Soziales ExperimentMaria und Josef in Neukölln
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Es gibt zwar keine Krippe, aber "Maria" könnte in der Kneipe kellnern.

Wir hasten durch die sonntagsstille Stadt in Richtung Kleingärten. Im menschenwarmen Dunst des Vereinsheims mindestens hundert Gäste vor einem Weihnachtsbaum. Zwischen den Tischreihen Andy, tänzelnd vor Stolz, als er uns entdeckt. Er hilft hier einmal in der Woche aus. »Ick hab den Chef na’m Job gefragt«, sagt er, »den Rüdiger, der kommt gleich.«

Nach ein paar Minuten tritt ein Mann mit schwarzem Pullover und schweren Tränensäcken zu uns. »Dann sach ick erst mal Juten Tach«, sagt er. »Ick bin der Rüdiger.« Aufgeraute Stimme. Autorität eines väterlichen Patrons. Hinter ihm macht Andy einen langen Hals, aus Nervosität und Neugier.

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Mit einer Zigarette zwischen den Lippen klärt Rüdiger die Fakten: 421 Parzellen, viele Leute mit Hunger, Durst und Redebedarf. Fünf Tage in der Woche hat das Vereinsheim geöffnet, im Winter von 11 bis 18 Uhr. Mittwochs ist Darts, da geht es schon mal bis Mitternacht. Dazu kommen Vereinssitzungen und Geburtstage »mit Kuchen und dem Scheiß« – all die Events einer geselligen Gesellschaftsschicht. Rüdiger sagt, er brauche für zwei, drei Tage in der Woche eine neue Arbeitskraft, als Kellnerin.

»Wann kannst’n anfangen?«

So endet die Weihnachtsgeschichte von Neukölln. Diesem unberechenbaren Berlin-Bethlehem, wo sich zwar keine Krippe fand, »Maria« aber in einer Kneipe kellnern könnte. Wo Andy seinen Worten Taten folgen lässt. Wo Dirk den Penny putzt. Wo Schorsch auf einer Tiefkühltruhe schläft. Wo sich Hajo auf die Weihnachtsessen freut. Wo Habib uns zum Essen einlud. Und wo »Josef« sich jetzt auf den Weg zu Funda macht, um einen Antrag auf Hartz IV zu stellen, mit Verweis auf seine tischlerischen Fähigkeiten.

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Leserkommentare
  1. sind....

    Aber so kann man mal wieder in den bürgerlichen Kreisen erstaunt tun. bis zum nächsten mal.....

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    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    das Wort "sozialer" mit "herzlicher", dann macht es für Sie sicher mehr Sinn.
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    Danke für den Artikel. Feine Projekte. Danke!
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    Neulich las ich zufällig in meinem Tagebuch:
    Wenn ein Sozialstaat Sozialgesetze hat, die ein Sozialgericht benötigen, dann wird die Definition letzteren Begriffs immer öfter zur "warmen Suppe einer Tafel".

    Man könnte auch argumentieren, daß hilfsbereite oder im Ansatz altruistische Menschen nunmal nicht (bzw. nur sehr viel unwahrscheinlicher) reich werden.

  2. und der Arme sagte bleich: 'Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.....

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    • Medley
    • 26. Dezember 2012 20:22 Uhr

    Armer Mann trifft reichen Mann, blieben stehn und sahn sich an und der Arme sagte weich: "Wärst du nicht talentiert, fleissig und an Erfolg so REICH, dann gäb's im Lande niemanden, der die Sozialtransfers, die ich empfang, mit seinen Einkommensteuern, Gewinnsteuern, Gewerbesteuern, Umsatzsteuern, Kapitalertragsteuern, Grunderwerbssteuern, Erbschaftssteuern, und_was_es_sonst_noch_so_gibt, bezahlen kann." "Ja", sagte da der reiche Mann, "...Na eben! Wäre ich nicht reich und würden wir nicht in einem Sozialstaat leben, "bliebest du in deinem Elend kleben." "Ja", sagte darauf der arme Mann, "Wäre ich noch so irr und doll daneben, wöllt' ich doch nie im sozialistischen Kuba leben. Soviel Verstand ist mir noch geblieben, den Kapitalismus trotzallem innig heiß und mit ganzem Herz zu lieben."

    Ps. Ich hoffe, ich konnte lyrisch so einigermaßen mit Bertholt Brecht mithalten. ;o)

    • Afa81
    • 26. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Da arm und reich relativ sind, ist es natürlich so, dass man nur arm sein kann, wenn es Reiche gibt. Ohne "Heiß" gäbe es kein "Kalt" - ohne "Links" gäbe es kein "Rechts".
    Ich hoffe, er meinte das damit.
    Wenn er damit das "Nullsummenspiel" meint, also dass man nur etwas besitzen kann, wenn man es einem anderen wegnimmt (gezwungener maßen), dann ist das einer der dümmsten Sprüche von Brecht, den ich eigentlich schon sehr schätze.

    • SuR_LK
    • 26. Dezember 2012 9:58 Uhr

    lassen sich ebend nicht in die Neuzeit übersetzen, Maria und Josef funktioniert nicht, Jesus wäre heutzutage auch in einer geschlossenen gelandet oder direkt inhaftiert(spätestens bei der Tempelreinigung). Wozu also der Artikel, soll und wieder die Spaltung der Gesellschaft tiefer ins Hirn gehämmert werden?

  3. 6. Genau

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    • Rychard
    • 26. Dezember 2012 10:04 Uhr

    so wie der Artikel geschrieben ist, glaube ich das nicht. Vielen Dank dafür ..

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  • Schlagworte Soziales Leben | Obdachlosigkeit | Obdachlose | Neukölln
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