DIE ZEIT: Herr Kalmaru, Sie haben zusammen mit Ihrem Team Memoto entwickelt – eine Kamera, kaum größer als eine Streichholzschachtel, die man sich mit einem Clip an den Ausschnitt heften kann, von wo aus sie dann alle 30 Sekunden ein Bild schießt und speichert. Was wäre denn im Moment bei Ihnen zu sehen?

Oskar Kalmaru: Unser Konferenzraum in Stockholm, mein Laptop auf meinen Knien und auf dem Bildschirm Ihre E-Mail mit der Interviewanfrage.

ZEIT: Hm, ein eher ödes Sujet.

Kalmaru: Na ja, vielleicht erscheint uns das heute so, aber in zwei, drei Jahren wird es mir helfen, mich an diesen Moment zu erinnern, an unser erstes Gespräch.

ZEIT: Aber haben wir, was das betrifft, in den vergangenen Jahrhunderten nicht ganz gute Erfahrungen mit unserem Gehirn gemacht? An das, was wirklich wichtig ist, erinnert man sich doch meistens ohnehin. Und um den Rest ist es nicht schade.

Kalmaru: Da würde ich Ihnen widersprechen. Ein Erlebnis besteht ja nicht nur aus dem einen großen Ereignis, sondern auch aus all den kleinen Dingen, die drum herum passieren. Wenn Sie zum Beispiel ein Wochenende in Paris verbringen, werden Sie sich wahrscheinlich vor dem Eiffelturm fotografieren. Aber machen Sie auch Fotos, wenn Sie in die Metro einsteigen oder vom Kellner, der den Kaffee serviert? Gerade Reisen setzen sich doch zusammen aus den vielen Details, die wir oft vernachlässigen und vergessen. Manchmal weiß man ja auch gar nicht, dass ein Moment einmal wichtig werden wird – und wünscht sich später, man hätte damals ein Bild gemacht.

ZEIT: Eine Menge Leute scheinen das ebenso zu sehen. Sie haben Memoto über die Internetplattform »Kickstarter« finanziert, per Crowdfunding. Wie funktioniert das?

Kalmaru: Entwickler können da ihre Geschäftsideen mit einem Video vorstellen. Wenn man die Idee gut findet, kann man sie finanziell unterstützen – entweder durch eine Spende oder indem man das Produkt quasi kauft, bevor es existiert. Fällig wird das Geld aber nur, wenn die vorher veranschlagte Mindestsumme innerhalb eines festgelegten Zeitraums zusammenkommt.

ZEIT: Wie viel war das in Ihrem Fall?

Kalmaru: Wir hatten kalkuliert, dass wir für die Herstellung von etwa 200 Kameras mindestens 50.000 Dollar brauchen.

ZEIT: Und wie ist es gelaufen?

Kalmaru: Wir waren absolut überwältigt! Die 50.000 Dollar hatten wir schon nach viereinhalb Stunden zusammen, 24 Stunden später waren es 150.000 Dollar.

ZEIT: Und am Schluss?

Kalmaru: 550.000 Dollar, von 2871 Interessenten – wir werden also eine ganze Menge mehr Geräte herstellen lassen.

ZEIT: Haben Sie eine Ahnung, was all diese Menschen mit den Kameras anstellen wollen?

Kalmaru: Das ist ganz unterschiedlich. Wir waren überrascht, wie viele Leute die Memoto an ihrem Haustier befestigen wollen, am Halsband ihrer Katze zum Beispiel.

ZEIT: Eine Art Catcam.

Kalmaru: Genau. Katzen sind ja sehr unabhängig; wenn die unterwegs sind, weiß kein Mensch, was sie gerade treiben. Dann gibt es die sogenannte Lifelogger-Community – Leute, die mithilfe verschiedener Apps ihr Leben dokumentieren: Blutdruck, Gewicht, Schlaf, Laufstrecke. Für die ist das natürlich auch interessant. Und dann sind da noch die verrückten Reiseprojekte. Ein junger Mann zum Beispiel, der zu Fuß von Peking nach London laufen und unterwegs mit der Memoto seine Reise-Erlebnisse festhalten möchte.

ZEIT: Für denjenigen, der fotografiert, ist das ja auch sicher eine schöne Sache. Aber was ist eigentlich mit all den Leuten, die dabei fotografiert werden, ohne es zu merken? Ist das überhaupt legal?

Kalmaru: Na ja, wir haben die Memoto ja so konzipiert, dass das Gerät zwar diskret ist, aber nicht unsichtbar – was technisch durchaus möglich gewesen wäre. Außerdem rufen wir unsere Käufer natürlich dazu auf, die Privatsphäre anderer zu respektieren. Das sollten sie allerdings mit jeder anderen Kamera auch tun.

ZEIT: Und wer hat die Zeit, sich die ganzen Bilder anzuschauen? Wenn ein Freund aus dem Urlaub kommt und mir erzählt, er habe unterwegs alle 30 Sekunden ein Foto gemacht – da lauf ich doch schreiend weg!

Kalmaru: Wir haben auch eine App entwickelt, die das Sortieren erleichtert und die Bilder auswählt, die für Sie am interessantesten sind.

ZEIT: Woher will die App das denn wissen?

Kalmaru: Zunächst werden die Fotos über GPS-Daten und Uhrzeit in verschiedene Stapel geordnet. Obenauf liegt das beste Bild, also das mit der besten Belichtung, dem besten Fokus. Und wenn eine Person zu sehen ist, wird dieses Bild priorisiert, weil die meisten am liebsten Fotos mit Menschen ansehen.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die offenbar ja verbreitete Lust daran, das eigene Leben so genau zu dokumentieren – eben nicht nur besondere Situationen, sondern auch ganz Alltägliches?

Kalmaru: Ich glaube, dass Menschen das Gefühl haben, ein reicheres Leben zu führen, wenn sie mehr davon aufbewahren können. Ich selbst habe zu Hause mehrere Kisten mit Fotos, die darauf warten, eingeklebt zu werden – allerdings komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass das nie passieren wird. Ich habe mir auch immer mal wieder vorgenommen, Tagebuch zu schreiben, vor allem auf Reisen. Normalerweise halte ich fünf Tage durch, dann gebe ich auf und beschließe, einfach den Augenblick zu genießen.

ZEIT: Seit es Smartphones gibt, haben die meisten von uns keine einzige Telefonnummer mehr im Kopf. Geben wir mit dem automatischen Fotografieren nicht einen weiteren Teil unseres Gedächtnisvermögens auf?

Kalmaru: Das kann man so sehen, aber mir geht es genau umgekehrt: Ich kann mich besser auf den Augenblick einlassen, wenn ich nicht darüber nachdenken muss, wie das später bei Facebook aussieht. Die Memoto-Bilder macht man ja vor allem für sich selbst, als Erinnerungshilfe.

ZEIT: Und wenn meine Festplatte eines Tages den Geist aufgibt, bin ich doch wieder auf mein gutes altes Hirn zurückgeworfen.

Kalmaru: Als ich ein kleiner Junge war, ist unser Haus abgebrannt. Meine Eltern besitzen kein einziges Foto aus der Zeit vor diesem Feuer. Das Risiko des Verlusts besteht immer, egal auf welchem Träger.