Soziales ExperimentMaria und Josef in Neukölln
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Was passiert, wenn man sich der Unterschicht einmal von unten nähert?

Deshalb hocken wir jetzt vor diesem Netto. Lieferwagen reißen Gischt aus dem Asphalt. Frauen mit Kopftüchern und Kinderwagen eilen vorbei. Rentner mit Rolltaschen. Männer in Malerhosen, bunt besprenkelt. Fast jeder Passant ist bepackt, beladen. Grimmige Geschäftigkeit. Spazieren geht hier niemand.

Neukölln, was für ein Forschungsfeld! Kein Stadtviertel ist den Deutschen so fremdvertraut wie dieses. Das Wort »Neukölln« ist republikweit Synonym für »Brennpunkt«. Voll Angstlust blickt die Mittelschicht hinab auf die Misere, liest schaudernd Neukölln ist überall, das Buch des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky, SPD, eine Art gedruckten Notruf, in dem Buschkowsky von »deutschen Multiproblemfamilien«, arabischen »Importbräuten« und No-go-Areas berichtet. In Neukölln hat beinahe jeder zweite Einwohner eine Migrationsgeschichte. Hier leben 315.000 Menschen, so viele wie in ganz Island, auf nur 44 Quadratkilometern Fläche. Hier patrouillieren Polizisten in schusssicheren Westen. Hier stehen Wachmänner vor Schulen. Hier lebt etwa die Hälfte aller Kinder von staatlichen »Transferleistungen«. Hier kommen auf 1000 Einwohner 130 »Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften«. Das ist der erste Platz in Deutschland. Oder der letzte.

Was passiert, wenn man sich der Unterschicht einmal von unten nähert?

Überdurchschnittlich scheint in Neukölln vor allem das Unterdurchschnittliche zu sein. Die Frage ist: Was passiert, wenn man sich der Unterschicht mal nicht von oben nähert, sondern von noch weiter unten?

Nach einer Viertelstunde fällt die erste Münze in den Becher. Die zweite. Die dritte. Die vierte. Wir hören ein: »Für euch, ja? Macht’s gut.« Ein Mann lädt Obst aus einem Kastenwagen und reicht im Vorbeigehen eine Tüte Teigfladen herunter, Aufdruck »Arslan«. Ein junger Radfahrer erzählt von einem besetzten Haus in Berlin-Mitte, »Köpi 137«, und beschreibt den Weg dorthin so kundig, als hätten Touristen ihn nach einem netten Restaurant gefragt. »Da könnt ihr sicher schlafen«, sagt er.

Und dann steht da plötzlich dieser Kerl: breites Kreuz, dunkler Bartschatten, raspelkurzes Haar. In seinen Händen zwei Tüten Capri-Sonne, Geschmacksrichtung Orange. Er ist eben aus dem Netto-Markt gekommen. Er muss sie dort für uns gekauft haben. Er geht zu einem alten VW Golf, steigt ein, steigt aus und kommt zurück mit sechs Mandarinen und einer Visitenkarte, darauf die Libanon-Zeder und die Adresse eines Lokals.

»Ich bin Habib«, sagt der Mann. »Meine Nummer steht auf der Karte. Ich hab einen Laden hier um die Ecke. Ihr seid immer meine Gäste.«

Es ist beschämend. Nicht nur des Bettelns wegen. Sondern weil dieses Betteln eine Lüge ist. Eine Lüge zwar, die helfen soll, die Wahrheit zu erkunden. Doch auch eine, mit der wir ausgerechnet die Wohlgesinnten hintergehen. Wir ahnen nicht, welche Folgen das noch haben wird.

So ziehen wir durch Neukölln, treiben langsam im schnellen Strom der Menschen. Sonnenallee, Hermannplatz, Karl-Marx-Straße. Woran erkennt man Armut in einem reichen Land? Und das Wissen darum? An der Frau, die aus der U-Bahn steigt und ihre Fahrkarte in den Ticketautomaten klemmt, damit ein anderer sie noch mal benutzen kann? An den vielen Werkstätten, in denen Waschmaschinen repariert und weiterverkauft werden? Neukölln ist auf nervöse Weise nachhaltig und auf bunte Art hässlich. In den Schaufenstern blinken die Buchstaben-Kombinationen O-P-E-N, N-A-I-L-S und I-N-T-E-R-N-E-T. Die Geschäfte tragen schmucklose Namen, die Bäckerei heißt »Bäckerei«, der Computershop »Computer Fachmann«, die Kneipe »Treffpunkt« und der Kindermodeladen »Pupser«. Nur Sein, kein Schein.

Ein Versuch, die Szenerie zu lesen: Neukölln hat sich zwar auf die permanente Anwesenheit arbeitsloser Männer eingerichtet, aber nach Abhängen darf nichts aussehen. Es gibt kaum Verweilcafés, in denen man nur sitzt und Zeit verschenkt, alles ist mit einem Zweck verknüpft: Internetcafé, Telecafé, Waschsaloncafé. Sogar die vielen Wettbüros suggerieren Gewissenhaftigkeit und Expertentum: als werde hier kein Geld verzockt, sondern verdient. Wie an der Börse. Nur dass auf den Monitoren nicht der Dow Jones Schicksal spielt, sondern Hertha gegen Cottbus.

Inmitten dieser Stadt, die von Alltagskämpfen und auch von Autosuggestion erzählt, stehen wir: das eingestandene Scheitern.

Durch die Dämmerung in Richtung Spree. Wie ein dunkler Fels ragt ein Häuserblock in den schwefelgelben Nachthimmel. Das Köpi 137, von dem der Radfahrer erzählt hat. Bei Wikipedia hat es einen längeren Eintrag als das gleichnamige Bier: ein gut hundert Jahre alter Bau, nach dem Mauerfall besetzt von Punks und Autonomen, seitdem ein Hin und Her aus Räumungsklagen und Zwangsversteigerungsterminen, illegalen Kellerdiskotheken und hochfliegenden Maklerträumen. 1.900 Quadratmeter Grundstück in zentraler Lage, umkämpft in einem Stellungskrieg zwischen Stadtguerilla und Spekulanten.

Im Hof streunen Hunde durch verkeilten Sperrmüll. Funzeliges Licht, Plakate, Graffiti: No Photo! Fuck off. Ein Spruch auf der Brandmauer – »Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen Oben und Unten« – hat es sogar zu Postkartenprominenz gebracht.

Leserkommentare
  1. sind....

    Aber so kann man mal wieder in den bürgerlichen Kreisen erstaunt tun. bis zum nächsten mal.....

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    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    das Wort "sozialer" mit "herzlicher", dann macht es für Sie sicher mehr Sinn.
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    Danke für den Artikel. Feine Projekte. Danke!
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    Neulich las ich zufällig in meinem Tagebuch:
    Wenn ein Sozialstaat Sozialgesetze hat, die ein Sozialgericht benötigen, dann wird die Definition letzteren Begriffs immer öfter zur "warmen Suppe einer Tafel".

    Man könnte auch argumentieren, daß hilfsbereite oder im Ansatz altruistische Menschen nunmal nicht (bzw. nur sehr viel unwahrscheinlicher) reich werden.

  2. und der Arme sagte bleich: 'Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.....

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    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:22 Uhr

    Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

    Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

    • Afa81
    • 26. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
    Ich hoffe, er meinte das damit.
    Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

    • SuR_LK
    • 26. Dezember 2012 9:58 Uhr

    lassen sich ebend nicht in die Neuzeit übersetzen, Maria und Josef funktioniert nicht, Jesus wäre heutzutage auch in einer geschlossenen gelandet oder direkt inhaftiert(spätestens bei der Tempelreinigung). Wozu also der Artikel, soll und wieder die Spaltung der Gesellschaft tiefer ins Hirn gehämmert werden?

  3. 6. Genau

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Rychard
    • 26. Dezember 2012 10:04 Uhr

    so wie der Artikel geschrieben ist, glaube ich das nicht. Vielen Dank dafür ..

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