Martenstein"Politikerinnen als Wunderwesen – da packt mich die Wut"

Unser Kolumnist über mächtige Frauen von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Ich habe einen Artikel über Frauen in der Politik gelesen. In diesen Artikeln steht seit Jahren eigentlich immer das Gleiche. Ich zitiere mal eben kurz aus einem von etwa tausend Texten: »Im Umgang mit politischen Gegnern setzen Frauen auf Konsens statt auf Konfrontation und verbinden Durchsetzungsvermögen mit einem kommunikativen Führungsstil. Basta-Politik ist ihnen ebenso zuwider wie männerbündische Rituale. Sie haben Bodenhaftung, wirken frech, modern und integer. Das macht den Unterschied aus. Ihr Programm heißt: werthaltige Inhaltlichkeit. Beim Wähler kommt an: Da will eine mehr als Macht.«

Vermutlich gibt es Politikerinnen, auf die so eine Beschreibung zutrifft. Aber immer, wenn ich lese, dass angeblich alle Politikerinnen göttergleiche Wunderwesen sind, packt mich die Wut. Frauen sind angeblich bessere Menschen als Männer. Wenn Frauen regieren, kommt das Paradies auf Erden. Also, wenn es grundsätzlich möglich ist, die Menschen in bessere und in weniger gute Sorten aufzuteilen, was spricht dann eigentlich gegen ein bisschen Rassismus? Wenn Frauen besser sind als Männer, warum sollten dann zum Beispiel nicht auch Weiße besser sein als Schwarze?

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Um eine Ideologie glaubwürdig vertreten zu können, hilft es immer, die Wirklichkeit komplett zu ignorieren. Annette Schavan , frech und modern? Silvana Koch-Mehrin , total integer? Angela Merkel , an Macht nicht sonderlich interessiert? Es gibt natürlich erst seit ein paar Jahren relativ viele Spitzenpolitikerinnen. Die erste echte Spitzenpolitikerin der Neuzeit war Mary, Königin von England , die ihre Rivalin hat enthaupten lassen und außerdem den unschönen Brauch wieder eingeführt hat, Gegner des Königshauses lebendig verbrennen zu lassen. So was nenne ich: eine klassische Basta-Politik. Nach ihr ist, wegen ihres Blutdurstes, der Cocktail Bloody Mary benannt worden. Mit Katharina von Medici dagegen verbindet die Welt bis heute die Bartholomäusnacht, das Pogrom gegen die französischen Protestanten. Zarin Katharina war mindestens so sexsüchtig wie Dominique Strauss-Kahn . Indira Gandhis autoritärer Führungsstil ist bis heute legendär, sie hat das Nachbarland Sikkim militärisch annektiert, 110.000 politische Gegner ins Gefängnis gesperrt, 22 tote Oppositionelle auf dem Gewissen, und wenn Zeitungen ihr zu kritisch waren, hat sie diesen Zeitungen, vielleicht aus werthaltiger Inhaltlichkeit, den Strom abstellen lassen. Sirimavo Bandaranaike, Premierministerin von Sri Lanka , wurde wegen Korruption abgesetzt, und Winnie Mandela soll den Befehl gegeben haben, einen 14-Jährigen zu Tode zu foltern.

Klar, ich bin einseitig. Es gibt auch völlig integre Politikerinnen, die erwähnten Personen haben alle auch Positives geleistet, und überhaupt, wir alle sind Kinder unserer Zeit, auch Bloody Mary war es. In unserer Zeit zum Beispiel sind wir, zum Glück, recht sensibel, was antiweiblichen Sexismus betrifft. Antimännlicher Sexismus dagegen ist heute Mainstream. Wenn Männer kungeln, heißt das »männerbündisch«, wenn Frauen kungeln, heißt das »Frauennetzwerk«. Ich bin übrigens ganz und gar für Frauen in Machtpositionen, das war überfällig, aber auch bei denen gibt es fähige und unfähige Exemplare und das ganze Spektrum dazwischen. Wer behauptet, Männer könnten nicht frech und modern sein, dem würde ich gern, wenn ich Zeit dazu hätte, eine Namensliste von etwa tausend frechen, modernen Männern schicken. Und was mich betrifft: Werthaltige Inhaltlichkeit ist quasi mein zweiter Vorname.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. >> Basta-Politik ist ihnen ebenso zuwider wie männerbündische Rituale. <<

    ... uns doch mal kurz, was dieses "Basta" eigentlich bedeutet. Am Ende doch nicht mehr und nicht weniger als: "Ruhe, wir machen das jetzt so, wie ich das will." Man könnte auch freundlicher formulieren und sagen, ein Kanzler macht von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch.

    Alternativlosigkeit suggeriert hingegen, dass es gar keinen anderen möglichen Weg gibt, dass der Entscheider im Besitz der alleingültigen Wahrheit ist.

    Merkel geht damit weit über Schröders angebliche Basta-Politik hinaus.

  2. Sehr guter Artikel, aber warum "das war überfällig"?

    Politik wurde seit dem Advent von Frauen das Gegenteil von besser.

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    • Sirisee
    • 22. Dezember 2012 15:40 Uhr

    Entfernt, da undifferenziert, polemisch und unkonstruktiv. Die Redaktion/fk.

  3. Danke für diesen substantiellen Beitrag. Denn genau an diesem Punkt fängt der eigentliche Feminismus an: wenn Frauen endlich nicht mehr besser sein müssen als Männer, um die gleiche Macht zu haben. Frauen sind selbstverständlich nicht die besseren Menschen und waren es auch nie. Sie müssen es aber auch nicht sein.

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    • ic_fly2
    • 22. Dezember 2012 11:12 Uhr

    dann sollte man aber auch nicht andauernt schreiben das sie es sind.

    • vonDü
    • 19. Dezember 2012 15:56 Uhr

    Nur, der Cocktail Bloody Mary, ist nach dieser Dame benannt: http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_I._%28England%29

    und Maria Stuart wurde das Opfer von Elizabeth I., der wirklichen ersten Spitzenpolitikerin. Deren Regentschaft übrigens als Golden Age bezeichnet wurde. Ein Titel, mit dem Merkel nicht in Geschichtsbücher eingehen wird.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_I.

    Die historischen Beispiele zeigen gut, dass es in jeder Epoche und Gesellschaft, Frauen gab, die sich ohne Quote, und gegen massivere Hindernisse, als nur "gläserne Decken", durchsetzen konnten. Der "Erfolg" dieser Damen beruhte nicht auf ihren weiblichen Talenten, sondern auf ihren knallhart "männlichen" Strategien. Elizabeth und Katharina haben England und Russland nicht im kooperativen und aggressionsreduzierten Stil zu führenden Großmächten gemacht.

    Golda Meir, Indira Ghandi und Maggie Thatcher sind, wie ihre historischen Vorgängerinnen im Spitzenamt, alle in mindestens einen Krieg gezogen. Auch unter Merkel stehen Soldaten in Einsätzen. Gibt zu denken.

    Nur Sarah Palin fehlt noch auf der Liste "Theorie und Wirklichkeit", des Wunderwesens Spitzenfrau.

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    >Klugscheissmodus an<
    Mary I. von England - von Martenstein irrtümlich als Namensgeberin der Bloody Mary genannt - hat tatsächlich eine Widersacherin hinrichten lassen.
    Sie ließ Lady Jane Grey, die ebenfalls einen Anspruch auf den Thron hatte, enthaupten.
    >Kluscheissmodus aus< ;-)

  4. Ein solcher Text im Kommentarbereich besagter "tausend Texte" wird für gewöhnlich als "unsachlich" gelöscht und der Autor gesperrt.

    Bestrebungen dahingehend, dass Männer endlich nicht mehr besser sein müssen als Frauen, um die gleiche Macht im familiären Bereich zu haben, nennt der Feminismus im übrigen "Backlash". Denn darüber, dass Männer ihr Sorgerecht definitiv nicht via obligater Quote, sondern vielmehr zertifiziertem Leistungsnachweis erhalten sollen, lassen feministische AktivistInnen keinen Zweifel.

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  5. "Golda Meir, Indira Ghandi und Maggie Thatcher sind (...) alle in mindestens einen Krieg gezogen."

    In allen drei Fällen wurden die Kriege aber von Ländern begonnen, in denen Männer regierten.

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    Wegen ein paar, überwiegend von Schafen bewohnten Inseln im Südatlantik?

    • tgoff
    • 23. Dezember 2012 7:22 Uhr

    Sie hat der britischen Industrie den Rest gegeben (wir sind heute froh, dass wir unsere noch haben), die Gewerkschaften per Gesetz kastriert (asozial), die Trennung zwischen Investmentbanken und Kundenbanken aufgehoben und die Finanzwirtschaft ins Zentrum der britischen Wirtschaft gesetzt.
    Damit hat sie kurzfristig einen Sog erzeugt, der ausländische Banken nach UK gezogen hat, denn dort ist am meisten erlaubt, langfristig aber den Grundstein für exzessive Blasen gelegt.

    Sie hat damit der Finanzwirtschaft einen Einfluss von erpresserischem Volumen auf die britische Regierung gegeben, denn UK hat keine Industrie mehr. Auch deshalb verhindern die Briten bis heute jede wirksame und notwendige Regulierung der Hedgefonds.

    In der dieser Zeit waren übrigens in UK 2 Frauen an der Macht, Maggie und die Queen.

  6. Seit Längerem nerven mich neben anderem vor allem die ZEIT-Artikel, in denen den Frauen in Führungspositionen übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, und zwar so sehr, dass ich ernsthaft die Kündigung meines ZEIT-Abos in Erwägung gezogen habe. Nach der Lektüre der Kolumne über die „Politikerinnen als Wunderwesen“ ist diese Überlegung zumindest zunächst vom Tisch. Der Artikel könnte wortwörtlich von mir stammen, wenn ich denn so schreiben könnte wie Martenstein. Giovanni di Lorenzo sollte sich bei ihm bedanken. Ich befürchte nur, dass Martenstein in der ZEIT-Redaktion ein einsamer Rufer in der Wüste bleibt, ein Hofnarr gewissermaßen, der zur Gaudi der Redaktion immer mal wieder etwas quer zum Mainstream sagen und schreiben darf, ansonsten aber nicht ernst genommen wird.

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    folgender artikel mal das wort mann durch frau ersetzen:
    die ZEIT könnte "dichtmachen" wg der proteststürme.

    http://www.zeit.de/2012/50/Weisse-Mann-Untergang

    lieber herr martenstein,

    jetzt bekommen sie wahrscheinlich wieder zig protestbriefe von jungen, wütenden frauen. stellen sie sich einfach vor-es wären weihnachtsgrüße.

    • tgoff
    • 23. Dezember 2012 7:10 Uhr

    Seit 20 Jahren habe ich die Zeitabonniert, aber der Unsinn , den ich in den letzten 2 Jahren so lese..
    Die Zeit habe ich abonniert, weil dort für und gegen Kernkraft, für und gegen irgendwas zu lesen waren. Bei dem Thema zur Frauenförderung finde ich diese Positionierung nicht mehr.

    [...]
    Herr Martenstein hat sogar einmal eine Kolumne geschrieben über asymmetrische Schreibweise von Frauen über Männer und vice versa.

    Seit 2 Jahren Schreiben Zeitredakteurinnen fast in jeder Ausgabe darüber, dass Frauen bessere Menschen und Führungskräfte wären als Männer. Wenn Männer nachfragen, wie das mit der Realität übereinstimmt, wie hier Herr Martenstein, wird dies als sexistische Erwartungshaltung bezeichnet. Siehe auch das Interview mit Frau Illner in der letzten Ausgabe bzw Zeitonline.

    Mein Abo hat Martenstein noch nicht gerettet, aber ich werde mir das 2 Monate länger ansehen.

    Der Spiegel ist übrigens keine schlechte Alternative

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/ls

    • CH75
    • 23. Dezember 2012 17:05 Uhr

    Ich kann es auch nicht mehr sehen, wie ständig Frauen als die besseren Menschen hochgelobt werden, letztens erst wieder durch Elisabeth Niejahr und Bernd Ulrich. Unterschiede zu offenem Rassismus kann ich nicht mehr erkennen.
    Ich frage mich nur, wie lange Harald Martenstein noch weitermachen darf.

    • pm_fra
    • 20. Dezember 2012 0:07 Uhr

    Lieber Harald Martenstein,

    obiges Zitat stammt von dem unterschätzten deutschen Schriftsteller und Maler Fritz Mühlenweg (aus "In geheimer Mission durch die Wüste Gobi"). Ihm wohnt für uns alle eine große Wahrheit inne.

    Ich bin wirklich ein erklärter Fan Ihrer Kolumnen, der Anti-PC Artikel neulich war ein "highlight", fast so gut wie der absolute Martenstein-Klassiker über Till Schweigers "Keinohrhasen", ein Solitär der Satire!

    Auch Ihr heutiger Artikel über die "Mächtigen Frauen" ist ok, wäre da nicht die englische Geschichte und die vielen Frauen von Heinrich VIII. Es war "die Lisbeth, nicht die Mary", die Frau Stuart dekapitieren ließ, ansonsten war sie natürlich schon eine "Bloody Mary", die Stiefschwester von Lisbeth, aber was will man auch erwarten bei so einem Vater.

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    • WolfHai
    • 22. Dezember 2012 11:55 Uhr

    Die "Bloody Mary" war die Vorgängerin von Elisabeth I. Die geköpfte Rivalin in Autor Martensteins Text ist Jane Grey (nicht Maria Stuart von Schottland - die wurde in der Tat als Rivalin von Elisabeth I geköpft), die ebenfalls nach dem Tod Eduard VI. den Thron anstrebte. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_I._%28England%29 )

    Ja, es waren blutige Zeiten damals, und warum auch gab es damals so viele Marias, wenn nicht, um uns alle zu verwirren.

    immer spukt das Testosteron dazwischen und versucht ein Haar in der Suppe zu finden - da kann der Martenstein noch so inhaltlich werthaltig und völlig korrekt die tudor´schen Queen Bee Zweikämpfe auflisten, Nein! es soll die Lisbeth gewesen sein...

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