Film "Life of Pi"Ein Gott ist zu wenig

Ang Lees "Life of Pi" ist eine Reise in ein unwahrscheinlich schönes 3-D-Paradies. von 

Dass das Kino eine Traumfabrik ist, war schon immer eine zweideutige Auskunft. Es meinte im Guten, dass der Film Bilder erzeugen und Geschichten erzählen kann, die schöner und größer als das Leben sind. Es meinte im Schlechten, dass diese Bilder Illusionen sind, die mit unserer Sehnsucht kalkulieren, die schlechte Wirklichkeit hinter uns zu lassen, statt sie zu verändern. In jedem Fall verwies das Wort »Fabrik« auf den industriell-ingenieurhaften Fertigungsprozess, mit dem die künstlichen Paradiese erzeugt werden.

In Life of Pi kann man die Traumfabrik in Hochform erleben. Regisseur Ang Lee feiert mit der Freude eines staunenden Kindes die Vermählung von Technik und Traum und zieht alle Register, damit die Illusion des Paradieses so überwältigend schön ist, dass man sich wie ein Spielverderber vorkäme, wenn man die Wahrheitsfrage stellte. Life of Pi ist die Verfilmung von Yann Martels Roman Schiffbruch mit Tiger. Es ist eine Geschichte, die unsere Wundergläubigkeit auf die Probe stellt – und Ang Lee tut mit seiner 3-D-Kamera alles, um das Wunder leuchten zu lassen. Der Knabe Pi verlebt eine idyllische Kindheit in Indien. Sein Vater hat in Pondicherry einen Zoo gegründet, doch als sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, wandert die Familie mit allen Tieren nach Kanada aus. In einem schweren Unwetter sinkt jedoch der japanische Frachter, auf dem man sich eingeschifft hatte. Pi kann sich gerade noch in ein Rettungsboot flüchten, auf das es auch vier Tiere aus seines Vaters Zoo schaffen. Ein Zebra, ein Orang-Utan, eine Hyäne und ein bengalischer Tiger mit Namen Richard Parker. Recht bald haben sich die Tiere gegenseitig zerfleischt, nur Richard Parker bleibt übrig. Und Pi, der den Tiger und sich mit Fischen füttert.

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Damit der Zuschauer Richard Parker nicht mit Lassie oder Flipper verwechselt, konnte man ihn gleich zu Beginn, noch im Zoo, ein Schaf reißen sehen. Richard Parker ist der eigentliche Held dieses Films: Vollständig digital erzeugt, hat er eine künstlich-distanzierte Lebendigkeit, die ihn geschickt vor Sentimentalität bewahrt. Umgeben von den unendlichen Wellen des Ozeans, richten sich Pi und der Tiger in einer prekären Koexistenz ein, einem Zweckbündnis, das genau jenen Hauch mehr mit Darwin zu tun hat als mit Franz von Assisi, um nicht kitschig zu sein. Zwischen Überlebenskampf und Naturanbetung zeigt Ang Lee überschwängliche Bilder von der Macht der Elemente, von dem Reichtum der Unterwasserwelt, von der Erhabenheit des Sternenhimmels.

Pi wuchs als Hindu auf. Dann entdeckte er das Christentum und ließ sich taufen. Wenig später wurde er auch noch Muslim, weil er in allen Gottesbildern so viel Wahrheit für sich entdeckt. Überhaupt herrscht in diesem Film das Gesetz der spirituellen Akkumulation: Man kann gar nicht zu viele Wunder anbeten. Die Vielfalt und Schönheit der Welt ist so groß, dass dafür ein Gott definitiv zu wenig ist. Diese ganze Transzendenz-Soße ist ziemlich klebrig, aber man schluckt sie, weil man die Milchstraße in 3-D noch nie so überwältigend schön gesehen hat und weil es Freude macht, wie Ang Lee einen Schwarm fliegender Fische, als hätte Jesus selbst auf den Knopf gedrückt, über das Rettungsboot fliegen lässt.

Können wir diese Geschichte glauben? Life of Pi ist eine Parabel auf die Frage, was wahr ist: das Schöne und Unwahrscheinliche oder das Wahrscheinliche und Prosaische. Pi glaubt an Gott, weil die Welt dann schöner ist. Ang Lee glaubt an das Kino, weil es schöner als die Wirklichkeit ist.

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