Soziales ExperimentMaria und Josef in Neukölln

Verkleidet als Obdachlose, zogen zwei ZEIT-Reporter vor einem Jahr durch Kronberg im Taunus, einen Ort voll reicher Menschen. Sie bekamen wenig Hilfe – später aber viele Briefe, in denen stand: Arme wären nicht mitfühlender mit ihnen gewesen. Zum Beispiel die in Berlin-Neukölln. Nadine Ahr und Henning Sußebach haben sich auf den Weg gemacht. von Nadine Ahr und

Wir Mittelschichtkinder hatten mit vielem gerechnet in dieser klischeebeladenen Kulisse: mit bösen Blicken. Mit gezischelten Beleidigungen. Mit dem Aufblitzen eines Klappmessers und schlimmstenfalls mit einer Kurzmeldung in Bild: »Obdachlose angegriffen!« Aber dass unser Experiment in Neukölln derart außer Kontrolle geraten würde – niemals.

Um zu erzählen, was passiert ist, müssen wir die Zeit zurückdrehen, den ganzen Advent, bis Ende November. Bis zu einem nieselnassen Mittwochmorgen in Berlin-Neukölln, an dem uns dieser junge Libanese noch nicht über den Weg gelaufen war. An dem wir Tiefkühl-Schorsch und Skatklub-Andy noch nicht kannten. An dem der halb blinde Hajo noch ein Fremder war. Und an dem diese seltsame Weihnachtsgeschichte beginnt.

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An diesem nieselnassen Mittwochmorgen nämlich lassen wir in der Sonnenallee Rucksack und Plastiktüten von den Schultern rutschen, rollen vor dem Schaufenster eines Netto-Marktes eine alte Wolldecke aus, ziehen die Mützen tiefer ins Gesicht und hocken uns auf den Gehsteig. Wir, das sind zwei ZEIT -Reporter, von nun an eine Woche lang ein Paar in zerschlissener Kleidung und zertretenen Schuhen.

Verkleidet als Obdachlose, wollen wir die Menschen um Hilfe und Herberge bitten. Wer will, darf darin kurz vor Weihnachten ein Krippenspiel erkennen. Maria und Josef in Neukölln. Zwei Arme dort, wo Not und Elend wohnen sollen, wo der schlechte Ruf seinen festen Wohnsitz hat. Nicht weit vom Netto ist die Rütli-Schule. Genau, die.

Wir stellen einen Becher auf und liefern uns der Willkür dieses Stadtteils aus. Das ist die Idee. Dieses Mal war es nicht unsere.

Vor einem Jahr waren wir in derselben Rolle schon einmal unterwegs (Maria und Josef im Ghetto des Geldes,ZEIT Nr. 52/11). Damals zogen wir durch die Taunusstädte Königstein und Kronberg, wo laut Gesellschaft für Konsumforschung die kaufkräftigsten Deutschen leben: Industrielle, Unternehmer, Banker. Die meisten Menschen ignorierten uns gekonnt, ein Kleinkind nannte uns »faule Feiglinge«, ein Mädchen befand: »Hier ist’s halt scheiße für solche wie euch.« Die Männer vom Lions Club hielten uns für Diebe. Unser Erscheinen bei einem Wohltätigkeitskonzert wurde als »unpassend« verurteilt. Nicht einmal der Pfarrer hatte Platz für uns.

Der Zufall mag mitgemischt haben damals, wir hatten nur Stichproben in diesem Soziotop genommen, aber die erlebte Wirklichkeit in dieser einen Woche, die sah so aus: Wenn jemand half, dann die Helfer der Reichen. Ein Gärtner, eine Bäckerin, eine Hotelangestellte. Die Logik der Wohlhabenden hingegen lautete: Wieso versprechen sich die Armen Hilfe ausgerechnet von uns Reichen?

Der Artikel löste eine heftige Debatte aus, in Kronberg und auf der Leserbriefseite der ZEIT: Muss derjenige, der mit seinen Steuern den Sozialstaat nährt, auch noch spontan Anteil nehmen? Ist ein Verweis auf das soziale Netz nicht Nächstenliebe genug? Darf ein Hilfloser um Hilfe bitten, auch wenn sein Elend selbstverschuldet sein sollte? Und dürfen Journalisten in Verkleidung nach Antworten auf diese Fragen suchen?

Einige Leser schickten begeistert Gedichte von Brecht, ein Priester nahm die Reportage als Aufhänger für seine Weihnachtspredigt. Andere schrieben empört: »Jetzt aber! Zum Vergleich in den ärmsten Landkreis – schaun mer mal, ob die Menschen da besser sind.« Und: »Als Einwand bleibt, dass man in Neukölln kaum mitfühlender wäre.«

Leserkommentare
  1. sind....

    Aber so kann man mal wieder in den bürgerlichen Kreisen erstaunt tun. bis zum nächsten mal.....

    18 Leserempfehlungen
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    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    das Wort "sozialer" mit "herzlicher", dann macht es für Sie sicher mehr Sinn.
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    Danke für den Artikel. Feine Projekte. Danke!
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    Neulich las ich zufällig in meinem Tagebuch:
    Wenn ein Sozialstaat Sozialgesetze hat, die ein Sozialgericht benötigen, dann wird die Definition letzteren Begriffs immer öfter zur "warmen Suppe einer Tafel".

    Man könnte auch argumentieren, daß hilfsbereite oder im Ansatz altruistische Menschen nunmal nicht (bzw. nur sehr viel unwahrscheinlicher) reich werden.

  2. und der Arme sagte bleich: 'Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.....

    39 Leserempfehlungen
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    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:22 Uhr

    Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

    Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

    • Afa81
    • 26. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
    Ich hoffe, er meinte das damit.
    Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

    • SuR_LK
    • 26. Dezember 2012 9:58 Uhr

    lassen sich ebend nicht in die Neuzeit übersetzen, Maria und Josef funktioniert nicht, Jesus wäre heutzutage auch in einer geschlossenen gelandet oder direkt inhaftiert(spätestens bei der Tempelreinigung). Wozu also der Artikel, soll und wieder die Spaltung der Gesellschaft tiefer ins Hirn gehämmert werden?

    4 Leserempfehlungen
  3. 6. Genau

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    5 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Rychard
    • 26. Dezember 2012 10:04 Uhr

    so wie der Artikel geschrieben ist, glaube ich das nicht. Vielen Dank dafür ..

    Eine Leserempfehlung

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