Büro-ArchitekturBleibt wach!

Sieht so die Zukunft der Arbeit aus? Ein Besuch in der neuen Konzernzentrale von Red Bull in Amsterdam von 

Schöne neue Arbeitswelt: Bei Red Bull gibt es keine Stechuhr, dafür Kuschelecken und wild verwinkelte Raumhöhlen.

Schöne neue Arbeitswelt: Bei Red Bull gibt es keine Stechuhr, dafür Kuschelecken und wild verwinkelte Raumhöhlen.  |  © Ewout Huiber

In den westlichen Gesellschaften schwitzen heute weniger Menschen denn je, jedenfalls nicht bei der Arbeit. Sie müssen ihre Körper nicht länger quälen und bis zur Erschöpfung schinden, sie arbeiten mit dem Kopf. Und wenn trotzdem viel vom »erschöpften Selbst« die Rede ist, dann sind nicht Muskeln, Sehnen, Knochen gemeint. Der Geist ist erschöpft. Genau davon profitiert eine Firma namens Red Bull. Rund 4,6 Milliarden Dosen des metallisch-süßlichen Energiegetränks wurden 2011 weltweit verkauft; bereits 2016 sollen es über 8 Milliarden sein.

Red Bulls gewaltiger Erfolg begann nicht zufällig Ende der achtziger Jahre, als sich das industrielle Zeitalter dem Ende zuneigte und etliche der lärmenden, dampfenden, immer auch gefährlichen Maschinen von diskret sirrenden Computern abgelöst wurden. Heute, in der Ära des Digitalen, ist Arbeit etwas anderes. Freizeit ist etwas anderes. Und beide lassen sich nicht mehr so strikt trennen wie ehedem. Allerdings scheint nicht wenige noch ein gewisser Phantomschmerz zu plagen, selbst einige der Manager von Red Bull.

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Wer zum Beispiel die Konzernzentrale in Amsterdam besucht, vor nicht allzu langer Zeit eröffnet, der muss erst einmal an einem U-Boot vorbei, einem sowjetischen U-Boot, das in einem alten Hafenbecken graffitiverkleistert vor sich hin rostet. Ein Relikt kriegerischer Zeiten, als die Welt auf grausame Weise einfach war, aufgeteilt zwischen zwei verfeindeten Supermächten, wird zur willkommenen Kulisse eines Neubeginns im Unüberschaubaren. Hier, in einem aufgelassenen Hafenquartier, unweit des Hauptbahnhofs, siedeln sich gerade viele Medienleute und Designer an, die allbekannten Kreativmenschen. Und auch Red Bull ist hier mit 70 Angestellten heimisch geworden, in den Hallen einer Schiffswerft, die zwar alt aussieht, aber nicht alt ist.

Nicht die Repräsentation ist wichtig, die Performance zählt

Nur die blauen Schiebetore und ein Teil des Dachgerüsts sind noch erhalten, der Rest verbrannte vor einigen Jahren und wurde rekonstruiert. Eine moderne Form von Historismus also: Nichts ist authentisch, das meiste aber sieht einigermaßen authentisch aus, und darauf kommt es an. Lange hatten sie bei Red Bull überlegt, wo sie ihr neues Hauptquartier aufschlagen sollten. Am ehesten hätte sich ein Büroriegel im Gewerbepark angeboten, preisgünstig und für alle bestens mit dem Auto zu erreichen. Am Ende aber entschieden sie sich für die Schiffshallen, und das noch nicht mal aus Imagegründen.

Denn Red Bull ist nicht sichtbar. Keine Neonlettern, kein Logo an den Fassaden, nur ein kleiner Schriftzug auf dem Briefkasten. Wo früher die Konzerne lautstarke Zeichen aus Glas und Stahl in die Stadtlandschaft setzten, da demonstriert die Marke Red Bull ihre Macht, indem sie ihre Macht nicht zeigt.

Sie ist lieber dort präsent, wo etwas passiert. Nicht als statisches Produkt will sie erscheinen, vielmehr setzt sie auf Wirkungsästhetik. Sie wird dort sichtbar, wo sich ihre Verheißung im wortwörtlichen Sinne verkörpert, in erfolgreichen Rennfahrern, Fußballern, Extremsportlern jeder Art, die von Red Bull gesponsert werden. Eine ähnliche Rolle kommt hier nun auch der Architektur zu: Sie soll mehr sein als nur zweckrationale Hülle, man traut ihr eine körperliche, energetisierende Wirkung zu. Nicht Repräsentation ist wichtig, sondern Performance zählt – dieses Credo prägt derzeit weite Teile der bildenden Kunst und ebenso dieses Firmengebäude, gestaltet von dem kanadischen Architekturbüro Sid Lee.

Kaum hat man die Hallen betreten, verliert man sich in einer architektonischen Abenteuerlandschaft. Stürzende Wände, wild verwinkelte Raumhöhlen, steile Treppen zum Sitzen, Stege, Nischen, Anhöhen, die erkundet werden wollen. Geheimnisvoll glühende Raumteiler, ein Flugzeugflügel als Schreibtisch, jede Menge Graffiti an den Sperrholzwänden, Kuschelecken mit vielen bunten Kissen. Als hätte hier jemand die Hochbettästhetik der Jugendzimmer mit den Merzbau-Fantasien von Kurt Schwitters und ein paar Attributen der Skating- und Climbing-Szene verschmolzen. Ein wenig Dada, ein wenig Designer-Schick und jede Menge Originalitätswut – selbst auf dem Klo wird man von der Ausgelassenheit nicht verschont. Ein Mosaik im Airbrush-Look überzieht die Wände, das Pissoir wird von zwei Engelsflügeln umspielt.

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