Wir Mittelschichtkinder hatten mit vielem gerechnet in dieser klischeebeladenen Kulisse: mit bösen Blicken. Mit gezischelten Beleidigungen. Mit dem Aufblitzen eines Klappmessers und schlimmstenfalls mit einer Kurzmeldung in Bild: »Obdachlose angegriffen!« Aber dass unser Experiment in Neukölln derart außer Kontrolle geraten würde – niemals.

Um zu erzählen, was passiert ist, müssen wir die Zeit zurückdrehen, den ganzen Advent, bis Ende November. Bis zu einem nieselnassen Mittwochmorgen in Berlin-Neukölln, an dem uns dieser junge Libanese noch nicht über den Weg gelaufen war. An dem wir Tiefkühl-Schorsch und Skatklub-Andy noch nicht kannten. An dem der halb blinde Hajo noch ein Fremder war. Und an dem diese seltsame Weihnachtsgeschichte beginnt.

An diesem nieselnassen Mittwochmorgen nämlich lassen wir in der Sonnenallee Rucksack und Plastiktüten von den Schultern rutschen, rollen vor dem Schaufenster eines Netto-Marktes eine alte Wolldecke aus, ziehen die Mützen tiefer ins Gesicht und hocken uns auf den Gehsteig. Wir, das sind zwei ZEIT -Reporter, von nun an eine Woche lang ein Paar in zerschlissener Kleidung und zertretenen Schuhen.

Verkleidet als Obdachlose, wollen wir die Menschen um Hilfe und Herberge bitten. Wer will, darf darin kurz vor Weihnachten ein Krippenspiel erkennen. Maria und Josef in Neukölln. Zwei Arme dort, wo Not und Elend wohnen sollen, wo der schlechte Ruf seinen festen Wohnsitz hat. Nicht weit vom Netto ist die Rütli-Schule. Genau, die.

Wir stellen einen Becher auf und liefern uns der Willkür dieses Stadtteils aus. Das ist die Idee. Dieses Mal war es nicht unsere.

Vor einem Jahr waren wir in derselben Rolle schon einmal unterwegs (Maria und Josef im Ghetto des Geldes,ZEIT Nr. 52/11). Damals zogen wir durch die Taunusstädte Königstein und Kronberg, wo laut Gesellschaft für Konsumforschung die kaufkräftigsten Deutschen leben: Industrielle, Unternehmer, Banker. Die meisten Menschen ignorierten uns gekonnt, ein Kleinkind nannte uns »faule Feiglinge«, ein Mädchen befand: »Hier ist’s halt scheiße für solche wie euch.« Die Männer vom Lions Club hielten uns für Diebe. Unser Erscheinen bei einem Wohltätigkeitskonzert wurde als »unpassend« verurteilt. Nicht einmal der Pfarrer hatte Platz für uns.

Der Zufall mag mitgemischt haben damals, wir hatten nur Stichproben in diesem Soziotop genommen, aber die erlebte Wirklichkeit in dieser einen Woche, die sah so aus: Wenn jemand half, dann die Helfer der Reichen. Ein Gärtner, eine Bäckerin, eine Hotelangestellte. Die Logik der Wohlhabenden hingegen lautete: Wieso versprechen sich die Armen Hilfe ausgerechnet von uns Reichen?

Der Artikel löste eine heftige Debatte aus, in Kronberg und auf der Leserbriefseite der ZEIT: Muss derjenige, der mit seinen Steuern den Sozialstaat nährt, auch noch spontan Anteil nehmen? Ist ein Verweis auf das soziale Netz nicht Nächstenliebe genug? Darf ein Hilfloser um Hilfe bitten, auch wenn sein Elend selbstverschuldet sein sollte? Und dürfen Journalisten in Verkleidung nach Antworten auf diese Fragen suchen?

Einige Leser schickten begeistert Gedichte von Brecht, ein Priester nahm die Reportage als Aufhänger für seine Weihnachtspredigt. Andere schrieben empört: »Jetzt aber! Zum Vergleich in den ärmsten Landkreis – schaun mer mal, ob die Menschen da besser sind.« Und: »Als Einwand bleibt, dass man in Neukölln kaum mitfühlender wäre.«