Soziales Experiment : Maria und Josef in Neukölln

Verkleidet als Obdachlose, zogen zwei ZEIT-Reporter vor einem Jahr durch Kronberg im Taunus, einen Ort voll reicher Menschen. Sie bekamen wenig Hilfe – später aber viele Briefe, in denen stand: Arme wären nicht mitfühlender mit ihnen gewesen. Zum Beispiel die in Berlin-Neukölln. Nadine Ahr und Henning Sußebach haben sich auf den Weg gemacht.

Wir Mittelschichtkinder hatten mit vielem gerechnet in dieser klischeebeladenen Kulisse: mit bösen Blicken. Mit gezischelten Beleidigungen. Mit dem Aufblitzen eines Klappmessers und schlimmstenfalls mit einer Kurzmeldung in Bild: »Obdachlose angegriffen!« Aber dass unser Experiment in Neukölln derart außer Kontrolle geraten würde – niemals.

Um zu erzählen, was passiert ist, müssen wir die Zeit zurückdrehen, den ganzen Advent, bis Ende November. Bis zu einem nieselnassen Mittwochmorgen in Berlin-Neukölln, an dem uns dieser junge Libanese noch nicht über den Weg gelaufen war. An dem wir Tiefkühl-Schorsch und Skatklub-Andy noch nicht kannten. An dem der halb blinde Hajo noch ein Fremder war. Und an dem diese seltsame Weihnachtsgeschichte beginnt.

An diesem nieselnassen Mittwochmorgen nämlich lassen wir in der Sonnenallee Rucksack und Plastiktüten von den Schultern rutschen, rollen vor dem Schaufenster eines Netto-Marktes eine alte Wolldecke aus, ziehen die Mützen tiefer ins Gesicht und hocken uns auf den Gehsteig. Wir, das sind zwei ZEIT -Reporter, von nun an eine Woche lang ein Paar in zerschlissener Kleidung und zertretenen Schuhen.

Verkleidet als Obdachlose, wollen wir die Menschen um Hilfe und Herberge bitten. Wer will, darf darin kurz vor Weihnachten ein Krippenspiel erkennen. Maria und Josef in Neukölln. Zwei Arme dort, wo Not und Elend wohnen sollen, wo der schlechte Ruf seinen festen Wohnsitz hat. Nicht weit vom Netto ist die Rütli-Schule. Genau, die.

Wir stellen einen Becher auf und liefern uns der Willkür dieses Stadtteils aus. Das ist die Idee. Dieses Mal war es nicht unsere.

Vor einem Jahr waren wir in derselben Rolle schon einmal unterwegs (Maria und Josef im Ghetto des Geldes,ZEIT Nr. 52/11). Damals zogen wir durch die Taunusstädte Königstein und Kronberg, wo laut Gesellschaft für Konsumforschung die kaufkräftigsten Deutschen leben: Industrielle, Unternehmer, Banker. Die meisten Menschen ignorierten uns gekonnt, ein Kleinkind nannte uns »faule Feiglinge«, ein Mädchen befand: »Hier ist’s halt scheiße für solche wie euch.« Die Männer vom Lions Club hielten uns für Diebe. Unser Erscheinen bei einem Wohltätigkeitskonzert wurde als »unpassend« verurteilt. Nicht einmal der Pfarrer hatte Platz für uns.

Der Zufall mag mitgemischt haben damals, wir hatten nur Stichproben in diesem Soziotop genommen, aber die erlebte Wirklichkeit in dieser einen Woche, die sah so aus: Wenn jemand half, dann die Helfer der Reichen. Ein Gärtner, eine Bäckerin, eine Hotelangestellte. Die Logik der Wohlhabenden hingegen lautete: Wieso versprechen sich die Armen Hilfe ausgerechnet von uns Reichen?

Der Artikel löste eine heftige Debatte aus, in Kronberg und auf der Leserbriefseite der ZEIT: Muss derjenige, der mit seinen Steuern den Sozialstaat nährt, auch noch spontan Anteil nehmen? Ist ein Verweis auf das soziale Netz nicht Nächstenliebe genug? Darf ein Hilfloser um Hilfe bitten, auch wenn sein Elend selbstverschuldet sein sollte? Und dürfen Journalisten in Verkleidung nach Antworten auf diese Fragen suchen?

Einige Leser schickten begeistert Gedichte von Brecht, ein Priester nahm die Reportage als Aufhänger für seine Weihnachtspredigt. Andere schrieben empört: »Jetzt aber! Zum Vergleich in den ärmsten Landkreis – schaun mer mal, ob die Menschen da besser sind.« Und: »Als Einwand bleibt, dass man in Neukölln kaum mitfühlender wäre.«

Was passiert, wenn man sich der Unterschicht einmal von unten nähert?

Deshalb hocken wir jetzt vor diesem Netto. Lieferwagen reißen Gischt aus dem Asphalt. Frauen mit Kopftüchern und Kinderwagen eilen vorbei. Rentner mit Rolltaschen. Männer in Malerhosen, bunt besprenkelt. Fast jeder Passant ist bepackt, beladen. Grimmige Geschäftigkeit. Spazieren geht hier niemand.

Neukölln, was für ein Forschungsfeld! Kein Stadtviertel ist den Deutschen so fremdvertraut wie dieses. Das Wort »Neukölln« ist republikweit Synonym für »Brennpunkt«. Voll Angstlust blickt die Mittelschicht hinab auf die Misere, liest schaudernd Neukölln ist überall, das Buch des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky, SPD, eine Art gedruckten Notruf, in dem Buschkowsky von »deutschen Multiproblemfamilien«, arabischen »Importbräuten« und No-go-Areas berichtet. In Neukölln hat beinahe jeder zweite Einwohner eine Migrationsgeschichte. Hier leben 315.000 Menschen, so viele wie in ganz Island, auf nur 44 Quadratkilometern Fläche. Hier patrouillieren Polizisten in schusssicheren Westen. Hier stehen Wachmänner vor Schulen. Hier lebt etwa die Hälfte aller Kinder von staatlichen »Transferleistungen«. Hier kommen auf 1000 Einwohner 130 »Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften«. Das ist der erste Platz in Deutschland. Oder der letzte.

Was passiert, wenn man sich der Unterschicht einmal von unten nähert?

Überdurchschnittlich scheint in Neukölln vor allem das Unterdurchschnittliche zu sein. Die Frage ist: Was passiert, wenn man sich der Unterschicht mal nicht von oben nähert, sondern von noch weiter unten?

Nach einer Viertelstunde fällt die erste Münze in den Becher. Die zweite. Die dritte. Die vierte. Wir hören ein: »Für euch, ja? Macht’s gut.« Ein Mann lädt Obst aus einem Kastenwagen und reicht im Vorbeigehen eine Tüte Teigfladen herunter, Aufdruck »Arslan«. Ein junger Radfahrer erzählt von einem besetzten Haus in Berlin-Mitte, »Köpi 137«, und beschreibt den Weg dorthin so kundig, als hätten Touristen ihn nach einem netten Restaurant gefragt. »Da könnt ihr sicher schlafen«, sagt er.

Und dann steht da plötzlich dieser Kerl: breites Kreuz, dunkler Bartschatten, raspelkurzes Haar. In seinen Händen zwei Tüten Capri-Sonne, Geschmacksrichtung Orange. Er ist eben aus dem Netto-Markt gekommen. Er muss sie dort für uns gekauft haben. Er geht zu einem alten VW Golf, steigt ein, steigt aus und kommt zurück mit sechs Mandarinen und einer Visitenkarte, darauf die Libanon-Zeder und die Adresse eines Lokals.

»Ich bin Habib«, sagt der Mann. »Meine Nummer steht auf der Karte. Ich hab einen Laden hier um die Ecke. Ihr seid immer meine Gäste.«

Es ist beschämend. Nicht nur des Bettelns wegen. Sondern weil dieses Betteln eine Lüge ist. Eine Lüge zwar, die helfen soll, die Wahrheit zu erkunden. Doch auch eine, mit der wir ausgerechnet die Wohlgesinnten hintergehen. Wir ahnen nicht, welche Folgen das noch haben wird.

So ziehen wir durch Neukölln, treiben langsam im schnellen Strom der Menschen. Sonnenallee, Hermannplatz, Karl-Marx-Straße. Woran erkennt man Armut in einem reichen Land? Und das Wissen darum? An der Frau, die aus der U-Bahn steigt und ihre Fahrkarte in den Ticketautomaten klemmt, damit ein anderer sie noch mal benutzen kann? An den vielen Werkstätten, in denen Waschmaschinen repariert und weiterverkauft werden? Neukölln ist auf nervöse Weise nachhaltig und auf bunte Art hässlich. In den Schaufenstern blinken die Buchstaben-Kombinationen O-P-E-N, N-A-I-L-S und I-N-T-E-R-N-E-T. Die Geschäfte tragen schmucklose Namen, die Bäckerei heißt »Bäckerei«, der Computershop »Computer Fachmann«, die Kneipe »Treffpunkt« und der Kindermodeladen »Pupser«. Nur Sein, kein Schein.

Ein Versuch, die Szenerie zu lesen: Neukölln hat sich zwar auf die permanente Anwesenheit arbeitsloser Männer eingerichtet, aber nach Abhängen darf nichts aussehen. Es gibt kaum Verweilcafés, in denen man nur sitzt und Zeit verschenkt, alles ist mit einem Zweck verknüpft: Internetcafé, Telecafé, Waschsaloncafé. Sogar die vielen Wettbüros suggerieren Gewissenhaftigkeit und Expertentum: als werde hier kein Geld verzockt, sondern verdient. Wie an der Börse. Nur dass auf den Monitoren nicht der Dow Jones Schicksal spielt, sondern Hertha gegen Cottbus.

Inmitten dieser Stadt, die von Alltagskämpfen und auch von Autosuggestion erzählt, stehen wir: das eingestandene Scheitern.

Durch die Dämmerung in Richtung Spree. Wie ein dunkler Fels ragt ein Häuserblock in den schwefelgelben Nachthimmel. Das Köpi 137, von dem der Radfahrer erzählt hat. Bei Wikipedia hat es einen längeren Eintrag als das gleichnamige Bier: ein gut hundert Jahre alter Bau, nach dem Mauerfall besetzt von Punks und Autonomen, seitdem ein Hin und Her aus Räumungsklagen und Zwangsversteigerungsterminen, illegalen Kellerdiskotheken und hochfliegenden Maklerträumen. 1.900 Quadratmeter Grundstück in zentraler Lage, umkämpft in einem Stellungskrieg zwischen Stadtguerilla und Spekulanten.

Im Hof streunen Hunde durch verkeilten Sperrmüll. Funzeliges Licht, Plakate, Graffiti: No Photo! Fuck off. Ein Spruch auf der Brandmauer – »Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen Oben und Unten« – hat es sogar zu Postkartenprominenz gebracht.

"Wir sind nicht so offen für Externe"

Eine Frau mit Nasenring schlappt durch den Hof.

Wir holen Luft. »Entschuldigung, wir sind obdachlos und wollten fragen, ob...«

»Keine Zeit, im AGH ist Plenum!« Sie verschwindet hinter einer schweren Stahltür.

AGH? Was mag das sein? Abgeordnetenhaus? Arbeitsgelegenheit?

»Wir sind nicht so offen für Externe«, heißt es in einem besetzten Haus

Es ist Trotz, der uns zur Tür treibt. Ein Ruck, ein Knarren – Licht. An die dreißig Männer und Frauen, nicht mehr jung und noch nicht alt. Ein Tresen, Bier und Zigaretten. Das AGH. Eine Kneipe, die nicht Kneipe heißen darf. Das Gespräch verstummt, es ist nicht mehr auszumachen, ob es gerade um die Rettung des Regenwaldes oder der Regenrinne ging. Entgeisterte Blicke, als hätten wir ein linkes Konklave gestört.

»Entschuldigung, wir sind obdachlos und wollten fragen, ob...«

»Sorry, we are no guesthouse«, ruft ein Rastamann.

»Dieses Projekt ist nicht so offen für Externe«, sagt ein Typ mit blauem Irokesenkamm. »Wir sind da restriktiv.«

Synchrones Nicken wie an jedem deutschen Stammtisch. Das Plenum klärt: Es will das jetzt nicht klären. Stand nicht auf der Tagesordnung, war nicht zu erwarten. Ein Haufen Hausbesetzer verteidigt in Bürokratensprache seine Besitzansprüche. Kein Wort des Bedauerns. Tür zu. Fuck off.

Ein Bett? Findet sich schließlich in der evangelischen Bekenntniskirche Treptow. Gemeinsam mit dem Berliner Senat und einigen Wohlfahrtsverbänden betreiben die Kirchen in der Hauptstadt eine »Kältehilfe«, reihum öffnen sie im Winter ihre Gemeindehäuser für die Wohnungslosen. Die Sache funktioniert wie ein Wochenplan: Für jeden Abend ist eine andere Adresse eingetragen.

Wir schlafen in einem Abstellraum mit Schorsch, einem alten, grau gelockten Mann, dessen abwaschbare Matratze auf einer Tiefkühltruhe liegt. »Weil ick nich jern au’m Boden penn«, sagt er. Ansonsten redet Schorsch nicht viel, reglos ruht er auf der Truhe, wie eine Steinstatue auf einem Sarkophag. Er hält sich ein Kofferradio ans Ohr, als wäre es ein Kuscheltier. Deutschlandradio Kultur. Die Nachrichten. »Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan ... Bericht zur Lage der Rentenversicherung ... streitet die Koalition in Berlin über Änderungen am Armutsbericht der Bundesregierung.« Die Meldungen stammen aus dieser Stadt, klingen aber wie von einem anderen Stern.

Kurz nach dem Wetterbericht beginnt Schorsch zu schnarchen. Die Truhe brummt. Wir liegen wach und grübeln: Nun gibt uns ausgerechnet die bei den Punks verhasste »reaktionäre« Kirche Obdach, unterstützt von jenem fürsorglichen Staat, an den die Kronberger uns vor einem Jahr verwiesen – froh darum, dass dessen Notunterkünfte und Asylantenheime nicht ihren eigenen Ort verschandeln. Warum hat Habib Hilfe angeboten, die Punker aber nicht? Weil sie eingekapselt sind in Selbstgefälligkeit? Kann man Mitgefühl trainieren wie einen Muskel? Muss es nur ausreichend Anlass dafür im Alltag geben? Haltungsübungen humaner Art?

Der Soziologe Berthold Vogel hatte uns wenig Hoffnung gemacht, bevor wir uns auf diese Expedition begaben. Mit dieser »Feldforschung« würden wir zwar die »Hinterbühne« eines Stadtteils betreten, eine Welt, die Wissenschaftler wie er mit ihren Befragungen schlecht erreichten. »Und anders als in Kronberg werden Sie in Neukölln auch auf Infrastruktur treffen«, vermutete er. »Aber nicht auf große Solidarität.«

Vogel ist Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und Projektleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Auch in ärmeren Vierteln, hatte er gesagt, beobachte er ein »großes Abgrenzungsspiel der Menschen untereinander. Oft heißt es: Wenn Sie die wirklich Armen treffen wollen, müssen Sie drei Straßen weiter.« Selbst die Unterschicht trenne noch einmal in »Etablierte und Außenseiter«, ganz nach dem berühmten Buch von Norbert Elias.

"Dürften wir bei Ihnen duschen?"

Bei der Bundestagswahl 2009 bekam die FDP in Neukölln 12,8 Prozent der Zweitstimmen, gut einen Prozentpunkt mehr als im Berliner Schnitt.

Eine Frage nur, im Stadtbad: »Dürften wir bei Ihnen duschen?«

Für den Soziologen Vogel ist das mehr als eine Selbstadelung zum Siegertyp unter Verlierern. In einem Viertel wie Neukölln leben Langzeitarbeitslose und Kleinunternehmer, bildungsferne und bildungsnahe Familien, Absteiger und Aufsteiger. Vogel sprach von einem »Bemühen um Wohlanständigkeit« gerade bei Menschen, die sich auf der Kippe befinden: »Die trinken nicht, tun das Möglichste, sich gut anzuziehen und ihre Kinder zu einem Schulabschluss zu bringen, was unter diesen Umständen weit mehr Kraft kostet als in der Mittelschicht.« In einem Obdachlosenpaar könnten die Menschen eine »soziale Ansteckungsgefahr« sehen, abweisend und sogar aggressiv auf zwei Gestalten reagieren, die allein durch ihre Anwesenheit das Klischee vom verwahrlosten Viertel bestätigen.

Und Vogel erinnerte an Karl Marx: Sogar der vermeintliche Anwalt aller Armen trennte die Untersten kühl in »Proletariat« und »Lumpenproletariat«, das er mitleidlos als »Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen« beschrieb. Obdachlose, Prostituierte und Alkoholiker waren für ihn ideologiefreies Gesindel, nutzlos für den Klassenkampf und nicht weiter unterstützenswert.

Heute, glaubt Vogel, sei die Lage noch komplizierter, weil auch die Arbeiterklasse selbst zersplittert sei: Wo es früher die tausendköpfige Belegschaft einer die Stadt oder das Viertel dominierenden Fabrik gegeben habe, geborgen in Werkssiedlung und Arbeitersportverein, homogen in Herkunft, Sprache, Religion – da kämpfe jetzt ein »atomisiertes Dienstleistungsproletariat« um Anschluss an die Mittelschicht. Prekär beschäftigte Friseurinnen, scheinselbstständige Wurstverkäufer, Leiharbeiter. Tausend kleine Ich-AGs. Alle auf sich allein gestellt, jeder für sich.

In den folgenden Tagen machen wir Probebohrungen durch die Gesellschaftsschichten Neuköllns. Unsere Legende: Nadine und Henning, ein heruntergekommenes Pärchen aus Hamburg, bisschen naiv, bisschen faul, viel Pech gehabt mit Job und Wohnung. Seit ein paar Wochen in Berlin, weil’s hier billiger sein soll. Aber leider...

Wir laufen fast jede Straße in den Gründerzeitvierteln ab, nur nicht den äußersten Norden, der mittlerweile von Yuppies aus Kreuzberg in Besitz genommen ist, und auch nicht den äußersten Süden, wo der Bezirk in Reihenhaussiedlungen, Gewerbegebieten und Schrebergärten ausfranst. Regen malt Ränder auf die Schuhe, Matsch marmoriert die Hosensäume. Straßenpatina, Echtheitszertifikate für unsere Lügenrollen.

Wir betteln. Einen Obstverkäufer auf dem als Drogenrevier verrufenen Hermannplatz bitten wir um altes Obst. Er packt eine Tüte voller Äpfel und Mandarinen. Eine Kopftuchträgerin in einem Billigladen fragen wir nach Socken. Sie erkundigt sich nach unseren Schuhgrößen und gibt uns drei Paar zu je 1,99 Euro, nimmt aber nur 50 Cent dafür. Eine beschürzte Verkäuferin in einer rosa getünchten Konditorei bitten wir um ein Stück Brot vom Vortag. Sie schenkt uns frisches Blätterteiggebäck, gefüllt mit Quark und Honig.

Wir fragen in Parteibüros nach Übernachtungsmöglichkeiten und bekommen Rat bei Linken und Grünen. CDU und SPD lassen die seltsamen Besucher nicht über die Schwelle.

Wir stellen uns im Stadtbad in die Warteschlange, um Ungeheuerliches zu erbitten: »Dürften wir bei Ihnen duschen?« Das Stadtbad Neukölln ist im Stil einer römischen Therme erbaut. Marmor, Säulen, Statuen. Zu schön für zwei Penner. Zu teuer auch: vier Euro pro Person. Hinter dem Glas des Kassenhäuschens: Schweigen, Zögern. Dann werden zwei kostenlose Tickets herausgeschoben, eigentlich für Schwimmtrainer bestimmt. Ein Flüstern: »Ist aber eine Ausnahme.« Schließlich ist da ein Chef. Sind da Regeln und Tarife. Ein Dienst-nach-Vorschrift-Nein wäre einfacher, gefahrloser gewesen.

Doch dann fragen wir nach Arbeit. In Wettbüros, bei Entrümplern und Werkstätten. Überall läuft es ähnlich. In einem Trödelladen klemmt ein dicker Mann – vermutlich der Chef – in seinem Stuhl, die Hände auf dem Bauch gefaltet, links und rechts je eine Wasserstoffblondine. Ein Kiezkönig, der durch uns hindurchschaut. Trödler leben nicht von Mitgefühl. Das wäre geschäftsschädigend in einem Gewerbe, dem jede Wirtschaftskrise und jede Wohnungsauflösung Möbel wie Treibgut in die Läden spült, Reste zerschmetterter Existenzen. Reglos lauscht der Boss unserem Anliegen, dann deutet er mit vorgeschobenem Kinn auf eine Reihe von Notizzetteln und blafft: »Kiek ma, wat ich hier schon für Nummern hängen hab.«

Wir lernen: Arbeit scheint in Neukölln ein knapperes Gut zu sein als ein Essen, eine Dusche, ein Schlafplatz. Mit der Frage nach einem Job ist die Grenze zum Unzumutbaren überschritten.

Ist es denkbar, dass ein altes Arbeiterquartier – trotz der Sprach- und Werteverwirrung der Menschen aus rund 150 Herkunftsländern – ein kollektives Gedächtnis hat? Eine von Hiobsbotschaften wund gescheuerte Seele? Verschorft mit trotzigem Stolz?

Als Neukölln noch Rixdorf hieß

Schon von der Gründung Neuköllns erzählen Historiker Schlechtes: Vor gut hundert Jahren, als Neukölln noch Rixdorf hieß, zählten die Menschen hier zu den Ärmsten im Reich. Sie hofften auf Arbeit in den Fabriken Berlins. Innerhalb von drei Jahrzehnten strömten 140.000 Menschen nach Rixdorf. Die Lebensbedingungen waren katastrophal: Fünf Familien teilten sich eine Toilette. Freitags war Lohntütenball, die Polka In Rixdorf ist Musike erzählt noch heute davon. Es wurde getanzt, getrunken, gestritten. In Armut und Enge gedieh das Verbrechen. In der Rixdorfer Zeitung berichtete ein Reporter 1908 über »allerlei lichtscheues Gesindel«: »Ein Messerstich war hier jederzeit gefällig.« Vier Jahre später wurde Rixdorf in Neukölln umbenannt. Der Grund, welch Ironie: der schlechte Ruf Rixdorfs.

Neukölln im Zeitraffer: Das ist schneller Aufstieg und rasanter Absturz, vor allem nach der Wende. Mitte der Neunziger machte der Kraft-Konzern sein »Lila Pause«-Werk dicht – fünf Jahre nachdem es mit Millionensubventionen errichtet worden war. Zur Jahrtausendwende schloss Alcatel sein Kabelwerk und baute es in Polen wieder auf. In wenigen Jahren verschwanden 20.000 Arbeitsplätze.

Neukölln ist deshalb auch: die ewige Auseinandersetzung mit alltäglicher Armut. Hier haben die Arbeiterabiturkurse ihren Ursprung. Hier baute Bruno Taut seine Hufeisensiedlung, Arbeiterwohnungen mit Bad, Balkon, Garten. Hier schuf Walter Gropius die Gropiusstadt, gut gemeinter Gigantismus für 50.000 Menschen, bekannt geworden als Heimat von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo.

Das Stadtbad, 1914 eröffnet, sollte »körperliche Ertüchtigung«, »Seuchenprävention« und »geistige Erbauung« verbinden, deshalb war in den Hallen anfangs auch eine Bibliothek untergebracht. Und noch 1990 wurden den Armen hier 80.000 »Reinigungsbäder« gewährt. Vielleicht hat das Kassenpersonal sich daran erinnert.

Der Regen hört nicht auf. Er lässt die Menschen mit Schmerzgesichtern durch die Straßen hasten. Es wird kälter.

Etwas abseits des engen Hinterhofgeschachtels ragen zwei eisweiße Minarette in den Himmel über Berlin. Die Şehitlik-Moschee. Ein prächtiger Neubau, viel osmanisches Ornament – fast so, als sei ein Konditor Architekt gewesen. Jeder fünfte Neuköllner ist Muslim, die Berlin Türk Şehitlik Camii ist die größte Moschee der Stadt, 1500 Gläubige finden hier Platz. Die Anlage ist von einer Mauer umschlossen. Vier Brandanschläge hat es in den vergangenen zwei Jahren gegeben. Sogar in Neukölln muss ein islamisches Gotteshaus geschützt werden.

Soeben ist das Nachmittagsgebet zu Ende gegangen, junge und alte Männer steigen eine weiße Marmortreppe hinab ins Freie. Einen schnauzbärtigen Mann in Lederjacke fragen wir nach dem Imam.

»Das bin ich«, sagt er. »Was kann ich tun?«

Wir stellen die übliche Frage nach einem Schlafplatz.

Sein Blick wird hart. Im Vorübergehen sagt er, nachts sei kein Mensch auf dem Gelände, nur ein Wachdienst. »Unmöglich.«

Umhüllt von einem Kokon aus Gemeindemitgliedern, geht der Imam in eine Cafeteria im Gemeindehaus. Ein Raum in Orange, kaum größer als ein Kiosk, Regale voller Süßigkeiten. Mit einem Wink lässt er einen Jungen Tee bringen. Zwei bärtige Alte hocken auf einer Bank. Getuschel auf Türkisch. Steht nicht im Koran: »Sei mitfühlend mit den Armen! Lass sie nahe bei dir sein, damit Allah dich am Tage des Gerichts nahe bei ihnen sein lässt«?

Der Imam fingert an seinem Telefon herum. Er blickt zu einem Fernseher an der Decke, in dem eine türkische Version von Verstehen Sie Spaß? läuft. Er lacht über einen Fernsehstreich. Vor einigen Wochen war der Bundespräsident zu Gast. Über den unerbetenen Besuch von heute schaut der Imam hinweg. »Sei mitfühlend mit den Armen!« – wie oft hat er diesen Satz schon gepredigt? Wir können ihn nicht fragen. Er steht auf und geht. Ohne einen Blick, ohne einen Gruß.

In Neukölln verschwindet der Imam mit Widerwillen im Gesicht

In Kronberg hatte der Pfarrer, gepeinigt von seinem Wissen um die hehren Worte in der Bibel, mit sich gerungen. War noch einmal in seinem Pfarrhaus verschwunden und nach einigen Minuten zurück an die Pforte gekommen mit zwanzig Euro, der Adresse einer entlegenen Jugendherberge und einer Plastiktüte, in die er hastig fast all seine Vorräte gestopft hatte: Brot, Käse, Wurst, Tomaten, Äpfel, Orangen, Wasser, Kekse, Gummibärchen.

In Neukölln verschwindet der Imam mit Widerwillen im Gesicht. Es ist ein anderer Mann im Moscheecafé, der Allahs Worte in die Tat umsetzt. Ein Taxifahrer. Er telefoniert unermüdlich Obdachlosenunterkünfte ab, bis er einen Platz gefunden hat. Er entschuldigt sich, dass er nicht mehr tun könne, »aber so was wie die Caritas bei euch Christen gibt es bei uns Muslimen in Deutschland leider nicht«. Zum Abschied sagt er: »Ich werde euch in meine Gebete einschließen. Ich werde für euch beten. Und ich hoffe, dass ihr bald ein anständiges Leben führt.«

Es ist paradox: Neukölln ist geröntgt von Soziologen, ausgeleuchtet von den Medien, auf 397 Seiten vom eigenen Bürgermeister analysiert. Die Arbeitslosigkeit, die Agonie, die Aggression. Gerade weil alles so ausführlich erzählt ist, rechnen wir stets mit etwas Unerwartetem, an jeder Straßenecke, bei jeder Begegnung.

Kronberg war anders. Die Einwohner in sicherer Halbdistanz, verborgen hinter Hauseinfahrten mit Kameraaugen und namenlosen Klingelschildern, wir nicht ihnen ausgeliefert und sie nicht uns. Der soziale Status zementiert, auch baulich. Eine Zugezogene erzählte damals, sie habe vor einer Urlaubsreise die Nachbarn gebeten, in ihrem Haus nach Post zu schauen, die Blumen zu gießen. »Aber die verstanden meine Bitte gar nicht. Die haben alle Personal.«

In Neukölln kann niemand dem anderen ausweichen. Bleibt man einfach mal sitzen im Rein und Raus der Teestuben, wird klar, wie viel Verbindlichkeit sich im scheinbar unverbindlichen Trubel versteckt: Viele Gäste werden mit Handschlag über die Theke hinweg begrüßt, der Chef erkundigt sich, wie es den Kindern geht, Schüler brüten über ihren Hausaufgaben – und die Frage »Was geht, Alter?« ist mehr als Ghettokid-Folklore. Uns helfen vor allem jene, die »parterre geblieben« sind, wie die Berliner sagen, auch charakterlich nicht abgehoben. Kompliziert wird es, wie der Soziologe Vogel meinte, bei denen, die zum Stadtteil-Establishment gehören wie der Imam. Oder die sich als Establishment empfinden, ob ökonomisch wie der Trödler oder moralisch wie die Punks.

Damit bestätigen sich wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Vereinigten Staaten: In mehreren Studien haben Psychologen der University of California erforscht, ob Arme hilfsbereiter sind als Reiche, Außenseiter mitfühlender als Etablierte. Sie zeigten Probanden Bilder krebskranker Kinder und maßen dabei deren Puls. Sie ließen beiläufig Stifte fallen, um zu schauen, wer sie aufhob. Sie baten Gesprächsgruppen, 5.000 Dollar untereinander zu teilen. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: Das Einfühlungsvermögen der Menschen mit niedrigerem sozialem Status war größer. »Personen aus unteren sozialen Schichten sind im Alltag stärker auf Kooperation angewiesen als Menschen aus reichen Haushalten«, folgerte Studienleiter Michael Kraus. Da sie selber Sorgen kennen, »entwickeln sie ein besseres Gespür für die Emotionen ihrer Mitmenschen«.

In der Moschee ermahnt man uns, ein »anständiges Leben« zu führen

Es ist schon fast irritierend: Mehrere Tage mussten verstreichen, wir mussten erst über die Schwelle einer Moschee treten, unter die Augen eines autoritären Geistlichen, bis mal so etwas wie Missbilligung zu hören war. Der höflich vorgetragene Appell, uns um ein »anständiges« Leben zu bemühen.

Es gibt ein paar Orte in Neukölln, die regelrecht verrufen sind. Problem-Problemviertel sozusagen. Eines ist die Okerstraße. Wegen überbelegter Wohnungen, verwahrloster Kinder und Rattenplagen müht sich hier eine Taskforce des Bezirks, Buschkowskys Blauhelme. Wir wollen klingeln und nach Obdach fragen.

Als wir zwecks Anpassung in einem Lottoladen ein Bier kaufen, treffen wir Dirk, der eben noch dem klapprigen Ingo die schweren Aldi-Tüten die Treppe hochtragen will. »Dann hab ich Zeit«, sagt er. Wenig später kommt er wieder und hat Schlafplätze in einer 24-Stunden-Kneipe um die Ecke klargemacht.

»Da könnt ihr knacken«, sagt er.

Dirk trägt ein Basecap, den Schirm wie ein Visier in sein Gesicht gezogen. Neben seinem rechten Auge eine Narbe wie bei Franck Ribéry. Unter dem Ladenschild mit der Aufschrift »Freundlichkeit und Nachbarschaft« erzählt Dirk von vier Jahren bei der Bundeswehr, von Auslandseinsätzen und davon, dass er jetzt nachts bei Penny putzt.

"Wo kannste leben ohne Geld? Das gibt’s nur in Berlin!"

Der Lottoladen in der Okerstraße ist so etwas wie eine Nachbarschafts-Oase. Bier und Kaffee: 50 Cent. Nach einer Viertelstunde kennen wir die Anwesenden mit Vornamen: Da ist Helga, die in der B.Z. lesen darf, ohne zu bezahlen, solange sie die Zeitung ordentlich gefaltet wieder weglegt. Da ist Kerstin, die für die anderen strickt und näht und häkelt. Da ist Sebastian, der Computer repariert. Da ist Hotte, der Fahrräder flottmacht. Und da ist der stille Klaus, der von Dirk gehört hat, dass gerade zwei komische Vögel einen Platz zum Schlafen suchen, und deshalb die Straße rübergeht zu einer »interkulturellen« Sozialberatungsstelle, weshalb Funda, eine Sozialarbeiterin, zu uns in den Lottoladen eilt.

Funda sucht dann weitere Schlafmöglichkeiten raus und rät uns, Hartz IV zu beantragen. Sie habe die Formulare im Computer. Ausdrucken, ausfüllen, abgeben, fertig. »Die auf dem Amt stressen zwar, weil es hier schon so viele gibt. Aber das kriegen wir hin.«

Man kann noch nicht mal ein Bier trinken, schon ist im Bezirk der Barmherzigen eine Sozialarbeiterin zur Stelle! Wie kommen wir da nur wieder raus?

Für diesen Abend steht auf dem Wochenplan: die katholische St.-Richard-Kirche. In derselben Straße hat der Skatklub Universum – »gegründet 1958« – seine Vereinsräume. Altes, biederes, weißes West-Berlin.

Schummrig gelbes Licht fällt durch ein Fenster auf die Straße. Hinter grau gerauchten Gardinen sind schemenhaft Menschen in grob gemusterten Wollpullovern zu erkennen. Mit Plastikholz vertäfelte Wände. Regalbretter voller Pokale. Auf einem Tisch eine Flasche Korn. Männergedröhn.

Durch den Türspalt fragen wir, ob wir uns aufwärmen dürfen. Eine Stunde vielleicht. Bis die Kirche drüben öffnet.

»Nee.«

»Doch!«, ruft ein Mann mit Bürstenschnitt und Kugelbauch. »Is ja bald Weihnachten.« Berliner Schnauze wie Harald Juhnke.

»Wir können aber kein Skat«, sagen wir.

»Jeht den meisten hier so!«

Brüllendes Gelächter. Der Mann mit dem Bürstenschnitt stellt sich mit »Ick bin der Andy« vor und führt uns zu einem abgelegenen Tisch, über dem Porträts verstorbener Clubmitglieder hängen: Detlef, Franz, Erhard, Rudi. Naturbelassene Gesichter. Andy bringt Kaffee, setzt sich, fragt nach unserer Geschichte und erzählt seine: wie er früher mit dem Lastwagen durch ganz Europa fuhr, wie ihm während einer Tour per Telefon gekündigt wurde und er seinen Wagen auf einem Parkplatz abstellen musste, irgendwo bei Leipzig. Danach Arbeitslosengeld, Hartz IV und »mit der Miete in der Brenne«. Platte gemacht habe er auch schon, sagt Andy. Zwei Jahre Umschulung, jetzt ist er Steuerfachangestellter bei einer Steuerberaterin. Und im Nebenjob Kellner. Und Neukölln-Pokalsieger im Skat.

»Ick seh dat so«, sagt er: »Am Ende wird alles jut. Und wenn’s nich jut wird, is es noch nich das Ende!« Er kenne eine Vermieterin, die werde er morgen nach einem Zimmer fragen.

»Wo kannste leben ohne Geld? Das gibt’s nur in Berlin!«, sagt Hajo

In der Zeit, die noch bleibt, führt Andy uns in den komplizierten Mikrokosmos des Vereinslebens ein: Der Tod kommt schneller als neue Mitglieder. Sie sind nur noch zu neunt. Zu wenige, um die Monatsmiete von 400 Euro zu bezahlen – zumal die ertrunken werden muss, was die Sache bei abnehmender Mitgliederzahl zunehmend verkompliziert. Von jedem Pils, Korn, Kümmerling und Wasser gehen ein paar Cent in die Vereinskasse. Es ist verzwickt: Wer mehr trinkt, sichert zwar das Überleben des Vereins, verliert aber seine Spiele. »Manche gehen hier nur mit fünf, sechs Getränken am Abend raus«, grummelt Andy. »Kann ja wohl nich sein.«

Wir nicken.

Zu viel Hilfe: Kann es das geben? Ja und nein.

Die Lüge als Werkzeug des Journalisten, als Stemmeisen, mit dem er sich Zugang zu Parallelwelten verschafft: Diese Methode – in Kronberg als Einbruch empfunden – erschließt in Neukölln einen Kosmos, der sich am Ende nicht mal mehr an die Prognosen unseres Soziologen hält. Andy und seine Skatbrüder, das sind ja die »Wohlanständigen«, die uns eigentlich verjagen müssten, aus Angst vor »sozialer Ansteckungsgefahr«.

Aber was macht Andy? Schreibt sich unsere Handynummer auf und gibt uns zwei Kartenspiele mit. Gegen die Kirchenlangeweile.

»Ick meld mich«, sagt er. »Bestimmt.«

Im Gemeindesaal der St.-Richard-Kirche sind die Tische zu Inseln gruppiert wie in einem Kindergarten. Etwa dreißig Männer und Frauen beugen sich über Schweinsbraten und Kartoffelbrei. Wir kennen inzwischen einige von ihnen, sie folgen dem Glücksrad-Pfeil wie eine Karawane. Mit einem eigentümlichen Arbeitsethos ziehen sie durch die Stadt: So, wie sich die Belegschaft einer Firma abends in die Freizeit verabschiedet und sich morgens zur Arbeit wiedersieht, finden sich die Obdachlosen abends in immergleicher Runde zum Essen, Reden, Schlafen ein und verschwinden nach dem Frühstück in den Tag. Da ist die bleiche Marianne, deren Husten den Schlaf der anderen zerreißt. Da ist die stille Annelie, die ihr Lager unter einem Tisch ausbreitet, als schliefe sie in einem Himmelbett. Da ist Rainer, ein hutzeliger Kerl, der stundenlang erzählt, er lebe auf der Straße, weil ein »Geheimgericht« ihn zu »Klapsmühle« verurteilt habe. Und da ist Hajo, ein großer, schlanker Mann, dessen frühere Attraktivität noch zu erahnen ist an seinem Grübchenkinn und an dem vollen Haar, der sich aber trippelnd an den Wänden entlangtastet, seit ihm der Grüne Star die Augen trübt.

Stummes Kauen, Nasenschniefen, zufriedenes Seufzen an den Tischen. Eine Szene wie aus Maxim Gorkis Nachtasyl, diesem Elendsdrama aus einem Notquartier, in dem es heißt: »Der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben.«

Doch sogar hier, ganz unten, tut sich ein Zwiespalt auf: Nach dem Abendessen verschwindet die Hälfte der Gäste. Es sind die, die der halb blinde Hajo verächtlich »Touristen« nennt. Schmarotzer, von denen alle hier wissen, dass sie ein Zuhause, ein Bett, ein Auskommen haben.

Selbst Hajo reißt am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, Witze. »Wo kannste leben ohne Geld? Das ist weltweit einmalig. Das gibt’s nur in Berlin! Hier gibt’s sogar Einrichtungen für schwangere Männer, sag ich immer. Ich mein’: Ich hab grade fünf Spiegeleier verdrückt. Und jetzt kommen noch die ganzen Weihnachtsessen, da macht ja jede Einrichtung mit.«

Als der gutmütige, dicke Mann von der Gemeinde sagt, die Leute müssten »jetzt leider gehen – wer länger bleibt, hilft spülen«, raffen alle sofort ihr Zeug zusammen.

Zu viel Hilfe: Kann es das geben? Ja und nein. Für die Verlorenen wie Hajo, Annelie und Marianne ist dieses System die Rettung. Dass es auch die »Touristen« nährt, ist eine Art Kollateralschaden im Kampf gegen die Verwahrlosung. Bedingungslose Nächstenliebe, das bedeutet hier nämlich: Niemand wird um seine Personalien gebeten, niemand wird hinterfragt, niemand abgewiesen. Nicht die echten Betrüger und nicht die falschen, also wir.

Ein Tag vergeht, Schnee setzt den Autos Mützen auf. Ein neuer Tag beginnt, es ist der erste Advent, da ruft Andy aus dem Skatklub an. Mit dem Zimmer hat es leider nicht geklappt.

»Aber ick hab’n Job für Nadine!«

In die Vereinsgaststätte einer Schrebergartenkolonie sollen wir kommen.

Wo?

»Am Buschkrug.«

Wann?

»Am besten, ihr kommt gleich rum.«

Was für eine Fügung! Es gibt zig Einwände gegen diese Geschichte. Man kann sie als konstruiert empfinden, als bigott, als falsch. Spätestens in diesem Moment entgleitet sie unserer Kontrolle – und wird echt. Weil Andy, der Kartenspieler, sie in seine Hände nimmt.

Es gibt zwar keine Krippe, aber "Maria" könnte in der Kneipe kellnern.

Wir hasten durch die sonntagsstille Stadt in Richtung Kleingärten. Im menschenwarmen Dunst des Vereinsheims mindestens hundert Gäste vor einem Weihnachtsbaum. Zwischen den Tischreihen Andy, tänzelnd vor Stolz, als er uns entdeckt. Er hilft hier einmal in der Woche aus. »Ick hab den Chef na’m Job gefragt«, sagt er, »den Rüdiger, der kommt gleich.«

Nach ein paar Minuten tritt ein Mann mit schwarzem Pullover und schweren Tränensäcken zu uns. »Dann sach ick erst mal Juten Tach«, sagt er. »Ick bin der Rüdiger.« Aufgeraute Stimme. Autorität eines väterlichen Patrons. Hinter ihm macht Andy einen langen Hals, aus Nervosität und Neugier.

Mit einer Zigarette zwischen den Lippen klärt Rüdiger die Fakten: 421 Parzellen, viele Leute mit Hunger, Durst und Redebedarf. Fünf Tage in der Woche hat das Vereinsheim geöffnet, im Winter von 11 bis 18 Uhr. Mittwochs ist Darts, da geht es schon mal bis Mitternacht. Dazu kommen Vereinssitzungen und Geburtstage »mit Kuchen und dem Scheiß« – all die Events einer geselligen Gesellschaftsschicht. Rüdiger sagt, er brauche für zwei, drei Tage in der Woche eine neue Arbeitskraft, als Kellnerin.

»Wann kannst’n anfangen?«

So endet die Weihnachtsgeschichte von Neukölln. Diesem unberechenbaren Berlin-Bethlehem, wo sich zwar keine Krippe fand, »Maria« aber in einer Kneipe kellnern könnte. Wo Andy seinen Worten Taten folgen lässt. Wo Dirk den Penny putzt. Wo Schorsch auf einer Tiefkühltruhe schläft. Wo sich Hajo auf die Weihnachtsessen freut. Wo Habib uns zum Essen einlud. Und wo »Josef« sich jetzt auf den Weg zu Funda macht, um einen Antrag auf Hartz IV zu stellen, mit Verweis auf seine tischlerischen Fähigkeiten.

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Kommentare

267 Kommentare Seite 1 von 34 Kommentieren

Ursache-Wirkung?

[wenn es darauf ankommt, Spenden die Reichen eben nicht.. es braucht einen starken Sozialstaat, der in Not geratene Menschen angemessen unterstützt.]

Vielleicht ist es auch gerade umgekehrt: Weil es einen starken Wohlfahrtsstaat gibt, wird wenig gespendet. Den Reichen wird immer mit Parolen wie "Pflicht", "Solidarität", "Verantwortung" etc. viel Geld im Form von Zwangsabgaben abgeknöpft. Wenn wir Solidarität und Mitgefühl aber auf Bürokratismus und Zwangsabgaben reduzieren, ist es wenig verwunderlich, dass Menschen ihre Pflicht mit der Zahlung dieser Zwangsabgaben als erfüllt ansehen. Ein starker Sozialstaat zerstört damit die natürliche Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen, weil er ihen vorspielt, der Staat kümmere sich schon und sie müssten sich deshalb nicht mehr kümmern.

Ludwig Erhard hatte das früh erkannt und deswegen den umfassenden Wohlfahrtsstaat skeptisch gesehen:

[Traditionelle Sozialpolitik drängt zurück, was an menschlicher Beziehung, an sozialer Wärme, an den Gefühlen der Brüderlichkeit und der Solidarität im menschlichen Sinn vorhanden ist.
Natürliche Opferbereitschaft zugunsten selbstgewählter gemeinsamer Ziele wird durch den Kampf aller mit allen um maximale Patronage durch den Staat ersetzt. An die Stelle des gemeinschaftlichen Idealismus tritt der 'Rechtsanspruch'. Die wohlfahrtsstaatliche Durchorganisation der Gesellschaft wird mit der Zerstörung gesellschaftlicher Eigenregelungen, der sozialen Bindungen und der sozialen Gesinnung erkauft.]

@Nils Wilke

sie wollen also ernsthaft behaupten, dass deutschland ein starker sozialstaat ist, zumindest ein solcher, der die vermoegenden dieses landes davon abhielte, aus freien stuecken, idealerweise aus innerem beduerfnis, ein grundgesetzkonformes verhalten an den tag zu legen, wonach eigentum verpflichte?

das problem mit dem eher schwachen sozialstaat ist, dass auch in einem solchen die masse der vermoegenden das erwaehnte wuenschenswerte verhalten eben nicht an den tag legt, sondern immer nur eine minderheit, die sich zu recht irgendwann ueberfordert und uebervorteilt und ausgenutzt fuehlt.
[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

Sie übersehen die ganze Gegenperspektive

[daß Arme im Verhältnis weit größere Teile ihrer Geldmittel in Form von 'Zwangsabgaben' aka Steuern abliefern. Zum Beispiel in Form der Umsatzsteuer, die auch die Ärmsten der Armen bei jedem Einkauf entrichten.]

Das ist falsch. Arme zahlen in der Regel keine Einkommenssteuer und geben einen Großteil ihrer Konsumausgaben für solche Produkte und Dienstleistungen aus, die dem ermäßigten Umsatzsteuersatz unterliegen. Sie zahlen daher kaum Steuern.

Steuerforderungen an Arme werden auch viel seltener mit Worten wie "Solidarität" etc. verbunden. Und das ist ja der Kern meiner These. Wir haben "Solidarität" zur Zahlung hoher Zwangsabgaben umdefiniert und wundern uns dann, dass Reiche ihre "Pflicht" mit dem Zahlen von hohen Zwangsabgaben als erfüllt betrachten. Einige gehen sogar noch weiter und verteufeln jede Form von Spenden durch Reiche, indem sie solche Spenden als Ausdruck fehlender staatlicher Initiative interpretieren und zum Abschöpfen der Spenden durch den Staat aufrufen. Ganz abgesehen von der generell geringen Akzeptanz von Reichtum in diesem Land. Und da wundert sich man wirklich noch, dass Reiche wenig spenden und sich abschotten?

Es ist immer leicht, auf die Reichen zu schimpfen. Applaus ist einem damit immer gewiss. Aber es empfiehlt sich, auch mal die andere Initiative einzunehmen.

falsch und richtig falsch

vermutlich glauben sie sogar fest daran, dass sie, was auch immer, dazu befaehigt, froehlich "das ist falsch" vom richterpult zu senden.

arme zahlen nicht nur in der regel, sondern generell keine einkommensteuer. sie zahlen, wenn ueberhaupt, lohnsteuer und sozialabgaben.

doch nicht die absoluten zahlen machen deutschlands steuerrecht ungerecht und asozial, sondern die relationen.

von einem einkommen, das so niedrig ist, dass man es mit hartz4 aufstocken muss, steuern zu zahlen, egal ob fuer lohnsteuer oder verbrauchssteuern, ist ungleich haerter als von einem einkommen, dass aufgrund der tollen gesetzgebung irgendwann fuer abgaben gekappt, also nicht voll besteuert wird. sie kennen doch sicher das wort beitragsbemessungsgrenze und spitzensteuersatz. das kann der arbeitgeber, der seinen arbeitnehmern die bereits erwaehnten hungerloehne zahlt, nutzen, seine lohnsklaven nicht. nur mal so als anmerkung.

sodann, steuerforderungen sind per se keine ermessens- oder gnadenakte, sondern eine pflicht der staatsbuerger, entsprechend ihrer leistungskraft, nachzulesen im grundgesetz.

steuerforderungen werden an reiche inzwischen deshalb mit der konotation der solidaritaet versehen, weil vermoegende eben nicht entsprechend ihrer leistungskraft steuern entrichten, auch wenn sie das erneut suggerieren. in hamburg hat sich ein millionaer der bereits erwaehnten initiative legal so arm gerechnet, dass er am ende einen wohnberechtigungsschein beantragen konnte.

Nein...

Sie haben nicht verstanden, daß Solidarität eine Haltung ist. Und nicht Abschottung und Genörgel über Steuersätze. Da Sie von 'Wir haben "Solidarität" zur Zahlung hoher Zwangsabgaben umdefiniert...' schreiben - nein, habe wenigstens ich nicht. Müssen dann wohl Sie gewesen sein.

Ich schimpfe im übrigen nicht über 'die Reichen', gibt sone und solche. Es gibt z.B. solche, die höher besteuert werden wollen, da sie ihrem Vermögen gemäß einen solidarischen Beitrag zum Sozialstaat leisten wollen. Der Unterschied zwischen Einkommen und Vermögen ist klar? http://www.zeit.de/wirtsc... http://www.spiegel.de/pol...

'Doch was ist mit den Ängsten der Reichen? "Die Abgabe bedeutet keinen Weltuntergang", sagt Lehmkuhl und verweist - in ironischer Anspielung auf die vergleichbare Hartz-IV-Regelung - auf das "Schonvermögen" von bis zu 500.000 Euro, das ihr Vorschlag den Wohlhabenden zubillige. "Es gibt auch so etwas wie einen Verarmungswahn", sagt der Psychiater und lächelt.'

Oder der wohlhabende Frank Zander, der auch dieses Jahr wieder Arme und Wohnungslose zum Fest-Essen, Haare-Schneiden und Weihnachten-Feiern eingeladen hat http://www.zeit.de/news/2... getitelt mit 'Brauchtum'...;-)...

Doch...

[Sie haben nicht verstanden, daß Solidarität eine Haltung ist.]

Ganz im Gegenteil. Ich glaube gerade, dass Solidarität eine Haltung ist und eben nicht über Zwangsabgaben erzwungen werden kann.

[Da Sie von 'Wir haben "Solidarität" zur Zahlung hoher Zwangsabgaben umdefiniert...' schreiben - nein, habe wenigstens ich nicht. Müssen dann wohl Sie gewesen sein.]

Freut mich. Dann sind wir uns ja einig, dass Forderungen nach höheren Steuern nicht mit "Solidarität" begründet werden können. Ein Fortschritt!

[Es gibt z.B. solche, die höher besteuert werden wollen, da sie ihrem Vermögen gemäß einen solidarischen Beitrag zum Sozialstaat leisten wollen.]

Niemand hindert diese Menschen daran, einen höheren solidarischen Beitrag zum Sozialstaat zu leisten. Ich bin sehr dafür, Konbten für diejenigen einzurichten, die mehr zahlen wollen, als sie den Steuergesetzen nach müssten. Wer aber höhere Steuern verlangt, verlangt sie auch für andere. Das hat - wie wir eben geklärt haben - mit Solidarität nichts mehr zu tun. Aber vielleicht sind Sie darüber noch nicht ganz sicher. Ich schlage vor, Sie denken mal darüber nach!

Sie verfehlen das Thema

Das heißt nicht: Rechtfertigung sozialer Kälte im Taunus und anderswo mittels der (Ihrer Ansicht nach) 'Umdefinierung von Solidarität zu hoher Zwangsabgabe'.

Sondern: Hilfsbereitschaft und Solidarität in Neukölln.

Es hält niemand Wohlhabende davon ab, sich weniger asozial zu verhalten. Keine 'hohe Zwangsabgabe', kein Wohnort, kein gar nichts. Darüber hinaus möchte ich Ihnen zu Eigentum aka Vermögen die Lektüre von GG, Artikel 14, Absatz 2 und 3 empfehlen. Wie auch die Fragestellung, wer wohl mehr zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten beigetragen hat: die Bewohner des Taunus oder die von Neukölln? Eine höhere Steuerlast für die 10%, die 50% des Nettovermögens besitzen, wäre aus meiner Sicht noch nicht mal der Ansatz einer Kompensation für die Verarmung in Folge der Abschaffung von massenhaft vielen Arbeitsplätzen.

Die Armen in Neukölln hätten weit mehr nachvollziehbare Gründe als die Bewohner von Kronberg/Taunus, ängstlich, abweisend und unsolidarisch zu sein und noch Ärmeren ihre Hilfe vorzuenthalten - sie haben weniger, das sie teilen könnten. Daß sie trotzdem teilen, kommt vom *Sein* nicht vom *Haben*. Das meinte ich mit 'Solidarität ist eine Haltung', Empathie wie die im Artikel beschriebene ist mit Geld nicht zu bezahlen...;-)... 'Aber vielleicht sind Sie darüber noch nicht ganz sicher. Ich schlage vor, Sie denken mal darüber nach!'

Mir wäre es übrigens lieb, wenn Sie mich nicht noch einmal mit Ihrem 'Wir' zwangs-solidarisieren. Danke.

Warum nehmen Maria und Joseph nicht einfach Harz 4?

Die Frage ist ja dann, warum nehmen Maria und Joseph den Sozialstaat der auch ihnen zu steht nicht in Anspruch? Dafür bezahlen doch die arbeitenden Menschen (zurecht) Steuern. Wofür die ganze Hilfsindustrie in Berlin-Neukölln, wenn Maria und Joseph mit Harz 4 in einer warmen Wohnung sitzen könnten.
Ich denke das haben sich die Reichen im Taunus gedacht und im Grunde genommen haben sie auch recht. Ich finde wir brauchen einen starken Sozialstaat und keine Tafeln und Bettler, die auf die Almosen der Bevölkerung angewiesen sind.
Gleich kommt bestimmt, ja aber Joseph hat sich von seiner Frau getrennt und arbeitlos und obdachlos, obwohl er davor Prof hier und da war (was für ein Absturz! und der Staat lässt das zu...). Aber diese Argumente gelten nicht, weil der Staat eine Infrastruktur bereit stellt, von der alle diese Menschen (auch Maria und Joseph) Gebrauch machen könnten.

Es steht doch auch jedem Reichen

frei, dem nächstbesten Obdachlosen auf der Straße zumindest Geld anzubieten, oder nicht? Ich würde ja garnicht verlangen, daß er diesen mit in sein Haus oder seine Wohnung nimmt - aber schnell mal in die Tasche zu greifen und dem Bettler auf der Kö oder der Zeil 10 Euro in die Hand zu drücken, ist ihm unbenommen.
Fakt ist aber doch, daß viele Menschen und darunter auch die Reichen mit der direkten Not nicht konfrontiert werden möchten - eine Spendengala im Nobelhotel ist da was andres, da gibts sicherlich noch ein gutes Essen und Sekt dazu, da werden aber KEINE Obdachlosen vorgeführt und deren Leben geschildert. Die Reportage vom letzten Jahr zeigt das deutlich.
Es ist natürlich einfacher, im Auto an den Armen vorbeizufahren und sich zu sagen, ich gehe nächste Woche sowieso ins Steigenberger (hier kann man wahlweise auch Schloßhotel o. ä. einsetzen) und spende da im Kreise Gleichbemittelter und Gleichgesinnter - bloß nicht die Finger schmutzig machen und sich womöglich persönlich kümmern.
Und wie schon im Beitrag erwähnt: von oben erscheinen vermutlich alle diejenigen, die nicht dem eigenen Stand entsprechen, als Versager; warum haben die es nicht geschafft, wenn man es selber doch auch geschafft hat? Daß viele Vermögen ererbt sind bzw. nur mit guten Voraussetzungen (Bildung, Studium) erarbeitet werden konnten, wird dann gerne vergessen.

@Nils Wielke

Sie wollen es nicht verstehen: in der Summe der Steuern zahlen Wohlhabende und Reiche mehr als Arme.

Aber: gemessen am eigenen verfügbaren HaushaltsEinkommen zahlen Arme natürlich einen sehr viel höheren prozentualen Anteil Steuern, da sie Monat für Monat gezwungen sind, ihr gesamtes verfügbares Einkommen in voller Gänze zu verkonsumieren, ohne irgend eine Möglichkeit Steuern "abschreiben" zu können. Oder Geld um die Ecke nach Lichtenstein, in die Schweiz oder Singapur zu bringen.

Und ganz unabhängig davon, wieviel Steuern mensch bezahlt, hier und in dem Artikel des vergangenen Jahres geht es um Empathie, Mitmenschlichkeit, praktische Alltagshilfen.

Da lesen wir über einen eigentlich skeptisch in D betrachteten Berliner Stadtteil eben etwas ganz anderes, mitmenschlicheres als über das Reichenghetto im Taunus. Wenn nur ein Mensch aus der Story des letzten Jahres innehält und ins Grübeln gerät, wäre damit schon ein guter Zweck erfüllt.

[...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke. Die Redaktion/kvk

Ich halte es trotzdem für sinnvoller...

als in der Innenstadt mit Geld zu hantieren, sich Gedanken zu machen, wohin das Geld geht.

Ich übertrieb nicht und hatte das auch nicht vor, sondern halte es für nicht sinnvoll, in der UBahn, an Bahnhöfen oder in der City Geld zu geben.

Und wenn man schon so etwas tun wollte, wer sollte es bekommen? Der netteste, der elendeste, die mit dem kleinen Kind auf dem Schoß oder die mit den verkrüppelten Gliedmaßen oder die mit den Hunden?

warum es die tafeln gibt

die tafeln gibt es weil harz 4 empfänger sich dort günstig oder kostenlos essen besorgen können und das gesparte geld für andere sachen verwenden können. völlig legitim, würde ich auch so machen. wenn es essen in der tafel umsonst gibt, warum dann geld dafür ausgeben?

zu den gründen: maßlos sanktioniert werden nur wenige, weil wenn angedroht wird, dass das geld gestrichen wird, schreiben die leute auch bewerbungen. ob das sinnvoll ist, ist ne andere frage. papiere haben menschen in der regel schon. obdachlose möchten in der regel keine wohnung und sogar ohne wohnung haben sie anspruch auf ein tagesgeld. zumindest in berlin.

Tafel

Bei uns konnte man am Supermarkt eine fertig verpackte "Tafel-Tüte" kaufen und diese dann direkt spenden. Die Tüte kostete mehr als wenn ich die Sachen einzeln gekauft und selbst eingetütet hätte. Der Supermarkt hat aus der Aktion also sogar noch Profit geschlagen im doppelten Sinne. Auch wenn es gut ist, dass es die Tafel gibt, finde ich solche Praktiken der Großfirmen traurig und diese unterstütze ich nicht.

Angst

Ob die Obdachlosen eine Wohnung wollen - ich denke, das kann man nicht pauschal sagen.

Ich gehe davon aus, dass die allermeisten nicht auf der Strasse schlafen wollen sondern geschützt und warm.

Mit einer festen Wohnung muss man Verbindlichkeiten eingehen. Man muss mit seinen Namen unterschreiben. Man hat immer mit den selben Nachbarn zu tun. Vielleicht kommen da Fragen, was man nicht hören möchte. Man ist nicht mehr anonym und flexibel.

Und ich kann mir vorstellen, dass manche Leute panische Angst davor haben.

an dame von welt: warum die obdachlosen ihre lage mögen

hallo dame von welt,

die praxis der supermärkte ändern nichts an meinen argumenten, die ich geschildert habe. das meiste was die tafeln an gemüse mitnehmen ist sowieso noch recht frisch, weil die großen discounter zeitnah liefern und die kunden in den märkten nur perfekte ware haben möchten.

die meisten obdachlosen leben auf der strasse weil sie sich nur da frei fühlen, anaonym sind und keine verpflichtungen eingene wollen. das ist ein lebensgefühl.

die menschen die zur tafel gehen, können sich das essen auch auswählen, wie im supermatrkt, nur das sortiment ist geringer. selbst wenn sie es sich nicht aussuchen können und ein paket bekommen ist es immer noch besser als etwas wofür man geld ausgeben muss.

Mein Kommentar 241 war die Antwort auf

*obdachlose möchten in der regel keine wohnung* http://www.zeit.de/2012/5...

Wohnungslose sind keine homogene Gruppe, sondern Individuen mit individuellen Geschichten. Es mag darunter auch welche geben, die in geschlossenen Räumen schlecht klarkommen, die keine Verbindlichkeiten und keine neugierigen Fragen ertragen. Ich glaube aber, daß die unter den Wohnungslosen eine Minderheit sind. Und daß weit mehr Menschen ohne festen Wohnsitz am Teufelskreis von keine-Arbeit=keine-Wohnung/keine-Wohnung=keine-Arbeit scheitern. Ich habe nicht den Eindruck, daß Arge und Sozialamt hier tatsächlich wirksam eingreifen. Sondern, daß das, wenn überhaupt, soziale Träger tun. Wie z.B. die Caritas, die Wohnungslosen ein Postfach anbietet - ein erster Schritt, um überhaupt die staatliche Infrastruktur in Anspruch nehmen zu können.

Ihre Expertise ist wirklich beeindruckend

Auch die über die Oberschicht in Berlin http://www.zeit.de/2012/5... die Ihrer Ansicht nach im Prenzlauer Berg wohnt. Und ich Dumme war bislang glatt der Ansicht, die Berliner Oberschicht wohne mehrheitlich in Europas größtem zusammenhängenden Villenviertel, nämlich der Bogen im äußeren Berliner Westen. Dessen Norden und Süden früher mal Osten war und von Falkensee bis Kleinmachnow reicht http://upload.wikimedia.o... Während ich die Wohlhabenden im Prenzlauer Berg doch tatsächlich der gehobenen Mittelschicht zugeordnet hatte, darunter nicht wenige Söhne und Töchter aus zu Geld gekommenen Mittelschichtsfamilien aus Westdeutschland. 'Bionade Biedermeier' http://www.zeit.de/2007/4...

Aber wie gut, daß Sie mich über Wohnungslose (Lebensgefühl) Oberschicht (fühlt sich in Berlin pudelwohl) Berliner (wollen eben alle hip sein) Tafeln (wo man sich das Essen aussuchen kann) aufklären konnten.

In einem Punkt hatten Sie übrigens beinahe recht: Prominente wohnen recht gern in Berlin. Weil es kaum jemanden interessiert.

Hier könnte man auch im Schlafanzug zum Bäcker gehen und es interessiert nicht weiter. Speziell in Vierteln wie Neukölln kann man sich auch im minütlichen Wechsel aussuchen, ob man großstädtische Anonymität oder dörfliche Nähe möchte. Das ist bißchen mehr als Toleranz, das ist angewandte Metropole. (Was wohne ich GERN in Berlin!)

an die dame von welt aus der metropole berlin

Liebe dame von von welt,

es freut mich, dass ich sie aufklären konnte :D.

Berlin ist keine Metropole, sowas gibt es hier in Deutschland gar nicht. Berlin besteht aus verschiedenen Dörfern, in dem einen wohnen die Bionade-Spießer in dem anderen wohnen die hippen die krampfhaft versuchen einen auf easy und scheiss egal zu machen aber zugleich denjenigen verurteilen, der nicht in ihre kleingeistige ideologie passt. Kleingeist und ideologische Befangenheit erkennt man meist bei den zugezogenen Berlinern, die meinen mit dem Umzug nach Berlin andere Menschen geworden zu sein. Dabei waren sie in ihren westdeutschen Dorfern keine Freigeister und in Berlin werden sie zu Mitläufern und zum Berliner Mainstream.

Es gibt von Tafel zu Tafel auch Untzerschiede: ich kenne Tafeln, da bekommt man Pakete und kann sich noch etwas dazu aussuchen, bei großen Tafeln kann man zum Teil sagen was man braucht. Klar im Supermarkt hat man eine freiere Wahl, aber wenn Man Hartz 4 bekommt, kann man auch zur Tafel gehen und auf das große Sortiment verzichten. Warum im Supermarkt die Gurke für 70 Cent kaufen, wenn es sie bei der Tafel umsonst gibt? Ist doch verständlich dass so viele zur Tafael gehen.

@erstaunt45

Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

Ich weiß nicht, was Brecht damit meinte...

Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
Ich hoffe, er meinte das damit.
Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

@afa81

"Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungenermaßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht..."

Genau diese "Nullsummen"-Kausalität, die meinte der Herr Brecht, also in dem Sinne von: "Ich bin arm, dünn und hungrig, weil du reich, fett und satt bist, insofern, weil du(Reicher) mir alles weggefressen hast." Na, was denn bitte sonst? Der Mann war schließlich ein Hartcore-Kommunist, der wohl kaum freiwillig eine Gelegenheit ausgelassen hätte, um nicht bewusst undifferenziert den verhassten Kapitalisten via Blutgrätsche vor's Schienbein zu treten.

'was denn sonst?'

dass brecht gesellschaftstheoretisch ziemlich schlicht gestrickt (und mancher hinsicht regelrecht borniert) war, ist richtig. aber natürlich sah er als 'hardcore-kommunist' den kapitalismus gerade nicht als stagnatives 'nullsummenspiel' an.
der vers stammt aus einem 'kindergedicht', das hauptsächlich aus pseudonaiven begriffsdialektischen spielereien besteht.

Die Kronberger aber fürchteten sich sehr

vor Armut, Verlust, Krankheit und Tod - eben so wie ihre anderen Mitbürger auch. Der Unterschied: es gibt keinen, denn der Tod wird nicht umkehren vor den Kronbergern, die Krankheit macht keinen Umweg, die Armut bleibt draußen bis zum Tod, Verluste gibt es in jeder Lebensform. Ein alter buddhistischer: You get old, you get sick and then you die. Also liebe Kronberger es gibt keinen Grund sich zu fürchten.

@dame.von.welt

Wer wollte Ihner Lobpreisung Neuköllns widersprechen?

Aber sie ist auch ein bißchen wohlfeil. Bitte behalten Sie im Hinterkopf, daß Ihr Neuköllner Biotop der Menschlichkeit von den Überschüssen der verhaßten westdeutschen Bürgerlichkeit subventioniert wird. Ohne diese sozialstaatlichen Zuschüsse, die ja auch irgendwie erwirtschaftet werden müssen, würden die Verhältnisse dort wohl ganz schnell eher in Richtung Favelas von Sao Paulo oder Township in Südafrika tendieren, und die sind schon eine ganze Ecke weniger idyllisch!

Bei Deutschlandfunk hat sich mal ein gewisser Bernd Wagner aus dem Fenster gelehnt und auf respektable Weise eine unbedingt lesenswerte Rechtfertigung der nationalstaatlichen Bürgerlichkeit gewagt:

http://www.dradio.de/dkul...

Der Essay ist zwar nicht von mir, aber allein für dessen Verlinkung hätte ich mir, finde ich, jetzt auch eine Redaktionsempfehlung verdient. :-)

Auch hier gibt es solche und solche

Aber sie ist auch ein bißchen wohlfeil. Bitte behalten Sie im Hinterkopf, daß Ihr Neuköllner Biotop der Menschlichkeit von den Überschüssen der verhaßten westdeutschen Bürgerlichkeit subventioniert wird.
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Auch bei dem "Überschuss" der "Bürgerlichkeit" muss differenziert werden. Es gibt Leute, die machen Profit mit Produkten/Leistungen, die andere Menschen glücklich machen. Manche Leute machen aber Profit auf Kosten anderer.