Für Ermano Geuer ist die Branche ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass der Beitrag gegen das Grundgesetz verstößt. Genauer gesagt: gegen den Gleichheitssatz. »Der verbietet es, wesentlich Ungleiches gleich zu behandeln«, referiert der Rechtsassessor. Fernsehbesitzer und Nichtfernsehbesitzer zum Beispiel. »Der Staat darf zwischen Hostels und Sternehotels nur pauschalieren, wenn ein sachlicher Grund vorliegt«, sagt Geuer. Und der liege nicht vor.

Mit seinen Argumenten steht er nicht allein da. Auch renommierte Juristen, etwa der Leipziger Staatsrechtler Christoph Degenhart, halten die Reform in wesentlichen Punkten für verfassungswidrig.

Wie ernst Geuers Feind, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die Klage nimmt, verdeutlicht ein 68-seitiges Dokument. Darin nehmen die Juristen der zuständigen Landesrundfunkanstalt – es ist der Bayerische Rundfunk – ausführlich zu all seinen Kritikpunkten Stellung. Sie argumentieren, dass in weit über 90 Prozent der deutschen Wohnungen Rundfunkgeräte stünden, eine pauschale Abgabe daher zulässig sei.

Aber auch wenn Geuer die Klage verlöre – das Problem des neuen Beitrags bliebe bestehen: Betroffene tun sich schwer, die Argumente der Anstalten zu verstehen. Einer von ihnen ist Kurt Oesterreicher. Früher hat der 86-Jährige als Personalsachbearbeiter für die Stadt Hamburg gearbeitet, auch heute interessiert ihn, was in seiner Heimat vor sich geht. Fast täglich sieht er sich das NDR-Hamburg Journal im Fernsehen an.

Weil er schlecht hört und einen Herzinfarkt hinter sich hat, besitzt er einen Schwerbehindertenausweis, auf der Rückseite steht in Großbuchstaben »RF«, darunter ein Stempel. Bisher hieß das für Oesterreicher, dass er von den Rundfunkgebühren befreit war; wenn er sich recht erinnert, ist das schon seit 40 Jahren so. Von Januar an soll alles anders werden. Oesterreicher versteht es nicht. »Die mir zugesandten Briefe widersprechen sich«, sagt er, und weil er die Buchstaben s und p nicht zum »schp« verschmilzt und seine Worte sorgfältig wählt, hört es sich hanseatisch-vornehm an, wenn er spricht.

Er hat noch einmal genau nachgelesen und die Briefe auf dem Tisch vor sich sortiert. Einer stammt von Mai 2011. »Darin steht ausdrücklich, dass ich die Gebühr bis 2019 nicht werde entrichten müssen«, sagt er und legt das Schreiben beiseite. Vor drei Monaten erhielt er wieder Post, diesmal sieht das Schreiben offiziell aus, es ist von den Intendanten der ARD, des ZDF und des Deutschlandradios unterschrieben. Nun heißt es, er solle monatlich 5,99 Euro überweisen.

»Finanziell würde ich das schaffen«, sagt Oesterreicher. Er hat auch nicht grundsätzlich etwas gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ihn irritiert vielmehr dessen Umgang mit seinen Kunden, zu denen ja auch er zählt: Da wird ein Versprechen gegeben und wieder gebrochen. Oesterreicher kann nicht glauben, dass eine fest zugesagte Gebührenbefreiung plötzlich widerrufen wird, einfach so. »Ich bin der Meinung, dass die Einzugsstelle an eine einmal erteilte Befreiung gebunden ist«, sagt er. Oesterreicher hat daher vor, »Widerspruch einzulegen«, sobald der erste Zahlungsbescheid eintrifft.

Ein paar Tage später ruft er aufgeregt an, er habe in einer Zeitschrift des Sozialverbandes gelesen, dass der neue Beitrag nicht automatisch für Personen gelte, die »noch im Besitz einer vor dem 1.1.2013 durch die GEZ erteilten Befreiung sind«. Der Rentner ist erst mal erleichtert. Er spreche ja nicht nur für sich selbst, sagt er, sondern auch für Menschen in ähnlicher Situation, die womöglich »finanziell schlechter gestellt« seien als er. Ältere Damen, Witwen mit geringer Rente, was sollen die tun?

Manche von ihnen haben Briefe an den Rechtsassessor Ermano Geuer verfasst, handschriftlich, mit Schreibmaschine, einige Kuverts waren mit roten Wachssiegeln versehen, auf anderen wurde der 28-Jährige als »Professor Doktor« angesprochen. Manche boten sogar an, ihm für seine Mühen symbolisch die Höhe eines Rundfunkbeitrags zu überweisen, 17,98 Euro, aber er wollte das nicht.

»Abgefahren«, sagt Geuer, legt die Fanpost zurück in die Kiste und blickt aus dem Bürofenster, vor dem die Sonne den Inn in glitzerndes Blau taucht. Ihm, der sonst so bemüht ist, erwachsen zu wirken, entwischt ein Wort aus der Jugendsprache, wenn er über die vielen Menschen nachdenkt, die sich bei ihm gemeldet haben. Der Bayerische Verfassungsgerichtshof wird den Fall in ein paar Monaten entscheiden.

Aber selbst wenn Geuer verlöre, wäre durch seine Klage womöglich viel gewonnen. Im besten Fall löst die Unruhe um die Einführung des neuen Beitrags in Deutschland eine Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus, die sich nicht um die Frage drehen wird, auf was für Geräten die Deutschen ihr Programm sehen. Sondern welche Art von Programm das ist. Denn was genau war es noch mal, das die Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so wertvoll macht, dass von nun an jeder Bürger für ihn aufkommen muss? Sollte nicht jetzt erst recht Qualität vor Quote gehen? Und würde es den Anstalten nicht gut stehen, komplett auf Werbeeinnahmen zu verzichten, um ihre Unabhängigkeit von der Privatwirtschaft zu betonen?

Es könnte sein, dass sich die Sender in Zukunft sehr genau rechtfertigen müssen für das, was sie mit den Milliarden machen. Und was nicht.