Eine Teilnehmerin einer von Milla organisierten Antiregierungsdemonstration schüttelt dem früheren ungarischen Ministerpräsidenten Gordon Bajnai (rechts) die Hand. © Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images

Der Mann, der Ungarns Premierminister Viktor Orbán gefährlich werden könnte, arbeitet am liebsten im Budapester Café Mocca. Er ist Teil von Ungarns größter Oppositionsbewegung, aber eine Parteizentrale gibt es nicht, noch nicht einmal eine Partei. Peter Juhasz, 41 Jahre alt, hat vor einem Jahr über Facebook zum Protest gegen Orbáns Mediengesetz aufgerufen, das Presse und Rundfunk faktisch unter Regierungskontrolle stellen sollte. Zur Überraschung aller kamen Zehntausende auf die Straße. Die Bürgerbewegung »Milla« (eine Million für die Pressefreiheit) war geboren. Inzwischen hat sie auf ihrer Facebook-Seite über hunderttausend Anhänger.

»Unsere Demonstrationen«, sagt Juhasz, »waren gegen Orbán gerichtet, gegen die systematische Abschaffung des Rechtsstaates. Seit letztem Jahr haben wir nun so viel Zulauf, dass viele Menschen glauben, mit uns sei ein Regierungswechsel möglich.«

Regierungswechsel? Das klingt geradezu vermessen für europäische Beobachter, die Ungarn bis vor Kurzem noch fest unter Kontrolle des rechtspopulistischen Premierministers wähnten. Mit einem Machtkampf hat niemand mehr gerechnet, denn Orbán schien sich an der Spitze des Staates festgesetzt zu haben. Doch Milla gehört heute zu einem Bündnis, das die liberale ungarische Öffentlichkeit aus ihrer politischen Depression herausgerissen hat. Zusammen mit der Gewerkschaft Solidaritas und dem Verein »Heimat und Fortschritt« des ehemaligen Premiers Gordon Bajnai hat Juhasz die Bewegung »Zusammen 2014« gegründet. Für 2014 sind die nächsten Parlamentswahlen angesetzt. Das Bündnis ist aus dem Stand die stärkste oppositionelle Kraft des Landes geworden. Zum Nationalfeiertag am 23. Oktober stellte Zusammen 2014 die größte Gegendemonstration zur Regierungskundgebung auf die Beine; in den Umfragen, in denen selbst die Regierungspartei nicht über 22 Prozent kommt, liegt das Bündnis mit 14 Prozent inzwischen vor allen anderen Oppositionsparteien.

Viele Ungarn sind von dem hasserfüllten Schauspiel angewidert

Viktor Orbán hat wohl nicht damit gerechnet, dass ihm die Opposition überhaupt noch mal gefährlich werden könnte. Vor zwei Jahren gelang es seiner konservativen Fidesz-Partei, die absolute Mehrheit zu erringen. Das lag nicht nur an der Popularität von Orbán und seiner zunehmend nationalistischen Rhetorik, sondern auch am totalen Zusammenbruch der sozialistischen Vorgängerregierung: Die Wirtschaft war nach acht Jahren Regierungszeit der Linken am Boden, der Staatshaushalt außer Kontrolle, und zu allem Überfluss hatte der Premier der linken Regierungspartei MSZP die Bevölkerung über den Zustand des Landes offen angelogen.

Kaum an der Macht, begann Orbán einen Durchmarsch, der Ungarn spaltete und in der EU massive Zweifel an der demokratischen Substanz des Mitgliedslandes auslöste: Im Schnelldurchlauf wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die vor allem den politischen und kulturellen Vorstellungen der Regierungsmehrheit entspricht; Verwaltungsposten wurden auf Jahre hin mit konservativen Parteigängern besetzt; die Wahlgesetze mehrfach zulasten der Opposition geändert. Orbáns Programm ist klar: Er baut sich ein Fidesz-Ungarn, indem er die Interessen seiner Partei mit den Interessen der Nation gleichsetzt.

Doch auch Populisten müssen sich der Realität stellen, auch sie müssen wirtschaften können, Arbeitsplätze schaffen und Wachstum erzielen, wenn sie auf Dauer beliebt bleiben wollen. Gerade jetzt, wo Orbán auf dem Höhepunkt seiner Gestaltungsmacht ist, sinkt die öffentliche Zustimmung rasant. Denn verbessert hat sich für die Bürger kaum etwas. Die beständig hohe Inflation des Forint belastet vor allem die ärmeren Haushalte. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf das europäische Rekordniveau von 27 Prozent war da nur eine traurige Pointe ungarischer Wirtschaftspolitik. In der Tagespolitik ist der Ton mittlerweile vergiftet. Es herrscht eine Sprache des Hasses und der Verachtung zwischen den politischen Lagern. Viele Ungarn sind von der Politik so angewidert, dass sie gar nicht mehr zur Wahl gehen wollen.

»Wir können nur gewinnen, wenn wir uns gegenseitig respektieren«

Das Bündnis der Orbán-Gegner kann das ändern. Hier sammelt sich das andere Ungarn, das man vor lauter Orbán gar nicht mehr sah. Peter Juhasz und seine Milla-Aktivisten hätten den Protest allein wohl kaum über die Facebook-Gemeinde hinaustragen können. Auch der Gewerkschaft Solidaritas, die im vergangenen Jahr Großdemonstrationen gegen Orbáns Wirtschaftspolitik organisiert hatte, fehlte eine politisch erfahrene Persönlichkeit. Sie fanden sie in Gordon Bajnai, der vor Orbáns Amtsübernahme ein Jahr lang eine Experten-Regierung geleitet hatte und seither parteiübergreifend großen Respekt genießt.

 Drei sehr verschiedene Gruppen im Widerstand vereint

In den Umfragen, in denen die unentschiedenen Wähler mit 40 Prozent mitgezählt werden, kam das Bündnis nur einen Monat nach seiner Gründung auf vier Prozentpunkte mehr als die ehemalige Regierungspartei MSZP, die seit der Wende 1989 das linke Lager anführte.

Es ist ein echter Volkswiderstand, der sich aus den drei Gruppen speist. Deren Lebenswelten unterscheiden sich zwar zum Teil erheblich, aber was sie zusammenbringt und von den großen politischen Parteien unterscheidet, ist ihr Wille zur Versöhnung und zur Kooperation. Sie wissen, wie sehr die hasserfüllte Rhetorik der politischen Gegner im Parlament die Öffentlichkeit abgeschreckt und von der Politik entfremdet hat. Seit über zehn Jahren ist Ungarn in zwei politische Welten auseinandergebrochen. Orbáns Sieg war da nur ein Höhepunkt der zerfallenen politischen Kultur.

Der ehemalige Premierminister Bajnai, rhetorisch wie politisch aus dem moderaten Spektrum, kämpft nun darum, aus der Bewegung eine Partei zu formen und Wähler zu motivieren. Zusammen 2014 hat bislang weder ein Hauptquartier noch ein PR-Team oder einen Fuhrpark. Also lässt sich Bajnai von Mitstreitern im Privatauto von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf fahren, um mit Landsleuten zu reden. Zu seinen wichtigsten Beratern zählt Karoly Vörös, ehemaliger Chefredakteur der liberalen Zeitung Nepszabadsag. Deren Leserschaft gehört einer ungarischen Bildungsschicht an, die sich seit Jahren auf der politischen Landkarte nicht mehr wiederfindet. »Wir können nur gewinnen, wenn wir auch die Parteien einbeziehen und uns gegenseitig respektieren«, sagt Vörös in bestem ungarischem Deutsch, in dem der weiche Tonfall des Österreichischen mitschwingt. Auch er verkneift sich aggressive Kritik an der Fidesz-Regierung wie an der linken parlamentarischen Opposition von der MSZP.

Die große Mobilisierungskraft der Facebook-Bewegung und der Gewerkschaft Solidaritas sowie die hohen Beliebtheitswerte von Bajnai werden allerdings nur dann zur Bedrohung für die Regierung Orbán, wenn ihnen eine Parteigründung gelingt. Selbst für diesen Fall kann das Bündnis ohne die linke Oppositionspartei MSZP nicht erfolgreich sein. Eine gespaltene Opposition aber wäre ein Garant dafür, dass Orbán die nächste Wahl gewinnt. Das Bündnis mit der MSZP stellt ein Problem für Bajnai, Juhasz und ihre Anhänger dar. Denn die MSZP ist bei vielen Ungarn verhasst, sie gilt vielen nicht als Teil der Lösung, sondern des Problems. An der Zusammenarbeit mit den Sozialisten wird sich zeigen, wie ernst es auch den Wählern mit Versöhnung ist.