MittelosteuropaDie giftige Erbschaft

Autokratische Tendenzen in Ungarn, Verschwörungstheorien in Polen. Der Osten Europas ist uns ein Rätsel. von 

Woher immer diese Verrücktheiten im Osten? Ratlos oder verächtlich blicken die Altmitglieder der EU auf die periodisch auftretenden Politbeben in Mittelosteuropa – auf einen bizarren Machtkampf zwischen Präsident und Regierung in Rumänien, auf Korruptionsskandale in Tschechien, autokratische Tendenzen in Ungarn oder Verschwörungstheorien in Polen. Im Westen stellt man es sich gern so vor, als würden im Osten barbarische Sitten herrschen, in einer rückständigen, fremden Welt. In Wahrheit ist die Politik in Polen oder Estland nicht exotischer als in Italien. Man unterschätzt aber inzwischen die fortwirkenden Folgen der Diktatur, die bis 1989 im Ostblock herrschte. Da dürfte bis heute der Hauptgrund der politischen Pathologie liegen.

Die Philosophin Hannah Arendt hat die einschlägigen Kräfte und Mechanismen am eindrucksvollsten dargestellt. Die Diktatur (und erst recht die totalitäre Herrschaft, die das Leben ganz und gar kontrollieren will) isoliert ihre Untertanen voneinander. Die spontane Kooperation, die eine normale Gesellschaft ausmacht, ist den Machthabern verdächtig. Familie und Freundeskreis, Mitgliedschaft in einem Club, die Gründung eines Unternehmens: alles Beispiele für eine im Grunde unerwünschte, weil den Regierenden gefährliche soziale Selbsttätigkeit. Stattdessen versucht der Staat, die Gesellschaft in eigener Regie zu betreiben, mit Ideologie, Einheitspartei und Massenorganisationen, mit der Angst vor Überwachung und Strafe. Die Bindungen der Menschen untereinander werden durch ihre Abhängigkeit vom Ganzen ersetzt.

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Wenn sich der eiserne Griff des Staates nach dem Sturz der Diktatur lockert, zerfällt eine solche Gesellschaft tendenziell in ihre Einzelteile. Der künstliche Sozialkitt von Befehl und Gehorsam zerbröckelt, ein natürlicher, der ihn ersetzen könnte, ist nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Zwischen den Bürgern bleibt oft nicht nur Gleichgültigkeit, sondern Misstrauen übrig. Die Praxis des Sich-aufeinander-Verlassens, die für alles gemeinsame Handeln grundlegend ist, wurde nicht eingeübt, sie wurde vom untergegangenen System sogar aktiv unterminiert.

Hinzu kommt das soziale Gift, das die Diktaturzeit hinterlassen hat: die Erfahrungen von Verrat, Opportunismus oder Machtmissbrauch, die sich zwischen den Leuten angesammelt haben und die sie beim Umgang miteinander nicht mehr loswerden. Die ganze Gesellschaft ist wie durchtränkt von dem Grundgefühl, dass man dem anderen besser nicht traut. Wo dieses Urvertrauen fehlt, wird der politische Gegner leicht zum Feind, den man vernichten muss (denn sonst wird er selbst die nächste Gelegenheit zum Todesstoß nutzen). Und der Staat wird zur Beute, die man besser gründlich plündert, wenn man einmal an der Macht ist (denn sonst kommt bald ein anderer dran, der bestimmt nichts übrig lässt). Die Unfähigkeit zum Kompromiss und der Hang zur Korruption sind die natürlichen Konsequenzen einer Mentalität, die gelernt hat, immer das Schlimmste zu erwarten.

Das Gegenmittel ist die Stärkung der Zivilgesellschaft. Mittelosteuropa war auch in kommunistischer Zeit keine öde Unterwerfungswüste, es gab Inseln von Eigensinn und Widerstand – man braucht nur an die katholische Kirche in Polen zu denken. Auch heute regt sich eine lebendige Bürgergesellschaft, wie bei der ungarischen Oppositionsbewegung. Das ist die beste Hoffnung, das postdiktatorische Syndrom zu durchbrechen.

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Leserkommentare
  1. Alles ist giftig und rätselhaft wenn man es nicht verstäht und nicht weiss wie damit umzugehen.

  2. Als Pole, der in Deutschland lebt und beide Länder kennt, muss ich feststellen, dass der Artikel nicht nur idiotisch ist, sondern auch beleidigend. Er ist Ausdruck typischer Ignoranz und Überheblichkeit, ja typischen Rassismus gegenüber Polen.
    Mir ist schleierhaft, warum jemand, der glaubt, dass der polnische Präsident infolge eines Attentates ums Leben gekommen ist, in eine Reihe mit ungarischen Neonazis gestellt wird. Verschwörungstheorien über den Tod des Präsidenten Kennedy blühen in den USA und finden ihren Ausdruck in Filmen, Büchern, Liedern. Bedeutet das, dass die USA eine schwache Demokratie sind?
    Ich weiß nichts von irgendeinem Attentat, aber ich bin sicher, dass Polen ein viel demokratischeres Land ist als die BRD, ein Land, wo ein breiteres Spektrum von Meinungen in Medien und im Parlament ausgedrückt wird, ein Land, dessen Republikanismus zurückreicht bis zum Jahr 1573 (und nicht 1968), ein Land, wo die erste europäische Konstitution verabschiedet wurde, und eine Nation, die im neuzehnten Jahrhundert dank Preußen nur eine zivile Gesellschaft hatte, weil ihr das Land weggenommen wurde.
    Ich glaube deutsche Intellektuelle und Journalisten könnten viel von den Polen lernen, was die Demokratie und Meinungsfreiheit anbelangt, aber aus irgendwelchen Gründen fühlen sie sich zu nobel, um ihre Nachbarn nicht zu belehren.

  3. Es ist umso trauriger oder komischer, dass die deutschen demokratischen Bewegungen im 19. Jahrhundert von der polnischen Demokratie begeistert waren. „Noch ist Polen nicht verloren“ – haben sie auf den Versammlungen gesungen. Warum jemand, der wie Herr Ross weder die Geschichte seines eigenen Landes kennt, noch die aktuellen Bedingungen in den Nachbarländern, sich anmaßt, die Polen zu verunglimpfen? Weil es nur Polen sind!

    Eine Leserempfehlung
  4. 28. Gegifte

    "...wenn ich wahrheitsgemäß diesen Artikel als Gegifte gegen den gesamten ehemaligen sozialistischen Ostblock bloss lege?"

    Dieses Empfinden teile ich mit Ihnen.

    Ein Artikel, der vor Ignoranz, Unverständnis und Destruktivität nur so strotzt.

    Antwort auf "@ die Redaktion "
  5. 29. aaach

    So versteh ich den Artikel.

    Im Ostblock bis 1989, dazu zählt ja auch die DDR, gab es nach Meinung des Autors, eine Diktatur. Ob das nun stimmt oder nicht, ist unwichtig.

    Aus dem Artikel:
    "die Erfahrungen von Verrat, Opportunismus oder Machtmissbrauch, die sich zwischen den Leuten angesammelt haben und die sie beim Umgang miteinander nicht mehr loswerden".

    Darf ich mal daran erinnern, dass unsere allerliebste Mutti und der Pastor auch aus dem Ostblock kommen.

    Sind ja nur so die höchsten Ämter, die man in der BRD erreichen kann.

    Wenn also der Artikel halbwegs stimmt, dann haben wir uns aber eine korrupte Regierung andrehen lassen. Sollten wir schleunigst los werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    auch wenn Sie und Ihresgleichen sich unermüdlich in der Kunst der Geschichtsklitterung üben und uns weiszumachen versuchen, dass das Gegenteil der Fall gewesen wäre.
    Im Ostblock gab es keine freie Presse, sondern Zensur, falls Ihnen dies entgangen sein sollte. Die von der Arbeiterbewegung vielbesungene Solidarität, war keine freiwillige, sondern von oben verordnet. Teilhaftig wurde dieser jene, die sich dem Primat der Partei beugten.

    Wie irgendjemand, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist, die früheren Verhältnisse schönreden kann, verstehe ich nicht.

  6. was ist deine Meinung über j. timoschenko. das würde mich mal interessieren.

  7. ....besser haette ich es nicht schreiben koennen. Genau dass geschieht gerade in Kroatien. Auch hier wird auf Druck alles abgeschafft, was das Land in seiner Kultur einst so einmalig und liebenswert gemacht hat. Von dem erzwungenem Privatisierungschaos ganz zu schweigen. Man muss einfach mal miterleben, wie es ist, wenn eine Kultur aufgeloest wird, und die Menschen ohne ihre gewohnte Sicherheit an den Marionettenfaeden der ach so heil- und segenbringenden EU zappeln

    Antwort auf "Ganz im Gegenteil!"
  8. auch wenn Sie und Ihresgleichen sich unermüdlich in der Kunst der Geschichtsklitterung üben und uns weiszumachen versuchen, dass das Gegenteil der Fall gewesen wäre.
    Im Ostblock gab es keine freie Presse, sondern Zensur, falls Ihnen dies entgangen sein sollte. Die von der Arbeiterbewegung vielbesungene Solidarität, war keine freiwillige, sondern von oben verordnet. Teilhaftig wurde dieser jene, die sich dem Primat der Partei beugten.

    Wie irgendjemand, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist, die früheren Verhältnisse schönreden kann, verstehe ich nicht.

    Antwort auf "aaach"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der unterschied ist nur, der ostblock hat nach dem Afghanistankrieg gelernt und hat keine Eroberungskriege mehr geführt, ganz im gegenteil.

    Bitte achten Sie auf Ihren Tin. Danke, die Redaktion/mo.

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  • Schlagworte Osteuropa | Erbe | Diktatur | Sowjetunion
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