Soziales ExperimentMaria und Josef in Neukölln

Verkleidet als Obdachlose, zogen zwei ZEIT-Reporter vor einem Jahr durch Kronberg im Taunus, einen Ort voll reicher Menschen. Sie bekamen wenig Hilfe – später aber viele Briefe, in denen stand: Arme wären nicht mitfühlender mit ihnen gewesen. Zum Beispiel die in Berlin-Neukölln. Nadine Ahr und Henning Sußebach haben sich auf den Weg gemacht. von Nadine Ahr und

Wir Mittelschichtkinder hatten mit vielem gerechnet in dieser klischeebeladenen Kulisse: mit bösen Blicken. Mit gezischelten Beleidigungen. Mit dem Aufblitzen eines Klappmessers und schlimmstenfalls mit einer Kurzmeldung in Bild: »Obdachlose angegriffen!« Aber dass unser Experiment in Neukölln derart außer Kontrolle geraten würde – niemals.

Um zu erzählen, was passiert ist, müssen wir die Zeit zurückdrehen, den ganzen Advent, bis Ende November. Bis zu einem nieselnassen Mittwochmorgen in Berlin-Neukölln, an dem uns dieser junge Libanese noch nicht über den Weg gelaufen war. An dem wir Tiefkühl-Schorsch und Skatklub-Andy noch nicht kannten. An dem der halb blinde Hajo noch ein Fremder war. Und an dem diese seltsame Weihnachtsgeschichte beginnt.

Anzeige

An diesem nieselnassen Mittwochmorgen nämlich lassen wir in der Sonnenallee Rucksack und Plastiktüten von den Schultern rutschen, rollen vor dem Schaufenster eines Netto-Marktes eine alte Wolldecke aus, ziehen die Mützen tiefer ins Gesicht und hocken uns auf den Gehsteig. Wir, das sind zwei ZEIT -Reporter, von nun an eine Woche lang ein Paar in zerschlissener Kleidung und zertretenen Schuhen.

Verkleidet als Obdachlose, wollen wir die Menschen um Hilfe und Herberge bitten. Wer will, darf darin kurz vor Weihnachten ein Krippenspiel erkennen. Maria und Josef in Neukölln. Zwei Arme dort, wo Not und Elend wohnen sollen, wo der schlechte Ruf seinen festen Wohnsitz hat. Nicht weit vom Netto ist die Rütli-Schule. Genau, die.

Wir stellen einen Becher auf und liefern uns der Willkür dieses Stadtteils aus. Das ist die Idee. Dieses Mal war es nicht unsere.

Vor einem Jahr waren wir in derselben Rolle schon einmal unterwegs (Maria und Josef im Ghetto des Geldes,ZEIT Nr. 52/11). Damals zogen wir durch die Taunusstädte Königstein und Kronberg, wo laut Gesellschaft für Konsumforschung die kaufkräftigsten Deutschen leben: Industrielle, Unternehmer, Banker. Die meisten Menschen ignorierten uns gekonnt, ein Kleinkind nannte uns »faule Feiglinge«, ein Mädchen befand: »Hier ist’s halt scheiße für solche wie euch.« Die Männer vom Lions Club hielten uns für Diebe. Unser Erscheinen bei einem Wohltätigkeitskonzert wurde als »unpassend« verurteilt. Nicht einmal der Pfarrer hatte Platz für uns.

Der Zufall mag mitgemischt haben damals, wir hatten nur Stichproben in diesem Soziotop genommen, aber die erlebte Wirklichkeit in dieser einen Woche, die sah so aus: Wenn jemand half, dann die Helfer der Reichen. Ein Gärtner, eine Bäckerin, eine Hotelangestellte. Die Logik der Wohlhabenden hingegen lautete: Wieso versprechen sich die Armen Hilfe ausgerechnet von uns Reichen?

Der Artikel löste eine heftige Debatte aus, in Kronberg und auf der Leserbriefseite der ZEIT: Muss derjenige, der mit seinen Steuern den Sozialstaat nährt, auch noch spontan Anteil nehmen? Ist ein Verweis auf das soziale Netz nicht Nächstenliebe genug? Darf ein Hilfloser um Hilfe bitten, auch wenn sein Elend selbstverschuldet sein sollte? Und dürfen Journalisten in Verkleidung nach Antworten auf diese Fragen suchen?

Einige Leser schickten begeistert Gedichte von Brecht, ein Priester nahm die Reportage als Aufhänger für seine Weihnachtspredigt. Andere schrieben empört: »Jetzt aber! Zum Vergleich in den ärmsten Landkreis – schaun mer mal, ob die Menschen da besser sind.« Und: »Als Einwand bleibt, dass man in Neukölln kaum mitfühlender wäre.«

Deshalb hocken wir jetzt vor diesem Netto. Lieferwagen reißen Gischt aus dem Asphalt. Frauen mit Kopftüchern und Kinderwagen eilen vorbei. Rentner mit Rolltaschen. Männer in Malerhosen, bunt besprenkelt. Fast jeder Passant ist bepackt, beladen. Grimmige Geschäftigkeit. Spazieren geht hier niemand.

Neukölln, was für ein Forschungsfeld! Kein Stadtviertel ist den Deutschen so fremdvertraut wie dieses. Das Wort »Neukölln« ist republikweit Synonym für »Brennpunkt«. Voll Angstlust blickt die Mittelschicht hinab auf die Misere, liest schaudernd Neukölln ist überall, das Buch des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky, SPD, eine Art gedruckten Notruf, in dem Buschkowsky von »deutschen Multiproblemfamilien«, arabischen »Importbräuten« und No-go-Areas berichtet. In Neukölln hat beinahe jeder zweite Einwohner eine Migrationsgeschichte. Hier leben 315.000 Menschen, so viele wie in ganz Island, auf nur 44 Quadratkilometern Fläche. Hier patrouillieren Polizisten in schusssicheren Westen. Hier stehen Wachmänner vor Schulen. Hier lebt etwa die Hälfte aller Kinder von staatlichen »Transferleistungen«. Hier kommen auf 1000 Einwohner 130 »Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften«. Das ist der erste Platz in Deutschland. Oder der letzte.

Was passiert, wenn man sich der Unterschicht einmal von unten nähert?

Überdurchschnittlich scheint in Neukölln vor allem das Unterdurchschnittliche zu sein. Die Frage ist: Was passiert, wenn man sich der Unterschicht mal nicht von oben nähert, sondern von noch weiter unten?

Nach einer Viertelstunde fällt die erste Münze in den Becher. Die zweite. Die dritte. Die vierte. Wir hören ein: »Für euch, ja? Macht’s gut.« Ein Mann lädt Obst aus einem Kastenwagen und reicht im Vorbeigehen eine Tüte Teigfladen herunter, Aufdruck »Arslan«. Ein junger Radfahrer erzählt von einem besetzten Haus in Berlin-Mitte, »Köpi 137«, und beschreibt den Weg dorthin so kundig, als hätten Touristen ihn nach einem netten Restaurant gefragt. »Da könnt ihr sicher schlafen«, sagt er.

Und dann steht da plötzlich dieser Kerl: breites Kreuz, dunkler Bartschatten, raspelkurzes Haar. In seinen Händen zwei Tüten Capri-Sonne, Geschmacksrichtung Orange. Er ist eben aus dem Netto-Markt gekommen. Er muss sie dort für uns gekauft haben. Er geht zu einem alten VW Golf, steigt ein, steigt aus und kommt zurück mit sechs Mandarinen und einer Visitenkarte, darauf die Libanon-Zeder und die Adresse eines Lokals.

»Ich bin Habib«, sagt der Mann. »Meine Nummer steht auf der Karte. Ich hab einen Laden hier um die Ecke. Ihr seid immer meine Gäste.«

Es ist beschämend. Nicht nur des Bettelns wegen. Sondern weil dieses Betteln eine Lüge ist. Eine Lüge zwar, die helfen soll, die Wahrheit zu erkunden. Doch auch eine, mit der wir ausgerechnet die Wohlgesinnten hintergehen. Wir ahnen nicht, welche Folgen das noch haben wird.

So ziehen wir durch Neukölln, treiben langsam im schnellen Strom der Menschen. Sonnenallee, Hermannplatz, Karl-Marx-Straße. Woran erkennt man Armut in einem reichen Land? Und das Wissen darum? An der Frau, die aus der U-Bahn steigt und ihre Fahrkarte in den Ticketautomaten klemmt, damit ein anderer sie noch mal benutzen kann? An den vielen Werkstätten, in denen Waschmaschinen repariert und weiterverkauft werden? Neukölln ist auf nervöse Weise nachhaltig und auf bunte Art hässlich. In den Schaufenstern blinken die Buchstaben-Kombinationen O-P-E-N, N-A-I-L-S und I-N-T-E-R-N-E-T. Die Geschäfte tragen schmucklose Namen, die Bäckerei heißt »Bäckerei«, der Computershop »Computer Fachmann«, die Kneipe »Treffpunkt« und der Kindermodeladen »Pupser«. Nur Sein, kein Schein.

Ein Versuch, die Szenerie zu lesen: Neukölln hat sich zwar auf die permanente Anwesenheit arbeitsloser Männer eingerichtet, aber nach Abhängen darf nichts aussehen. Es gibt kaum Verweilcafés, in denen man nur sitzt und Zeit verschenkt, alles ist mit einem Zweck verknüpft: Internetcafé, Telecafé, Waschsaloncafé. Sogar die vielen Wettbüros suggerieren Gewissenhaftigkeit und Expertentum: als werde hier kein Geld verzockt, sondern verdient. Wie an der Börse. Nur dass auf den Monitoren nicht der Dow Jones Schicksal spielt, sondern Hertha gegen Cottbus.

Inmitten dieser Stadt, die von Alltagskämpfen und auch von Autosuggestion erzählt, stehen wir: das eingestandene Scheitern.

Durch die Dämmerung in Richtung Spree. Wie ein dunkler Fels ragt ein Häuserblock in den schwefelgelben Nachthimmel. Das Köpi 137, von dem der Radfahrer erzählt hat. Bei Wikipedia hat es einen längeren Eintrag als das gleichnamige Bier: ein gut hundert Jahre alter Bau, nach dem Mauerfall besetzt von Punks und Autonomen, seitdem ein Hin und Her aus Räumungsklagen und Zwangsversteigerungsterminen, illegalen Kellerdiskotheken und hochfliegenden Maklerträumen. 1.900 Quadratmeter Grundstück in zentraler Lage, umkämpft in einem Stellungskrieg zwischen Stadtguerilla und Spekulanten.

Im Hof streunen Hunde durch verkeilten Sperrmüll. Funzeliges Licht, Plakate, Graffiti: No Photo! Fuck off. Ein Spruch auf der Brandmauer – »Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen Oben und Unten« – hat es sogar zu Postkartenprominenz gebracht.

Eine Frau mit Nasenring schlappt durch den Hof.

Wir holen Luft. »Entschuldigung, wir sind obdachlos und wollten fragen, ob...«

»Keine Zeit, im AGH ist Plenum!« Sie verschwindet hinter einer schweren Stahltür.

AGH? Was mag das sein? Abgeordnetenhaus? Arbeitsgelegenheit?

»Wir sind nicht so offen für Externe«, heißt es in einem besetzten Haus

Es ist Trotz, der uns zur Tür treibt. Ein Ruck, ein Knarren – Licht. An die dreißig Männer und Frauen, nicht mehr jung und noch nicht alt. Ein Tresen, Bier und Zigaretten. Das AGH. Eine Kneipe, die nicht Kneipe heißen darf. Das Gespräch verstummt, es ist nicht mehr auszumachen, ob es gerade um die Rettung des Regenwaldes oder der Regenrinne ging. Entgeisterte Blicke, als hätten wir ein linkes Konklave gestört.

»Entschuldigung, wir sind obdachlos und wollten fragen, ob...«

»Sorry, we are no guesthouse«, ruft ein Rastamann.

»Dieses Projekt ist nicht so offen für Externe«, sagt ein Typ mit blauem Irokesenkamm. »Wir sind da restriktiv.«

Synchrones Nicken wie an jedem deutschen Stammtisch. Das Plenum klärt: Es will das jetzt nicht klären. Stand nicht auf der Tagesordnung, war nicht zu erwarten. Ein Haufen Hausbesetzer verteidigt in Bürokratensprache seine Besitzansprüche. Kein Wort des Bedauerns. Tür zu. Fuck off.

Ein Bett? Findet sich schließlich in der evangelischen Bekenntniskirche Treptow. Gemeinsam mit dem Berliner Senat und einigen Wohlfahrtsverbänden betreiben die Kirchen in der Hauptstadt eine »Kältehilfe«, reihum öffnen sie im Winter ihre Gemeindehäuser für die Wohnungslosen. Die Sache funktioniert wie ein Wochenplan: Für jeden Abend ist eine andere Adresse eingetragen.

Wir schlafen in einem Abstellraum mit Schorsch, einem alten, grau gelockten Mann, dessen abwaschbare Matratze auf einer Tiefkühltruhe liegt. »Weil ick nich jern au’m Boden penn«, sagt er. Ansonsten redet Schorsch nicht viel, reglos ruht er auf der Truhe, wie eine Steinstatue auf einem Sarkophag. Er hält sich ein Kofferradio ans Ohr, als wäre es ein Kuscheltier. Deutschlandradio Kultur. Die Nachrichten. »Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan ... Bericht zur Lage der Rentenversicherung ... streitet die Koalition in Berlin über Änderungen am Armutsbericht der Bundesregierung.« Die Meldungen stammen aus dieser Stadt, klingen aber wie von einem anderen Stern.

Kurz nach dem Wetterbericht beginnt Schorsch zu schnarchen. Die Truhe brummt. Wir liegen wach und grübeln: Nun gibt uns ausgerechnet die bei den Punks verhasste »reaktionäre« Kirche Obdach, unterstützt von jenem fürsorglichen Staat, an den die Kronberger uns vor einem Jahr verwiesen – froh darum, dass dessen Notunterkünfte und Asylantenheime nicht ihren eigenen Ort verschandeln. Warum hat Habib Hilfe angeboten, die Punker aber nicht? Weil sie eingekapselt sind in Selbstgefälligkeit? Kann man Mitgefühl trainieren wie einen Muskel? Muss es nur ausreichend Anlass dafür im Alltag geben? Haltungsübungen humaner Art?

Der Soziologe Berthold Vogel hatte uns wenig Hoffnung gemacht, bevor wir uns auf diese Expedition begaben. Mit dieser »Feldforschung« würden wir zwar die »Hinterbühne« eines Stadtteils betreten, eine Welt, die Wissenschaftler wie er mit ihren Befragungen schlecht erreichten. »Und anders als in Kronberg werden Sie in Neukölln auch auf Infrastruktur treffen«, vermutete er. »Aber nicht auf große Solidarität.«

Vogel ist Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und Projektleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Auch in ärmeren Vierteln, hatte er gesagt, beobachte er ein »großes Abgrenzungsspiel der Menschen untereinander. Oft heißt es: Wenn Sie die wirklich Armen treffen wollen, müssen Sie drei Straßen weiter.« Selbst die Unterschicht trenne noch einmal in »Etablierte und Außenseiter«, ganz nach dem berühmten Buch von Norbert Elias.

Bei der Bundestagswahl 2009 bekam die FDP in Neukölln 12,8 Prozent der Zweitstimmen, gut einen Prozentpunkt mehr als im Berliner Schnitt.

Eine Frage nur, im Stadtbad: »Dürften wir bei Ihnen duschen?«

Für den Soziologen Vogel ist das mehr als eine Selbstadelung zum Siegertyp unter Verlierern. In einem Viertel wie Neukölln leben Langzeitarbeitslose und Kleinunternehmer, bildungsferne und bildungsnahe Familien, Absteiger und Aufsteiger. Vogel sprach von einem »Bemühen um Wohlanständigkeit« gerade bei Menschen, die sich auf der Kippe befinden: »Die trinken nicht, tun das Möglichste, sich gut anzuziehen und ihre Kinder zu einem Schulabschluss zu bringen, was unter diesen Umständen weit mehr Kraft kostet als in der Mittelschicht.« In einem Obdachlosenpaar könnten die Menschen eine »soziale Ansteckungsgefahr« sehen, abweisend und sogar aggressiv auf zwei Gestalten reagieren, die allein durch ihre Anwesenheit das Klischee vom verwahrlosten Viertel bestätigen.

Und Vogel erinnerte an Karl Marx: Sogar der vermeintliche Anwalt aller Armen trennte die Untersten kühl in »Proletariat« und »Lumpenproletariat«, das er mitleidlos als »Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen« beschrieb. Obdachlose, Prostituierte und Alkoholiker waren für ihn ideologiefreies Gesindel, nutzlos für den Klassenkampf und nicht weiter unterstützenswert.

Heute, glaubt Vogel, sei die Lage noch komplizierter, weil auch die Arbeiterklasse selbst zersplittert sei: Wo es früher die tausendköpfige Belegschaft einer die Stadt oder das Viertel dominierenden Fabrik gegeben habe, geborgen in Werkssiedlung und Arbeitersportverein, homogen in Herkunft, Sprache, Religion – da kämpfe jetzt ein »atomisiertes Dienstleistungsproletariat« um Anschluss an die Mittelschicht. Prekär beschäftigte Friseurinnen, scheinselbstständige Wurstverkäufer, Leiharbeiter. Tausend kleine Ich-AGs. Alle auf sich allein gestellt, jeder für sich.

In den folgenden Tagen machen wir Probebohrungen durch die Gesellschaftsschichten Neuköllns. Unsere Legende: Nadine und Henning, ein heruntergekommenes Pärchen aus Hamburg, bisschen naiv, bisschen faul, viel Pech gehabt mit Job und Wohnung. Seit ein paar Wochen in Berlin, weil’s hier billiger sein soll. Aber leider...

Wir laufen fast jede Straße in den Gründerzeitvierteln ab, nur nicht den äußersten Norden, der mittlerweile von Yuppies aus Kreuzberg in Besitz genommen ist, und auch nicht den äußersten Süden, wo der Bezirk in Reihenhaussiedlungen, Gewerbegebieten und Schrebergärten ausfranst. Regen malt Ränder auf die Schuhe, Matsch marmoriert die Hosensäume. Straßenpatina, Echtheitszertifikate für unsere Lügenrollen.

Wir betteln. Einen Obstverkäufer auf dem als Drogenrevier verrufenen Hermannplatz bitten wir um altes Obst. Er packt eine Tüte voller Äpfel und Mandarinen. Eine Kopftuchträgerin in einem Billigladen fragen wir nach Socken. Sie erkundigt sich nach unseren Schuhgrößen und gibt uns drei Paar zu je 1,99 Euro, nimmt aber nur 50 Cent dafür. Eine beschürzte Verkäuferin in einer rosa getünchten Konditorei bitten wir um ein Stück Brot vom Vortag. Sie schenkt uns frisches Blätterteiggebäck, gefüllt mit Quark und Honig.

Wir fragen in Parteibüros nach Übernachtungsmöglichkeiten und bekommen Rat bei Linken und Grünen. CDU und SPD lassen die seltsamen Besucher nicht über die Schwelle.

Wir stellen uns im Stadtbad in die Warteschlange, um Ungeheuerliches zu erbitten: »Dürften wir bei Ihnen duschen?« Das Stadtbad Neukölln ist im Stil einer römischen Therme erbaut. Marmor, Säulen, Statuen. Zu schön für zwei Penner. Zu teuer auch: vier Euro pro Person. Hinter dem Glas des Kassenhäuschens: Schweigen, Zögern. Dann werden zwei kostenlose Tickets herausgeschoben, eigentlich für Schwimmtrainer bestimmt. Ein Flüstern: »Ist aber eine Ausnahme.« Schließlich ist da ein Chef. Sind da Regeln und Tarife. Ein Dienst-nach-Vorschrift-Nein wäre einfacher, gefahrloser gewesen.

Doch dann fragen wir nach Arbeit. In Wettbüros, bei Entrümplern und Werkstätten. Überall läuft es ähnlich. In einem Trödelladen klemmt ein dicker Mann – vermutlich der Chef – in seinem Stuhl, die Hände auf dem Bauch gefaltet, links und rechts je eine Wasserstoffblondine. Ein Kiezkönig, der durch uns hindurchschaut. Trödler leben nicht von Mitgefühl. Das wäre geschäftsschädigend in einem Gewerbe, dem jede Wirtschaftskrise und jede Wohnungsauflösung Möbel wie Treibgut in die Läden spült, Reste zerschmetterter Existenzen. Reglos lauscht der Boss unserem Anliegen, dann deutet er mit vorgeschobenem Kinn auf eine Reihe von Notizzetteln und blafft: »Kiek ma, wat ich hier schon für Nummern hängen hab.«

Wir lernen: Arbeit scheint in Neukölln ein knapperes Gut zu sein als ein Essen, eine Dusche, ein Schlafplatz. Mit der Frage nach einem Job ist die Grenze zum Unzumutbaren überschritten.

Ist es denkbar, dass ein altes Arbeiterquartier – trotz der Sprach- und Werteverwirrung der Menschen aus rund 150 Herkunftsländern – ein kollektives Gedächtnis hat? Eine von Hiobsbotschaften wund gescheuerte Seele? Verschorft mit trotzigem Stolz?

Schon von der Gründung Neuköllns erzählen Historiker Schlechtes: Vor gut hundert Jahren, als Neukölln noch Rixdorf hieß, zählten die Menschen hier zu den Ärmsten im Reich. Sie hofften auf Arbeit in den Fabriken Berlins. Innerhalb von drei Jahrzehnten strömten 140.000 Menschen nach Rixdorf. Die Lebensbedingungen waren katastrophal: Fünf Familien teilten sich eine Toilette. Freitags war Lohntütenball, die Polka In Rixdorf ist Musike erzählt noch heute davon. Es wurde getanzt, getrunken, gestritten. In Armut und Enge gedieh das Verbrechen. In der Rixdorfer Zeitung berichtete ein Reporter 1908 über »allerlei lichtscheues Gesindel«: »Ein Messerstich war hier jederzeit gefällig.« Vier Jahre später wurde Rixdorf in Neukölln umbenannt. Der Grund, welch Ironie: der schlechte Ruf Rixdorfs.

Neukölln im Zeitraffer: Das ist schneller Aufstieg und rasanter Absturz, vor allem nach der Wende. Mitte der Neunziger machte der Kraft-Konzern sein »Lila Pause«-Werk dicht – fünf Jahre nachdem es mit Millionensubventionen errichtet worden war. Zur Jahrtausendwende schloss Alcatel sein Kabelwerk und baute es in Polen wieder auf. In wenigen Jahren verschwanden 20.000 Arbeitsplätze.

Neukölln ist deshalb auch: die ewige Auseinandersetzung mit alltäglicher Armut. Hier haben die Arbeiterabiturkurse ihren Ursprung. Hier baute Bruno Taut seine Hufeisensiedlung, Arbeiterwohnungen mit Bad, Balkon, Garten. Hier schuf Walter Gropius die Gropiusstadt, gut gemeinter Gigantismus für 50.000 Menschen, bekannt geworden als Heimat von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo.

Das Stadtbad, 1914 eröffnet, sollte »körperliche Ertüchtigung«, »Seuchenprävention« und »geistige Erbauung« verbinden, deshalb war in den Hallen anfangs auch eine Bibliothek untergebracht. Und noch 1990 wurden den Armen hier 80.000 »Reinigungsbäder« gewährt. Vielleicht hat das Kassenpersonal sich daran erinnert.

Der Regen hört nicht auf. Er lässt die Menschen mit Schmerzgesichtern durch die Straßen hasten. Es wird kälter.

Etwas abseits des engen Hinterhofgeschachtels ragen zwei eisweiße Minarette in den Himmel über Berlin. Die Şehitlik-Moschee. Ein prächtiger Neubau, viel osmanisches Ornament – fast so, als sei ein Konditor Architekt gewesen. Jeder fünfte Neuköllner ist Muslim, die Berlin Türk Şehitlik Camii ist die größte Moschee der Stadt, 1500 Gläubige finden hier Platz. Die Anlage ist von einer Mauer umschlossen. Vier Brandanschläge hat es in den vergangenen zwei Jahren gegeben. Sogar in Neukölln muss ein islamisches Gotteshaus geschützt werden.

Soeben ist das Nachmittagsgebet zu Ende gegangen, junge und alte Männer steigen eine weiße Marmortreppe hinab ins Freie. Einen schnauzbärtigen Mann in Lederjacke fragen wir nach dem Imam.

»Das bin ich«, sagt er. »Was kann ich tun?«

Wir stellen die übliche Frage nach einem Schlafplatz.

Sein Blick wird hart. Im Vorübergehen sagt er, nachts sei kein Mensch auf dem Gelände, nur ein Wachdienst. »Unmöglich.«

Umhüllt von einem Kokon aus Gemeindemitgliedern, geht der Imam in eine Cafeteria im Gemeindehaus. Ein Raum in Orange, kaum größer als ein Kiosk, Regale voller Süßigkeiten. Mit einem Wink lässt er einen Jungen Tee bringen. Zwei bärtige Alte hocken auf einer Bank. Getuschel auf Türkisch. Steht nicht im Koran: »Sei mitfühlend mit den Armen! Lass sie nahe bei dir sein, damit Allah dich am Tage des Gerichts nahe bei ihnen sein lässt«?

Der Imam fingert an seinem Telefon herum. Er blickt zu einem Fernseher an der Decke, in dem eine türkische Version von Verstehen Sie Spaß? läuft. Er lacht über einen Fernsehstreich. Vor einigen Wochen war der Bundespräsident zu Gast. Über den unerbetenen Besuch von heute schaut der Imam hinweg. »Sei mitfühlend mit den Armen!« – wie oft hat er diesen Satz schon gepredigt? Wir können ihn nicht fragen. Er steht auf und geht. Ohne einen Blick, ohne einen Gruß.

In Kronberg hatte der Pfarrer, gepeinigt von seinem Wissen um die hehren Worte in der Bibel, mit sich gerungen. War noch einmal in seinem Pfarrhaus verschwunden und nach einigen Minuten zurück an die Pforte gekommen mit zwanzig Euro, der Adresse einer entlegenen Jugendherberge und einer Plastiktüte, in die er hastig fast all seine Vorräte gestopft hatte: Brot, Käse, Wurst, Tomaten, Äpfel, Orangen, Wasser, Kekse, Gummibärchen.

In Neukölln verschwindet der Imam mit Widerwillen im Gesicht. Es ist ein anderer Mann im Moscheecafé, der Allahs Worte in die Tat umsetzt. Ein Taxifahrer. Er telefoniert unermüdlich Obdachlosenunterkünfte ab, bis er einen Platz gefunden hat. Er entschuldigt sich, dass er nicht mehr tun könne, »aber so was wie die Caritas bei euch Christen gibt es bei uns Muslimen in Deutschland leider nicht«. Zum Abschied sagt er: »Ich werde euch in meine Gebete einschließen. Ich werde für euch beten. Und ich hoffe, dass ihr bald ein anständiges Leben führt.«

Es ist paradox: Neukölln ist geröntgt von Soziologen, ausgeleuchtet von den Medien, auf 397 Seiten vom eigenen Bürgermeister analysiert. Die Arbeitslosigkeit, die Agonie, die Aggression. Gerade weil alles so ausführlich erzählt ist, rechnen wir stets mit etwas Unerwartetem, an jeder Straßenecke, bei jeder Begegnung.

Kronberg war anders. Die Einwohner in sicherer Halbdistanz, verborgen hinter Hauseinfahrten mit Kameraaugen und namenlosen Klingelschildern, wir nicht ihnen ausgeliefert und sie nicht uns. Der soziale Status zementiert, auch baulich. Eine Zugezogene erzählte damals, sie habe vor einer Urlaubsreise die Nachbarn gebeten, in ihrem Haus nach Post zu schauen, die Blumen zu gießen. »Aber die verstanden meine Bitte gar nicht. Die haben alle Personal.«

In Neukölln kann niemand dem anderen ausweichen. Bleibt man einfach mal sitzen im Rein und Raus der Teestuben, wird klar, wie viel Verbindlichkeit sich im scheinbar unverbindlichen Trubel versteckt: Viele Gäste werden mit Handschlag über die Theke hinweg begrüßt, der Chef erkundigt sich, wie es den Kindern geht, Schüler brüten über ihren Hausaufgaben – und die Frage »Was geht, Alter?« ist mehr als Ghettokid-Folklore. Uns helfen vor allem jene, die »parterre geblieben« sind, wie die Berliner sagen, auch charakterlich nicht abgehoben. Kompliziert wird es, wie der Soziologe Vogel meinte, bei denen, die zum Stadtteil-Establishment gehören wie der Imam. Oder die sich als Establishment empfinden, ob ökonomisch wie der Trödler oder moralisch wie die Punks.

Damit bestätigen sich wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Vereinigten Staaten: In mehreren Studien haben Psychologen der University of California erforscht, ob Arme hilfsbereiter sind als Reiche, Außenseiter mitfühlender als Etablierte. Sie zeigten Probanden Bilder krebskranker Kinder und maßen dabei deren Puls. Sie ließen beiläufig Stifte fallen, um zu schauen, wer sie aufhob. Sie baten Gesprächsgruppen, 5.000 Dollar untereinander zu teilen. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: Das Einfühlungsvermögen der Menschen mit niedrigerem sozialem Status war größer. »Personen aus unteren sozialen Schichten sind im Alltag stärker auf Kooperation angewiesen als Menschen aus reichen Haushalten«, folgerte Studienleiter Michael Kraus. Da sie selber Sorgen kennen, »entwickeln sie ein besseres Gespür für die Emotionen ihrer Mitmenschen«.

In der Moschee ermahnt man uns, ein »anständiges Leben« zu führen

Es ist schon fast irritierend: Mehrere Tage mussten verstreichen, wir mussten erst über die Schwelle einer Moschee treten, unter die Augen eines autoritären Geistlichen, bis mal so etwas wie Missbilligung zu hören war. Der höflich vorgetragene Appell, uns um ein »anständiges« Leben zu bemühen.

Es gibt ein paar Orte in Neukölln, die regelrecht verrufen sind. Problem-Problemviertel sozusagen. Eines ist die Okerstraße. Wegen überbelegter Wohnungen, verwahrloster Kinder und Rattenplagen müht sich hier eine Taskforce des Bezirks, Buschkowskys Blauhelme. Wir wollen klingeln und nach Obdach fragen.

Als wir zwecks Anpassung in einem Lottoladen ein Bier kaufen, treffen wir Dirk, der eben noch dem klapprigen Ingo die schweren Aldi-Tüten die Treppe hochtragen will. »Dann hab ich Zeit«, sagt er. Wenig später kommt er wieder und hat Schlafplätze in einer 24-Stunden-Kneipe um die Ecke klargemacht.

»Da könnt ihr knacken«, sagt er.

Dirk trägt ein Basecap, den Schirm wie ein Visier in sein Gesicht gezogen. Neben seinem rechten Auge eine Narbe wie bei Franck Ribéry. Unter dem Ladenschild mit der Aufschrift »Freundlichkeit und Nachbarschaft« erzählt Dirk von vier Jahren bei der Bundeswehr, von Auslandseinsätzen und davon, dass er jetzt nachts bei Penny putzt.

Der Lottoladen in der Okerstraße ist so etwas wie eine Nachbarschafts-Oase. Bier und Kaffee: 50 Cent. Nach einer Viertelstunde kennen wir die Anwesenden mit Vornamen: Da ist Helga, die in der B.Z. lesen darf, ohne zu bezahlen, solange sie die Zeitung ordentlich gefaltet wieder weglegt. Da ist Kerstin, die für die anderen strickt und näht und häkelt. Da ist Sebastian, der Computer repariert. Da ist Hotte, der Fahrräder flottmacht. Und da ist der stille Klaus, der von Dirk gehört hat, dass gerade zwei komische Vögel einen Platz zum Schlafen suchen, und deshalb die Straße rübergeht zu einer »interkulturellen« Sozialberatungsstelle, weshalb Funda, eine Sozialarbeiterin, zu uns in den Lottoladen eilt.

Funda sucht dann weitere Schlafmöglichkeiten raus und rät uns, Hartz IV zu beantragen. Sie habe die Formulare im Computer. Ausdrucken, ausfüllen, abgeben, fertig. »Die auf dem Amt stressen zwar, weil es hier schon so viele gibt. Aber das kriegen wir hin.«

Man kann noch nicht mal ein Bier trinken, schon ist im Bezirk der Barmherzigen eine Sozialarbeiterin zur Stelle! Wie kommen wir da nur wieder raus?

Für diesen Abend steht auf dem Wochenplan: die katholische St.-Richard-Kirche. In derselben Straße hat der Skatklub Universum – »gegründet 1958« – seine Vereinsräume. Altes, biederes, weißes West-Berlin.

Schummrig gelbes Licht fällt durch ein Fenster auf die Straße. Hinter grau gerauchten Gardinen sind schemenhaft Menschen in grob gemusterten Wollpullovern zu erkennen. Mit Plastikholz vertäfelte Wände. Regalbretter voller Pokale. Auf einem Tisch eine Flasche Korn. Männergedröhn.

Durch den Türspalt fragen wir, ob wir uns aufwärmen dürfen. Eine Stunde vielleicht. Bis die Kirche drüben öffnet.

»Nee.«

»Doch!«, ruft ein Mann mit Bürstenschnitt und Kugelbauch. »Is ja bald Weihnachten.« Berliner Schnauze wie Harald Juhnke.

»Wir können aber kein Skat«, sagen wir.

»Jeht den meisten hier so!«

Brüllendes Gelächter. Der Mann mit dem Bürstenschnitt stellt sich mit »Ick bin der Andy« vor und führt uns zu einem abgelegenen Tisch, über dem Porträts verstorbener Clubmitglieder hängen: Detlef, Franz, Erhard, Rudi. Naturbelassene Gesichter. Andy bringt Kaffee, setzt sich, fragt nach unserer Geschichte und erzählt seine: wie er früher mit dem Lastwagen durch ganz Europa fuhr, wie ihm während einer Tour per Telefon gekündigt wurde und er seinen Wagen auf einem Parkplatz abstellen musste, irgendwo bei Leipzig. Danach Arbeitslosengeld, Hartz IV und »mit der Miete in der Brenne«. Platte gemacht habe er auch schon, sagt Andy. Zwei Jahre Umschulung, jetzt ist er Steuerfachangestellter bei einer Steuerberaterin. Und im Nebenjob Kellner. Und Neukölln-Pokalsieger im Skat.

»Ick seh dat so«, sagt er: »Am Ende wird alles jut. Und wenn’s nich jut wird, is es noch nich das Ende!« Er kenne eine Vermieterin, die werde er morgen nach einem Zimmer fragen.

»Wo kannste leben ohne Geld? Das gibt’s nur in Berlin!«, sagt Hajo

In der Zeit, die noch bleibt, führt Andy uns in den komplizierten Mikrokosmos des Vereinslebens ein: Der Tod kommt schneller als neue Mitglieder. Sie sind nur noch zu neunt. Zu wenige, um die Monatsmiete von 400 Euro zu bezahlen – zumal die ertrunken werden muss, was die Sache bei abnehmender Mitgliederzahl zunehmend verkompliziert. Von jedem Pils, Korn, Kümmerling und Wasser gehen ein paar Cent in die Vereinskasse. Es ist verzwickt: Wer mehr trinkt, sichert zwar das Überleben des Vereins, verliert aber seine Spiele. »Manche gehen hier nur mit fünf, sechs Getränken am Abend raus«, grummelt Andy. »Kann ja wohl nich sein.«

Wir nicken.

Die Lüge als Werkzeug des Journalisten, als Stemmeisen, mit dem er sich Zugang zu Parallelwelten verschafft: Diese Methode – in Kronberg als Einbruch empfunden – erschließt in Neukölln einen Kosmos, der sich am Ende nicht mal mehr an die Prognosen unseres Soziologen hält. Andy und seine Skatbrüder, das sind ja die »Wohlanständigen«, die uns eigentlich verjagen müssten, aus Angst vor »sozialer Ansteckungsgefahr«.

Aber was macht Andy? Schreibt sich unsere Handynummer auf und gibt uns zwei Kartenspiele mit. Gegen die Kirchenlangeweile.

»Ick meld mich«, sagt er. »Bestimmt.«

Spende für die Kältehilfe

Erstaunt waren sie schon, die Helfer von Neukölln, als unsere Autoren sie nach dem Ende ihrer Recherche in das journalistische Experiment einweihten – besonders überrascht waren sie allerdings darüber, dass eine Zeitung ihr Ausmaß an Hilfsbereitschaft für berichtenswert hält. »Ist doch normal«, sagte einer der Eingeweihten. Die ZEIT war auf diesen guten Willen ein zweites Mal angewiesen: um einige der Ereignisse für Fotos nachstellen zu können. Den Gegenwert aller Geld- und Sachspenden, auch aller Kosten, die beide Autoren durch ihren Aufenthalt in den Notunterkünften verursacht haben, hat die ZEIT an Kirchengemeinden und die »Berliner Kältehilfe« weitergeleitet. Die Kältehilfe (www.kaeltehilfe-berlin.de; Spendenkonto: GEBEWO – Soziale Dienste, Konto 3360102, BLZ 10020500, Bank für Sozialwirtschaft, Verwendungszweck Kältehilfe) koordiniert in jedem Winter die Unterbringung, Verpflegung und medizinische Betreuung wohnungsloser Menschen in der Hauptstadt.

Im Gemeindesaal der St.-Richard-Kirche sind die Tische zu Inseln gruppiert wie in einem Kindergarten. Etwa dreißig Männer und Frauen beugen sich über Schweinsbraten und Kartoffelbrei. Wir kennen inzwischen einige von ihnen, sie folgen dem Glücksrad-Pfeil wie eine Karawane. Mit einem eigentümlichen Arbeitsethos ziehen sie durch die Stadt: So, wie sich die Belegschaft einer Firma abends in die Freizeit verabschiedet und sich morgens zur Arbeit wiedersieht, finden sich die Obdachlosen abends in immergleicher Runde zum Essen, Reden, Schlafen ein und verschwinden nach dem Frühstück in den Tag. Da ist die bleiche Marianne, deren Husten den Schlaf der anderen zerreißt. Da ist die stille Annelie, die ihr Lager unter einem Tisch ausbreitet, als schliefe sie in einem Himmelbett. Da ist Rainer, ein hutzeliger Kerl, der stundenlang erzählt, er lebe auf der Straße, weil ein »Geheimgericht« ihn zu »Klapsmühle« verurteilt habe. Und da ist Hajo, ein großer, schlanker Mann, dessen frühere Attraktivität noch zu erahnen ist an seinem Grübchenkinn und an dem vollen Haar, der sich aber trippelnd an den Wänden entlangtastet, seit ihm der Grüne Star die Augen trübt.

Stummes Kauen, Nasenschniefen, zufriedenes Seufzen an den Tischen. Eine Szene wie aus Maxim Gorkis Nachtasyl, diesem Elendsdrama aus einem Notquartier, in dem es heißt: »Der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben.«

Doch sogar hier, ganz unten, tut sich ein Zwiespalt auf: Nach dem Abendessen verschwindet die Hälfte der Gäste. Es sind die, die der halb blinde Hajo verächtlich »Touristen« nennt. Schmarotzer, von denen alle hier wissen, dass sie ein Zuhause, ein Bett, ein Auskommen haben.

Selbst Hajo reißt am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, Witze. »Wo kannste leben ohne Geld? Das ist weltweit einmalig. Das gibt’s nur in Berlin! Hier gibt’s sogar Einrichtungen für schwangere Männer, sag ich immer. Ich mein’: Ich hab grade fünf Spiegeleier verdrückt. Und jetzt kommen noch die ganzen Weihnachtsessen, da macht ja jede Einrichtung mit.«

Als der gutmütige, dicke Mann von der Gemeinde sagt, die Leute müssten »jetzt leider gehen – wer länger bleibt, hilft spülen«, raffen alle sofort ihr Zeug zusammen.

Zu viel Hilfe: Kann es das geben? Ja und nein. Für die Verlorenen wie Hajo, Annelie und Marianne ist dieses System die Rettung. Dass es auch die »Touristen« nährt, ist eine Art Kollateralschaden im Kampf gegen die Verwahrlosung. Bedingungslose Nächstenliebe, das bedeutet hier nämlich: Niemand wird um seine Personalien gebeten, niemand wird hinterfragt, niemand abgewiesen. Nicht die echten Betrüger und nicht die falschen, also wir.

Ein Tag vergeht, Schnee setzt den Autos Mützen auf. Ein neuer Tag beginnt, es ist der erste Advent, da ruft Andy aus dem Skatklub an. Mit dem Zimmer hat es leider nicht geklappt.

»Aber ick hab’n Job für Nadine!«

In die Vereinsgaststätte einer Schrebergartenkolonie sollen wir kommen.

Wo?

»Am Buschkrug.«

Wann?

»Am besten, ihr kommt gleich rum.«

Was für eine Fügung! Es gibt zig Einwände gegen diese Geschichte. Man kann sie als konstruiert empfinden, als bigott, als falsch. Spätestens in diesem Moment entgleitet sie unserer Kontrolle – und wird echt. Weil Andy, der Kartenspieler, sie in seine Hände nimmt.

Wir hasten durch die sonntagsstille Stadt in Richtung Kleingärten. Im menschenwarmen Dunst des Vereinsheims mindestens hundert Gäste vor einem Weihnachtsbaum. Zwischen den Tischreihen Andy, tänzelnd vor Stolz, als er uns entdeckt. Er hilft hier einmal in der Woche aus. »Ick hab den Chef na’m Job gefragt«, sagt er, »den Rüdiger, der kommt gleich.«

Nach ein paar Minuten tritt ein Mann mit schwarzem Pullover und schweren Tränensäcken zu uns. »Dann sach ick erst mal Juten Tach«, sagt er. »Ick bin der Rüdiger.« Aufgeraute Stimme. Autorität eines väterlichen Patrons. Hinter ihm macht Andy einen langen Hals, aus Nervosität und Neugier.

Mit einer Zigarette zwischen den Lippen klärt Rüdiger die Fakten: 421 Parzellen, viele Leute mit Hunger, Durst und Redebedarf. Fünf Tage in der Woche hat das Vereinsheim geöffnet, im Winter von 11 bis 18 Uhr. Mittwochs ist Darts, da geht es schon mal bis Mitternacht. Dazu kommen Vereinssitzungen und Geburtstage »mit Kuchen und dem Scheiß« – all die Events einer geselligen Gesellschaftsschicht. Rüdiger sagt, er brauche für zwei, drei Tage in der Woche eine neue Arbeitskraft, als Kellnerin.

»Wann kannst’n anfangen?«

So endet die Weihnachtsgeschichte von Neukölln. Diesem unberechenbaren Berlin-Bethlehem, wo sich zwar keine Krippe fand, »Maria« aber in einer Kneipe kellnern könnte. Wo Andy seinen Worten Taten folgen lässt. Wo Dirk den Penny putzt. Wo Schorsch auf einer Tiefkühltruhe schläft. Wo sich Hajo auf die Weihnachtsessen freut. Wo Habib uns zum Essen einlud. Und wo »Josef« sich jetzt auf den Weg zu Funda macht, um einen Antrag auf Hartz IV zu stellen, mit Verweis auf seine tischlerischen Fähigkeiten.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Bei dem Vergleich der Spenden sollte man nicht vergessen, dass Neukölln um einiges dichter bevöhlkert ist, als die Villenvierteln in Kronberg. Das man dann eher Menschen findet, welche einen helfen ist hierbei nicht wirklich verwunderlich. Allein deshalb sind beide Fälle schon mal schlecht zu vergleichen.

    Eine Leserempfehlung
    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:22 Uhr

    Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

    Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nein. (der mann schreibt sich übr. 'bertolt'.)
    aber lassen Sie sich's nicht verdrießen. mit brechts lyrik konnten und können nur wenige mithalten.
    gedanken würde ich mir eher um den naiv-kurzschlüssigen kapitalismusbegriff machen, den Sie sich da zusammengereimt haben. das kapitalverhältnis ist das bis in die privatesten regungen hinein formbestimmende prinzip dieser gesellschaft. ob und wie "heiß und innig" Sie ihn lieben, interessiert den kapitalimus nicht die bohne.

    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:41 Uhr

    - Und was ist das Fazit der G'schicht? Hartherziger Kapitalist(Kronberg) und solidarischer Proletarist(Neukölln).

    Na, dann ist ja die kuschelige, vertraute Schwarzweiss-Welt für alle vom 89ziger Frust gezeichneten Neo-Marxisten und "kritischen Kapitalismusfreunde" gottseidank wieder heile-heile.

    Frohe nochweihnachtliche Grüße,
    Medley

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das erinnert doch eher an bürgerliche elendsidylliker à la zille als an 'neomarxisten'.
    ein marxist, ob 'neo' oder 'old school', würde hier doch sicher die grundbürgerliche marotte diagnostiszieren, gesellschaftliche widersprüche zu individualisieren und so die 'objektive formbestimmtheit' der beschriebenen lebensverhältnisse zu verkleistern - und hätte damit wohl recht.

  2. frei, dem nächstbesten Obdachlosen auf der Straße zumindest Geld anzubieten, oder nicht? Ich würde ja garnicht verlangen, daß er diesen mit in sein Haus oder seine Wohnung nimmt - aber schnell mal in die Tasche zu greifen und dem Bettler auf der Kö oder der Zeil 10 Euro in die Hand zu drücken, ist ihm unbenommen.
    Fakt ist aber doch, daß viele Menschen und darunter auch die Reichen mit der direkten Not nicht konfrontiert werden möchten - eine Spendengala im Nobelhotel ist da was andres, da gibts sicherlich noch ein gutes Essen und Sekt dazu, da werden aber KEINE Obdachlosen vorgeführt und deren Leben geschildert. Die Reportage vom letzten Jahr zeigt das deutlich.
    Es ist natürlich einfacher, im Auto an den Armen vorbeizufahren und sich zu sagen, ich gehe nächste Woche sowieso ins Steigenberger (hier kann man wahlweise auch Schloßhotel o. ä. einsetzen) und spende da im Kreise Gleichbemittelter und Gleichgesinnter - bloß nicht die Finger schmutzig machen und sich womöglich persönlich kümmern.
    Und wie schon im Beitrag erwähnt: von oben erscheinen vermutlich alle diejenigen, die nicht dem eigenen Stand entsprechen, als Versager; warum haben die es nicht geschafft, wenn man es selber doch auch geschafft hat? Daß viele Vermögen ererbt sind bzw. nur mit guten Voraussetzungen (Bildung, Studium) erarbeitet werden konnten, wird dann gerne vergessen.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ursache-Wirkung?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wirft, wenn er auf der Zeil geht, hat wohl keinen Plan. Die Menschen, die ich kenne, finanzieren von dem, was sie über haben, z.B. ein Stipendium für einen Studenten oder ein Tier im städtischen Zoo oder einen Teil eines Umbaus für ein Museum oder sonst etwas in der Stadt.

    Und so machen selbst Menschen der Mittelschicht das, wenn sie etwas über haben: lieber zum Tierheim, einen Platz in der Sommerfreizeit für Schüler oder Büchergutscheine finanzieren statt mit Geld in der City hantieren.

  3. nein. (der mann schreibt sich übr. 'bertolt'.)
    aber lassen Sie sich's nicht verdrießen. mit brechts lyrik konnten und können nur wenige mithalten.
    gedanken würde ich mir eher um den naiv-kurzschlüssigen kapitalismusbegriff machen, den Sie sich da zusammengereimt haben. das kapitalverhältnis ist das bis in die privatesten regungen hinein formbestimmende prinzip dieser gesellschaft. ob und wie "heiß und innig" Sie ihn lieben, interessiert den kapitalimus nicht die bohne.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@erstaunt45"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Medley
    • 26. Dezember 2012 21:22 Uhr

    Ob sie den Sozialismus innig heiß und mit viel Herz lieben, dass interessiert die Castros, Honneckers, Stalins, Pol Pot's, die Kim Il Jung's, usw. auch nicht die Bohne. Hauptsache sie taten/tun so als ob, denn ansonsten gab/gibt es ja da noch die Kalaschnikows mit ihren blauen Bohnen, die zum Zwecke der Sympathiefestigung verschossen wurden/werden können.

  4. Sie wollen es nicht verstehen: in der Summe der Steuern zahlen Wohlhabende und Reiche mehr als Arme.

    Aber: gemessen am eigenen verfügbaren HaushaltsEinkommen zahlen Arme natürlich einen sehr viel höheren prozentualen Anteil Steuern, da sie Monat für Monat gezwungen sind, ihr gesamtes verfügbares Einkommen in voller Gänze zu verkonsumieren, ohne irgend eine Möglichkeit Steuern "abschreiben" zu können. Oder Geld um die Ecke nach Lichtenstein, in die Schweiz oder Singapur zu bringen.

    Und ganz unabhängig davon, wieviel Steuern mensch bezahlt, hier und in dem Artikel des vergangenen Jahres geht es um Empathie, Mitmenschlichkeit, praktische Alltagshilfen.

    Da lesen wir über einen eigentlich skeptisch in D betrachteten Berliner Stadtteil eben etwas ganz anderes, mitmenschlicheres als über das Reichenghetto im Taunus. Wenn nur ein Mensch aus der Story des letzten Jahres innehält und ins Grübeln gerät, wäre damit schon ein guter Zweck erfüllt.

    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke. Die Redaktion/kvk

    5 Leserempfehlungen
  5. wirft, wenn er auf der Zeil geht, hat wohl keinen Plan. Die Menschen, die ich kenne, finanzieren von dem, was sie über haben, z.B. ein Stipendium für einen Studenten oder ein Tier im städtischen Zoo oder einen Teil eines Umbaus für ein Museum oder sonst etwas in der Stadt.

    Und so machen selbst Menschen der Mittelschicht das, wenn sie etwas über haben: lieber zum Tierheim, einen Platz in der Sommerfreizeit für Schüler oder Büchergutscheine finanzieren statt mit Geld in der City hantieren.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    außerhalb Ihres gutbürgerlichen Museum-Zoo-Studium-Universums stehen, und buchstäblich auf der Straße sitzen. Da braucht man nicht mit 10ern um sich zu werfen, es reicht, mal ein, zwei Münzen abzugeben. Einfacher ist es natürlich, sowas durch Übertreibung lächerlich zu machen.

    die Rede davon, einfach mit Geld um sich zu werfen - schon garnicht im großen Stil.
    Im Übrigen bestätigen Sie meine Aussage - lieber einem Tierheim oder einem Museum etwas spenden als direkten Kontakt mit Obdachlosen zu riskieren und dabei womöglich der Realität ins Auge zu sehen.
    Nix gegen Tierheime und Museen, ich habe selber einen Hund und gehe gern ins Museum, trotzdem bin ich nicht davor gefeit, auch einen Obdachlosen auf der Straße oder im Park anzusprechen und ihm Hilfe anzubieten.

  6. Ein Berliner, der seit Jahrzehnten in Berlin als Taxifahrer arbeitete erzählte mir zum Thema "Trinkgelder" einmal folgendes:
    Die Oma aus Wedding mit ihrer kleinen Rente gibt ein hohes Trinkgeld.
    Das reich geborene Paar aus Zehlendorf schenkt Dir einen Apfel und sagt dazu: "Guter Mann, der Apfel stammt aus biologischem Anbau!" - Also ein Trinkgeld im Wert von damals 20 Pfennig und dazu noch eine nicht erbetene weltanschauliche Belehrung!

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Schlagworte Soziales Leben | Obdachlosigkeit | Obdachlose | Neukölln
Service