Suhrkamp»Unerzählbarer Alptraum«

Wird dem Suhrkamp Verlag und seiner Verlegerin durch den Minderheitsgesellschafter Hans Barlach schlimmes Unrecht getan? Aber ja!, sagt der Schriftsteller Peter Handke und skizziert hinter dem Rechtsstreit die Medienmechanismen einer Hexenjagd von Peter Handke

Eigentlich sollte einem, vielleicht nicht allein meinem, Zorn Luft verschafft und im Niederschreiben Form, oder wenigstens der Anschein davon, verliehen werden. Aber ich schreibe, wieder einmal, mit dem Bleistift, noch dazu einem der mir zum Geburtstag bescherten, nicht bloß durchweg schönen, sondern auch gar weichgrau schreibenden. Und das Bleistiftgeräusch auf dem Papier hörte sich in meinen Ohren, gleich nach dem »Eigentlich sollte« oben, gar freundlich, dazu träumerisch an. Es war eine Art von Klang, ähnlich dem Besen eines Schlagzeugers, und dieser Schlagzeuger sollte, ohne Schlagstöcke usw., beim sachten Streichen und Streifen des Besens über die Unterlage bleiben.

Der Bleistift ist, über Geräusch und Klang hinaus, Sprache. Er spricht. Er sagt ein. Er sagt vor. Und was sagt er? Er sagt mir ungefähr folgendes: »Ich wünsche, du mögest selbst von den mutwillig Unverständigen und zerstörungslustig Verstockten wenn nicht verstanden, so wenigstens gelesen oder wenigstens, wie heißt es, überflogen werden. Deswegen, alter Freund, schreib, ausnahmsweise, tunlichst in Hauptsätzen.« (Der Stift gebrauchte tatsächlich »tunlichst«; hatte er vor meiner Zeit Umgang mit einem Juristen gepflogen? Und weiter höre ich aus seinem grauen Rauschen auf dem weißen Papier jetzt noch heraus:) »Erinnere dich: Einmal, lang ist’s her, hast du ein Gedicht geschrieben, auch du, und das hieß Der Rand der Trauer, und eine Zeile da lautete: ›Am Rand der Trauer‹ – oder hieß es: ›Am Rand der Müdigkeit‹? – ›reden wir alle in Hauptsätzen.‹«

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Und noch einmal jetzt der Bleistift: »Hör auf, ständig von mir wegzuschielen hin zur Maschine dort im Maschinenwinkel: Auf oder in die Tasten hauen mit rotem Kopf und womöglich gesträubten Haaren, das Farbband oder sonstwas entsprechend auf Rot geschaltet: Nichts da – ich bin es –, da bin ich, und meine Initialen HB – zuck davor nicht zurück, noch brich mir die Mine – bedeuten ausschließlich HB. HB ist HB ist HB auf uns Bleistiften von Dänemark bis Mali, von Polen bis Indien. Wir sind da nicht für den Weltkrieg, sondern um des lieben Friedens willen, für den Stoff, aus dem die Träume und die Märchen sind, nicht die Alpträume und nicht die bösen Märchen – die zukunftsweisenden. Also: Weiter im Stoff. Auf in den Stoff mit dir, samt mir!«

Nur: Wo steckt in dem aktuellen Stoff der belebende oder erweckende Traum? Wo verbirgt es sich, das Zukunftsmärchen, frei nach dem Vers des Juan de la Cruz im 16. spanischen Jahrhundert: »O Wort, mein Bräutigam, zeig mir den Ort, wo du verborgen bist!«? (Nebensatz nicht von mir.)

Und der Stoff? Der Stoff ist ein schier nicht enden wollender, auch nicht könnender Streit, der Streit um das Haus Suhrkamp, das Haus der dem Einen, dem ungeschriebenen, dem mehr oder weniger ewig vorschwebenden Buch, in Gestalt einer Wolke oder von sonstwas, nachgeschriebenen Bücher, auf es zugeschriebenen Bücher. Das Suhrkamp-Haus, das Haus Siegfried Unseld ist für mich, immer noch und heute grundfester denn je, das deutschsprachige Haus des Geistes (neben anderen, etwas kleineren), eines Geistes, den Johann Wolfgang von Goethe gliedert, will sagen: mit Wortflügeln versehen hat als »das Vorwaltende des oberen Leitenden« (oder so ähnlich).

Streit kann etwas Schönes sein. Streit kann beleben, einen für den andern öffnen, gegenseitig belehren. Doch auch ein Streit vor Gerichten? Ein juristischer? Ach, wie selten. Und ganz und gar nichtsnutzig, zu nichts und ins Nichts führend der aktuelle und zugleich schon ewige, andersewige Rechtsstreit um meinen, in der Idee unser aller Suhrkamp Verlag.

»Rechtsstreit«: Fast immer ein Euphemismus, und in diesem Fall oder Casus ein spezieller, zutiefst schmerzend wie im übrigen die ganze nicht bloß leidige, nein, leidvolle Angelegenheit, ein Leidwesen, doch nicht aus der Welt zu schaffen mit dem Standardspruch des die Anklageschriften wohl von Anfang an als Initiationsriten und inzwischen als Lebensersatz-Elixier mißbrauchenden Prozeßhammels HB, des Leibhaftigen, nicht meines Bleistifts hier: »Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat, oder nicht?!« »Rechtsstaat«, das hieße nach dem anderen HB also: »Ich benütze ihn nicht bloß, ich nütze ihn aus. Ich schöpfe ihn nicht nur aus« – recht so! –, »ich erschöpfe ihn, und zuguterletzt ist nichts mehr von ihm übrig, weder Rechtsstaat noch Recht überhaupt oder vom Recht nichts als der Buchstabe und mein Rechtbekommenhaben!« Ist freilich nicht Grund und Sinn überhaupt von Recht der Geist des Rechts? Ist das alte Wort vom »Geist der Gesetze« demnach so grund- wie sinnlos geworden? Und jeder den Rechtsstreit als Lebensspiel spielen Wollende und Geld genug dazu Habende darf diesen Geist flöten gehen oder Bleistifte spitzen lassen, solange bis sowohl Bleistifte wie Geist unauffindbar geworden sind? (Nebensatz von mir.)

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