Engels-BiografieRevolutionär mit Geld und Gefühl

Eine Biografie über Friedrich Engels zeigt den Weggefährten von Karl Marx in all seinen Facetten von Jenny Friedrich-Freksa

Porträt von Friedrich Engels, circa 1880

Porträt von Friedrich Engels, circa 1880  |  © Hulton Archive/Getty Images

Am Samstag war ich Fuchsjagen, 7 Stunden im Sattel. So eine Geschichte regt mich immer für ein paar Tage höllisch auf«, schreibt Friedrich Engels am 31. Dezember 1857 aus Manchester an Karl Marx. Engels als Jagdfreund der Upperclass – ein unvertrautes Bild von einem, der sich doch vor allem über die Lage der arbeitenden Klasse erzürnte. Eine neue Biografie des britischen Historikers und Labour-Abgeordneten Tristram Hunt zeigt Friedrich Engels in einer Vielzahl von Rollen: als Kaufmann und Journalisten, Fuchs- und Schürzenjäger, als guten Freund und schlechten Sohn, als Gesellschaftstheoretiker und Revolutionär.

Hunt zeichnet die geistige Entwicklung nach, die den Fabrikantensohn aus Barmen, Wuppertal, zum großen Denker macht. Früh begeistert sich Engels für Hegel und Feuerbach, später ist er von Darwin fasziniert. Von seinem christlichen Vater und der Religion wendet er sich ab. Er beobachtet genau, was um ihn herum geschieht, und bezieht dies in seine Reflexionen ein. Manchester wird im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung der Baumwollspinnereien zu einem »Cottonopolis«. Die Textilwirtschaft boomt und verändert die Stadt von Grund auf. Der Fluss Irk, der den Ort in zwei Hälften teilt, wird von Färbemitteln und Abfall völlig verschmutzt. In den Elendsquartieren am Ufer leben die Arbeiter, die den neuen Reichtum der Stadt erst möglich machen. Engels beschreibt, welchen körperlichen Preis sie für ihren Lohn bezahlen: »Weiber, zum Gebären unfähig gemacht, Kinder verkrüppelt, Männer geschwächt, Glieder zerquetscht, ganze Generationen verdorben, mit Schwäche und Siechtum infiziert, bloß um der Bourgeoisie die Beutel zu füllen.«

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Zu dieser Bourgeoisie gehört auch Engels. Er arbeitet in Manchester im Textilunternehmen seines Vaters und ist Mitglied angesehener Clubs der Stadt. Das Kaufmannskind ist ein vermögender Mann. Einen Großteil seines Geldes investiert er in seinen Freund und geistigen Gefährten Karl Marx, denn, das hat der kluge Engels nach anfänglichem Konkurrieren erkannt, Marx ist der brillantere Kopf. Doch Hunt macht in seiner Biografie deutlich, welche außerordentlichen intellektuellen Fähigkeiten Engels hatte, wie belesen er war und wie sehr er als scharfsinniger Denker Marx herausforderte. Dieser wäre ohne die Ideen und die Kritik seines Freundes vermutlich nur halb so produktiv gewesen.

Zudem muss Engels sehr witzig gewesen sein. Marx’ Tochter Eleanor hat aufgeschrieben, wie ihr Vater »über die Briefe von Engels lachte, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen«. Den Humor teilten sie, doch Engels war mit Sicherheit mitfühlender. Marx bringt es fertig, in einem Beileidsbrief zum Tod von Engels’ Frau den trauernden Freund um Geld anzupumpen – einer der wenigen Momente, die zu echtem Unfrieden führen. Ansonsten ist Engels Marx treu ergeben. Er erkennt sogar dessen unehelichen Sohn als seinen eigenen an, um den berühmten Freund vor moralischem Schaden zu bewahren. Auch für die Marx-Töchter, die ihn innig lieben, ist er wie ein zweiter Vater. Noch lange über Marx’ Tod hinaus wird er sie und ihre Ehemänner finanziell über Wasser halten.

Tristram Hunt kommt mit seinem Buch über Engels zur rechten Zeit. Die Empörung über die Finanzkrise und die Verblüffung darüber, wie es so weit kommen konnte, haben das Interesse an marxistischen Schriften wiederbelebt. Folgt man Hunt, interessieren sich die Menschen dieser Tage weniger für Marx’ politische Philosophie denn für seine Chronik des globalen Kapitalismus. Es ist nicht weit von den Armenvierteln des alten Manchester zu den Slums im heutigen Indien oder Brasilien oder zu den Wanderarbeitern in China, deren Elend – welche Ironie der Geschichte – ausgerechnet von einer kommunistischen Partei in Kauf genommen wird.

Überhaupt, die kommunistischen Parteien und ihre Führer: Tristram Hunt nimmt Engels in Schutz vor allen Chefideologen der Geschichte, welche die Ideen des Marxismus durch einseitiges Auslegen diskreditiert haben. Engels habe an eine humane Version des Sozialismus geglaubt, schreibt Hunt, und er sei in der Lage gewesen, seine eigenen Standpunkte zu korrigieren. Engels selbst beschrieb sich als »leidenschaftlichen Verfechter der Individualität und des offenen Kampfs von Ideen in Literatur, Kultur, Kunst und Musik«. Das klingt nach moderner Demokratie. Ebenso modern in Finanzkrisenzeiten liest sich Engels’ Kritik an der Einigkeit von Staat und Kapital, an Kapitalflucht auf der Suche nach billiger Arbeit oder an der Umgestaltung des Familienlebens nach Markterfordernissen. Es ging ihm, einem fürsorglichen Mann, um die menschlichen Kosten einer modernen, globalisierten Arbeitswelt. Tristram Hunt hat die Lebensgeschichte eines großen Mannes aufgeschrieben, der bereit war, die zweite Geige zu spielen – ein seltenes Phänomen.

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