GrossbauprojekteUnsere Pyramiden

Großbauprojekte machen uns nicht glücklich – aber aufgeben? von Thomas E. Schmidt

Städteurlauber und Handlungsreisende befällt in diesen Wochen auf ihren Trips durch die bundesdeutschen Großstädte Traurigkeit: In der Nähe des Bahnhofs sieht Stuttgart aus, als wollten die Einwohner den Ort am Neckar verlassen und versenkten die ganze Stadt in dafür ausgehobene riesige Gruben. Spaziert man an einem kalten, nebligen Tag am Elbufer in Hamburg, fühlt man sich durch ein milchiges Bauwerk in Unbehagen versetzt. Etwas Böses, Großes, Kariöses schwebt über einem, es nennt sich Elbphilharmonie und hat als künstliche Ruine offenbar seinen Idealzustand erreicht. Kommt der Wanderer nach Berlin, gibt’s keinen neuen Flughafen, aber darüber ist eigentlich schon viel zu viel gewitzelt worden.

Es liegt kein Segen mehr auf den pharaonischen Großprojekten der öffentlichen Hand: zu groß, zu kompliziert, zu langwierig. Vor allem mag sie keiner mehr bezahlen. Berlins Flughafen wird mit 4,3 statt 2,4 Milliarden Euro zu Buche schlagen, die Kosten infolge der Terminverschiebungen für die Eröffnung gar nicht eingerechnet. Stuttgart 21? Nicht 4,5, sondern 6,8 Milliarden. Hamburgs Konzerthaus schafft einen beachtlichen Sprung von anfangs 77 Millionen auf 575, einige meinen sogar 645 Millionen Euro.

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Natürlich sollen sämtliche Verantwortlichen in die Wüste geschickt werden, alle, die falsche Kostenversprechen gemacht und zu optimistische Eröffnungsdaten genannt haben! Tatsächlich wählten die Baden-Württemberger sogar einmal eine schwarz-gelbe Regierung ab – auch wegen Stuttgart 21. Danach fand ein Volksentscheid statt, fehlende Bürgerlegitimation nachtragend und vertragliche Verpflichtungen noch einmal unterstreichend. Heißt das, die Stuttgarter wollen jetzt ihren Tiefbahnhof, egal wie teuer? Nö. In Berlin gab es gar keine Bürgerbeteiligung. Die Flughafenpolitik wird dort obrigkeitsstaatlich geregelt. Das galt auch für die Schließungsbeschlüsse zu den Stadtflughäfen Tegel und Tempelhof. Auch Berlins Regierungschef Klaus Wowereit hat damit seinen Zenit überschritten. Allzu lange wird es für ihn nicht mehr gehen. Sind die Berliner damit gerächt?

Bedeutet es Genugtuung, wenn die bundeseigene Bahn AG die neuen Kosten für Stuttgart 21 allein trägt und dafür wichtige Investitionen ins Schienennetz anderswo verschiebt? Nein, niemand wird mehr mit den Pyramiden und Staudämmen glücklich, selbst wenn verantwortliche Köpfe zu Dutzenden rollen. Es ist später egal, ob sich in ihnen Technikfeindschaft oder -freundschaft ausdrückte, Modernität oder Öko-Konservatismus, ob die Demokratie gefährdet war, weil sich die Proteste nicht durchsetzten oder weil der Staat zu schwach war. Der Grenznutzen sinkt, mit Folgekosten ist auch nach Fertigstellung zu rechnen, auch mit sozialen. Am Ende steht da irgendein Klotz, geboren aus Zwängen, etwas Ungewolltes, Fragwürdiges, schlechten Geschmack im Mund Auslösendes, auch wenn es sich Philharmonie nennt.

Der amerikanische Anthropologe Joseph Tainter untersucht, wie und warum Gesellschaften zusammenbrechen. Tainters Gedanke ist, kurz gesagt, folgender: Gesellschaften werden irgendwann zu komplex, um ihre inneren Probleme zu lösen – beispielsweise das Transportproblem einer Hauptstadt mit überforderter Verwaltung oder das Imageproblem einer kleineren Metropole, die mit spektakulären Kulturbauten vergessen machen will, dass sie gegenüber der Hauptstadt randständig geworden ist. Die Komplexität zu erhalten verschlingt viel Geld und Energie. Sobald die Ressourcen aufgebraucht sind oder keiner mehr einen Sinn in den vermeintlich problemlösenden Vorhaben erkennt, sinkt die Komplexität der Gesellschaft wieder. Oder sie kollabiert möglicherweise.

Es ist natürlich gemein, der Elbphilharmonie nachzurufen, sie werde nie ein Ort großer Kunst sein, weil das Opern- und Konzertleben in Hamburg nun mal nicht blühe. Es hilft Berlin auch nichts, wenn erste Gutachten bereits den GAU des neuen Flughafens voraussagen, weil er falsch und viel zu klein geplant worden sei. Das ist die zersetzende Rede, die Großprojekte inzwischen begleitet, aber keiner weiß, ob sie nicht stimmt. Alles aufgeben und stehen lassen? Zumindest die unvollendete Elbphilharmonie wäre ein Zeichen. Es wäre das Denkmal für eine unfreiwillige Bescheidenheit der öffentlichen Hand. Aber auch nicht mehr. Ihre Pyramiden führen weder Stuttgart noch Berlin, noch Hamburg an den Rand eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs. In Zukunft werden aber kleinere Brötchen gebacken, die Technik wird bescheidener, ebenso wie die Erwartungen. Die Probleme waren zu groß. Die Komplexität sinkt wieder.

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Leserkommentare
  1. Also der Berliner Flughafen ist jetzt wirklich nichts besonderes. Er wird sogar einiges kleiner als FRA oder MUC.
    Wenn so etwas für die Berliner "zu komplex" sein soll, dann gute Nacht Deutschland.

    Das eigentliche Problem ist die Dekadenz. Es wird hier extrem viel Geld ausgegeben, das z.B. in der Bildung oder dem sozialen Bereich gekürzt wird. Letztendlich haben alle drei Projekte ein Legitimationsproblem.

    Kleinigkeit nebenbei: Wer ernsthaft glaubt der Flughafen sein zu klein geplant, der spekuliert auf eine Drehkreuz-Funktionalität für den Flughafen, da das Einzugsgebiet von BER doch überschaubar ist. Wir haben allerdings schon zwei Drehkreuze in Deutschland. Das reicht völlig aus. Steuerfinanzierten Verdrängungswettbewerb kostet nur dem Steuerzahler Geld.

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  • Schlagworte Stadtplanung | Flughafen | Willy-Brandt-Flughafen | Elbphilharmonie
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