Es war einmal. Und ist immer wieder. Und wieder.

Schon vor der Abfahrt fängt es an, auf dem Bahnsteig. Köpfe rucken, als wollten sie mir den Weg weisen. Weißes Flattern, der jähe Luftdruck eines Flügelschlags. Am Zugfenster vorbei fliegen sie wie geworfene Eisenkugeln. Und als sich das Schloss endlich aus dem Nebel hebt, seinen mächtigen Umriss durch das Ungefähre drückt wie eine zu lange unter Verschluss gehaltene Erinnerung, sind sie immer noch da: die Tauben.

Cinderellas Helfer, von jeher Symbol für Reinheit und Glück, begleiten meine Reise in die Vergangenheit. Nach Schloss Moritzburg bei Dresden, wo vor 40 Jahren Drei Haselnüsse für Aschenbrödel gedreht wurde. Ein Film, der jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit mehr Generationen vor dem Bildschirm vereint als Dinner for One zum Jahreswechsel.

Die Taschentücher in Griffweite, schmiegen sich Mütter an Töchter, Großmütter an Enkel, kuscheln sich beste Freundinnen auf dem Sofa zusammen, halten frisch Verliebte Händchen, und alle machen Hach: Hach, der Prinz! Hach, das Kleid! Und vor allem: Hach, die Musik!

Sobald auch nur der Name des Films fällt, hat jeder sofort diese Melodie im Kopf, die Komponist Karel Svoboda vermutlich den Engeln persönlich abgelauscht hat. Eine Tonfolge, die einem dasselbe Gefühl im Bauch macht wie eine abfließende Welle, die sandigen Grund kitzelnd unter bloßen Füßen wegspült. Es ist eine Melodie, die Herzen öffnet, die sich im Körper ausbreitet wie ein glückseliges Lächeln, und wer sie nicht kennt, hört sie sich jetzt am besten erst mal an. Das benutzte Taschentuch anschließend aber bitte nicht in die Ritzen des Sofas, das tun nur alte Leute. Und wir sind keine alten Leute. Wir sind Prinzen und Prinzessinnen, die, beseelt von dieser Melodie, mutig voranschreiten, dem Schloss entgegen, das auch Aschenbrödels Ziel war, in der Nacht, in der Zaubernuss Nummer zwei ihr ein Ballkleid bescherte: eine Nacht im Winter 1972/73, in der die steinernen Mauern von Schloss Moritzburg zur Wiege eines Kults wurden.

Mit den ersten Sonnenstrahlen verdampft der Nebel, und plötzlich ist alles wie im Märchen: der Himmel blau, der Schlossteich zugefroren, und es liegt sogar Schnee. Augenblicklich sind sie wieder da, die Bilder, die Stimmen. Das Gefühl von damals, als dieser Film eine existenzielle Form der Sehnsucht in mir ausgelöst hat, wie Heimweh und Fernweh zugleich. Nach einer Prinzessin mit rotbraunem Haar und einer Haut wie Porzellan, mit einer Stimme wie Samt und mit grünen Augen, die einen aus den verschneiten Tiefen des Böhmerwaldes heraus anblicken und sagen: Komm mit. Lass alles liegen, und frag nicht. Komm einfach mit.

Seit ich Libuše Šafránková als Aschenbrödel gesehen hatte, wusste ich genau, wie die Frau sein musste, die ich heiraten wollte. Ein bisschen verwahrlost, ohne jeden Respekt vor Konventionen, gleichzeitig elfenhaft zart. Eine abenteuerliche Mischung aus Rotzgöre und Prinzessin, die es damals so nicht gab.

Aschenbrödel war die lässigste Anarchistin seit Pippi Langstrumpf

Märchen waren für Mädchen. Sie handelten von Einhörnern mit rosa Mähnen und rochen nach Barbie. Die amerikanische Cinderella war pink und aus Plastik, das deutsche Aschenputtel bieder und brav. Mein tschechisches Aschenbrödel dagegen war ein Kumpel. Sie redete lieber mit dem Stallknecht als mit dem König, sie verstand die Sprache der Tiere und konnte besser mit der Armbrust umgehen als jeder andere. Selbst die Demütigungen ihrer aufgeblasenen, kleingeistigen Stiefschwester erreichten sie nicht, weil Aschenbrödel auf einer feineren Frequenz schwang, die sie über die Niederungen von Eitelkeit und Macht erhob.