In Kronberg hatte der Pfarrer, gepeinigt von seinem Wissen um die hehren Worte in der Bibel, mit sich gerungen. War noch einmal in seinem Pfarrhaus verschwunden und nach einigen Minuten zurück an die Pforte gekommen mit zwanzig Euro, der Adresse einer entlegenen Jugendherberge und einer Plastiktüte, in die er hastig fast all seine Vorräte gestopft hatte: Brot, Käse, Wurst, Tomaten, Äpfel, Orangen, Wasser, Kekse, Gummibärchen.

In Neukölln verschwindet der Imam mit Widerwillen im Gesicht. Es ist ein anderer Mann im Moscheecafé, der Allahs Worte in die Tat umsetzt. Ein Taxifahrer. Er telefoniert unermüdlich Obdachlosenunterkünfte ab, bis er einen Platz gefunden hat. Er entschuldigt sich, dass er nicht mehr tun könne, »aber so was wie die Caritas bei euch Christen gibt es bei uns Muslimen in Deutschland leider nicht«. Zum Abschied sagt er: »Ich werde euch in meine Gebete einschließen. Ich werde für euch beten. Und ich hoffe, dass ihr bald ein anständiges Leben führt.«

Es ist paradox: Neukölln ist geröntgt von Soziologen, ausgeleuchtet von den Medien, auf 397 Seiten vom eigenen Bürgermeister analysiert. Die Arbeitslosigkeit, die Agonie, die Aggression. Gerade weil alles so ausführlich erzählt ist, rechnen wir stets mit etwas Unerwartetem, an jeder Straßenecke, bei jeder Begegnung.

Kronberg war anders. Die Einwohner in sicherer Halbdistanz, verborgen hinter Hauseinfahrten mit Kameraaugen und namenlosen Klingelschildern, wir nicht ihnen ausgeliefert und sie nicht uns. Der soziale Status zementiert, auch baulich. Eine Zugezogene erzählte damals, sie habe vor einer Urlaubsreise die Nachbarn gebeten, in ihrem Haus nach Post zu schauen, die Blumen zu gießen. »Aber die verstanden meine Bitte gar nicht. Die haben alle Personal.«

In Neukölln kann niemand dem anderen ausweichen. Bleibt man einfach mal sitzen im Rein und Raus der Teestuben, wird klar, wie viel Verbindlichkeit sich im scheinbar unverbindlichen Trubel versteckt: Viele Gäste werden mit Handschlag über die Theke hinweg begrüßt, der Chef erkundigt sich, wie es den Kindern geht, Schüler brüten über ihren Hausaufgaben – und die Frage »Was geht, Alter?« ist mehr als Ghettokid-Folklore. Uns helfen vor allem jene, die »parterre geblieben« sind, wie die Berliner sagen, auch charakterlich nicht abgehoben. Kompliziert wird es, wie der Soziologe Vogel meinte, bei denen, die zum Stadtteil-Establishment gehören wie der Imam. Oder die sich als Establishment empfinden, ob ökonomisch wie der Trödler oder moralisch wie die Punks.

Damit bestätigen sich wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Vereinigten Staaten: In mehreren Studien haben Psychologen der University of California erforscht, ob Arme hilfsbereiter sind als Reiche, Außenseiter mitfühlender als Etablierte. Sie zeigten Probanden Bilder krebskranker Kinder und maßen dabei deren Puls. Sie ließen beiläufig Stifte fallen, um zu schauen, wer sie aufhob. Sie baten Gesprächsgruppen, 5.000 Dollar untereinander zu teilen. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: Das Einfühlungsvermögen der Menschen mit niedrigerem sozialem Status war größer. »Personen aus unteren sozialen Schichten sind im Alltag stärker auf Kooperation angewiesen als Menschen aus reichen Haushalten«, folgerte Studienleiter Michael Kraus. Da sie selber Sorgen kennen, »entwickeln sie ein besseres Gespür für die Emotionen ihrer Mitmenschen«.

In der Moschee ermahnt man uns, ein »anständiges Leben« zu führen

Es ist schon fast irritierend: Mehrere Tage mussten verstreichen, wir mussten erst über die Schwelle einer Moschee treten, unter die Augen eines autoritären Geistlichen, bis mal so etwas wie Missbilligung zu hören war. Der höflich vorgetragene Appell, uns um ein »anständiges« Leben zu bemühen.

Es gibt ein paar Orte in Neukölln, die regelrecht verrufen sind. Problem-Problemviertel sozusagen. Eines ist die Okerstraße. Wegen überbelegter Wohnungen, verwahrloster Kinder und Rattenplagen müht sich hier eine Taskforce des Bezirks, Buschkowskys Blauhelme. Wir wollen klingeln und nach Obdach fragen.

Als wir zwecks Anpassung in einem Lottoladen ein Bier kaufen, treffen wir Dirk, der eben noch dem klapprigen Ingo die schweren Aldi-Tüten die Treppe hochtragen will. »Dann hab ich Zeit«, sagt er. Wenig später kommt er wieder und hat Schlafplätze in einer 24-Stunden-Kneipe um die Ecke klargemacht.

»Da könnt ihr knacken«, sagt er.

Dirk trägt ein Basecap, den Schirm wie ein Visier in sein Gesicht gezogen. Neben seinem rechten Auge eine Narbe wie bei Franck Ribéry. Unter dem Ladenschild mit der Aufschrift »Freundlichkeit und Nachbarschaft« erzählt Dirk von vier Jahren bei der Bundeswehr, von Auslandseinsätzen und davon, dass er jetzt nachts bei Penny putzt.