ReligionWarum ich glauben will

Die Religion ist in diesen scheinbar aufgeklärten Zeiten mitten unter uns. von Giorgio Girardet

Als Achtjähriger fragte ich meinen Vater: »Glaubst du eigentlich an Gott?« Er sagte nur drei Wörter: »Das ist kompliziert.« Als Tschinggenbub, der den lieben Gott noch – zum theologischen Entsetzen der Mutter – im ersten Bildwörterbuch des kantonalen Lehrmittelverlags abgebildet und morgens, mittags und abends zu lobender Herr im Gesangbuch der Mittelstufe fand, war ich brennend interessiert zu erfahren, ob mein Vater ein guter Christ war.

Seine ausweichende Antwort verstörte mich, denn noch fünf Jahre zuvor hatten wir zusammen in der Weihnachtszeit eine Krippe gebaut, »für das Geschwisterchen, das in Mutters Bauch ist«. Ein Jahr später aber packte er mich in seinen damaligen Volkswagen und führte mich in seine Heimat, in die engen Täler des Piemont, wo der italienisch-französische Protestantismus bis 1848 eingesperrt war. Vielleicht war es für ihn eine kleine Flucht aus dem Alltag, ich fühlte mich als Erstgeborener wohlig »initiiert«.

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Später erst erahnte ich, dass mein Vater, der gerne die Lieder des Nonkonformisten Brassens hörte und auch nach der Arbeit zur Gitarre sang, in doppeltem Sinne ein Glaubensflüchtling war: Zum einen flüchtete er als Ingenieur vor einer italienischen Wirtschaftswelt, in der man notgedrungen – nicht erst seit Berlusconi – in einem klientelistisch-wundergläubigen Filz agierte. Zum andern floh er vor einer Mutter, der stets die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand, dass aus ihrem einzigen Sohn kein Pfarrer geworden war und die nur an zwei Tagen im Jahr ausschlafen durfte: an Pfingstmontag und Stephanstag, den einzigen Tagen, an denen der Allmächtige weder Kirchgang noch Arbeit verordnet hatte. Denn der Prediger, der »gottgezeichnete Mann«, das ist eine der grandiosesten Erfindungen des jüdisch-christlichen Matriarchats. Was ein guter Prediger ist, das haben – seit die Erde besteht – stets die Weiber entschieden.

Der liebe Gott spielte in meiner Familie eine gewichtige Rolle, aber das reicht wohl nicht, wie mein Vater beweist. Zum »Glauben«, dieser intimsten Verrichtung in der hedonistisch-säkularen Jetztzeit, braucht es auch noch ein Talent, Fügungen zu schätzen, die unvorhersehbar sind. Wie jene, als der gefürchtete Spanierbub Jesus (so dürfen Spanier heißen) über den Lattenzaun hechtete und Susi und Albert und mich bestimmt gnadenlos vermöbelt hätte, wenn er nicht im nassen Rasen ausgerutscht und in ganzer Länge hingefallen wäre.

Dass Susi, Albert und ich damals davongekommen sind, war gänzlich wider Empirie und Wahrscheinlichkeit, es war eine Fügung des Allmächtigen, der uns erretten und Jesus, den gefürchteten »Spaniöggel« des Quartiers, demütigen wollte.

Nein, mein Glaube ist gewiss nicht jener eiserne Handlauf auf der Lebenstreppe, wie er es für meine Großmutter war. Er zeigte sich nicht so demonstrativ, aber genauso mächtig, zum Beispiel in der Pubertät mit ihren neuen Mysterien. »Was die Welt im Innersten zusammenhält«, die faustische Frage, die auch mit der Gretchenfrage stets verbunden ist: Gewinnst du das Vertrauen des anderen Geschlechts? Im Prophetenstädtchen Brugg, wo ich aufwuchs, gab es auf dem Weg in die Bezirksschule eine esoterische Buchhandlung. Die Bücher mit Drudenfüßen und Uroboros-Schlangen faszinierten mich, den Latein- und Griechischschüler. En hä archä än ho logos . Am Anfang war das Wort.

In den Klassenlagern wurde abends philosophiert. Ein heiliger Schreck durchfuhr mich einmal, als ich mich auf den eben angelesenen, erkenntnistheoretisch korrekten Standpunkt stellte, meine Kameraden seien nur meine Erfindungen, bestünden so nur in meinen Kopf und seien bar aller Realität. Plötzlich hörte ich meine Stimme von außen in die unendliche Weite des Alls verhallen – die eisige Einsamkeit des Universums schien mich plötzlich zu umfangen. Ich beschloss, aus der Stringenz des philosophischen Räsonnements sofort in die »Wirklichkeit« zurückzukehren. Natürlich werden mir Neurobiologen mein Erlebnis erläutern können: Ich aber bekam eine Ahnung von der schauerlichen Macht des Wortes und wollte nach meiner altsprachlichen Matur Geisteswissenschaften studieren, also mit Texten umgehen. Ich studierte die Geschichte. Am Ende wurde mir auch sie zur theologischen Hilfswissenschaft.

Danach wandte ich mich dem Schuldienst zu, eine ehrliche Möglichkeit, sein Leben zwischen Studienabschluss und Pensionierung zu fristen und jenes Geld zu beschaffen, das die Gretchenfrage lösen würde. Die Religionspraxis entschwand etwas aus dem Horizont, denn Tucholsky hat wohl recht: »Der Mensch ist ein Wesen mit zwei Beinen und zwei Überzeugungen: eine für wenns im gut geht und eine für wenns ihm schlecht geht: letztere nennt man Religion.« Lange ging’s mir gut, aber nicht lange genug. Ich war kein »richtiger« Lehrer. So fiel mir im trauten Heim allmählich das Ressort »Küche, Kinder, Kirche« zu. Letzteres entsprach am ehesten meiner Vorbildung.

Nun, es ist überaus behaglich, reformierter Schweizer und Mitglied in der reformierten Landeskirche zu sein. Seit 1868 verpflichten sich die »reformierten Schweizer« zu gar nichts mehr, sie sind die Konfession der Glaubens- und Gewissensfreiheit geworden: ein Monstrum der babylonischen Beliebigkeit. Niemand muss sich öffentlich dazu bekennen, von der Jungfräulichkeit Mariens, von der leiblichen Auferstehung vom Tode und der Himmelfahrt Christi überzeugt zu sein, daran zu »glauben«. Es genügt, irgendwie christlich zu sein: ä rëchts läba z’füehre, bescheide z’blibe, Gott z’danke . Das ist nicht wenig.

Das Glauben bleibt weit verbreitet, es tarnt sich bloß. Heute erfinden wir postmodernen, »aufgeklärten« Menschen täglich neue Apokalypsen: den Maya-Kalender, die Außerirdischen, einen Meteor. Und das nebst all dem apokalyptischen Potenzial, das wir in unserer grandiosen Rationalität selbst erzeugen: dem Atomkrieg, der Vergiftung der Schöpfung, dem drohenden Kollaps der Finanzmärkte und des Klimas.

In der kältesten Zeit des Jahres, in der dunkelsten, feiern wir das Wort, das Fleisch geworden ist. Und solange uns die Neurobiologen nicht erklären können, wie aus dem Fleisch Wort wurde, so lange ist es die rationalste Sache der Welt, anzunehmen, dass dieses fleischgewordene Wort durch eine »Jungfrau auserkorn« in die Welt gekommen ist, dass es vom Tode nicht besiegbar ist und darum im Himmel, zur Rechten des Vaters thront, woher es wiederkommen wird, zu richten die Toten und Lebendigen. Frohe Gnadenzeit im Kreise der Lieben!

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Leserkommentare
    • kyri
    • 24. Dezember 2012 12:59 Uhr

    Giorgio Girardet möchte also glauben. Das soll man ihm, dem bekennenden Waldenser, selbstredend nicht verwehren. Doch es gelingt ihm augenscheinlich nicht. Er weiss, dass sein Gott nur noch ein Lückenbüßer ist. Zwar verkündet er seinen eifrigen Willen an die göttliche Schöpfung glauben zu wollen, «solange uns die Neurobiologen nicht erklären können, wie aus dem Fleisch Wort wurde».

    Doch Girardet hat natürlich längst erkannt, wo Gott hockt – und welche Disziplin ihn folgerichtig am plausibelsten erklären kann. Ihm ist bewusst, dass er auf Zeit spielt. Sie sei ihm gegönnt, der Loslösungsprozess verliert so an Tragweite. Eingesetzt hat er aber offensichtlich bei Girardet wie schon bei Abertausenden vor ihm. Und das ist gut so.

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  • Schlagworte Glaube | Religion | Kirche | Schweiz
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