Saxofonist Heinz SauerLässig, nicht so zickig

Der Saxofonist Heinz Sauer wird jetzt 80, der Pianist Michael Wollny ist 34. Hier spricht das ungleiche Jazzduo über Nazis und Techno, Holzvergaser und Hartz IV. von Stefan Hentz und

Heinz Sauer (rechts) kam in den fünfziger Jahren zum Jazz, Michael Wollny erst Mitte der Neunziger.

Heinz Sauer (rechts) kam in den fünfziger Jahren zum Jazz, Michael Wollny erst Mitte der Neunziger.  |  © Anna Meuer/ACT

ZEIT: Was ist Jazz?

Heinz Sauer: Früher war das eine Protestmusik der Schwarzen. Die deutschen Jazzer haben protestiert gegen die Nazigeneration, die uns nicht mochte, und uns mit den Schwarzen verbündet. Davon ist der Jazz heute weit entfernt. Der Jazz ist zu einer gehobenen Unterhaltungsmusik mutiert.

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Michael Wollny: Der Begriff Jazz bezeichnet so viel Verschiedenes, dass man auf diese Frage keine Einheit stiftende Antwort formulieren kann. Leonard Bernstein hat schon in den fünfziger Jahren die Traditionalisten und die Progressiven unterschieden, zwei Gruppen, die nicht miteinander können.

ZEIT: Sind Sie progressive Jazzmusiker?

Sauer: So progressiv wie Michael Wollny bin ich nicht, aber meine Ästhetik und das, was hinter ihr steht, ist schon progressiv.

Wollny: Vielleicht sollte man progressiv als Gegensatz zu banal nehmen. Beim Techno, zum Beispiel, da kann man nicht so recht sagen, ob das progressiv ist oder banal.

Sauer: Vorsicht! Beim Techno gibt es dies und das, wie im Jazz auch.

Heinz Sauer

Am 25. Dezember wurde er achtzig; man sieht es ihm, dem Asketen, nicht an. Am Saxofon ist er ein Melomane, ruhig, aber auch fähig zum heiseren Schrei. Seit zehn Jahren gibt es sein Duo mit Michael Wollny, 34: Jugend und Reife, Hitze und Coolness, Verstand und Leidenschaft.

Michael Wollny

Am Flügel ist er ein Virtuose, der seinem Publikum auch Mahler, Schubert und Kraftwerk serviert. Sein Duo mit Heinz Sauer bildet eine Quersumme des deutschen Jazz, aktuell zu hören auf dem vierten Album, dem Livemitschnitt eines Konzertes in der Stadtkirche Darmstadt.

ZEIT: Wie politisch ist Ihre Musik?

Wollny: Wenn ich am Klavier sitze, muss die Musik eine Dringlichkeit und Intensität haben, und Gott sei Dank hat sie das häufig. Ob das jetzt politisch ist?

Sauer: Ich befasse mich viel mit Politik, und ich bin nicht so einer, der alles perfekt runterspielt. Ich gehe Risiken ein, und dabei kommt es auf Emotionen an, die auf unsere Situation bezogen sind. Das fließt immer ein. Aber beim Spielen denke ich nicht an Hartz IV.

ZEIT: In den sechziger Jahren gab es explizit politischen Jazz: Archie Shepp, Max Roach, die Freedom Now Suite.

Sauer: Das war tolle Musik. Die Amerikaner, vor allem die Schwarzen, haben einen Gegner gehabt, die haben gegen etwas gespielt, das hat sie stark gemacht. Man muss sich vorstellen, was die im Alltag erlebt haben: Archie Shepp musste manchmal durch den Hintereingang in die Konzertsäle gehen. Und dann kommen sie nach Europa, und diese goddamn fuckin’ white people kommen und feiern sie. Das ist ein Triumphgefühl, da spielt man um hundert Prozent besser.

ZEIT: Haben Sie je in Amerika gespielt?

Sauer: Da hatte ich immer das Gefühl, da gehöre ich nicht hin: Ich bin da nicht aufgewachsen, das sind andere Menschen. Das stimmt auch, die haben mehr Selbstbewusstsein. Da hieß es dann, oh, die Deutschen, oh, die können das auch.

ZEIT: Europas Jazz ist in Amerika eine B-Seite?

Sauer: Jazz ist überhaupt eine B-Seite. Mit dem Jazz in Deutschland ist das auch so eine Sache. In Frankreich ist das anders. Oder in Skandinavien.

Leserkommentare
  1. In France ist auch nicht mehr als gut. In Bordeaux gab es das Dibetri (oder so) absolutes Centrum, kleine Nebenstrasse. Das war immer live, viel Afrika, ein tolle Stimmung. Das war zu spaeter Stunde wie ein zu Hause. Gentrifizierung mag ich nicht aber alles wurde aufgehuebscht und der Laden der Gewoelbe hatte und um drei Ecken ging ist weg. Ich auch

  2. ist die umfangreichste und tiefste "Sprache" von Menschen. Ihr <a href="http://www.youtube.com/watch?v=LiZWtapaBKU">"Vokabular"</a> ist von seelischer Natur.
    Diese Natur funktioniert nicht als Begrifflichkeiten kommunizierender Konstrukteur in der subjekiven Welt ihres Gegenüber, wie die Verständigung auf Worte dies vermag.
    Sie ist, in ihrer Schönheit ausgesprochen, so unmittelbar gegenwärtig, dass Zeitlosigkeit entsteht.
    Seele und Ewigkeit, ansatzweise fühlbar.

    Sorry, war am Artikel vorbei :)

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