Soziales ExperimentMaria und Josef in Neukölln
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"Wo kannste leben ohne Geld? Das gibt’s nur in Berlin!"

Der Lottoladen in der Okerstraße ist so etwas wie eine Nachbarschafts-Oase. Bier und Kaffee: 50 Cent. Nach einer Viertelstunde kennen wir die Anwesenden mit Vornamen: Da ist Helga, die in der B.Z. lesen darf, ohne zu bezahlen, solange sie die Zeitung ordentlich gefaltet wieder weglegt. Da ist Kerstin, die für die anderen strickt und näht und häkelt. Da ist Sebastian, der Computer repariert. Da ist Hotte, der Fahrräder flottmacht. Und da ist der stille Klaus, der von Dirk gehört hat, dass gerade zwei komische Vögel einen Platz zum Schlafen suchen, und deshalb die Straße rübergeht zu einer »interkulturellen« Sozialberatungsstelle, weshalb Funda, eine Sozialarbeiterin, zu uns in den Lottoladen eilt.

Funda sucht dann weitere Schlafmöglichkeiten raus und rät uns, Hartz IV zu beantragen. Sie habe die Formulare im Computer. Ausdrucken, ausfüllen, abgeben, fertig. »Die auf dem Amt stressen zwar, weil es hier schon so viele gibt. Aber das kriegen wir hin.«

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Man kann noch nicht mal ein Bier trinken, schon ist im Bezirk der Barmherzigen eine Sozialarbeiterin zur Stelle! Wie kommen wir da nur wieder raus?

Für diesen Abend steht auf dem Wochenplan: die katholische St.-Richard-Kirche. In derselben Straße hat der Skatklub Universum – »gegründet 1958« – seine Vereinsräume. Altes, biederes, weißes West-Berlin.

Schummrig gelbes Licht fällt durch ein Fenster auf die Straße. Hinter grau gerauchten Gardinen sind schemenhaft Menschen in grob gemusterten Wollpullovern zu erkennen. Mit Plastikholz vertäfelte Wände. Regalbretter voller Pokale. Auf einem Tisch eine Flasche Korn. Männergedröhn.

Durch den Türspalt fragen wir, ob wir uns aufwärmen dürfen. Eine Stunde vielleicht. Bis die Kirche drüben öffnet.

»Nee.«

»Doch!«, ruft ein Mann mit Bürstenschnitt und Kugelbauch. »Is ja bald Weihnachten.« Berliner Schnauze wie Harald Juhnke.

»Wir können aber kein Skat«, sagen wir.

»Jeht den meisten hier so!«

Brüllendes Gelächter. Der Mann mit dem Bürstenschnitt stellt sich mit »Ick bin der Andy« vor und führt uns zu einem abgelegenen Tisch, über dem Porträts verstorbener Clubmitglieder hängen: Detlef, Franz, Erhard, Rudi. Naturbelassene Gesichter. Andy bringt Kaffee, setzt sich, fragt nach unserer Geschichte und erzählt seine: wie er früher mit dem Lastwagen durch ganz Europa fuhr, wie ihm während einer Tour per Telefon gekündigt wurde und er seinen Wagen auf einem Parkplatz abstellen musste, irgendwo bei Leipzig. Danach Arbeitslosengeld, Hartz IV und »mit der Miete in der Brenne«. Platte gemacht habe er auch schon, sagt Andy. Zwei Jahre Umschulung, jetzt ist er Steuerfachangestellter bei einer Steuerberaterin. Und im Nebenjob Kellner. Und Neukölln-Pokalsieger im Skat.

»Ick seh dat so«, sagt er: »Am Ende wird alles jut. Und wenn’s nich jut wird, is es noch nich das Ende!« Er kenne eine Vermieterin, die werde er morgen nach einem Zimmer fragen.

»Wo kannste leben ohne Geld? Das gibt’s nur in Berlin!«, sagt Hajo

In der Zeit, die noch bleibt, führt Andy uns in den komplizierten Mikrokosmos des Vereinslebens ein: Der Tod kommt schneller als neue Mitglieder. Sie sind nur noch zu neunt. Zu wenige, um die Monatsmiete von 400 Euro zu bezahlen – zumal die ertrunken werden muss, was die Sache bei abnehmender Mitgliederzahl zunehmend verkompliziert. Von jedem Pils, Korn, Kümmerling und Wasser gehen ein paar Cent in die Vereinskasse. Es ist verzwickt: Wer mehr trinkt, sichert zwar das Überleben des Vereins, verliert aber seine Spiele. »Manche gehen hier nur mit fünf, sechs Getränken am Abend raus«, grummelt Andy. »Kann ja wohl nich sein.«

Wir nicken.

Leserkommentare
  1. sind....

    Aber so kann man mal wieder in den bürgerlichen Kreisen erstaunt tun. bis zum nächsten mal.....

    18 Leserempfehlungen
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    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    das Wort "sozialer" mit "herzlicher", dann macht es für Sie sicher mehr Sinn.
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    Danke für den Artikel. Feine Projekte. Danke!
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    Neulich las ich zufällig in meinem Tagebuch:
    Wenn ein Sozialstaat Sozialgesetze hat, die ein Sozialgericht benötigen, dann wird die Definition letzteren Begriffs immer öfter zur "warmen Suppe einer Tafel".

    Man könnte auch argumentieren, daß hilfsbereite oder im Ansatz altruistische Menschen nunmal nicht (bzw. nur sehr viel unwahrscheinlicher) reich werden.

  2. und der Arme sagte bleich: 'Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.....

    39 Leserempfehlungen
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    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:22 Uhr

    Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

    Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

    • Afa81
    • 26. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
    Ich hoffe, er meinte das damit.
    Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

    • SuR_LK
    • 26. Dezember 2012 9:58 Uhr

    lassen sich ebend nicht in die Neuzeit übersetzen, Maria und Josef funktioniert nicht, Jesus wäre heutzutage auch in einer geschlossenen gelandet oder direkt inhaftiert(spätestens bei der Tempelreinigung). Wozu also der Artikel, soll und wieder die Spaltung der Gesellschaft tiefer ins Hirn gehämmert werden?

    4 Leserempfehlungen
  3. 6. Genau

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    5 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Rychard
    • 26. Dezember 2012 10:04 Uhr

    so wie der Artikel geschrieben ist, glaube ich das nicht. Vielen Dank dafür ..

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Soziales Leben | Obdachlosigkeit | Obdachlose | Neukölln
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