Soziales Experiment : Maria und Josef in Neukölln
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Als Neukölln noch Rixdorf hieß

Schon von der Gründung Neuköllns erzählen Historiker Schlechtes: Vor gut hundert Jahren, als Neukölln noch Rixdorf hieß, zählten die Menschen hier zu den Ärmsten im Reich. Sie hofften auf Arbeit in den Fabriken Berlins. Innerhalb von drei Jahrzehnten strömten 140.000 Menschen nach Rixdorf. Die Lebensbedingungen waren katastrophal: Fünf Familien teilten sich eine Toilette. Freitags war Lohntütenball, die Polka In Rixdorf ist Musike erzählt noch heute davon. Es wurde getanzt, getrunken, gestritten. In Armut und Enge gedieh das Verbrechen. In der Rixdorfer Zeitung berichtete ein Reporter 1908 über »allerlei lichtscheues Gesindel«: »Ein Messerstich war hier jederzeit gefällig.« Vier Jahre später wurde Rixdorf in Neukölln umbenannt. Der Grund, welch Ironie: der schlechte Ruf Rixdorfs.

Neukölln im Zeitraffer: Das ist schneller Aufstieg und rasanter Absturz, vor allem nach der Wende. Mitte der Neunziger machte der Kraft-Konzern sein »Lila Pause«-Werk dicht – fünf Jahre nachdem es mit Millionensubventionen errichtet worden war. Zur Jahrtausendwende schloss Alcatel sein Kabelwerk und baute es in Polen wieder auf. In wenigen Jahren verschwanden 20.000 Arbeitsplätze.

Neukölln ist deshalb auch: die ewige Auseinandersetzung mit alltäglicher Armut. Hier haben die Arbeiterabiturkurse ihren Ursprung. Hier baute Bruno Taut seine Hufeisensiedlung, Arbeiterwohnungen mit Bad, Balkon, Garten. Hier schuf Walter Gropius die Gropiusstadt, gut gemeinter Gigantismus für 50.000 Menschen, bekannt geworden als Heimat von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo.

Das Stadtbad, 1914 eröffnet, sollte »körperliche Ertüchtigung«, »Seuchenprävention« und »geistige Erbauung« verbinden, deshalb war in den Hallen anfangs auch eine Bibliothek untergebracht. Und noch 1990 wurden den Armen hier 80.000 »Reinigungsbäder« gewährt. Vielleicht hat das Kassenpersonal sich daran erinnert.

Der Regen hört nicht auf. Er lässt die Menschen mit Schmerzgesichtern durch die Straßen hasten. Es wird kälter.

Etwas abseits des engen Hinterhofgeschachtels ragen zwei eisweiße Minarette in den Himmel über Berlin. Die Şehitlik-Moschee. Ein prächtiger Neubau, viel osmanisches Ornament – fast so, als sei ein Konditor Architekt gewesen. Jeder fünfte Neuköllner ist Muslim, die Berlin Türk Şehitlik Camii ist die größte Moschee der Stadt, 1500 Gläubige finden hier Platz. Die Anlage ist von einer Mauer umschlossen. Vier Brandanschläge hat es in den vergangenen zwei Jahren gegeben. Sogar in Neukölln muss ein islamisches Gotteshaus geschützt werden.

Soeben ist das Nachmittagsgebet zu Ende gegangen, junge und alte Männer steigen eine weiße Marmortreppe hinab ins Freie. Einen schnauzbärtigen Mann in Lederjacke fragen wir nach dem Imam.

»Das bin ich«, sagt er. »Was kann ich tun?«

Wir stellen die übliche Frage nach einem Schlafplatz.

Sein Blick wird hart. Im Vorübergehen sagt er, nachts sei kein Mensch auf dem Gelände, nur ein Wachdienst. »Unmöglich.«

Umhüllt von einem Kokon aus Gemeindemitgliedern, geht der Imam in eine Cafeteria im Gemeindehaus. Ein Raum in Orange, kaum größer als ein Kiosk, Regale voller Süßigkeiten. Mit einem Wink lässt er einen Jungen Tee bringen. Zwei bärtige Alte hocken auf einer Bank. Getuschel auf Türkisch. Steht nicht im Koran: »Sei mitfühlend mit den Armen! Lass sie nahe bei dir sein, damit Allah dich am Tage des Gerichts nahe bei ihnen sein lässt«?

Der Imam fingert an seinem Telefon herum. Er blickt zu einem Fernseher an der Decke, in dem eine türkische Version von Verstehen Sie Spaß? läuft. Er lacht über einen Fernsehstreich. Vor einigen Wochen war der Bundespräsident zu Gast. Über den unerbetenen Besuch von heute schaut der Imam hinweg. »Sei mitfühlend mit den Armen!« – wie oft hat er diesen Satz schon gepredigt? Wir können ihn nicht fragen. Er steht auf und geht. Ohne einen Blick, ohne einen Gruß.

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Kommentare

267 Kommentare Seite 1 von 34 Kommentieren

Ursache-Wirkung?

[wenn es darauf ankommt, Spenden die Reichen eben nicht.. es braucht einen starken Sozialstaat, der in Not geratene Menschen angemessen unterstützt.]

Vielleicht ist es auch gerade umgekehrt: Weil es einen starken Wohlfahrtsstaat gibt, wird wenig gespendet. Den Reichen wird immer mit Parolen wie "Pflicht", "Solidarität", "Verantwortung" etc. viel Geld im Form von Zwangsabgaben abgeknöpft. Wenn wir Solidarität und Mitgefühl aber auf Bürokratismus und Zwangsabgaben reduzieren, ist es wenig verwunderlich, dass Menschen ihre Pflicht mit der Zahlung dieser Zwangsabgaben als erfüllt ansehen. Ein starker Sozialstaat zerstört damit die natürliche Hilfsbereitschaft und Solidarität der Menschen, weil er ihen vorspielt, der Staat kümmere sich schon und sie müssten sich deshalb nicht mehr kümmern.

Ludwig Erhard hatte das früh erkannt und deswegen den umfassenden Wohlfahrtsstaat skeptisch gesehen:

[Traditionelle Sozialpolitik drängt zurück, was an menschlicher Beziehung, an sozialer Wärme, an den Gefühlen der Brüderlichkeit und der Solidarität im menschlichen Sinn vorhanden ist.
Natürliche Opferbereitschaft zugunsten selbstgewählter gemeinsamer Ziele wird durch den Kampf aller mit allen um maximale Patronage durch den Staat ersetzt. An die Stelle des gemeinschaftlichen Idealismus tritt der 'Rechtsanspruch'. Die wohlfahrtsstaatliche Durchorganisation der Gesellschaft wird mit der Zerstörung gesellschaftlicher Eigenregelungen, der sozialen Bindungen und der sozialen Gesinnung erkauft.]

@Nils Wilke

sie wollen also ernsthaft behaupten, dass deutschland ein starker sozialstaat ist, zumindest ein solcher, der die vermoegenden dieses landes davon abhielte, aus freien stuecken, idealerweise aus innerem beduerfnis, ein grundgesetzkonformes verhalten an den tag zu legen, wonach eigentum verpflichte?

das problem mit dem eher schwachen sozialstaat ist, dass auch in einem solchen die masse der vermoegenden das erwaehnte wuenschenswerte verhalten eben nicht an den tag legt, sondern immer nur eine minderheit, die sich zu recht irgendwann ueberfordert und uebervorteilt und ausgenutzt fuehlt.
[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

Sie übersehen die ganze Gegenperspektive

[daß Arme im Verhältnis weit größere Teile ihrer Geldmittel in Form von 'Zwangsabgaben' aka Steuern abliefern. Zum Beispiel in Form der Umsatzsteuer, die auch die Ärmsten der Armen bei jedem Einkauf entrichten.]

Das ist falsch. Arme zahlen in der Regel keine Einkommenssteuer und geben einen Großteil ihrer Konsumausgaben für solche Produkte und Dienstleistungen aus, die dem ermäßigten Umsatzsteuersatz unterliegen. Sie zahlen daher kaum Steuern.

Steuerforderungen an Arme werden auch viel seltener mit Worten wie "Solidarität" etc. verbunden. Und das ist ja der Kern meiner These. Wir haben "Solidarität" zur Zahlung hoher Zwangsabgaben umdefiniert und wundern uns dann, dass Reiche ihre "Pflicht" mit dem Zahlen von hohen Zwangsabgaben als erfüllt betrachten. Einige gehen sogar noch weiter und verteufeln jede Form von Spenden durch Reiche, indem sie solche Spenden als Ausdruck fehlender staatlicher Initiative interpretieren und zum Abschöpfen der Spenden durch den Staat aufrufen. Ganz abgesehen von der generell geringen Akzeptanz von Reichtum in diesem Land. Und da wundert sich man wirklich noch, dass Reiche wenig spenden und sich abschotten?

Es ist immer leicht, auf die Reichen zu schimpfen. Applaus ist einem damit immer gewiss. Aber es empfiehlt sich, auch mal die andere Initiative einzunehmen.

falsch und richtig falsch

vermutlich glauben sie sogar fest daran, dass sie, was auch immer, dazu befaehigt, froehlich "das ist falsch" vom richterpult zu senden.

arme zahlen nicht nur in der regel, sondern generell keine einkommensteuer. sie zahlen, wenn ueberhaupt, lohnsteuer und sozialabgaben.

doch nicht die absoluten zahlen machen deutschlands steuerrecht ungerecht und asozial, sondern die relationen.

von einem einkommen, das so niedrig ist, dass man es mit hartz4 aufstocken muss, steuern zu zahlen, egal ob fuer lohnsteuer oder verbrauchssteuern, ist ungleich haerter als von einem einkommen, dass aufgrund der tollen gesetzgebung irgendwann fuer abgaben gekappt, also nicht voll besteuert wird. sie kennen doch sicher das wort beitragsbemessungsgrenze und spitzensteuersatz. das kann der arbeitgeber, der seinen arbeitnehmern die bereits erwaehnten hungerloehne zahlt, nutzen, seine lohnsklaven nicht. nur mal so als anmerkung.

sodann, steuerforderungen sind per se keine ermessens- oder gnadenakte, sondern eine pflicht der staatsbuerger, entsprechend ihrer leistungskraft, nachzulesen im grundgesetz.

steuerforderungen werden an reiche inzwischen deshalb mit der konotation der solidaritaet versehen, weil vermoegende eben nicht entsprechend ihrer leistungskraft steuern entrichten, auch wenn sie das erneut suggerieren. in hamburg hat sich ein millionaer der bereits erwaehnten initiative legal so arm gerechnet, dass er am ende einen wohnberechtigungsschein beantragen konnte.

Nein...

Sie haben nicht verstanden, daß Solidarität eine Haltung ist. Und nicht Abschottung und Genörgel über Steuersätze. Da Sie von 'Wir haben "Solidarität" zur Zahlung hoher Zwangsabgaben umdefiniert...' schreiben - nein, habe wenigstens ich nicht. Müssen dann wohl Sie gewesen sein.

Ich schimpfe im übrigen nicht über 'die Reichen', gibt sone und solche. Es gibt z.B. solche, die höher besteuert werden wollen, da sie ihrem Vermögen gemäß einen solidarischen Beitrag zum Sozialstaat leisten wollen. Der Unterschied zwischen Einkommen und Vermögen ist klar? http://www.zeit.de/wirtsc... http://www.spiegel.de/pol...

'Doch was ist mit den Ängsten der Reichen? "Die Abgabe bedeutet keinen Weltuntergang", sagt Lehmkuhl und verweist - in ironischer Anspielung auf die vergleichbare Hartz-IV-Regelung - auf das "Schonvermögen" von bis zu 500.000 Euro, das ihr Vorschlag den Wohlhabenden zubillige. "Es gibt auch so etwas wie einen Verarmungswahn", sagt der Psychiater und lächelt.'

Oder der wohlhabende Frank Zander, der auch dieses Jahr wieder Arme und Wohnungslose zum Fest-Essen, Haare-Schneiden und Weihnachten-Feiern eingeladen hat http://www.zeit.de/news/2... getitelt mit 'Brauchtum'...;-)...

Doch...

[Sie haben nicht verstanden, daß Solidarität eine Haltung ist.]

Ganz im Gegenteil. Ich glaube gerade, dass Solidarität eine Haltung ist und eben nicht über Zwangsabgaben erzwungen werden kann.

[Da Sie von 'Wir haben "Solidarität" zur Zahlung hoher Zwangsabgaben umdefiniert...' schreiben - nein, habe wenigstens ich nicht. Müssen dann wohl Sie gewesen sein.]

Freut mich. Dann sind wir uns ja einig, dass Forderungen nach höheren Steuern nicht mit "Solidarität" begründet werden können. Ein Fortschritt!

[Es gibt z.B. solche, die höher besteuert werden wollen, da sie ihrem Vermögen gemäß einen solidarischen Beitrag zum Sozialstaat leisten wollen.]

Niemand hindert diese Menschen daran, einen höheren solidarischen Beitrag zum Sozialstaat zu leisten. Ich bin sehr dafür, Konbten für diejenigen einzurichten, die mehr zahlen wollen, als sie den Steuergesetzen nach müssten. Wer aber höhere Steuern verlangt, verlangt sie auch für andere. Das hat - wie wir eben geklärt haben - mit Solidarität nichts mehr zu tun. Aber vielleicht sind Sie darüber noch nicht ganz sicher. Ich schlage vor, Sie denken mal darüber nach!

Sie verfehlen das Thema

Das heißt nicht: Rechtfertigung sozialer Kälte im Taunus und anderswo mittels der (Ihrer Ansicht nach) 'Umdefinierung von Solidarität zu hoher Zwangsabgabe'.

Sondern: Hilfsbereitschaft und Solidarität in Neukölln.

Es hält niemand Wohlhabende davon ab, sich weniger asozial zu verhalten. Keine 'hohe Zwangsabgabe', kein Wohnort, kein gar nichts. Darüber hinaus möchte ich Ihnen zu Eigentum aka Vermögen die Lektüre von GG, Artikel 14, Absatz 2 und 3 empfehlen. Wie auch die Fragestellung, wer wohl mehr zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten beigetragen hat: die Bewohner des Taunus oder die von Neukölln? Eine höhere Steuerlast für die 10%, die 50% des Nettovermögens besitzen, wäre aus meiner Sicht noch nicht mal der Ansatz einer Kompensation für die Verarmung in Folge der Abschaffung von massenhaft vielen Arbeitsplätzen.

Die Armen in Neukölln hätten weit mehr nachvollziehbare Gründe als die Bewohner von Kronberg/Taunus, ängstlich, abweisend und unsolidarisch zu sein und noch Ärmeren ihre Hilfe vorzuenthalten - sie haben weniger, das sie teilen könnten. Daß sie trotzdem teilen, kommt vom *Sein* nicht vom *Haben*. Das meinte ich mit 'Solidarität ist eine Haltung', Empathie wie die im Artikel beschriebene ist mit Geld nicht zu bezahlen...;-)... 'Aber vielleicht sind Sie darüber noch nicht ganz sicher. Ich schlage vor, Sie denken mal darüber nach!'

Mir wäre es übrigens lieb, wenn Sie mich nicht noch einmal mit Ihrem 'Wir' zwangs-solidarisieren. Danke.

Warum nehmen Maria und Joseph nicht einfach Harz 4?

Die Frage ist ja dann, warum nehmen Maria und Joseph den Sozialstaat der auch ihnen zu steht nicht in Anspruch? Dafür bezahlen doch die arbeitenden Menschen (zurecht) Steuern. Wofür die ganze Hilfsindustrie in Berlin-Neukölln, wenn Maria und Joseph mit Harz 4 in einer warmen Wohnung sitzen könnten.
Ich denke das haben sich die Reichen im Taunus gedacht und im Grunde genommen haben sie auch recht. Ich finde wir brauchen einen starken Sozialstaat und keine Tafeln und Bettler, die auf die Almosen der Bevölkerung angewiesen sind.
Gleich kommt bestimmt, ja aber Joseph hat sich von seiner Frau getrennt und arbeitlos und obdachlos, obwohl er davor Prof hier und da war (was für ein Absturz! und der Staat lässt das zu...). Aber diese Argumente gelten nicht, weil der Staat eine Infrastruktur bereit stellt, von der alle diese Menschen (auch Maria und Joseph) Gebrauch machen könnten.

Es steht doch auch jedem Reichen

frei, dem nächstbesten Obdachlosen auf der Straße zumindest Geld anzubieten, oder nicht? Ich würde ja garnicht verlangen, daß er diesen mit in sein Haus oder seine Wohnung nimmt - aber schnell mal in die Tasche zu greifen und dem Bettler auf der Kö oder der Zeil 10 Euro in die Hand zu drücken, ist ihm unbenommen.
Fakt ist aber doch, daß viele Menschen und darunter auch die Reichen mit der direkten Not nicht konfrontiert werden möchten - eine Spendengala im Nobelhotel ist da was andres, da gibts sicherlich noch ein gutes Essen und Sekt dazu, da werden aber KEINE Obdachlosen vorgeführt und deren Leben geschildert. Die Reportage vom letzten Jahr zeigt das deutlich.
Es ist natürlich einfacher, im Auto an den Armen vorbeizufahren und sich zu sagen, ich gehe nächste Woche sowieso ins Steigenberger (hier kann man wahlweise auch Schloßhotel o. ä. einsetzen) und spende da im Kreise Gleichbemittelter und Gleichgesinnter - bloß nicht die Finger schmutzig machen und sich womöglich persönlich kümmern.
Und wie schon im Beitrag erwähnt: von oben erscheinen vermutlich alle diejenigen, die nicht dem eigenen Stand entsprechen, als Versager; warum haben die es nicht geschafft, wenn man es selber doch auch geschafft hat? Daß viele Vermögen ererbt sind bzw. nur mit guten Voraussetzungen (Bildung, Studium) erarbeitet werden konnten, wird dann gerne vergessen.

@Nils Wielke

Sie wollen es nicht verstehen: in der Summe der Steuern zahlen Wohlhabende und Reiche mehr als Arme.

Aber: gemessen am eigenen verfügbaren HaushaltsEinkommen zahlen Arme natürlich einen sehr viel höheren prozentualen Anteil Steuern, da sie Monat für Monat gezwungen sind, ihr gesamtes verfügbares Einkommen in voller Gänze zu verkonsumieren, ohne irgend eine Möglichkeit Steuern "abschreiben" zu können. Oder Geld um die Ecke nach Lichtenstein, in die Schweiz oder Singapur zu bringen.

Und ganz unabhängig davon, wieviel Steuern mensch bezahlt, hier und in dem Artikel des vergangenen Jahres geht es um Empathie, Mitmenschlichkeit, praktische Alltagshilfen.

Da lesen wir über einen eigentlich skeptisch in D betrachteten Berliner Stadtteil eben etwas ganz anderes, mitmenschlicheres als über das Reichenghetto im Taunus. Wenn nur ein Mensch aus der Story des letzten Jahres innehält und ins Grübeln gerät, wäre damit schon ein guter Zweck erfüllt.

[...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke. Die Redaktion/kvk

Ich halte es trotzdem für sinnvoller...

als in der Innenstadt mit Geld zu hantieren, sich Gedanken zu machen, wohin das Geld geht.

Ich übertrieb nicht und hatte das auch nicht vor, sondern halte es für nicht sinnvoll, in der UBahn, an Bahnhöfen oder in der City Geld zu geben.

Und wenn man schon so etwas tun wollte, wer sollte es bekommen? Der netteste, der elendeste, die mit dem kleinen Kind auf dem Schoß oder die mit den verkrüppelten Gliedmaßen oder die mit den Hunden?

warum es die tafeln gibt

die tafeln gibt es weil harz 4 empfänger sich dort günstig oder kostenlos essen besorgen können und das gesparte geld für andere sachen verwenden können. völlig legitim, würde ich auch so machen. wenn es essen in der tafel umsonst gibt, warum dann geld dafür ausgeben?

zu den gründen: maßlos sanktioniert werden nur wenige, weil wenn angedroht wird, dass das geld gestrichen wird, schreiben die leute auch bewerbungen. ob das sinnvoll ist, ist ne andere frage. papiere haben menschen in der regel schon. obdachlose möchten in der regel keine wohnung und sogar ohne wohnung haben sie anspruch auf ein tagesgeld. zumindest in berlin.

Tafel

Bei uns konnte man am Supermarkt eine fertig verpackte "Tafel-Tüte" kaufen und diese dann direkt spenden. Die Tüte kostete mehr als wenn ich die Sachen einzeln gekauft und selbst eingetütet hätte. Der Supermarkt hat aus der Aktion also sogar noch Profit geschlagen im doppelten Sinne. Auch wenn es gut ist, dass es die Tafel gibt, finde ich solche Praktiken der Großfirmen traurig und diese unterstütze ich nicht.

Angst

Ob die Obdachlosen eine Wohnung wollen - ich denke, das kann man nicht pauschal sagen.

Ich gehe davon aus, dass die allermeisten nicht auf der Strasse schlafen wollen sondern geschützt und warm.

Mit einer festen Wohnung muss man Verbindlichkeiten eingehen. Man muss mit seinen Namen unterschreiben. Man hat immer mit den selben Nachbarn zu tun. Vielleicht kommen da Fragen, was man nicht hören möchte. Man ist nicht mehr anonym und flexibel.

Und ich kann mir vorstellen, dass manche Leute panische Angst davor haben.

an dame von welt: warum die obdachlosen ihre lage mögen

hallo dame von welt,

die praxis der supermärkte ändern nichts an meinen argumenten, die ich geschildert habe. das meiste was die tafeln an gemüse mitnehmen ist sowieso noch recht frisch, weil die großen discounter zeitnah liefern und die kunden in den märkten nur perfekte ware haben möchten.

die meisten obdachlosen leben auf der strasse weil sie sich nur da frei fühlen, anaonym sind und keine verpflichtungen eingene wollen. das ist ein lebensgefühl.

die menschen die zur tafel gehen, können sich das essen auch auswählen, wie im supermatrkt, nur das sortiment ist geringer. selbst wenn sie es sich nicht aussuchen können und ein paket bekommen ist es immer noch besser als etwas wofür man geld ausgeben muss.

Mein Kommentar 241 war die Antwort auf

*obdachlose möchten in der regel keine wohnung* http://www.zeit.de/2012/5...

Wohnungslose sind keine homogene Gruppe, sondern Individuen mit individuellen Geschichten. Es mag darunter auch welche geben, die in geschlossenen Räumen schlecht klarkommen, die keine Verbindlichkeiten und keine neugierigen Fragen ertragen. Ich glaube aber, daß die unter den Wohnungslosen eine Minderheit sind. Und daß weit mehr Menschen ohne festen Wohnsitz am Teufelskreis von keine-Arbeit=keine-Wohnung/keine-Wohnung=keine-Arbeit scheitern. Ich habe nicht den Eindruck, daß Arge und Sozialamt hier tatsächlich wirksam eingreifen. Sondern, daß das, wenn überhaupt, soziale Träger tun. Wie z.B. die Caritas, die Wohnungslosen ein Postfach anbietet - ein erster Schritt, um überhaupt die staatliche Infrastruktur in Anspruch nehmen zu können.

Ihre Expertise ist wirklich beeindruckend

Auch die über die Oberschicht in Berlin http://www.zeit.de/2012/5... die Ihrer Ansicht nach im Prenzlauer Berg wohnt. Und ich Dumme war bislang glatt der Ansicht, die Berliner Oberschicht wohne mehrheitlich in Europas größtem zusammenhängenden Villenviertel, nämlich der Bogen im äußeren Berliner Westen. Dessen Norden und Süden früher mal Osten war und von Falkensee bis Kleinmachnow reicht http://upload.wikimedia.o... Während ich die Wohlhabenden im Prenzlauer Berg doch tatsächlich der gehobenen Mittelschicht zugeordnet hatte, darunter nicht wenige Söhne und Töchter aus zu Geld gekommenen Mittelschichtsfamilien aus Westdeutschland. 'Bionade Biedermeier' http://www.zeit.de/2007/4...

Aber wie gut, daß Sie mich über Wohnungslose (Lebensgefühl) Oberschicht (fühlt sich in Berlin pudelwohl) Berliner (wollen eben alle hip sein) Tafeln (wo man sich das Essen aussuchen kann) aufklären konnten.

In einem Punkt hatten Sie übrigens beinahe recht: Prominente wohnen recht gern in Berlin. Weil es kaum jemanden interessiert.

Hier könnte man auch im Schlafanzug zum Bäcker gehen und es interessiert nicht weiter. Speziell in Vierteln wie Neukölln kann man sich auch im minütlichen Wechsel aussuchen, ob man großstädtische Anonymität oder dörfliche Nähe möchte. Das ist bißchen mehr als Toleranz, das ist angewandte Metropole. (Was wohne ich GERN in Berlin!)

an die dame von welt aus der metropole berlin

Liebe dame von von welt,

es freut mich, dass ich sie aufklären konnte :D.

Berlin ist keine Metropole, sowas gibt es hier in Deutschland gar nicht. Berlin besteht aus verschiedenen Dörfern, in dem einen wohnen die Bionade-Spießer in dem anderen wohnen die hippen die krampfhaft versuchen einen auf easy und scheiss egal zu machen aber zugleich denjenigen verurteilen, der nicht in ihre kleingeistige ideologie passt. Kleingeist und ideologische Befangenheit erkennt man meist bei den zugezogenen Berlinern, die meinen mit dem Umzug nach Berlin andere Menschen geworden zu sein. Dabei waren sie in ihren westdeutschen Dorfern keine Freigeister und in Berlin werden sie zu Mitläufern und zum Berliner Mainstream.

Es gibt von Tafel zu Tafel auch Untzerschiede: ich kenne Tafeln, da bekommt man Pakete und kann sich noch etwas dazu aussuchen, bei großen Tafeln kann man zum Teil sagen was man braucht. Klar im Supermarkt hat man eine freiere Wahl, aber wenn Man Hartz 4 bekommt, kann man auch zur Tafel gehen und auf das große Sortiment verzichten. Warum im Supermarkt die Gurke für 70 Cent kaufen, wenn es sie bei der Tafel umsonst gibt? Ist doch verständlich dass so viele zur Tafael gehen.

@erstaunt45

Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

Ich weiß nicht, was Brecht damit meinte...

Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
Ich hoffe, er meinte das damit.
Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

@afa81

"Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungenermaßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht..."

Genau diese "Nullsummen"-Kausalität, die meinte der Herr Brecht, also in dem Sinne von: "Ich bin arm, dünn und hungrig, weil du reich, fett und satt bist, insofern, weil du(Reicher) mir alles weggefressen hast." Na, was denn bitte sonst? Der Mann war schließlich ein Hartcore-Kommunist, der wohl kaum freiwillig eine Gelegenheit ausgelassen hätte, um nicht bewusst undifferenziert den verhassten Kapitalisten via Blutgrätsche vor's Schienbein zu treten.

'was denn sonst?'

dass brecht gesellschaftstheoretisch ziemlich schlicht gestrickt (und mancher hinsicht regelrecht borniert) war, ist richtig. aber natürlich sah er als 'hardcore-kommunist' den kapitalismus gerade nicht als stagnatives 'nullsummenspiel' an.
der vers stammt aus einem 'kindergedicht', das hauptsächlich aus pseudonaiven begriffsdialektischen spielereien besteht.

Die Kronberger aber fürchteten sich sehr

vor Armut, Verlust, Krankheit und Tod - eben so wie ihre anderen Mitbürger auch. Der Unterschied: es gibt keinen, denn der Tod wird nicht umkehren vor den Kronbergern, die Krankheit macht keinen Umweg, die Armut bleibt draußen bis zum Tod, Verluste gibt es in jeder Lebensform. Ein alter buddhistischer: You get old, you get sick and then you die. Also liebe Kronberger es gibt keinen Grund sich zu fürchten.

@dame.von.welt

Wer wollte Ihner Lobpreisung Neuköllns widersprechen?

Aber sie ist auch ein bißchen wohlfeil. Bitte behalten Sie im Hinterkopf, daß Ihr Neuköllner Biotop der Menschlichkeit von den Überschüssen der verhaßten westdeutschen Bürgerlichkeit subventioniert wird. Ohne diese sozialstaatlichen Zuschüsse, die ja auch irgendwie erwirtschaftet werden müssen, würden die Verhältnisse dort wohl ganz schnell eher in Richtung Favelas von Sao Paulo oder Township in Südafrika tendieren, und die sind schon eine ganze Ecke weniger idyllisch!

Bei Deutschlandfunk hat sich mal ein gewisser Bernd Wagner aus dem Fenster gelehnt und auf respektable Weise eine unbedingt lesenswerte Rechtfertigung der nationalstaatlichen Bürgerlichkeit gewagt:

http://www.dradio.de/dkul...

Der Essay ist zwar nicht von mir, aber allein für dessen Verlinkung hätte ich mir, finde ich, jetzt auch eine Redaktionsempfehlung verdient. :-)

Auch hier gibt es solche und solche

Aber sie ist auch ein bißchen wohlfeil. Bitte behalten Sie im Hinterkopf, daß Ihr Neuköllner Biotop der Menschlichkeit von den Überschüssen der verhaßten westdeutschen Bürgerlichkeit subventioniert wird.
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Auch bei dem "Überschuss" der "Bürgerlichkeit" muss differenziert werden. Es gibt Leute, die machen Profit mit Produkten/Leistungen, die andere Menschen glücklich machen. Manche Leute machen aber Profit auf Kosten anderer.