Eine Frau mit Nasenring schlappt durch den Hof.

Wir holen Luft. »Entschuldigung, wir sind obdachlos und wollten fragen, ob...«

»Keine Zeit, im AGH ist Plenum!« Sie verschwindet hinter einer schweren Stahltür.

AGH? Was mag das sein? Abgeordnetenhaus? Arbeitsgelegenheit?

»Wir sind nicht so offen für Externe«, heißt es in einem besetzten Haus

Es ist Trotz, der uns zur Tür treibt. Ein Ruck, ein Knarren – Licht. An die dreißig Männer und Frauen, nicht mehr jung und noch nicht alt. Ein Tresen, Bier und Zigaretten. Das AGH. Eine Kneipe, die nicht Kneipe heißen darf. Das Gespräch verstummt, es ist nicht mehr auszumachen, ob es gerade um die Rettung des Regenwaldes oder der Regenrinne ging. Entgeisterte Blicke, als hätten wir ein linkes Konklave gestört.

»Entschuldigung, wir sind obdachlos und wollten fragen, ob...«

»Sorry, we are no guesthouse«, ruft ein Rastamann.

»Dieses Projekt ist nicht so offen für Externe«, sagt ein Typ mit blauem Irokesenkamm. »Wir sind da restriktiv.«

Synchrones Nicken wie an jedem deutschen Stammtisch. Das Plenum klärt: Es will das jetzt nicht klären. Stand nicht auf der Tagesordnung, war nicht zu erwarten. Ein Haufen Hausbesetzer verteidigt in Bürokratensprache seine Besitzansprüche. Kein Wort des Bedauerns. Tür zu. Fuck off.

Ein Bett? Findet sich schließlich in der evangelischen Bekenntniskirche Treptow. Gemeinsam mit dem Berliner Senat und einigen Wohlfahrtsverbänden betreiben die Kirchen in der Hauptstadt eine »Kältehilfe«, reihum öffnen sie im Winter ihre Gemeindehäuser für die Wohnungslosen. Die Sache funktioniert wie ein Wochenplan: Für jeden Abend ist eine andere Adresse eingetragen.

Wir schlafen in einem Abstellraum mit Schorsch, einem alten, grau gelockten Mann, dessen abwaschbare Matratze auf einer Tiefkühltruhe liegt. »Weil ick nich jern au’m Boden penn«, sagt er. Ansonsten redet Schorsch nicht viel, reglos ruht er auf der Truhe, wie eine Steinstatue auf einem Sarkophag. Er hält sich ein Kofferradio ans Ohr, als wäre es ein Kuscheltier. Deutschlandradio Kultur. Die Nachrichten. »Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan ... Bericht zur Lage der Rentenversicherung ... streitet die Koalition in Berlin über Änderungen am Armutsbericht der Bundesregierung.« Die Meldungen stammen aus dieser Stadt, klingen aber wie von einem anderen Stern.

Kurz nach dem Wetterbericht beginnt Schorsch zu schnarchen. Die Truhe brummt. Wir liegen wach und grübeln: Nun gibt uns ausgerechnet die bei den Punks verhasste »reaktionäre« Kirche Obdach, unterstützt von jenem fürsorglichen Staat, an den die Kronberger uns vor einem Jahr verwiesen – froh darum, dass dessen Notunterkünfte und Asylantenheime nicht ihren eigenen Ort verschandeln. Warum hat Habib Hilfe angeboten, die Punker aber nicht? Weil sie eingekapselt sind in Selbstgefälligkeit? Kann man Mitgefühl trainieren wie einen Muskel? Muss es nur ausreichend Anlass dafür im Alltag geben? Haltungsübungen humaner Art?

Der Soziologe Berthold Vogel hatte uns wenig Hoffnung gemacht, bevor wir uns auf diese Expedition begaben. Mit dieser »Feldforschung« würden wir zwar die »Hinterbühne« eines Stadtteils betreten, eine Welt, die Wissenschaftler wie er mit ihren Befragungen schlecht erreichten. »Und anders als in Kronberg werden Sie in Neukölln auch auf Infrastruktur treffen«, vermutete er. »Aber nicht auf große Solidarität.«

Vogel ist Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und Projektleiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Auch in ärmeren Vierteln, hatte er gesagt, beobachte er ein »großes Abgrenzungsspiel der Menschen untereinander. Oft heißt es: Wenn Sie die wirklich Armen treffen wollen, müssen Sie drei Straßen weiter.« Selbst die Unterschicht trenne noch einmal in »Etablierte und Außenseiter«, ganz nach dem berühmten Buch von Norbert Elias.