Soziales ExperimentMaria und Josef in Neukölln
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Als Neukölln noch Rixdorf hieß

Schon von der Gründung Neuköllns erzählen Historiker Schlechtes: Vor gut hundert Jahren, als Neukölln noch Rixdorf hieß, zählten die Menschen hier zu den Ärmsten im Reich. Sie hofften auf Arbeit in den Fabriken Berlins. Innerhalb von drei Jahrzehnten strömten 140.000 Menschen nach Rixdorf. Die Lebensbedingungen waren katastrophal: Fünf Familien teilten sich eine Toilette. Freitags war Lohntütenball, die Polka In Rixdorf ist Musike erzählt noch heute davon. Es wurde getanzt, getrunken, gestritten. In Armut und Enge gedieh das Verbrechen. In der Rixdorfer Zeitung berichtete ein Reporter 1908 über »allerlei lichtscheues Gesindel«: »Ein Messerstich war hier jederzeit gefällig.« Vier Jahre später wurde Rixdorf in Neukölln umbenannt. Der Grund, welch Ironie: der schlechte Ruf Rixdorfs.

Neukölln im Zeitraffer: Das ist schneller Aufstieg und rasanter Absturz, vor allem nach der Wende. Mitte der Neunziger machte der Kraft-Konzern sein »Lila Pause«-Werk dicht – fünf Jahre nachdem es mit Millionensubventionen errichtet worden war. Zur Jahrtausendwende schloss Alcatel sein Kabelwerk und baute es in Polen wieder auf. In wenigen Jahren verschwanden 20.000 Arbeitsplätze.

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Neukölln ist deshalb auch: die ewige Auseinandersetzung mit alltäglicher Armut. Hier haben die Arbeiterabiturkurse ihren Ursprung. Hier baute Bruno Taut seine Hufeisensiedlung, Arbeiterwohnungen mit Bad, Balkon, Garten. Hier schuf Walter Gropius die Gropiusstadt, gut gemeinter Gigantismus für 50.000 Menschen, bekannt geworden als Heimat von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo.

Das Stadtbad, 1914 eröffnet, sollte »körperliche Ertüchtigung«, »Seuchenprävention« und »geistige Erbauung« verbinden, deshalb war in den Hallen anfangs auch eine Bibliothek untergebracht. Und noch 1990 wurden den Armen hier 80.000 »Reinigungsbäder« gewährt. Vielleicht hat das Kassenpersonal sich daran erinnert.

Der Regen hört nicht auf. Er lässt die Menschen mit Schmerzgesichtern durch die Straßen hasten. Es wird kälter.

Etwas abseits des engen Hinterhofgeschachtels ragen zwei eisweiße Minarette in den Himmel über Berlin. Die Şehitlik-Moschee. Ein prächtiger Neubau, viel osmanisches Ornament – fast so, als sei ein Konditor Architekt gewesen. Jeder fünfte Neuköllner ist Muslim, die Berlin Türk Şehitlik Camii ist die größte Moschee der Stadt, 1500 Gläubige finden hier Platz. Die Anlage ist von einer Mauer umschlossen. Vier Brandanschläge hat es in den vergangenen zwei Jahren gegeben. Sogar in Neukölln muss ein islamisches Gotteshaus geschützt werden.

Soeben ist das Nachmittagsgebet zu Ende gegangen, junge und alte Männer steigen eine weiße Marmortreppe hinab ins Freie. Einen schnauzbärtigen Mann in Lederjacke fragen wir nach dem Imam.

»Das bin ich«, sagt er. »Was kann ich tun?«

Wir stellen die übliche Frage nach einem Schlafplatz.

Sein Blick wird hart. Im Vorübergehen sagt er, nachts sei kein Mensch auf dem Gelände, nur ein Wachdienst. »Unmöglich.«

Umhüllt von einem Kokon aus Gemeindemitgliedern, geht der Imam in eine Cafeteria im Gemeindehaus. Ein Raum in Orange, kaum größer als ein Kiosk, Regale voller Süßigkeiten. Mit einem Wink lässt er einen Jungen Tee bringen. Zwei bärtige Alte hocken auf einer Bank. Getuschel auf Türkisch. Steht nicht im Koran: »Sei mitfühlend mit den Armen! Lass sie nahe bei dir sein, damit Allah dich am Tage des Gerichts nahe bei ihnen sein lässt«?

Der Imam fingert an seinem Telefon herum. Er blickt zu einem Fernseher an der Decke, in dem eine türkische Version von Verstehen Sie Spaß? läuft. Er lacht über einen Fernsehstreich. Vor einigen Wochen war der Bundespräsident zu Gast. Über den unerbetenen Besuch von heute schaut der Imam hinweg. »Sei mitfühlend mit den Armen!« – wie oft hat er diesen Satz schon gepredigt? Wir können ihn nicht fragen. Er steht auf und geht. Ohne einen Blick, ohne einen Gruß.

Leserkommentare
  1. sind....

    Aber so kann man mal wieder in den bürgerlichen Kreisen erstaunt tun. bis zum nächsten mal.....

    18 Leserempfehlungen
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    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    das Wort "sozialer" mit "herzlicher", dann macht es für Sie sicher mehr Sinn.
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    Danke für den Artikel. Feine Projekte. Danke!
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    Neulich las ich zufällig in meinem Tagebuch:
    Wenn ein Sozialstaat Sozialgesetze hat, die ein Sozialgericht benötigen, dann wird die Definition letzteren Begriffs immer öfter zur "warmen Suppe einer Tafel".

    Man könnte auch argumentieren, daß hilfsbereite oder im Ansatz altruistische Menschen nunmal nicht (bzw. nur sehr viel unwahrscheinlicher) reich werden.

  2. und der Arme sagte bleich: 'Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.....

    39 Leserempfehlungen
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    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:22 Uhr

    Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

    Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

    • Afa81
    • 26. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
    Ich hoffe, er meinte das damit.
    Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

    • SuR_LK
    • 26. Dezember 2012 9:58 Uhr

    lassen sich ebend nicht in die Neuzeit übersetzen, Maria und Josef funktioniert nicht, Jesus wäre heutzutage auch in einer geschlossenen gelandet oder direkt inhaftiert(spätestens bei der Tempelreinigung). Wozu also der Artikel, soll und wieder die Spaltung der Gesellschaft tiefer ins Hirn gehämmert werden?

    4 Leserempfehlungen
  3. 6. Genau

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    5 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Rychard
    • 26. Dezember 2012 10:04 Uhr

    so wie der Artikel geschrieben ist, glaube ich das nicht. Vielen Dank dafür ..

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Soziales Leben | Obdachlosigkeit | Obdachlose | Neukölln
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