AschenbrödelHach!
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Sie war die schönste Landstreicherin seit Ronja Räubertochter

Ein Kutscher lenkt eine Schlittenkutsche Richtung Moritzburg.

Ein Kutscher lenkt eine Schlittenkutsche Richtung Moritzburg.  |  © Arno Burgi dpa/lsn

Aschenbrödel war die lässigste Anarchistin seit Pippi Langstrumpf, die schönste Landstreicherin seit Ronja Räubertochter. Ein 19-jähriges Mädchen, die Wangen schmutzig, die Haare zerzaust, ritt in einer Fellweste durch den verschneiten Böhmerwald, und sofort war ich verliebt. Auf diese reine, bedingungslose und vollkommen ernsthafte Art, die nie Personen, sondern eigentlich ein Lebensgefühl meint. Ich war verliebt in den Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie unter schneeschweren Zweigen den Kopf zum Himmel drehte. In ihr kindliches, im besten Sinne naives Staunen. Ihre vollkommene Hingabe an den Lauf der Dinge, im Vertrauen darauf, dass es irgendwo jemanden gibt, der es sehr, sehr gut mit ihr meint.

Stefan Beuse

Stefan Beuse, 45, ist Schriftsteller und lebt in Hamburg. Zuletzt erschien von ihm der Roman Alles was du siehst.
 

Natürlich hätte ich, statt den Jungs aus meiner Klasse zu erzählen, dass ich eine Märchenprinzessin toll fand, ebenso gut im Ballettröckchen auf dem Pausenhof meinen Namen tänzerisch darstellen können. Aber solange Aschenbrödel im Geiste bei mir war, konnten Häme und Spott mir gar nichts.

Irgendwann, zwischen dem sogenannten Ernst des Lebens und der sogenannten Wirklichkeit, verlor ich sie, wie man wichtige Dinge immer erst verlieren muss, um sie als das erkennen zu können, was sie sind. Jetzt will ich sie wiederfinden. Aber wo sucht man einen Kindheitstraum? Wo findet man eine abhandengekommene tschechische Märchenprinzessin? Zwischen Bauten, Requisiten, Kostümen? Auf der Treppe, wo sie ihren Schuh verlor?

Sind all die Büdchen mit Aschenbrödel-Tassen, Aschenbrödel-Erbsensuppe und Aschenbrödel-Schneekugeln vielleicht nichts als Vorboten? Beschwören all die Kinder, die das letzte Stück Weg zum Schloss säumen und durch eine unfreiwillig sehr freie Interpretation des Aschenbrödel-Themas auf Blockflöte oder Posaune ihr Taschengeld aufbessern wollen, ihre Anwesenheit?

Mir bleibt nichts übrig, als mich geduldig in die Schlange der anderen Schlossbesucher einzureihen und zu warten. Ich sehe Pärchen, die sich wechselseitig vor einem riesenhaften silbernen Schuh fotografieren, und kaufe, um die Zeit bis zum Einlass psychologisch zu verkürzen, eine Glühwein-Amaretto-Mischung im Verhältnis eins zu eins.

Was, bitte, eine Aschenbrödel-Waffel am Stiel sei, frage ich bei der Gelegenheit. »Na, die is’ mit Hoaaselnüssen«, sächselt es zurück. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Endlich betrete ich das Schloss. Ein bisschen fühlt sich das an, wie nach Jahrzehnten noch einmal zurück in sein altes Kinderzimmer zu kommen. Alles ist irgendwie kleiner und enger, als man es in Erinnerung hatte. Die Decke ist zu niedrig, das Wohnzimmer winzig und der Garten, der früher die tollsten Schätze barg, kaum mehr als ein Blumenbeet. Überhaupt, dieses Schloss, war das eigentlich immer schon so... gelb?

Der König begrüßt mich aus einer Vitrine, ich grüße zurück und steige, ein wenig benebelt vom Glühwein, die Treppe hoch. Vorbei an Nikolaus, dem Pferd, der bösen Stiefschwester und anderen alten Bekannten, die ich auf den ersten Blick genauso wenig zuordnen kann wie im Freibad den Postboten ohne Uniform.

»Das bist du«, flüstere ich ihr lächelnd ins Ohr. »Das alles«

Dann, plötzlich, sehe ich sie: Aschenbrödel und den Prinzen beim Tanz. Zwar nur als Wachsfiguren, aber in den Originalkostümen von damals – und sofort habe ich wieder das berühmte Rätsel im Kopf, das die geheimnisvolle Unbekannte beim Königsball ihrem Zukünftigen aufgibt. Für einen Moment scheint es sogar, als bewegte sich der Schleier vor ihrem Gesicht. Als würde er mit dem Einatmen an die Lippen gesogen und zitterte mit jedem gehauchten Wort: »Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht... Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht... Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr...?«

Mit dem Handrücken streiche ich leicht über Aschenbrödels Kleid. »Das bist du«, flüstere ich ihr lächelnd ins Ohr. »Das alles.«

Im Schloss sind Originalkostüme, Instrumente und Requisiten ausgestellt.

Im Schloss sind Originalkostüme, Instrumente und Requisiten ausgestellt.   |  © Matthias Hiekel/dpa

Der Prinz bekommt davon glücklicherweise nichts mit, der ist gerade viel zu sehr damit beschäftigt, aus Wachs zu sein. Außerdem weiß er ja, dass er sie kriegt und nicht ich. Da kann ich eigentlich gleich die Gelegenheit nutzen und ihr sagen, dass ich es übrigens schon immer ganz schön kokett fand, sich selbst zur Lösung eines Rätsels zu machen. Natürlich finde ich es auch psychologisch durchtrieben, philosophisch vielschichtig und vor allem ziemlich emanzipiert für ein armes Mädchen aus dem 16. Jahrhundert, das von ihrer Stiefmutter erniedrigt und von deren leiblicher Tochter wie eine Dienstmagd behandelt wird – zumal der Adressat ein Thronfolger auf Brautschau ist, dem die gesamte heiratsfähige Bevölkerung des Landes zu Füßen liegt. Aber das sage ich ihr natürlich nicht mehr. Stattdessen frage ich mich, ob dem Prinzen jemals bewusst war, dass sich hinter dem Schleier des charmanten Rätsels handfeste und ziemlich moderne Forderungen verbargen wie: »Ich will, dass du mich als all das erkennst, was ich wirklich bin. Und dann will ich, dass du mich dafür liebst. Nur wenn du das schaffst, bist du es wert, dich um meine Hand bemühen zu dürfen, du eitler, selbstgerechter Schnösel.«

Ich knuffe den Prinzen in die Schulter. »Sei froh, dass es damals noch keine Vorabendserien gab«, sage ich. »Sonst hättest du dir das alles von einer miesen C-Klasse-Schauspielerin direkt ins Gesicht schreien lassen müssen.«

»Würden Sie bitte die Figuren in Ruhe lassen«, sagt jemand hinter mir, aber ich spüre, dass ich jetzt erst so richtig in Fahrt komme. »1973, junger Mann«, sage ich und hebe dazu einen Nostalgischer-alter-Sack-Zeigefinger. »1973 hat man sich noch die Mühe gemacht, wichtige Fragen so zu verpacken, dass man die Ambition dahinter nicht spürte. Fragen wie: Muss man sich Liebe verdienen? Kann man sich Glück erarbeiten? Lässt sich das Schicksal überlisten? Worauf soll ich hören, die Leute, die Gesellschaft, die Eltern oder mein Herz? Was kann Glaube? Wie mächtig ist Sehnsucht, wie lebendig sind Wünsche?«

»Jaja.« Ich werde am Arm gefasst und in den Nebenraum geführt. Als litte ich unter weit Schlimmerem als unter Glühwein mit Schuss.

Leserkommentare
    • JimNetz
    • 24. Dezember 2012 13:26 Uhr

    ...komme gerade vom letzten Einkaufen, es darf endlich Weihnacht werden... und lese dies. - Es scheinen alte Träumeleien auf. Danke dafür!

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  1. Wie schön!

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    • krister
    • 25. Dezember 2012 10:49 Uhr

    "Eine abenteuerliche Mischung aus Rotzgöre und Prinzessin, die es damals so nicht gab."

    ich behaupte,das "Modell" Rotzgöre und Prinzessin in einer Person gab es seit Männergedenken,nur nannte man es früher "Hure und Heilige".Die Analyse dieses uralten Männertraumes erspare ich mir hier und heute;-)

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  2. Was für eine schöne Weihnachtsgeschichte.

    Auch wenn ich den Film nur noch flüchtig in Erinnerung habe.

    Was ist eigentlich aus der Hauptdarstellerin geworden?

    Aber da Prinzessinnen ja nicht altern ;-), hat der Autor wohl lieber die Wachsfigur getroffen...

    • FranL.
    • 27. Dezember 2012 22:29 Uhr

    Libuse Safrankova wird nächstes Jahr sechzig, ist seit Mitte der siebziger Jahre mit Josef Abrham (unter anderem aus "Das Krankenhaus am Rande der Stadt" bekannt), verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. In ihrer Heimat ist sie ein Superstar und wurde kürzlich zur besten tschechischen Schauspielerin aller Zeiten gewählt. Sie hat auch noch viele andere Filme gedreht (unter anderem "Kolja", der 1996 den "Oscar" für den besten Film bekam) und ist seit den siebzigern auch eine renommierte Theaterschauspielerin.

    Sie ist nicht mehr so schlank wie früher, aber sehr gut gealtert, hat immer noch ein schönes aber natürliches Gesicht, ohne Botox und aufgespritzte Lippen.

    Eigentlich ist mir unverständlich, wieso tschechische Schauspieler von deutschen Filmlexika schlicht ignoriert werden, obwohl sie vielen Deutschen, gerade durch die wunderbaren tschechoslowakischen Kinder- und Märchenfilme bekannter sein dürften, zumindest vom Sehen, sehr bekannt sein dürften

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