PauschalreisenDas geht zu weit
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 Katastrophentourismus

Einreise mit allen Schikanen

Was könnte abenteuerlicher sein, als im Dunkeln im Staub zu kriechen, vorbei an Kakteen und Geröll, in dessen Ritzen sich Spinnen und Giftschlangen verstecken? Wer schon immer wissen wollte, wie es sich anfühlt, illegaler Einwanderer zu sein, der kann einen inszenierten nächtlichen Grenzübertritt im mexikanischen Parque Eco Alberto buchen. Verkleidete Nachtwächter und das motivierende Knallen von Platzpatronen gehören selbstverständlich dazu. Typische Kunden sind Wohlbetuchte aus Mexiko-Stadt und weiße US-Amerikaner. Mancher von denen wird gewiss ein paar Dinge anders sehen, wenn er wieder zurück auf seiner Seite des Zaunes ist. Endlich mal ein freundliches Wort finden für den Mexikaner, der im Supermarkt die Einkaufstüten packt. So etwas wie: » I did it, too. A hell lot of fun!«

Das Wunder vom Hudson

Die Boeing 737 verliert an Höhe, Rauch in der Kabine nimmt die Sicht, doch statt panischer Schreie hört man einen Mann begeistert kichern. Ist er hysterisch geworden? Nein. Bekanntermaßen erzeugt das Schreckliche oft lustvollen Schauder, wenn die Bedrohung nicht real ist und man sich in Sicherheit weiß. In Großbritannien kann man für 300 Pfund einen halben Tag in die Haut des Piloten Chesley Sullenberger schlüpfen und in einem beweglichen Boeing 737-Flugsimulator dessen legendäre Notwasserung von 2009 auf dem Hudson River nacherleben. Dass Sullenberger damals einen Airbus A320 steuerte, darüber sieht man gerne hinweg, solange der Rest stimmt: Rauch, das Öffnen der Türen, die Evakuierung mithilfe von Notrutschen – an alles wurde gedacht. Die Veranstalter wollen die Simulation als Teambildungsmaßnahme verstanden wissen und werben: »Katastrophen schweißen die Menschen zusammen!« Wenn wir nur mehr davon hätten...

Seefahrt mit Sägen

Natürlich ist es unmöglich, einen Filmzyklus von solch intellektueller Tiefe und ästhetischer Güte wie Saw in wenigen Zeilen wiederzugeben. Dennoch ein bescheidener Versuch: Es geht um Menschen, um Sägen und um das, was Menschen mit Sägen anrichten können, beziehungsweise Sägen mit Menschen. Den Anfang macht eine emblematische Szene. In einem beklemmenden, verdreckten Waschraum erwachen zwei Männer. Sie begegnen einander zum ersten Mal und können sich nicht leiden. Aber jeder von ihnen ist mit einer Fußkette gefesselt. In einem Spülkasten entdecken sie zwei Sägen, die zwar am Metall versagen, nicht aber am eigenen Fuß. Darum geht es im weiteren Film und den fünf Fortsetzungen: Welche Opfer bringt man, um zu überleben?

Alle Fans hatten im August 2012 die Möglichkeit, an einer ganz besonderen Kreuzfahrt teilzunehmen: der Official Saw Movie Cruise. Ob es, wie schon bei den Filmen, auch hier eine Wiederholung gibt? Wenn ja, darf man sich freuen: Feiern mit den Darstellern, Fragerunden, Pool- und Tanzpartys, gemeinsames Foto. Gegen Aufpreis kann man sogar mit einem der Schauspieler allein an einem Tisch dinieren oder bei einer VIP-Cocktail-Party inmitten der Stars an der Margarita saugen (oder gar am Sawpirinha?). Nicht auszuschließen, dass manch einer sich danach in einem beklemmenden, verdreckten Badezimmer wiederfindet. Zwar nicht in Ketten, doch auch von einem Kreuzfahrtschiff gibt es ja kein Entkommen. Für ein echtes Saw- Erlebnis ist ein Schiff also der perfekte Ort. Aber was, wenn sich die Sägen-Stars als Nervensägen entpuppen, derer man sich am liebsten entledigen würde? Vielleicht hilft dann ein Blick in den Spülkasten.

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Leserkommentare
  1. Köstlich inszeniert von Andreas Mayer, weiter so!
    Ich konnte mir das Grinsen fast nicht verkneifen.

    Zugleich aber auch erschreckend, mit was allem heutzutage Geld verdient werden will. Solche Veranstalter nennt man wohl (teilweise sogar unmoralische) Nutznießer?

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