonderklasse Heinz Müller« in Leipzig. Schöbels erste Single Looky-Looky gelangte 1964 direkt in die DDR-Hitparaden, der große Durchbruch kam 1971 mit dem Lied Wie ein Stern: 550.000 verkaufte Platten auf Anhieb; 150.000 davon sogar in der Bundesrepublik, Gastspiele dort. 1974 sang Schöbel als Vertreter der DDR bei der Eröffnung der Fußball-WM im Frankfurter Waldstadion.

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