Unterdessen fallen die Umfragewerte des Präsidenten und seines Premiers in atemberaubendem Tempo. Dass die politische Rechte ihrerseits gerade in einem postsarkozystischen Diadochenkampf versinkt, ist da nur ein schwacher Trost, denn hinter dieser Szene baut sich eine andere Bedrohung auf: der rechtsradikale Populismus einer Marine Le Pen.

Die Steuerpolitik der Regierung erschwert Unternehmensgründungen

Doch wieso trat die Spaltung im Regierungslager ausgerechnet am Schicksal einer nur 630 Mann starken und überalterten Stahlbelegschaft zutage? Die Hochöfen stehen als Symbol für die ungeklärte Frage nach dem wirtschaftlichen Selbstverständnis. Es ist geprägt von Frankreichs Welterfolgen in den 1970er und 1980er Jahren. Das waren die Jahre, der bis heute heißgeliebten Hochgeschwindigkeitszüge, Passagierflugzeuge, Kernreaktoren, Autos. Eine Welt aus Stahl, Starkstrom und Benzin. Nicht, dass Frankreich dabei stehen geblieben wäre. Aber wenn derzeit über die Exportschwäche der Industrie gesprochen wird, dann dreht sich die Debatte vorwiegend um die dicken Brummer und nur selten um die wuselige Welt der Start-ups, Netzdienstleister oder Hightech-Labore.

»Alles für die Industrie!« – diese Losung stammt vom Ahnherr der französischen Sozialtheorie, Graf Henri de Saint-Simon. Der verlor in der Revolution von 1789 seine Güter, warf sein »de« hinterher, machte sodann Geschäfte und setzte sich in der Restaurationszeit für den Primat der Wirtschaft ein. Seine gesammelten Werke kamen dieser Tage erstmals vollständig heraus – durchaus ein Ereignis. Es wäre zu wünschen, dass Frankreichs Ökonomen und Politiker die Bände einmal aufschlügen. Saint-Simons Gegnerschaft galt nämlich dem Übergewicht der Politiker und Juristen, der Theologen, Adligen und reichen Privatiers über die Sphäre der Arbeit; was davon aktuell bleibt, ist sein Rat an die Regierungen, sich zu fragen, ob sie womöglich jenen im Weg stehen, die produzieren.

Zu diesen »industriels« rechnete Saint-Simon nicht nur die Werker am harten Stoff. Er zählte auch die Wissenschaftler und Künstler hinzu, also zum Beispiel die Depardieus – und ebenso die Händler und Bankiers. All jene also, die Montebourg, Hollande und die meisten anderen Politiker Frankreichs auch 200 Jahre nach Saint-Simon nicht als nützliche Glieder der »Realwirtschaft« anerkennen.

Dass Frankreichs Regierung nicht gleichgültig bleibt, wenn traditionelle Industriestandorte schließen, ist verständlich. Nur »schadet die Regierung stets der Industrie, wenn sie sich in deren Angelegenheiten einmischt«, wie Saint-Simon einst ahnungsvoll schrieb. Derzeit versteift sie sich wie im Fall Florange darauf, die Fortsetzung obsolet werdender Produktion zu erzwingen – womöglich per Gesetz; darauf gerichtete Paragrafen werden derzeit entworfen. Ihre Steuerpolitik wiederum erschwert die Gründung neuer Unternehmen. Einem Gesetz zufolge, das die Nationalversammlung Mitte Dezember gegen alle Proteste beschloss, müssen Unternehmer und business angels, die – etwa um einen neuen Partner ins Boot zu holen – eine Firma oder Teile davon verkaufen wollen, bis zu 60 Prozent Steuern auf die Wertsteigerung bezahlen. So schreckt man Risikokapital ab.

Der linke Flügel des Regierungslagers geht in diesen Dingen sehr weit. »Souveränismus ohne Komplexe« nennt sich die Idee, wie Frankreichs Industrie unter dem Schirm des Staates überleben soll. Montebourg wirbt für »Entglobalisierung«, befürwortet die Auflösung der WTO und eckt regelmäßig mit protektionistischen Ideen bei der EU-Kommission an. Der Minister forderte auch, in Supermärkten eigene Abteilungen für Produkte »made in France« einzurichten; für diese Idee warb er mit einem Foto, das ihn in einem bretonischen Pulli zeigte. Die Pointe: Die Tracht wird zu 80 Prozent im Ausland hergestellt.

Die Mehrheit des Regierungslagers um Hollande und Ayrault denkt da realistischer und macht allenfalls Zugeständnisse an die »Souveränisten«. Nur leider hat sie den Franzosen bislang kein zugkräftiges Projekt angeboten, um sie durch die Globalisierung zu lotsen. Also muss sich niemand wundern, wenn die Bindungskraft der Republik nachlässt, zumal bei jenen, die sich als Zielscheibe von Regierungspropaganda und Fiskalpolitik unwohl fühlen: Unternehmer und erfolgreiche Kreative. Depardieu ist nicht der Einzige, der dem Land den Rücken kehrt. Spezialisierte Anwälte berichten von einem Ansturm ausreisewilliger Klienten. Der umgekehrte Fall ist selten. Ebenfalls am 16. Dezember wurde bekannt, dass der Schriftsteller Michel Houellebecq wieder aus Irland zurückkehren will, wegen der Sprache; Geld sei nicht alles. Man darf gespannt sein: Sollte ausgerechnet ein Houellebecq, nach eigener Auskunft nationaler Nihilist, neue Hoffnung im linkspatriotischen Lager auslösen? Das wäre ein trauriger Witz. Er entspräche leider dem Zustand des Landes.