Eines Tages werden vielleicht Menschen auf dem Mars herumlaufen – wie in dieser Illustration. © Nasa

Kurz vor Weihnachten, am 19. Dezember 1972, kehrte das vorerst letzte Raumschiff vom Mond zur Erde zurück und landete im Pazifik. Drei Tage zuvor hatte Eugene Cernan, Kommandant der dreiköpfigen Besatzung an Bord, die Mondoberfläche mit den Worten verlassen, man werde, so Gott will, zurückkommen. Seither sind vierzig Jahre vergangen; bisher erfüllte sich Cernans Wunsch nicht.

Dabei hatte Präsident John F. Kennedy in seiner berühmten Rede vom Mai 1961 die Mondlandung noch zu einem uramerikanischen Projekt von Kolumbusscher Dimension verklärt und als Entdeckung und Inbesitznahme eines neuen Kontinents beschrieben. Um so bemerkenswerter ist es, dass die Raumfahrt ausgerechnet nach ihrem größten Triumph nicht mehr von der Stelle gekommen ist. Nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus hat es jedenfalls keine vierzig Jahre gedauert, bis weitere Galeonen zu dem neuen Kontinent auf der anderen Seite der Erdkugel aufgebrochen sind. Die spanische Krone hatte in die Expeditionen investiert und wollte nach der Rückkehr des Genueser Seefahrers die Rendite einfahren. Unter ökonomischen Gesichtspunkten dürfte die Entdeckung Amerikas eine der besten Spekulationen gewesen sein, die in der Wirtschaftsgeschichte je getätigt worden sind.

Offenbar ist das entscheidende Manko der bemannten Raumfahrt, dass sich im Weltall kein Geld verdienen lässt. Insofern glich das Apollo-Programm der sechziger Jahre weniger der Entdeckung eines neuen Kontinents – wie es die Amerikaner bis heute gerne sehen –, sondern mehr dem Bau der Pyramiden. Auch dieser dürfte für die altägyptischen Dynastien eine immense volkswirtschaftliche Kraftanstrengung gewesen sein. Die Rendite daraus war aber nicht materieller, sondern ideeller beziehungsweise religiöser Natur.

Sicher, auch immaterielle Ziele können ein mächtiger Motivationsmotor sein, aber ihre Verheißungen stehen auf wackligen Füßen. Solange ein gesellschaftlicher Konsens darüber herrscht, dass eine ideelle Rendite den Aufwand lohnt, lassen sich monumentale Projekte verwirklichen. Verliert sich dieser Konsens aber, werden sie aufgegeben.

Wie perfekt Forschungsroboter auch sein mögen – sie taugen nicht als Helden

Ob die Raumfahrt dieses Schicksal erleiden wird, ist aber doch fraglich. Anders als Pyramiden aus Stein ist der Weltraum nicht nur eine architektonische Idee: Er ist da. Bemannte Raumfahrtmissionen werden auf der Agenda der Menschheit bleiben, wenn auch umstritten. Die Gegner solcher Weltraumabenteuer werden nicht aufhören, deren enorm hohe Kosten als reine Geldverschwendung anzuprangern, während ihre Befürworter gebetsmühlenartig wiederholen, dass nur der leibhaftig im Weltraum agierende Mensch die ganze Mühe überhaupt wert sei. Für die einen ist die Erkundung des Weltraums ein nüchternes Forschungsgeschäft, das sich auch ohne die teure Anwesenheit des Menschen auf lebensfeindlichen Himmelskörpern erledigen lässt, während die anderen gerade in der Besiedelung unwirtlicher Planeten eine kulturelle Herausforderung sehen, vor der die Menschheit sich nicht drücken darf.

Im Zentrum dieses Streits, der zuweilen Züge eines Glaubenskriegs annimmt, steht schon seit Langem der Mars. Der klimatisch erdähnlichste unserer Nachbarplaneten bekommt mit schöner Regelmäßigkeit Besuch von Orbitern, Landemodulen und Rovern, die seine Oberfläche fotografieren, kartografieren, anbohren und analysieren, um neben anderen auch eine sehr grundsätzliche Frage zu beantworten: Hat es auf dem Mars jemals die Anfänge einer biologischen Evolution gegeben? Und gibt es dort möglicherweise sogar heute noch primitives einzelliges oder wie auch immer geartetes Leben?

Keine Frage: Die Rendite einer solchen Erkenntnis – wenngleich ebenfalls ideell – wäre zweifellos hoch. Die Aufregung um die von John Crotzinger, dem wissenschaftlichen Leiter der Curiosity-Marsrover-Mission, jüngst angekündigte, vermeintlich »historische« Entdeckung der Nasa auf dem Mars ist dafür ein beredtes Zeugnis. Die Entstehung von Leben ist immer noch ein beliebter Zankapfel sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch im Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Insofern sollte man nicht zu geizig sein, wenn es darum geht, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob der Beginn der Evolution auf der Erde ein planetarer Sonder- oder der kosmische Normalfall war. Ob allerdings die notwendige Informationsbeschaffung auf der Marsoberfläche nur von Astronauten mit Spitzhacke, Probenröhrchen und Digitalkamera geleistet werden kann, steht damit keineswegs fest.

Raumfahrt ist Pyramidenbau und Entdeckungsfahrt

Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass vollautomatische Forschungssonden – Rover, Roboter, Drohnen – in den nächsten Jahrzehnten eine stürmische Entwicklung durchmachen werden. Ausgestattet mit empfindlichsten Sensoren und vollgepackt mit leistungsstarken Mikrochips, dürften sie irgendwann zu Problemlösungen fähig sein, die intelligentem Verhalten durchaus nahekommen. Und da sie keine Lebenserhaltungssysteme brauchen, wäre ihre Verschickung zu eisigen, giftigen oder verstrahlten Monden und Planeten ungleich billiger als die aufwendige Anreise von Menschen mit ihren komplizierten körperlichen und seelischen Bedürfnissen. Vernünftigerweise kann also kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Weltraumzukunft nicht uns gehört, sondern perfekt angepassten Astroandroiden.

Und doch bleibt bei diesem Szenario eine kulturelle – oder vielleicht auch nur narzisstische Lücke. Wie perfekt Forschungsroboter auch immer sein werden, eines werden sie in absehbarer Zeit nicht können: etwas erleben. Sie haben keine Angst vor Gefahren, sie fühlen nichts bei einer Landung. Abgeschaltet stehen sie in ihren Transportmodulen, bis sie nach erfolgtem Touchdown aktiviert werden. Sie machen ihren Job, aber mit ihnen identifizieren können wir Daheimgebliebenen uns nicht. Sie taugen nicht als Helden, die stellvertretend für uns Grenzen überschreiten und neue Räume in Besitz nehmen. Den Namen Neil Armstrong wird die Menschheit so schnell nicht vergessen – aber wie hieß noch gleich die russische Sonde, die es erstmals bis zur 450 Grad heißen Höllenoberfläche der Venus schaffte und den infernalischen Schwefeldioxidstürmen dort 23 Minuten lang tapfer trotzte, bevor sie endgültig zu Weltraumschrott wurde?

Solange der Mars als potenziell bewohnbarer Planet vor unserer Haustür liegt, werden Menschen darüber nachdenken, wie sie dorthin gelangen können – ganz gleich, was es kostet. Der in dieser Hinsicht radikalste aller vorgeschlagenen Besiedlungspläne firmiert dabei unter dem Etikett »Mars to Stay«. Den Löwenanteil der Kosten einer Marsmission verschlänge nämlich nicht der Hin-, sondern der Rückflug. Wozu also überhaupt umkehren? Warum nicht eine permanente Kolonie auf dem Mars gründen – dem einzigen Ort im Sonnensystem, auf dem das ohne allzu großen Aufwand theoretisch denkbar erscheint?

Würden sich Menschen finden, die bereit wären, die Erde mit nur sehr vagen Überlebenschancen für immer zu verlassen? Natürlich. Ein von noch so klugen Robotern und wendigen Rovern reichlich bevölkerter Mars würde unsere Neugier und wohl auch unseren kollektiven Erlebnishunger am Ende nicht befriedigen. Es hilft alles nichts: Die Steinwüsten des roten Planeten wollen durchquert, der Olympus Mons – mit 27 Kilometern der höchste Berg im Sonnensystem – will erklommen, der Sonnenuntergang über Utopia Planitia bewundert werden.

Und wer Mars sagt, wird schließlich auch Venus, Jupiter und Neptun sagen. Letztlich ist das ganze Sonnensystem eine vielleicht unwirtliche, aber doch höchst spektakuläre Arena und eine Sightseeingtour durchaus wert: Auf dem Neptunmond Triton speien Kryovulkane Eis- und Methanschnee in die Atmosphäre, der Jupitermond Ganymed wird von riesigen Polarlichtern erleuchtet, und die feinen, von ferne unsichtbaren Ringe des Uranus schimmern geheimnisvoll dunkelblau.

Die gute Nachricht ist: Es gibt keine physikalischen Prinzipien, die es dem Menschen verwehren, diese Orte zu besuchen. Mit sogenannten gepulsten Nukleartriebwerken, die keineswegs nur der Fantasie von Science-Fiction-Autoren entsprungen sind, ließen sich die Reisezeiten im Sonnensystem auf Tage und Wochen verkürzen – unzumutbare monate- oder jahrelange Aufenthalte in engen, gravitationslosen Röhren würden überflüssig. Zwar wurde die Weiterentwicklung von Nuklearantrieben durch das Moskauer Atomteststoppabkommen von 1963 unterbunden und könnte nur durch entsprechende vertragliche Regelungen der Staatengemeinschaft wieder aufgenommen werden – aber das wäre kein unüberwindbares Hindernis, jedenfalls nicht aus wissenschaftlicher Sicht.

Die schlechte Nachricht ist natürlich, dass es sich im Sonnensystem nicht überall so gut leben lässt wie auf der Erde. Doch könnten die Umweltbedingungen ja möglicherweise dort, wo sie nicht passen, passend gemacht werden. Auch die Pläne dazu liegen bereits in den Schubladen eifriger Weltraumvordenker. Beispielsweise könnte man die Höllenatmosphäre der Venus mit geeignet veränderten Bakterien impfen, um sie von Treibhausgasen und Schwefeloxiden zu reinigen. Danach schlüge dann die Stunde von intelligenten Robotern, Lastdrohnen und Baurovern: Sie könnten die notwendigen Habitate errichten, die es im nächsten Schritt ersten Pionieren ermöglichten, auf der Venus Fuß zu fassen und sich über die langen sonnigen Tage – ein Venustag dauert knapp 117 Erdentage – zu freuen.

Was dem Affen die Banane vor dem Käfig, ist dem Menschen der Weltraum

All das, so spekulativ und größenwahnsinnig es auch klingen mag, verlässt den Boden der Naturgesetze nicht. Und weil das so ist, wird der Weltraum dem Menschen keine Ruhe lassen, ebenso wenig wie dem Affen die Banane vor dem Käfig: Irgendwann ergreift er den Stock, mit dessen Hilfe er sie schließlich bekommt. Das Unmögliche gar nicht erst zu versuchen ist eine vernünftige Haltung – aber das Mögliche nicht in Angriff zu nehmen liegt nicht in unserer Natur.

Die Raumfahrt ist beides: Pyramidenbau und Entdeckungsfahrt. Wenn es unserer Zivilisation gelingen sollte, auf der Erde zu überleben, wird die Geschichte vom Bereisen des Weltraums weitergehen – auf ein paar Jahrzehnte kommt es dabei nicht an.

Die Liste der potenziell oder faktisch raumfahrenden Nationen oder Unionen wird von Jahr zu Jahr länger und umfasst aktuell zwölf Einträge. Nach vierzig Jahren der relativen Ruhe und eines gewissen ISS-und-Shuttle-Business-as-usual geraten die Dinge in Bewegung. Private Investoren versuchen das Manko hoher Kosten und fehlender Renditen durch die Vermarktung von Weltraumtrips in den Griff zu bekommen. Einen Wettlauf zum Mars gibt es zwar noch nicht, aber der wäre auch nicht wünschenswert. Die enormen Kosten einer solchen Mission haben nämlich auch einen positiven Aspekt: Die Staaten können es nur gemeinsam schaffen. Die erste Flagge auf dem Mars sollte die der gesamten Menschheit sein.

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