ZEIT: Was ist Jazz?

Heinz Sauer: Früher war das eine Protestmusik der Schwarzen. Die deutschen Jazzer haben protestiert gegen die Nazigeneration, die uns nicht mochte, und uns mit den Schwarzen verbündet. Davon ist der Jazz heute weit entfernt. Der Jazz ist zu einer gehobenen Unterhaltungsmusik mutiert.

Michael Wollny: Der Begriff Jazz bezeichnet so viel Verschiedenes, dass man auf diese Frage keine Einheit stiftende Antwort formulieren kann. Leonard Bernstein hat schon in den fünfziger Jahren die Traditionalisten und die Progressiven unterschieden, zwei Gruppen, die nicht miteinander können.

ZEIT: Sind Sie progressive Jazzmusiker?

Sauer: So progressiv wie Michael Wollny bin ich nicht, aber meine Ästhetik und das, was hinter ihr steht, ist schon progressiv.

Wollny: Vielleicht sollte man progressiv als Gegensatz zu banal nehmen. Beim Techno, zum Beispiel, da kann man nicht so recht sagen, ob das progressiv ist oder banal.

Sauer: Vorsicht! Beim Techno gibt es dies und das, wie im Jazz auch.

ZEIT: Wie politisch ist Ihre Musik ?

Wollny: Wenn ich am Klavier sitze, muss die Musik eine Dringlichkeit und Intensität haben, und Gott sei Dank hat sie das häufig. Ob das jetzt politisch ist?

Sauer: Ich befasse mich viel mit Politik, und ich bin nicht so einer, der alles perfekt runterspielt. Ich gehe Risiken ein, und dabei kommt es auf Emotionen an, die auf unsere Situation bezogen sind. Das fließt immer ein. Aber beim Spielen denke ich nicht an Hartz IV.

ZEIT: In den sechziger Jahren gab es explizit politischen Jazz: Archie Shepp , Max Roach , die Freedom Now Suite.

Sauer: Das war tolle Musik. Die Amerikaner, vor allem die Schwarzen, haben einen Gegner gehabt, die haben gegen etwas gespielt, das hat sie stark gemacht. Man muss sich vorstellen, was die im Alltag erlebt haben: Archie Shepp musste manchmal durch den Hintereingang in die Konzertsäle gehen. Und dann kommen sie nach Europa, und diese goddamn fuckin’ white people kommen und feiern sie. Das ist ein Triumphgefühl, da spielt man um hundert Prozent besser.

ZEIT: Haben Sie je in Amerika gespielt?

Sauer: Da hatte ich immer das Gefühl, da gehöre ich nicht hin: Ich bin da nicht aufgewachsen, das sind andere Menschen. Das stimmt auch, die haben mehr Selbstbewusstsein. Da hieß es dann, oh, die Deutschen, oh, die können das auch.

ZEIT: Europas Jazz ist in Amerika eine B-Seite?

Sauer: Jazz ist überhaupt eine B-Seite. Mit dem Jazz in Deutschland ist das auch so eine Sache. In Frankreich ist das anders. Oder in Skandinavien.