ErnährungKeine Angst vorm Pfifferling

Kochen? Kann ich nicht, sagen viele. Experten aber haben sich längst von komplizierten Ernährungsregeln verabschiedet und üben mit uns Entspannung am Herd. von Susanne Schäfer und Claudia Wüstenhagen

Die Deutschen müssen leidenschaftliche Köche sein. Sie besitzen intelligente Reiskocher und Fleischwölfe mit sich selbst schärfenden Edelstahlklingen. In ihren Regalen stehen so viele Kochbücher, dass sie bis ans Lebensende jeden Tag ein neues Gericht zubereiten könnten, trotzdem reißen sie Rezepte aus Kochmagazinen aus. Und wenn sie Spaghetti nicht mit ihrer Pastamaschine selbst machen, achten sie darauf, dass die gekauften aus einem Familienbetrieb in vierter Generation stammen. Diesen Eindruck erweckt der gigantische Markt der Kochgeräte, Rezeptbücher und Wohlfühl-Lebensmittel.

In Wirklichkeit sorgen die Maschinenparks nur selten für perfekt gekochten Reis und selbst gerollte Frikadellen. Das meiste Gerät steht vor allem im Weg. Denn so passioniert die Deutschen beim Ausstatten ihrer Küche sein mögen, beim Kochen erlahmt häufig die Leidenschaft. »Gerade Männer investieren oft horrende Summen in ein Messersortiment, beteiligen sich aber nur ungern an der banalen täglichen Nahrungsversorgung der Familie«, sagt die Spitzenköchin Cornelia Poletto, die einen guten Einblick in die Ernährungslage der Nation hat.

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Durch Kochkurse, Auftritte im Fernsehen und Fragen, die ihr immer wieder gestellt werden, ist sie selbst ein bisschen zur Sozialforscherin in Sachen Ernährung geworden. Bei Hausbesuchen entdeckt sie in edlen Küchen oft eher Teddybärwurst und Gummikäse in den Kühlschränken als ein gutes Stück Parmesan. Und in ihren Kursen trifft sie auf Kinder, die noch nie eine Tomate klein geschnitten haben. Andererseits erlebt sie bei vielen Erwachsenen einen übersteigerten Hang zur Perfektion: »Manche brechen auf dem Wochenmarkt in Tränen aus, nur weil es keine Korianderblätter gibt.«

Heute will Poletto den Gästen in ihrem Kochstudio in Hamburg-Eppendorf zeigen, dass man kochen kann, ohne eine Wissenschaft daraus zu machen. Ihre Botschaft ist erstaunlich simpel: Versucht nicht, perfekt zu sein, Kochen macht Spaß, entspannt euch.

Gerade in Deutschland scheint diese Botschaft bitter nötig. Denn das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Essen pendelt zwischen zwei Extremen: Die einen scheren sich nicht darum, was und wie viel sie verspeisen (Hauptsache, es ist billig); die anderen machen aus der Nahrungsaufnahme eine Wissenschaft, befolgen ständig neue Regeln und Dogmen, verdammen mal Butter, mal Kohlenhydrate oder bestehen ausschließlich auf allerfeinsten Zutaten. Fast alle aber leiden unter permanentem Zeitdruck, der das alltägliche Kochen scheinbar unmöglich macht. Und zwischen Alltagsstress und Perfektionismus scheint vielen die Lust am Essen und an seiner Zubereitung verloren gegangen zu sein.

Gefährlich gut: Geheimnisse der Highspeed-Küche

Voltwiener
Man stecke Plus- und Minuspol eines Stromkabels in die Enden eines Würstchens und den Stecker in die Dose. Wurst loslassen! Nach 60 Sekunden ist sie gar.

Wellenknolle
Die Pellkartoffel muss nicht baden. Aromatischer wird sie in der Mikrowelle (1.000 Watt, drei Minuten). Ungeschält halbieren, Butter/Käse drauf – himmlisch!

Turbosotto
Risotto muss stundenlang gerührt werden? Falsch – per Schnellkochtopf schafft man es auch in fünf Minuten. Den Gästen muss man das ja nicht erzählen.

Auch wenn Kochshows auf fast allen Kanälen ein anderes Bild vermitteln – Fakt ist, dass die Deutschen weniger regelmäßig kochen. Das zeigen die Daten der Gesellschaft für Konsumforschung, die jährlich 30.000 deutsche Haushalte zum Ernährungsverhalten befragt. Die Zahl der Haushalte, in denen täglich warm gekocht wird, ist in sechs Jahren deutlich zurückgegangen – von 74 Prozent im Jahr 2005 auf 67 Prozent im Jahr 2011. Im selben Zeitraum sank die Zustimmung zu der Aussage »In meiner Freizeit koche/backe ich gerne« von 70 auf 61 Prozent.

Dabei ist Kochen einer der besten Wege, sich gesund zu ernähren. Wer seine Mahlzeiten selbst zubereitet, hat einen guten Überblick über das, was er zu sich nimmt. So viele Ernährungsregeln sind dabei gar nicht zu beachten, denn erfahrungsgemäß haben die Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft ohnehin nur eine kurze Gültigkeit. Was gestern verpönt war, ist heute oft rehabilitiert. Worauf es wirklich ankommt, weiß eigentlich jeder – öfter mal Obst und Gemüse essen, dafür wenig Zucker, wenig Fleisch, beim Fett etwas aufpassen, auf Abwechslung achten. Schon deshalb könnte man sich entspannen.

Zudem ist Kochen heute so einfach wie nie: Websites, Blogs und Apps versorgen einen jederzeit und überall mit Rezepten. Lieferservices bringen gestressten Berufstätigen Rezepte samt Zutaten direkt an die Haustür. Selbst Spitzenköche veröffentlichen seltener ausgefallene Rezepte mit Zutaten, für deren Beschaffung man Tage braucht, sondern präsentieren realitätsnahe Gerichte für den Alltag.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 25. Dezember 2012 16:31 Uhr

    ...das weis jeder der sich schon einmal den "Beipacktext" bei Fertiggerichten angesehen hat.
    Und das Väter sich für die tägliche Nahrungszubereitung nicht zuständig fühlen halte ich für ein Gerücht.
    Die meisten Frauen können garnicht mehr kochen, da bleibt einem als Mann und besonders Vater garnichts anders übrig wenn man sich halbwegs gesund ernähren will.

    Eine Leserempfehlung
  1. Die Zeit die man ins Kochen investiert rentiert sich gewaltig, anders als die Zeit die man für vieles andere verplempert. Wie schnell hat man eine Stunde in einen Bildschirm gestarrt, ob Computer oder TV, und meist ohne großen Informationsgewinn (im Gegenteil).
    Bei uns wird fast alles von vorne bis hinten frisch gekocht, und wenn man das erstmal raus hat geht es sogar sehr flott. Wer gut plant kann noch mehr Zeit sparen (eine Suppe für morgen kocht von selbst, da kann man nebenher fernsehen).

    Kochen ist lange nicht so zeitaufwendig wie die Werbung den Menschen weisgemacht hat, die behaupten das nur um ihren Fertigmampf zu verkaufen. Leute, traut euch!

    Eine Leserempfehlung

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