Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg

Es war in den Tagen des Zweiten Weltkriegs. Einige Offiziere, schon zum Putsch gegen Hitler entschlossen, versuchen Generalfeldmarschall Erich von Manstein in ihre Pläne einzuweihen – gilt er doch als der fähigste General der Wehrmacht. Doch der hitlerhörige Manstein lehnt jeden Gedanken an Widerstand oder auch nur Widerspruch kategorisch ab: »Preußische Feldmarschälle meutern nicht!« Oberst Rudolf-Christoph von Gersdorff, einer der späteren Widerständler, will daraufhin geantwortet haben: »In der preußischen Geschichte gibt es genügend Beispiele dafür, daß hohe Generale gegen den Willen und Befehl ihres Königs gehandelt haben. Ich erinnere nur an Seydlitz und Yorck.«

Friedrich Wilhelm von Seydlitz, der berühmte Reiterführer Friedrichs des Großen, stand 1758 während der Schlacht bei Zorndorf gegen die Truppen der Zarin Elisabeth mit 36 Schwadronen am Rande des Gefechtsfelds und wartete auf den richtigen Zeitpunkt für seinen Angriff. Friedrich erteilte ihm wiederholt voreilig den Befehl und setzte ihm gar mit Drohungen zu. Seydlitz aber gab einem seiner Adjutanten den Auftrag: »Sagen Sie dem König, nach der Schlacht stehe ihm mein Kopf zu Befehl; in der Schlacht aber möge er mir noch erlauben, dass ich davon für seinen Dienst guten Gebrauch mache!« Seydlitz attackierte schließlich zweimal und wendete die Schlacht, die bereits verloren schien.

Seydlitz entschied eine Bataille des Siebenjährigen Krieges. Der Ungehorsam Yorcks ein gutes halbes Jahrhundert später aber wog weitaus schwerer. Napoleon ahnte es gleich: »Der Abfall des Generals Yorck kann die Politik von Europa verändern.«

Yorck und die Konvention von Tauroggen im Dezember 1812 – das gehört seit eh und je zu den preußischen Mythen. Der Weg zu diesem unerhörten Akt des Widerstands war lang, nicht zuletzt für den Helden selbst. Über seiner Herkunft lag, den Kriterien der Zeit nach, ein Makel. Denn Hans David Ludwig von Yorck, geboren 1759 in Potsdam, war das uneheliche Kind eines Kapitäns (Hauptmanns) und einer Handwerkertochter. Erst vier Jahre nach der Geburt des Kleinen heiratete Kapitän Yorck die Mutter seines Sohnes.

Ein halbes Kind noch, 13 Jahre alt, trat Yorck als Gefreiterkorporal in das Infanterieregiment von Borcke ein. 1775 beförderte man ihn zum Fähnrich, zwei Jahre später zum Leutnant. 1777 zog das Infanterieregiment des Obristen von Luck, dem der junge Offizier mittlerweile angehörte, in den Bayerischen Erbfolgekrieg – in dessen Verlauf allerdings keine einzige Schlacht stattfand. Kurz nach der Rückkehr aus Böhmen nahm Yorcks Leben eine jähe Wende. Denn als der junge Offizier erfuhr, dass einer seiner Regimentskameraden, der Stabskapitän von Naurock, aus einer böhmischen Kirche eine Altardecke hatte mitgehen lassen, rief er sogleich aus: »Das ist ja gestohlen!« Der diebische Offizier beschwerte sich wegen dieser »Beleidigung« beim Obristen von Luck, der eine Untersuchung gegen Yorck einleitete. Sie endete mit einem Freispruch. König Friedrich der Große allerdings, dem Mein und Dein ohnehin nicht viel bedeutete, soll den Spruch kassiert und dazu geschrieben haben: »Geplündert ist nicht gestohlen. Der Yorck kann sich zum Teufel scheren.«

Bald darauf weigerte sich Yorck während der Wachtparade, ein Kommando Naurocks auszuführen. Kurzerhand wurde er aus der Armee entlassen und musste ein Jahr Festungshaft absitzen. Danach hatte Yorck erst mal genug von Preußens Gloria und reiste nach Amsterdam, um in den Dienst der Ostindischen Kompanie einzutreten.

Zu dieser Zeit befanden sich die Niederlande im Krieg mit Großbritannien. Die Ostindische Kompanie verfügte wie ein Staat im Staate über eigene Truppen, Festungen und Kriegsschiffe. Yorck wurde 1783 auf Ceylon eingesetzt und kam im Herbst desselben Jahres nach Kapstadt. 1785 kehrte er nach Holland zurück und bewarb sich, der weiten Welt müde, vergeblich um Wiederaufnahme in die preußische Armee.

Erst nach Friedrichs Tod stellte dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. Yorck erneut ein. Nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg versuchte die preußische Armee, Offiziere zu gewinnen, die in Übersee Erfahrung mit neuen Methoden der Kampfführung gewonnen hatten. Man stellte Füsilierbataillone als leichte Infanterie auf. Yorck wurde Kapitän und Kompaniechef. Er machte rasch Karriere, seit 1799 war er Kommandeur des Jägerregiments.