RaumfahrtZum Himmel hoch, da will ich hin
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Raumfahrt ist Pyramidenbau und Entdeckungsfahrt

Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass vollautomatische Forschungssonden – Rover, Roboter, Drohnen – in den nächsten Jahrzehnten eine stürmische Entwicklung durchmachen werden. Ausgestattet mit empfindlichsten Sensoren und vollgepackt mit leistungsstarken Mikrochips, dürften sie irgendwann zu Problemlösungen fähig sein, die intelligentem Verhalten durchaus nahekommen. Und da sie keine Lebenserhaltungssysteme brauchen, wäre ihre Verschickung zu eisigen, giftigen oder verstrahlten Monden und Planeten ungleich billiger als die aufwendige Anreise von Menschen mit ihren komplizierten körperlichen und seelischen Bedürfnissen. Vernünftigerweise kann also kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Weltraumzukunft nicht uns gehört, sondern perfekt angepassten Astroandroiden.

Und doch bleibt bei diesem Szenario eine kulturelle – oder vielleicht auch nur narzisstische Lücke. Wie perfekt Forschungsroboter auch immer sein werden, eines werden sie in absehbarer Zeit nicht können: etwas erleben. Sie haben keine Angst vor Gefahren, sie fühlen nichts bei einer Landung. Abgeschaltet stehen sie in ihren Transportmodulen, bis sie nach erfolgtem Touchdown aktiviert werden. Sie machen ihren Job, aber mit ihnen identifizieren können wir Daheimgebliebenen uns nicht. Sie taugen nicht als Helden, die stellvertretend für uns Grenzen überschreiten und neue Räume in Besitz nehmen. Den Namen Neil Armstrong wird die Menschheit so schnell nicht vergessen – aber wie hieß noch gleich die russische Sonde, die es erstmals bis zur 450 Grad heißen Höllenoberfläche der Venus schaffte und den infernalischen Schwefeldioxidstürmen dort 23 Minuten lang tapfer trotzte, bevor sie endgültig zu Weltraumschrott wurde?

Solange der Mars als potenziell bewohnbarer Planet vor unserer Haustür liegt, werden Menschen darüber nachdenken, wie sie dorthin gelangen können – ganz gleich, was es kostet. Der in dieser Hinsicht radikalste aller vorgeschlagenen Besiedlungspläne firmiert dabei unter dem Etikett »Mars to Stay«. Den Löwenanteil der Kosten einer Marsmission verschlänge nämlich nicht der Hin-, sondern der Rückflug. Wozu also überhaupt umkehren? Warum nicht eine permanente Kolonie auf dem Mars gründen – dem einzigen Ort im Sonnensystem, auf dem das ohne allzu großen Aufwand theoretisch denkbar erscheint?

Würden sich Menschen finden, die bereit wären, die Erde mit nur sehr vagen Überlebenschancen für immer zu verlassen? Natürlich. Ein von noch so klugen Robotern und wendigen Rovern reichlich bevölkerter Mars würde unsere Neugier und wohl auch unseren kollektiven Erlebnishunger am Ende nicht befriedigen. Es hilft alles nichts: Die Steinwüsten des roten Planeten wollen durchquert, der Olympus Mons – mit 27 Kilometern der höchste Berg im Sonnensystem – will erklommen, der Sonnenuntergang über Utopia Planitia bewundert werden.

Und wer Mars sagt, wird schließlich auch Venus, Jupiter und Neptun sagen. Letztlich ist das ganze Sonnensystem eine vielleicht unwirtliche, aber doch höchst spektakuläre Arena und eine Sightseeingtour durchaus wert: Auf dem Neptunmond Triton speien Kryovulkane Eis- und Methanschnee in die Atmosphäre, der Jupitermond Ganymed wird von riesigen Polarlichtern erleuchtet, und die feinen, von ferne unsichtbaren Ringe des Uranus schimmern geheimnisvoll dunkelblau.

Die gute Nachricht ist: Es gibt keine physikalischen Prinzipien, die es dem Menschen verwehren, diese Orte zu besuchen. Mit sogenannten gepulsten Nukleartriebwerken, die keineswegs nur der Fantasie von Science-Fiction-Autoren entsprungen sind, ließen sich die Reisezeiten im Sonnensystem auf Tage und Wochen verkürzen – unzumutbare monate- oder jahrelange Aufenthalte in engen, gravitationslosen Röhren würden überflüssig. Zwar wurde die Weiterentwicklung von Nuklearantrieben durch das Moskauer Atomteststoppabkommen von 1963 unterbunden und könnte nur durch entsprechende vertragliche Regelungen der Staatengemeinschaft wieder aufgenommen werden – aber das wäre kein unüberwindbares Hindernis, jedenfalls nicht aus wissenschaftlicher Sicht.

Die schlechte Nachricht ist natürlich, dass es sich im Sonnensystem nicht überall so gut leben lässt wie auf der Erde. Doch könnten die Umweltbedingungen ja möglicherweise dort, wo sie nicht passen, passend gemacht werden. Auch die Pläne dazu liegen bereits in den Schubladen eifriger Weltraumvordenker. Beispielsweise könnte man die Höllenatmosphäre der Venus mit geeignet veränderten Bakterien impfen, um sie von Treibhausgasen und Schwefeloxiden zu reinigen. Danach schlüge dann die Stunde von intelligenten Robotern, Lastdrohnen und Baurovern: Sie könnten die notwendigen Habitate errichten, die es im nächsten Schritt ersten Pionieren ermöglichten, auf der Venus Fuß zu fassen und sich über die langen sonnigen Tage – ein Venustag dauert knapp 117 Erdentage – zu freuen.

Was dem Affen die Banane vor dem Käfig, ist dem Menschen der Weltraum

All das, so spekulativ und größenwahnsinnig es auch klingen mag, verlässt den Boden der Naturgesetze nicht. Und weil das so ist, wird der Weltraum dem Menschen keine Ruhe lassen, ebenso wenig wie dem Affen die Banane vor dem Käfig: Irgendwann ergreift er den Stock, mit dessen Hilfe er sie schließlich bekommt. Das Unmögliche gar nicht erst zu versuchen ist eine vernünftige Haltung – aber das Mögliche nicht in Angriff zu nehmen liegt nicht in unserer Natur.

Die Raumfahrt ist beides: Pyramidenbau und Entdeckungsfahrt. Wenn es unserer Zivilisation gelingen sollte, auf der Erde zu überleben, wird die Geschichte vom Bereisen des Weltraums weitergehen – auf ein paar Jahrzehnte kommt es dabei nicht an.

Die Liste der potenziell oder faktisch raumfahrenden Nationen oder Unionen wird von Jahr zu Jahr länger und umfasst aktuell zwölf Einträge. Nach vierzig Jahren der relativen Ruhe und eines gewissen ISS-und-Shuttle-Business-as-usual geraten die Dinge in Bewegung. Private Investoren versuchen das Manko hoher Kosten und fehlender Renditen durch die Vermarktung von Weltraumtrips in den Griff zu bekommen. Einen Wettlauf zum Mars gibt es zwar noch nicht, aber der wäre auch nicht wünschenswert. Die enormen Kosten einer solchen Mission haben nämlich auch einen positiven Aspekt: Die Staaten können es nur gemeinsam schaffen. Die erste Flagge auf dem Mars sollte die der gesamten Menschheit sein.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • RaumFF
    • 27. Dezember 2012 12:27 Uhr

    Wir sollten dann die unzähligen Wissenschaftler zu Helden machen, die hinter der Technik der unbemannten Raumfahrt stehen! Mit deren Hilfe nur gelingt der Sprung zur Erforschung des Universums: ein riesiger Gewinn an Erkenntnis und vielleicht sogar an materiellen Gütern!! Und
    ohne sie würden wir alle verzweifeln am alltäglichen Zustand unserer Welt!

    2 Leserempfehlungen
  1. 2. oops!

    Der Titan ist ja kein Neptunmond. Was mich aber gleich auf die Cassini-Huygens-Mission zum Saturnsystem bringt: Der Mensch ist halt für solche Missionen nicht ausgelegt, irdisches Leben hat sich's halt auf der Erde gemütlich gemacht. Und Kolumbus fand in Amerika ja immernoch ein irdisches Ökosystem. Somit ist halt der Rest unseres Sonnensystems effektiv nur für "perfekte" Roboter zugänglich, welche allerdings den technischen Fortschritt enorm voranbringen können und zudem faszinierendste Daten liefern können, wie Cassini-Huygens (was ist schon der Mars dagegen?). Man kann auch keine Planeten rumschubsen, um sie in eine "akzeptable" Sonnenentfernung zu bringen. Selbst dann wären immernoch die Atmosphären und das fehlende Wasser, gelinde gesagt, problematisch. Besiedlung funzt also nicht. Was dann Exoplaneten betrifft, davor steht die relativistische Dynamik und der Energiesatz. Also, bleiben wir lieber physisch auf unserer lieben Erde und machen wir das Beste daraus. Der nächste Evolutionsschub wird deswegen wahrscheinlich in unseren Gehirnen stattfinden müssen. So sehe ich das.

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    Redaktion

    Wir haben den Fehler korrigiert. Der Neptunmond heißt Triton, nicht Titan.

    • Gerry10
    • 29. Dezember 2012 12:09 Uhr

    ...wären wir nicht besser dran zuerst die Ozeane zu erforschen?
    Die sind sprichwörtlich vor der Tür, die Erforschung würde sich binnen kurzer Zeit auch rentieren und auch wissenschaftlich einen gewaltigen Gewinn abwerfen.
    Rohstoffe, Energiegewinnung, Umwelt und Klimaschutz, Nahrungsversorgung die Liste der Dinge die wir im Ozean bzw auf dem Meeresboden finden, erforschen und entwickeln könnten ist fast grenzenlos - und das ohne diesen Planteten verlassen zu müssen.

    Sicher, die Menschheit muss auch in den Weltraum, kein Thema, aber es würde uns sicher nicht Schaden - wahrscheinlich der Raumfahrt sogar nutzen - das eigene Zuhause erstmal genauer zu erforschen...

  2. 4. Eines

    haben die Apollo Missionen und der Pyramidenbau gemeinsam, es sind Zeugnisse einer Epoche die mit etwas Glück mehrere tausend Jahre überleben. Es wäre schön wenn wir auf dem Mond für jedes Jahrhundert der Menschheit mehrere Geschichtsarchive platzieren, damit würden wir vielleicht was für spätere Generationen schaffen.

  3. ...Zivilisation mit einem entsprechenden Nettoenergieüberschuß pro Kopf ist überhaupt in der Lage, bemannte Raumfahrt zu betreiben oder sich die dafür notwendigen Forschungen zu erlauben.
    Die bemannte Raumfahrt auf dem Planeten Erde wurde letztes Jahr eingestellt, nur so zur Info. Und dabei wird's wohl auch bleiben. In hundert Jahren wird man einen Flug zum Mond vermutlich wieder für einen Mythos halten. Oder für Ketzerei, wer weiß?

    Eine Leserempfehlung
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    • PGMN
    • 29. Dezember 2012 17:43 Uhr

    "Die bemannte Raumfahrt auf dem Planeten Erde wurde letztes Jahr eingestellt, nur so zur Info."

    Das sollten Sie vielleicht den Russen mitteilen, die letzte Woche ein bemanntes Raumschiff ins All geschossen haben. Nur so zur Info, Sie wissen schon...

  4. nur dass ich hier nicht gleich als Technikfeind Gelte..

    Aber Zivilisationswächter verklausuliert in dem harmlosen Wort "Nettoenergieüberschuss" vollkommen richtig einen Zusammenhang der zum einen kaum jemandem klar ist und zum anderen gewaltigen Sprengstoff birgt..

    Wir werden in 30 Jahren alles tun aber nicht über Raumfahrt nachdenken, da dann die Verfügbare Nettoenergie um bis zu 70% abgesunken sein wird. Vergessen sie die Irreführenden Aussagen der Internationalen Energieagentur bzw. lesen sie zwischen den Zeilen..

    In der Tat nur mit einem entsprechenden Energieüberschuss ist Raumfahrt denkbar.. Und der Peak of Oil, all liquids steht nur wenige Jahre vor uns (der für Cruide Oil ist bereits durch).

    Und jetzt denken Sie an die Ölkrise von 1979 bei der gerade mal 4% Öl am Markt fehlten...

    Die uns bevorstehende Wirtschaftliche Umwälzung wird derartige Überlegungen völlig irreal erscheinen lassen.

  5. In seiner Rede erklärt Kennedy im September 1962 warum man zum Mond fliegt:

    Hier die beiden entscheidenden Abschnitte:

    "But why, some say, the moon? Why choose this as our goal? And they may well ask why climb the highest mountain? Why, 35 years ago, fly the Atlantic? Why does Rice play Texas?

    We choose to go to the moon. We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard, because that goal will serve to organize and measure the best of our energies and skills, because that challenge is one that we are willing to accept, one we are unwilling to postpone, and one which we intend to win, and the others, too."

    Man flog nicht um Gewinn zu machen oder etwas zu erobern, sondern weil es ein schwer zu erreichendes Ziel war, dass man für einen Wettbewerb der Systeme brauchte. Ähnlich schwer wie die Erstbesteigung des Mt. Everst, der Erstflug über den Atlantik oder ein Football-Spiel der Universität Rice gegen die Universität von Texas aus Austin. Rice, wo die Rede gehalten wurde, ist traditionell schwach im Sport, während Texas vor allem beim Football zu den besten gehört. 1961 endete das Spiel 7-34 für Texas. Ein Präsident weiß sowas.

    Meiner Ansicht nach sollte man die bemannte Raumfahrt Privatleuten überlassen, die selbst dafür bezahlen. Genau so wie man es beim Bergsteigen und Atlantikfliegen gemacht hat. Auch Rice spielt weiter gegen Texas. Zuletzt 9-34, insgesamt steht es 21 - 71.

    • PGMN
    • 29. Dezember 2012 17:43 Uhr

    "Die bemannte Raumfahrt auf dem Planeten Erde wurde letztes Jahr eingestellt, nur so zur Info."

    Das sollten Sie vielleicht den Russen mitteilen, die letzte Woche ein bemanntes Raumschiff ins All geschossen haben. Nur so zur Info, Sie wissen schon...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nur eine..."

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