Dorothy DayEine unbequeme Heilige

Die New Yorker Arbeiteraktivistin Dorothy Day könnte bald in Rom geehrt werden. von 

Die Holzregale sind voll mit vergilbten Zeitungen, auf dem Boden liegen weitere Stapel. An den Wänden hängen Plakate mit Friedenstauben und ein Porträt von Martin Luther King. So könnte das Büro einer Bürgerinitiative aussehen, das vor vielen Jahren einfach verlassen wurde. Nur ein Ölbild mit goldenem Rahmen passt nicht dazu. Es zeigt einen katholischen Priester in vollem Ornat bei der heiligen Messe.

In diesem schäbigen Haus im New Yorker East Village wirkte Dorothy Day. Zeit ihres Lebens war sie radikale Pazifistin und erklärte Anarchistin, sie bezeichnete das herrschende Wirtschaftssystem als »dreckig und verdorben«. Day war aber auch eine inbrünstige Katholikin, und angetrieben von ihren scheinbar unvereinbaren Überzeugungen, gründete sie in den dreißiger Jahren die Arbeiterbewegung Catholic Worker. Die verstand das Gebot der christlichen Nächstenliebe als Auftrag zum Klassenkampf.

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Jetzt soll Day heiliggesprochen werden – zumindest nach dem Willen der amerikanischen Bischöfe. Im vergangenen Monat haben sie angekündigt, in Rom Days Heiligsprechung voranzutreiben.

In Days jungen Jahren deutete gar nichts auf diese Entwicklung hin. Die Tochter eines Sportreporters wurde 1897 im New Yorker Stadtviertel Brooklyn geboren. Sie wurde Journalistin, sah sich politisch als Sozialistin, schrieb für linke Blätter wie The Masses. Einmal interviewte sie Leo Trotzki, der auf der Durchreise war. In den zwanziger Jahren gehörte sie zur New Yorker Boheme. Die Geburt ihrer Tochter 1927 führte zu einer religiösen Erweckung. Sie wählte den katholischen Glauben auch, weil er aus ihrer Sicht der Glaube der Immigranten und Arbeiter war, für deren Sache sie kämpfte. Von der linken Revolutionärin zur frommen Vertreterin des Glaubens. Oder, wie es die amerikanischen Bischöfe sagen, »eine Heilige unserer Zeit«.

Day selbst sagte einmal: »Macht mich nicht zur Heiligen, so leicht will ich nicht abgetan werden.« Ihr Glaube war kein Abschied von radikalen Ideen. Im Gegenteil. Mitten in der Großen Depression, als Millionen ohne Arbeit waren und viele Amerikaner hungerten, startete sie an ihrem Küchentisch die Zeitung The Catholic Worker. Bis heute ist ein Exemplar für einen Cent zu haben, über Nacht wurde sie damals zum Erfolg. Schon nach wenigen Monaten stieg die Auflage von 2.500 auf über 100.000 Exemplare. Day öffnete ihre Wohnung für Obdachlose und gründete mit Spenden finanzierte Gästehäuser für Menschen in Not. Catholic Worker wurde zur Bewegung – die heute etwa 200 Gästehäuser weltweit betreibt.

Day wollte zeigen, mit welchen Mitteln eine radikale Veränderung der Gesellschaft möglich ist. Ihre Enkelin Martha Hennessy sieht ihrer Vorfahrin nicht nur ähnlich, sie führt auch ihre Arbeit fort. »Sie hat gezeigt, dass es einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus gibt«, sagt Hennessy. Selbstbeschränkung, freiwillige Armut, sei das wirksamste Mittel gegen ein System, das auf immer mehr Konsum basiere. Wie das Leben in der Kommune, von und auf der Scholle. Die Catholic Worker Movement betreibt Farmen, die Lebensmittel für Gästehäuser und Armenküchen liefern. Das Prinzip der Nachhaltigkeit und der Würde körperlicher Arbeit gehöre dazu, sagt Hennessy: »Catholic Worker hat ein Glaubenssystem, mit dem sich dem kapitalistischen Modell widerstehen lässt.«

Day ging oft für ihre Ziele auf die Straße. Mehrfach wurde sie verhaftet, zuletzt mit 75 Jahren bei Protesten gegen die Arbeitsbedingungen von Farmarbeitern. Das verschweigen die Bischöfe in ihren Reden aber meist. Stattdessen betonen sie Days Ablehnung der sexuellen Revolution der Sechziger – und dass sie eine Abtreibung bereute. Zu ihren Lebzeiten war Day bei den Kirchenoberen nicht sehr beliebt. Zeitweise wollten sie ihrer Bewegung untersagen, sich »katholisch« zu nennen.

Dass die Bischöfe ihre Großmutter nun sogar heiligsprechen lassen wollen, kommentiert Enkelin Hennessy so: »Die Kirche weiß gar nicht, was sie mit einer Heiligen wie ihr wirklich bekommen wird.«

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Leserkommentare
  1. ein vernünftiger Vorschlag aus klerikalen Kreisen. Na dann: Good luck!

    4 Leserempfehlungen
  2. über diese Frau.
    Sie ist mir sehr sympatisch. Besonders, daß sie keinen Wiederspruch sah, gläubig zu sein und trotzdem für die Menschen im Dieseits etwas tun zu wollen.
    Die letzten Tage wurde allen, die den Kapitalismus nicht wollen, wieder viel mit Kommunismus gedroht.
    Einen MIttelweg zu suchen, finde ich absolut richtig und logisch, wenn der Mensch sich weiter entwickeln will.
    "Sprecht mich nicht heilig, so leicht sollt ihr mich nicht abtun" finde ich toll.

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  • Schlagworte Heiligsprechung | Heiliger | Arbeitskampf
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