MittelosteuropaDie giftige Erbschaft

Autokratische Tendenzen in Ungarn, Verschwörungstheorien in Polen. Der Osten Europas ist uns ein Rätsel. von 

Woher immer diese Verrücktheiten im Osten? Ratlos oder verächtlich blicken die Altmitglieder der EU auf die periodisch auftretenden Politbeben in Mittelosteuropa – auf einen bizarren Machtkampf zwischen Präsident und Regierung in Rumänien, auf Korruptionsskandale in Tschechien, autokratische Tendenzen in Ungarn oder Verschwörungstheorien in Polen. Im Westen stellt man es sich gern so vor, als würden im Osten barbarische Sitten herrschen, in einer rückständigen, fremden Welt. In Wahrheit ist die Politik in Polen oder Estland nicht exotischer als in Italien. Man unterschätzt aber inzwischen die fortwirkenden Folgen der Diktatur, die bis 1989 im Ostblock herrschte. Da dürfte bis heute der Hauptgrund der politischen Pathologie liegen.

Die Philosophin Hannah Arendt hat die einschlägigen Kräfte und Mechanismen am eindrucksvollsten dargestellt. Die Diktatur (und erst recht die totalitäre Herrschaft, die das Leben ganz und gar kontrollieren will) isoliert ihre Untertanen voneinander. Die spontane Kooperation, die eine normale Gesellschaft ausmacht, ist den Machthabern verdächtig. Familie und Freundeskreis, Mitgliedschaft in einem Club, die Gründung eines Unternehmens: alles Beispiele für eine im Grunde unerwünschte, weil den Regierenden gefährliche soziale Selbsttätigkeit. Stattdessen versucht der Staat, die Gesellschaft in eigener Regie zu betreiben, mit Ideologie, Einheitspartei und Massenorganisationen, mit der Angst vor Überwachung und Strafe. Die Bindungen der Menschen untereinander werden durch ihre Abhängigkeit vom Ganzen ersetzt.

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Wenn sich der eiserne Griff des Staates nach dem Sturz der Diktatur lockert, zerfällt eine solche Gesellschaft tendenziell in ihre Einzelteile. Der künstliche Sozialkitt von Befehl und Gehorsam zerbröckelt, ein natürlicher, der ihn ersetzen könnte, ist nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Zwischen den Bürgern bleibt oft nicht nur Gleichgültigkeit, sondern Misstrauen übrig. Die Praxis des Sich-aufeinander-Verlassens, die für alles gemeinsame Handeln grundlegend ist, wurde nicht eingeübt, sie wurde vom untergegangenen System sogar aktiv unterminiert.

Hinzu kommt das soziale Gift, das die Diktaturzeit hinterlassen hat: die Erfahrungen von Verrat, Opportunismus oder Machtmissbrauch, die sich zwischen den Leuten angesammelt haben und die sie beim Umgang miteinander nicht mehr loswerden. Die ganze Gesellschaft ist wie durchtränkt von dem Grundgefühl, dass man dem anderen besser nicht traut. Wo dieses Urvertrauen fehlt, wird der politische Gegner leicht zum Feind, den man vernichten muss (denn sonst wird er selbst die nächste Gelegenheit zum Todesstoß nutzen). Und der Staat wird zur Beute, die man besser gründlich plündert, wenn man einmal an der Macht ist (denn sonst kommt bald ein anderer dran, der bestimmt nichts übrig lässt). Die Unfähigkeit zum Kompromiss und der Hang zur Korruption sind die natürlichen Konsequenzen einer Mentalität, die gelernt hat, immer das Schlimmste zu erwarten.

Das Gegenmittel ist die Stärkung der Zivilgesellschaft. Mittelosteuropa war auch in kommunistischer Zeit keine öde Unterwerfungswüste, es gab Inseln von Eigensinn und Widerstand – man braucht nur an die katholische Kirche in Polen zu denken. Auch heute regt sich eine lebendige Bürgergesellschaft, wie bei der ungarischen Oppositionsbewegung. Das ist die beste Hoffnung, das postdiktatorische Syndrom zu durchbrechen.

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Leserkommentare
  1. Woher soll die Bürgergesellschaft kommen, wenn zuwenig Bürgertum vorhanden ist, diese zu gestalten. Prekariat, Proletariat und eine mehr oder weniger zahlreiche Kaste aus (Ex-)Funktionären soll jetzt auf "Bürgergesellschaft" mimen? Die Kirche als Fugenkitt soll helfen können? Tut sie das im unterentwickelten Süditalien? Süditalien hat die Mafia und Osteuropa hat diese exkommunistischen Oligarchen-Clans, weil sie die Einäugigen unter den Blinden sind.

    Warum nicht aus der bisherigen Kulturgeschichte Europas lernen?
    Gerade fliegt uns die griechische Balkanwirtschaft um die Ohren, aber weiterhin wird unsere Naivität beschworen: Bleib bloß da! Lass uns nicht sehend werden, dass an manchem traditionellem Vorurteil eben doch was dran sein könnte.

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    "Die christliche Religion erreicht das Gegenteil von dem, was sie zu wollen vorgibt" (Eigenkomposition).

    Meint, wenn man den menschen solchen Unsinn verzapft wie Jungfrauengeburt,unbefleckte Empfängnis, das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder auch diesen schönen "Spruch": "Wer der kleinsten Einen ärgert, die an mich glauben, dem sollte es besser sein, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde", braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Menschen recht verwirrt werden. Ich selber (und ich halte mich nicht für blöd) habe Jahre gebraucht, bis ich es geschafft habe, aus der "Kirche" auszutreten. Wie heißt der alte Witz aus der Titanic? "Werner Seelenfänger Halle, München" (über den Kölner Dom), "Kölner Dom, Osnabrück", über eine andere Kirche.

    Nach meiner mehr oder weniger laienhaften Rechtsauffassung in das übelste Gewaltverherrlichung und gehört: verboten!

    Auch dies: "Nehmt meinen Leib als Wegzehrung" ist nicht nur unglaublich degoutant, sondern wird offensichtlich irgendwie mißverstanden.

    Wenn dann, manche intellegente Menschen einen - leider wohl untauglichen Ausweg aus diesem Schwachsinn gesucht haben, dann sollte man bei der Be-(Ver-) urteilung sehr vorsichtig sein.

    lG Jan

    • 29C3
    • 29. Dezember 2012 23:28 Uhr

    ... oder wie wir, ergo die Guten, Fleißigen und Ehrlichen, ... von den Anderen über den Tisch gezogen werden.

    Und da Sie "Kulturgeschichte Europas" bemühen: ist in Ihrer Aufzählung auch unsere mit dabei?

    Eine (rhetorische) Frage: wie alt sind Sie? Fand 1989 lange vor Ihrer Geburt statt? Und hat Ihr Großvater vielleicht noch die mühsame Wiedereinführung demokratischer Normen in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 erlebt, mit den Westmächten als demokratischen Babysittern?
    Bitte etwas weniger Arroganz gegenüber den Völkern Europas - nicht "Ostmitteleuropas" (klingt beinahe wie der "Mittlere Osten") - denen Deutschland entscheidende Anstöße (Tschechien 1968, Polen 1980, Ungarn 1989) für seine Wiedervereinigung in Demokratie verdankt!
    Es muss halt nicht alles und immer preußisch sein!

    Soviel ich erlebt habe, ist nicht etwa die Zeit der Diktaturen Grund für die Politikverdrossenheit, sondern die neue Zeit der Kulturvernichtung, Bevormundung, ökonomischer Ausbeutung und gefühlter Machtlosigkeit trotz Wahlrecht.

    Die Gesellschaft war überaus willig und fähig sich am Aufbau einer besseren Welt zu beteiligen - gezeigt wurde ihr, daß der Geldbeutel über alles entscheidet. Die Heuschrecken aus dem Westen waren hierbei schlimmer, als die alten Seilschaften, die sich erhalten konnten.

    • gise_un
    • 29. Dezember 2012 16:49 Uhr

    Was soll die Quelle Ihrer Zivilgesellschaft sein in MOE sein? Die präsozialistischen Quellen von Ethik und Demokratie wurden in der totalitären Herrschaft zerstört (die katholische Kirche Polens ausgenommen - aber die ist ohnehin kein Quell der Demokratie) und die politische Praxis hat das Vertrauen in die Demokratie in den meisten Staaten nicht erhöht. Demokratie ist als politische Ordnung zwar alternativlos, aber nicht weil sie gut geheißen wird, sondern, weil sie weniger schlimm erscheint als ihre Alternativen (Ungarn ausgenommen). Erhalt der Demokratie stimmt also nicht mit aktiver Unterstützung einher. Reale, aber meist unsichtbare Alternative sind aus der Sowjetzeit übernommene Mechanismen der Anpassung: sich äußerlich staatlichem Zwang fügen und privat sein eigenes Ding durchziehen, unter Mißachtung der Gesetze, die nicht als Repräsentation der eigenen Gesellschaft sondern fremder Interessen aufgefasst werden.

    Natürlich gibt es in allen Ländern mittlerweile viele zivilgesellschaftliche Akteure. Diese Zivilgesellschaft ist häufig nicht mehr als der Name eines Vereins, der von Familie und Freuden bestückt und von EU-Geldern erhalten wird. Zivilgesellschaft in diesem Sinne ist nur ein anderes Mittel materiell zu überleben - nicht Ausdruck politischer Überzeugung.

    Eine Zivilgesellschaft als eine materiell und politisch unabhängige Kraft zur Kontrolle der Herrschenden ist in Osteuropa derzeit in Breite nur ein Wunsch.

    Ihr Gegenmittel fällt also aus.

    2 Leserempfehlungen
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    • klaus.p
    • 31. Dezember 2012 19:01 Uhr

    > Reale, aber meist unsichtbare Alternative sind aus der
    > Sowjetzeit übernommene Mechanismen der Anpassung: sich
    > äußerlich staatlichem Zwang fügen und privat sein eigenes
    > Ding durchziehen, unter Mißachtung der Gesetze, die nicht
    > als Repräsentation der eigenen Gesellschaft sondern
    > fremder Interessen aufgefasst werden.

    Ist das in westeuropäischen Ländern so viel anders? Der, der kein Geld hat (und es werden immer mehr), ist auf staatliche Unterstützung angewiesen mit vielen Sanktionen - und kann sich auch nur "staatlichem Zang" 'anpassen' und "privat sein eigenes Ding durchziehen". Dass heute durch die Konzentration der Konzerne auch nur noch Fremdinteressen gegen den Willen der Bevölkerung mit Hilfe staatlicher Unterstützung durchgesetzt werden, ist heute kein Geheimnis mehr.

    Es ist somit ein Angleichen zwischen west- und osteuropäischen Ländern. Der eine baut demokratische Strukturen ab, der andere baut sie auf - oder bleibt zumindest auf einem Niveau stehen.

  2. Der Osten Europas ist das Spiegelbild westlicher Politiker, die all diese Oligarchen zum eigenen Vorteil aufgebaut haben und damit die Demokratiebewegung im Ostblock abwürgten. Simpel, aber richtig.

    11 Leserempfehlungen
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    • lib-dem
    • 30. Dezember 2012 19:02 Uhr

    Nennen Sie doch mal drei "Oligarchen", die von wetslichen politikern "aufgebaut" wurden.
    Nur drei.

    • kuhnepz
    • 29. Dezember 2012 17:27 Uhr

    Liebe Zeit-Redakteure,
    haben Sie sich da nicht ein wenig verlaufen? Mittelosteuropa ist die Gegend zwischen Moskau und Kiew, so ungefähr wenigstens. Polen und Ungarn liegen in Ostmitteleuropa, also in Mitteleuropa, nicht in Osteuropa. Zwar fängt für manche Westdeutsche seit Adenauers Zeiten Osteuropa an der Elbe an, aber das wirft nicht gleich die seit Jahrhunderten geltende geographische Ordnung um.

    13 Leserempfehlungen
  3. Der Zusammenhalt unter den Bürgern in den Osteuropäischen Ländern und auch politisches Interesse und Wille zum Mitwirken war durchaus gegeben. Befördert zudem als Reaktion auf die Unterdrückung und andauernden Mangel der Misswirtschaft. Die heutige Situation ist vielmehr basierend auf der Enttäuschung der Wende. Plötzlich war gegenseitige Hilfe nicht mehr notwedig. Die erhoffte Beteiligung am Aufbau des Landes blieb aus, durch Bevormundung und systematische Kulturvernichung durch die nun eifallende kapitalistische Kultur Westeuropas. Eigene Produkte verdrängt vom Markt, eigene Firmen billig verkauft um gesclhossen zu werden, wirtschftsflucht in den Westen...
    Kein wunder, daß die Bevölkerung da enttäuscht ist und am Segen des neue Systems seine auch durchaus berechtigten Zweifel hat. Zuvor kannte man seine Nachbarn und war auch daraf angewiesen sich gegenseitig zu helfen... Und nun? Die Firma, in der man arbeitete gesclossen, viele Freunde auf Arbeitssuche richrun Westen verstreut, die produkte, die mn kannte ersetzt durch ausländische, statt Nachbarschaftshilfe zählt nur noch der Inhalt des Geldbeutels,....
    Wem ist es da zu verübeln nicht nur die Vorzüge der Demokratie zu sehen und sogar an ihr und dem eigenen Platz darin zu zweifeln, bis hin sich nicht daran beteiligen zu wollen, mit der Erfahrung, daß die eigene Stimme scheinbar kein Gehör findet in all dem Eifer die Errungenschaften und Erinnerung an 40 Jahre Kultur offenbar verschwunde und vergessen gemacht zu werden.

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    • em-y
    • 30. Dezember 2012 2:09 Uhr

    Es war auch meine Erfahrung, dass die Menschen (in Polen) einander viel näher waren und die zwischenmenschlichen Beziehungen viel verbindlicher als im Westen. Auch Ihre Analyse, warum dies nun nicht mehr ist ist sehr treffend. Was die Menschen bekamen, ist nicht, was sie sich ersehnten - wie immer hat der Westen geholfen, etwas zu kreieren, was dem Westen genehm war und nicht, was die Menschen wollten.
    In dem Buch "Poland - In Search Of Diamonds" des polnischen Fotografen Tomasz Wiech, mit Texten von Michal Olszewski heißt es an einer Stelle: (...) there's nothing odd about the fact that Poland is a land of non-stop carnival as well as a land of great disappointment. The carnival is obvious, but disappointment can be justified too. Because it was meant to be different. Long ago, it fancied itself as a mythical land of moderation, a land flowing with milk and honey, a place of equal opportunities, where nobody was excluded. Life was m want to be easier here, though it soon turned out to be just as hard, but in a different way. Pertinacity - a land of people forced into pertinacity. Thanks to pertinacity we keep our heads above water, through freelance employment, third jobs, working on the side, Sunday repairs - that is our modern landscape.

    • em-y
    • 30. Dezember 2012 2:22 Uhr

    In the land of the bold metaphor, great pride mingles with intense grief. The building site is strewn with signs of the industrial glory days: ruin, collapse, and unfulfilled desire. When the next season of the sun goes by, and once again we wake up in a pitilessly bare landscape, along comes the ideal time for some score setting filled with gall. Here we have the railway route from Krakow to Wroclaw, one of the oldest in this country, part of Poland's transportation backbone. On the right are the ruins of the Myslowice coal mine, and on the left, where the Florian steelworks stands, there's no fire glowing from behind the windowpanes. I was at the coal mine not so long ago - oh, if only you could have seen those men in their prime, convinced of their own indispensability, the guardians of deserted factory floors, unwanted foremen, subdued mechanics, if only you could have seen their offices, coated in a layer of dust...
    At Jaworzno a man is picking lumps of coal from in between the railway ties, and next to him a woman in dirty rags is holding a mucky dog on a piece of string. Nearby they're burning the casing off metal cables on a heap of rubble and the Sosnowiec Maczki station is crumbling away - once one of the finest railway buildings in Poland. (...) Here we have the biggest communications system in Europe, there the biggest social catastrophe, here we have strings of new cars like rosaries, there we have total collapse.(...)
    (Text: Michal Olszewski.)

    ....besser haette ich es nicht schreiben koennen. Genau dass geschieht gerade in Kroatien. Auch hier wird auf Druck alles abgeschafft, was das Land in seiner Kultur einst so einmalig und liebenswert gemacht hat. Von dem erzwungenem Privatisierungschaos ganz zu schweigen. Man muss einfach mal miterleben, wie es ist, wenn eine Kultur aufgeloest wird, und die Menschen ohne ihre gewohnte Sicherheit an den Marionettenfaeden der ach so heil- und segenbringenden EU zappeln

    • Paxvo
    • 30. Dezember 2012 10:13 Uhr

    @ahlibaba2 (Nr. 8)
    Mit Verlaub, vermutlich sind Sie "aus dem Osten", daher
    können Sie es nicht wissen:
    Aber AUCH IM WESTEN war es bis zur Wende "kuscheliger",
    so jedenfalls mein persönliches Empfinden, und auch das
    aller "Westler", die mir bekannt sind.

    Der "Osten" war in jeder Hinsicht, am Ende, dort wäre es
    allemal völlig ungemütlich geworden.

    Bleibt nur die Hoffnung, dass wenigstens das "westliche System" - was immer das genau ist - die Kraft hat, sich in der gegenwärtigen Krise zu erneuern und weiterzuentwickeln

    • Paxvo
    • 30. Dezember 2012 10:13 Uhr

    @ahlibaba2 (Nr. 8)
    Mit Verlaub, vermutlich sind Sie "aus dem Osten", daher
    können Sie es nicht wissen:
    Aber AUCH IM WESTEN war es bis zur Wende "kuscheliger",
    so jedenfalls mein persönliches Empfinden, und auch das
    aller "Westler", die mir bekannt sind.

    Der "Osten" war in jeder Hinsicht, am Ende, dort wäre es
    allemal völlig ungemütlich geworden.

    Bleibt nur die Hoffnung, dass wenigstens das "westliche System" - was immer das genau ist - die Kraft hat, sich in der gegenwärtigen Krise zu erneuern und weiterzuentwickeln

    Nun, darüber hätte ich auch schreiben können, es sollte jedoch kein Aufsatz werden. Ich kenne genügend Leute aus der ehm. BRD. Darunter auch einige, die z.B. immer noch nicht verkraftet haben, daß Bonn nun nicht mehr Regierungssitz ist(nur als Beispiel).
    Es passiert alles viel zu schnell, in der Überzeugung, ja zu wissen, was richtig wäre. - Ohne wirkliche Analyse. ohne vorurteilsfreie Auswertung, was nicht erhaltenswert wäre, wo nicht lokale Entwicklungen durchaus positiv und meinetwegen auch einfach Kulturwert haben.

    Die Ganztagsschule/Ganztagsbetreuung wir gerade neu erfunden, obwohl man in Ostdeutschland Jahrzehnte Erfahrung damit hatte. Pädagogen und Lehrern wurde sogar noch ein Teil ihrer Ausbildung aberkannt, weil, so die offizielle Begründung, nicht gleichwertig.
    Ostdeutschland mit Aufbauhilfe unte die Arme gegriffen und Westdeutsche müssen scheinbar ihre Strassen und Kulturbauten verkommen sehen, während woanders zwar neue Strasen entstehen, aber die sie bauen sind kaum lokale Betriebe.

    Ich kann durchaus nachvollziehen, wie BRD Bürger sich genauso verarscht sahen, denn auch dort waren die Hoffnungen einer besseren, gemeinsamen Zukunft sehr hoch. Die Wende wurde ja nicht allein vom Osten getragen. - Ohne Unterstützung wäre sie wohl weit weniger einfach gewesen.
    Alles ging zu schnell, -die ökonomischen und politischen Interessen als Primat, denn der sinnvolle, nachhaltige Aufbau uns das Zusammenwachsen beider Seiten in gemeinsamer Anstrengung.

    ist die Not doch nicht gut. Es mag ja sein, dass man sich näher kam wenn man stundenlang in einer Schlange gemeinsam ausharrte um ein paar Grundnahrungsmittel zu ergattern. Es stimmt auch, dass Not erfinderisch macht und man auf der Suche nach alltäglichen Dingen, Menschen begegnete, die dieses Schicksal teilten. Dennoch halte ich dies nicht für erstrebenswert.

    Da haben sie etwas falsch verstanden. Ich verherrliche hier die DDR in keinster Weise. Der Punkt ist lediglich der, daß nicht etwa die DDR viele Menschen politikverdrossen und teilnahmslos machte, sondern die Wende.
    Und, wie ich darauf hingewiesen wurde, fand etwas ähnliches auch in Westdeutschland statt. Dort hatten viele z.B.das Gefühl, ihre Steuern würden in ein bodenloses Fass im Osten geworfen.
    Der Zusammenhang, der Kulturvernichtung und des Abwürgens der Ökonomie im Osten durch die sofortige gemeinsame Währung und damit sofortige Konkurenz mit marktwirtschaftserprobten westdeutschen Firmen, Schließung von ostdeutschen Firmen nach deren Verkauf zu Spottpreisen ist dabei scheinbar kaum jemandem bewußt. - Und letztlich der Abriss des Palastes der Republik als für jeden sichtbars Zeichen: "Wir scheißen auf eure 40 Jahre sozialistischen Experiments" waren Todesstöße für eine Bevölkerung, die sich so viel von der neuen Freiheit erhofft hatte.

    • Nizze
    • 29. Dezember 2012 17:49 Uhr

    Manchmal kommt es vor dass ich denke "ach, das alles ist doch immer schon so gewesen".
    Die geschichtliche Kontinuität des Verhältnisses des Einzelnen zum Staat ist auffallend.
    In Frankreich haben z.B. Volksaufläufe in Paris seit jeher die Politik gelenkt. So wie heute.
    Auf der appeninischen Halbinsel hat schon Cicero seine Bittsteller morgens zum Geschenkeverteilen empfangen, ungefähr wie italienische Parlamentariker heute.
    In Osteuropa hat man seit Jahrhunderten schlechte Zeiten mit Judenverfolgungen zu verbessern versucht. So wie heute die Juden und Roma.
    In letzterer Hinsicht waren sogar die Kommunisten die aufgeklärteren: Ganz so schlimm wie heute durfte man auf die Minderheiten nicht losgehen.
    Also: Alter historisch-politischer Sauerteig gärt da mit.

    Eine Leserempfehlung
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    "In Osteuropa hat man seit Jahrhunderten schlechte Zeiten mit Judenverfolgungen zu verbessern versucht."

    In Westeuropa war das natürlich nicht so...

    Was verstehen Sie unter "Osteuropa"??

  4. "In Osteuropa hat man seit Jahrhunderten schlechte Zeiten mit Judenverfolgungen zu verbessern versucht."

    In Westeuropa war das natürlich nicht so...

    Was verstehen Sie unter "Osteuropa"??

    5 Leserempfehlungen
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    • Nizze
    • 29. Dezember 2012 18:57 Uhr

    In Westeuropa auch. Aber die Rede ist doch jetzt über den heutigen Zustand im Osten Europas. Det alte Sauerteig ist im Westen jedenfalls mehr weggegoren als im Osten. Beispiele gibts genug. Die Situation in Ungarn erinnert an altbraune Zeiten in Deutschland. Aber in Ungarn hat das noch ein paar Jahrhunderte ältere Traditionen.
    Ist doch egal wo man die Grenze zieht zwischen Ost und West und Mittelwest oder Mittelost oder Zentral: Sagen wir mal Eiserner Vorhang.

  5. Der Autor übernimmt westliche Deutungsmuster des Kulturraums östlich von Deutschland um festzustellen, dass der Osten "uns" fremd ist. Privatgesellschaftlicher "sozialer Kitt", eigentlich ein Paradox, sei nicht ausreichend entwickelt.

    Mir ist diese Deutung nicht kohärent genug, da sie wesentliche Entwicklungen der letzten 20 Jahre ausblendet. Die Länder im Ostblock haben sich völlig unterschiedlich entwickelt, einigen ist die Industrialisierung geglückt, einige wurden deindustrialisiert, Estland zum Beispiel wurde umindustrialisiert. Einige haben das kontinentaleuropäische Sozialstaatsmodell übernommen, andere das angloamerikanisch-neoliberale Gesellschaftsmodell, Rumänien und Bulgarien haben keine wirkliche Revolution erlebt. Und trotz der Übernahme von nation building-Dogmen des IWF, der EU und Amerikas und eben gerade keiner autonomen Entwicklung dieser ostmitteleuropäischen Gesellschaften soll uns gerade Osten fremd sein?

    Differenzierung tut Not, und eine Spezifizierung, wer eigentlich mit "uns" gemeint ist. Mir ist Osteuropa weniger fremd als Texas oder Kalifornien, das ungleich präsenter ist in den westlichen Medien. Die Transatlantiker sollten fragen, ob diese Disproportionalität in Wahrnehmungsmustern denn geschichtlich gerechtfertigt ist.

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  • Schlagworte Osteuropa | Erbe | Diktatur | Sowjetunion
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