Die Lüge als Werkzeug des Journalisten, als Stemmeisen, mit dem er sich Zugang zu Parallelwelten verschafft: Diese Methode – in Kronberg als Einbruch empfunden – erschließt in Neukölln einen Kosmos, der sich am Ende nicht mal mehr an die Prognosen unseres Soziologen hält. Andy und seine Skatbrüder, das sind ja die »Wohlanständigen«, die uns eigentlich verjagen müssten, aus Angst vor »sozialer Ansteckungsgefahr«.

Aber was macht Andy? Schreibt sich unsere Handynummer auf und gibt uns zwei Kartenspiele mit. Gegen die Kirchenlangeweile.

»Ick meld mich«, sagt er. »Bestimmt.«

Im Gemeindesaal der St.-Richard-Kirche sind die Tische zu Inseln gruppiert wie in einem Kindergarten. Etwa dreißig Männer und Frauen beugen sich über Schweinsbraten und Kartoffelbrei. Wir kennen inzwischen einige von ihnen, sie folgen dem Glücksrad-Pfeil wie eine Karawane. Mit einem eigentümlichen Arbeitsethos ziehen sie durch die Stadt: So, wie sich die Belegschaft einer Firma abends in die Freizeit verabschiedet und sich morgens zur Arbeit wiedersieht, finden sich die Obdachlosen abends in immergleicher Runde zum Essen, Reden, Schlafen ein und verschwinden nach dem Frühstück in den Tag. Da ist die bleiche Marianne, deren Husten den Schlaf der anderen zerreißt. Da ist die stille Annelie, die ihr Lager unter einem Tisch ausbreitet, als schliefe sie in einem Himmelbett. Da ist Rainer, ein hutzeliger Kerl, der stundenlang erzählt, er lebe auf der Straße, weil ein »Geheimgericht« ihn zu »Klapsmühle« verurteilt habe. Und da ist Hajo, ein großer, schlanker Mann, dessen frühere Attraktivität noch zu erahnen ist an seinem Grübchenkinn und an dem vollen Haar, der sich aber trippelnd an den Wänden entlangtastet, seit ihm der Grüne Star die Augen trübt.

Stummes Kauen, Nasenschniefen, zufriedenes Seufzen an den Tischen. Eine Szene wie aus Maxim Gorkis Nachtasyl, diesem Elendsdrama aus einem Notquartier, in dem es heißt: »Der Putz ist weg, nur der nackte Mensch ist geblieben.«

Doch sogar hier, ganz unten, tut sich ein Zwiespalt auf: Nach dem Abendessen verschwindet die Hälfte der Gäste. Es sind die, die der halb blinde Hajo verächtlich »Touristen« nennt. Schmarotzer, von denen alle hier wissen, dass sie ein Zuhause, ein Bett, ein Auskommen haben.

Selbst Hajo reißt am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, Witze. »Wo kannste leben ohne Geld? Das ist weltweit einmalig. Das gibt’s nur in Berlin! Hier gibt’s sogar Einrichtungen für schwangere Männer, sag ich immer. Ich mein’: Ich hab grade fünf Spiegeleier verdrückt. Und jetzt kommen noch die ganzen Weihnachtsessen, da macht ja jede Einrichtung mit.«

Als der gutmütige, dicke Mann von der Gemeinde sagt, die Leute müssten »jetzt leider gehen – wer länger bleibt, hilft spülen«, raffen alle sofort ihr Zeug zusammen.

Zu viel Hilfe: Kann es das geben? Ja und nein. Für die Verlorenen wie Hajo, Annelie und Marianne ist dieses System die Rettung. Dass es auch die »Touristen« nährt, ist eine Art Kollateralschaden im Kampf gegen die Verwahrlosung. Bedingungslose Nächstenliebe, das bedeutet hier nämlich: Niemand wird um seine Personalien gebeten, niemand wird hinterfragt, niemand abgewiesen. Nicht die echten Betrüger und nicht die falschen, also wir.

Ein Tag vergeht, Schnee setzt den Autos Mützen auf. Ein neuer Tag beginnt, es ist der erste Advent, da ruft Andy aus dem Skatklub an. Mit dem Zimmer hat es leider nicht geklappt.

»Aber ick hab’n Job für Nadine!«

In die Vereinsgaststätte einer Schrebergartenkolonie sollen wir kommen.

Wo?

»Am Buschkrug.«

Wann?

»Am besten, ihr kommt gleich rum.«

Was für eine Fügung! Es gibt zig Einwände gegen diese Geschichte. Man kann sie als konstruiert empfinden, als bigott, als falsch. Spätestens in diesem Moment entgleitet sie unserer Kontrolle – und wird echt. Weil Andy, der Kartenspieler, sie in seine Hände nimmt.