In den Umfragen, in denen die unentschiedenen Wähler mit 40 Prozent mitgezählt werden, kam das Bündnis nur einen Monat nach seiner Gründung auf vier Prozentpunkte mehr als die ehemalige Regierungspartei MSZP, die seit der Wende 1989 das linke Lager anführte.

Es ist ein echter Volkswiderstand, der sich aus den drei Gruppen speist. Deren Lebenswelten unterscheiden sich zwar zum Teil erheblich, aber was sie zusammenbringt und von den großen politischen Parteien unterscheidet, ist ihr Wille zur Versöhnung und zur Kooperation. Sie wissen, wie sehr die hasserfüllte Rhetorik der politischen Gegner im Parlament die Öffentlichkeit abgeschreckt und von der Politik entfremdet hat. Seit über zehn Jahren ist Ungarn in zwei politische Welten auseinandergebrochen. Orbáns Sieg war da nur ein Höhepunkt der zerfallenen politischen Kultur.

Der ehemalige Premierminister Bajnai, rhetorisch wie politisch aus dem moderaten Spektrum, kämpft nun darum, aus der Bewegung eine Partei zu formen und Wähler zu motivieren. Zusammen 2014 hat bislang weder ein Hauptquartier noch ein PR-Team oder einen Fuhrpark. Also lässt sich Bajnai von Mitstreitern im Privatauto von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf fahren, um mit Landsleuten zu reden. Zu seinen wichtigsten Beratern zählt Karoly Vörös, ehemaliger Chefredakteur der liberalen Zeitung Nepszabadsag. Deren Leserschaft gehört einer ungarischen Bildungsschicht an, die sich seit Jahren auf der politischen Landkarte nicht mehr wiederfindet. »Wir können nur gewinnen, wenn wir auch die Parteien einbeziehen und uns gegenseitig respektieren«, sagt Vörös in bestem ungarischem Deutsch, in dem der weiche Tonfall des Österreichischen mitschwingt. Auch er verkneift sich aggressive Kritik an der Fidesz-Regierung wie an der linken parlamentarischen Opposition von der MSZP.

Die große Mobilisierungskraft der Facebook-Bewegung und der Gewerkschaft Solidaritas sowie die hohen Beliebtheitswerte von Bajnai werden allerdings nur dann zur Bedrohung für die Regierung Orbán, wenn ihnen eine Parteigründung gelingt. Selbst für diesen Fall kann das Bündnis ohne die linke Oppositionspartei MSZP nicht erfolgreich sein. Eine gespaltene Opposition aber wäre ein Garant dafür, dass Orbán die nächste Wahl gewinnt. Das Bündnis mit der MSZP stellt ein Problem für Bajnai, Juhasz und ihre Anhänger dar. Denn die MSZP ist bei vielen Ungarn verhasst, sie gilt vielen nicht als Teil der Lösung, sondern des Problems. An der Zusammenarbeit mit den Sozialisten wird sich zeigen, wie ernst es auch den Wählern mit Versöhnung ist.