GesellschaftskritikÜber Diplomatie

Anna Wintour, Amerikas strenge "Vogue"-Chefin, unterstützte Barack Obama im Wahlkampf. Jetzt tuschelt man, sie solle Diplomatin werden. von 

US-Vogue-Chefin Anna Wintour

US-Vogue-Chefin Anna Wintour  |  © Carl Court/AFP/Getty Images

Was fällt uns zu Anna Wintour ein, der Chefin der amerikanischen Vogue? Pagenkopf (jeden Morgen kommt der Friseur). Neurotisch (jeden Morgen kommt der Friseur). Gesicht hinter Sonnenbrille versteckt (neurotisch). Unhöflich (verlässt angeblich eigene Partys vor dem Dessert). Herrisch. Stur. Kritisch. Teufel. Prada.

Welche Beschreibung fiele dem Computer im Berufsinformationszentrum wohl zum Stichwort "Diplomat" ein? Wahrscheinlich irgendetwas mit "Geschick im Umgang mit Menschen". Gäbe man die Eigenschaften von Anna Wintour in diesen Computer ein, würde er sicher keine Karriere als Diplomatin empfehlen. Sondern: "U-Boot-Kommandantin." Oder "Vogue-Chefin". Jedenfalls Jobs jenseits des Protokolls.

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Obwohl: Seit bei unserem eigenen Besuch im Berufsinformationszentrum mit der Schulklasse dieser Computer ausgerechnet dem Klassenkameraden mit der offensichtlichsten Abneigung gegenüber allem Modischen den Beruf "Damenschneider" empfahl, wissen wir: Die Berufswahl unterliegt nicht immer offensichtlichen Kriterien. So wundert es uns nicht, dass Anna Wintour jetzt als US-Botschafterin im Gespräch ist, für Paris oder London.

Kommt es so, werden viele verzweifeln: Soldaten werden beim Empfang mit militärischen Ehren unter Wintours kritischem Blick auf die Uniform weinend zusammenbrechen. Staatsschulden steigen, weil Präsidentengattinnen panisch ihre Garderobe aufrüsten. Angela Merkel verfällt dem Magerwahn.

Andererseits tut sich jetzt auch in Deutschland ein neues Berufsfeld für Medienfiguren auf. Patricia Riekel, Chefredakteurin der Bunten: Botschafterin in Monaco! Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild: Botschafter in Griechenland! Dieter Bohlen, Konsul auf Mallorca! Stefan Raab, Botschafter in Nordkorea! Thilo Sarrazin, Botschafter in der Türkei!

Gesellschaftskritik
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Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen.  |  © Frazer Harrison/Getty Images

Ach so, der wahre Grund für Anna Wintours mögliche Berufung ist, dass sie Barack Obamas Wahlkampf unterstützt und jede Menge Spenden gesammelt hat. Wie schön, dann könnte man gleich noch mehr politisch interessierte Prominente weit weg versetzen und für immer ins strenge Korsett des Protokolls einsperren: Die SPD-Unterstützer Scorpions und Günter Grass zum Beispiel entsenden wir nach Moskau und Israel. Bei der CDU wird es etwas schwieriger: Da gibt es zwar eine Menge Spender, die sich sicher wahnsinnig gut in diplomatischen Residenzen in aller Welt machen würden und das Konzept der Immunität nicht ablehnen. Aber Kohl redet ja nicht.

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    • Serie Gesellschaftskritik
    • Schlagworte Anna Wintour | Barack Obama | Angela Merkel | CDU | Günter Grass | Dieter Bohlen
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