Schriftsteller Andrej Kurkow"Ich bin ein schwarzer Optimist"

Der Schriftsteller Andrej Kurkow nahm zu Sowjetzeiten an Witze-Erzähl-Wettbewerben teil. Sein Humor hilft ihm noch heute. von Herlinde Koelbl

Der Schriftsteller Andrej Kurkow

Der Schriftsteller Andrej Kurkow  |  CC BY-SA 2.0 Jürg Vollmer/maiak.info

ZEITmagazin: Herr Kurkow, als Kind hatten Sie drei Hamster: Einer wurde in der Tür eingeklemmt, den zweiten hat die Katze gefressen, und der dritte ist vom Balkon gefallen. Andere Kinder wären verzweifelt, aber Sie haben ein Gedicht verfasst. Warum?

Andrej Kurkow: Das Gedicht entstand nach dem Tod des zweiten Hamsters, aus Mitleid mit dem dritten, der ja noch am Leben war. Danach schrieb ich noch ein Gedicht über Lenin, weil ich wusste, dass der auch tot war. Ich dachte, Gedichte handeln nur von toten Menschen, Tieren oder verflossener Liebe. Meine erste Kurzgeschichte habe ich mit 15 Jahren über das Begräbnis meiner Großmutter geschrieben, zu dem sehr viele Menschen kamen. Ich dachte deshalb, sie sei sehr berühmt.

Anzeige

ZEITmagazin: Haben Sie eine komische Ader?

Kurkow: Mein Bruder und ich haben zu Sowjetzeiten jedes Jahr an einem illegalen Witze-Wettbewerb teilgenommen. Wir waren 25 junge Intellektuelle, die sich im August auf der Krim trafen und jede Nacht Witze um die Wette erzählten. Der Preis war eine Kiste Champagner. Alle meine Freunde erzählten Witze, das war für uns ganz normal, Untergrundkultur eben. Die Witze enthielten die Wahrheit, die sich die Leute draußen in der offiziellen Welt nicht zu sagen trauten.

Andrej Kurkow

51, wurde in der Nähe von Leningrad geboren und wuchs in der Ukraine auf. Nach dem Militärdienst arbeitete er zunächst als Kamermann und schrieb Drehbücher. Seine Romane, die er in seiner Muttersprache Russisch verfasst, erzählen auf groteske Weise vom postsowjetischen Leben in der Ukraine. Zuletzt erschien von ihm Der Gärtner von Otschakow. Kurkow lebt in Kiew.

ZEITmagazin: Ihre Witze waren politisch. Ihre Mutter hat einmal Ihre Tagebücher gelesen und als »Schande« bezeichnet. War sie eine stramme Sowjetideologin?

Kurkow: Sie hatte einfach Angst, dass ich Ärger mit dem KGB bekomme. Mein älterer Bruder wurde wegen antisowjetischer Aktivitäten angeklagt. Meine Mutter schenkte dem Richter die Orden meines Urgroßvaters, so wurde er nur zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Sie war Ärztin und nicht kommunistisch, im Gegensatz zu meinem Vater, der als Testpilot arbeitete. Mein Großvater war sogar Stalinist.

ZEITmagazin: Hatten Sie nicht das Gefühl, sich ständig in Acht nehmen zu müssen?

Kurkow: Die Generation meines Bruders war ernsthafter, sie war wirklich politisch. Meine Generation lachte über das Sowjetsystem, wir dachten, man braucht nicht zu handeln, weil es von selbst kaputtgehen würde. Erst der Militärdienst, den ich im Gefängnis ableistete, hat mich verändert. Ich war 24 Jahre alt, um einiges älter als viele der Offiziere dort.

ZEITmagazin: Wie hat Sie der Dienst verändert?

Kurkow: Die Soldaten waren nicht bloß Wärter, einige waren sogar gewalttätiger als die Gefangenen. 18 Monate lang funktionierte ich wie ein Roboter und wartete einfach das Ende ab. Witze erzählte ich keine. Die Regeln waren ganz klar, viel einfacher zu verstehen als das Leben draußen in der Sowjetunion. Mein Humor wurde schwärzer. Ich verstand, dass das Leben nicht nur lustig, sondern auch tragisch ist.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: In einem Roman schildern Sie, wie eine Frau ihren Mann erschlägt und ihn dann im Herbstlaub verbrennt. Das ist schon sehr makaber.

Kurkow: Vielleicht, aber das Leben ist so. Vor ein paar Monaten ist eine ähnlich schreckliche Geschichte in der Ukraine wirklich passiert. Manche Dinge kann man gar nicht für einen Roman erfinden. Als ich 1991 eine Wohnung kaufte, ließ ich als Erstes eine kugelsichere Tür einbauen. Eines Nachts gab es eine Schießerei im Haus, und am Morgen sah ich Blut im Flur. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es ein Gesetzesvakuum, man musste einfach versuchen, zu überleben. Mehrere meiner Freunde wurden ermordet, darunter einer, der mir 16.000 Dollar für den Druck meiner ersten Bücher geliehen hatte. Die Wirklichkeit ist noch viel dunkler als meine Fantasie.

ZEITmagazin: Macht schwarzer Humor das Leben in der Ukraine erträglicher?

Kurkow: Ja. Aber wenn ich politische Kolumnen schreibe, bin ich zwar sehr sarkastisch, am Ende aber immer optimistisch. Ganz egal, wie ausweglos die Situation sein mag, ich versuche immer, ein bisschen Hoffnung zu geben, das rettet mich. Vor vielen Jahren habe ich eine eigene Theorie des Optimismus entwickelt. Nach dem Tod eines Freundes Anfang der neunziger Jahre hat mich jemand gefragt: Bist du noch Optimist oder schon Pessimist wie alle? Und ich antwortete: Ich bin ein schwarzer Optimist. Das ist jemand, der weiß, dass am Ende alles okay sein wird, sich aber niemals sicher ist, dass er das Ende auch selbst erleben wird.

Herlinde Koelbl

gehört neben dem Psychologen und Coach Louis Lewitan, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews bekannt

ZEITmagazin: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Kurkow: Ich wollte immer nur Schriftsteller sein. Mir würde es einfach reichen, wenn alles so bleibt, wie es ist: Ich schreibe Bücher. Die Hauptsache ist, dass die Kinder gut aufwachsen können, das Land stabil ist und nicht in Düsterkeit versinkt. Ich bin ein Schriftsteller, der keinen Traum mehr hat.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Serie Das war meine Rettung
    • Schlagworte Andrej Kurkow | Gedicht | Humor | KGB | Kurzgeschichte | Champagner
    Service