Ein Messingschuh steht auf der Freitreppe. © Matthias Hiekel/dpa

Um zu beweisen, dass ich geistig trotzdem voll auf der Höhe bin, doziere ich ein wenig vor mich hin. Zum Beispiel über die immense Leistung, den zutiefst spirituellen Kern des Films als herzenswarme Ausstrahlung in jedem Bild spürbar zu machen, statt ihn dem Zuschauer als missionarische Botschaft vor den Latz zu knallen. Ich murmele Sätze, in denen die Wendungen "leichtfüßige, fast kindliche Spielfreude aller Darsteller" und "poetische Interpretation eines eher metaphysischen Drehbuchs" vorkommen, als ich merke, dass ich allein in einem abgedunkelten Raum sitze. Vor mir, auf einer Leinwand, das Gesicht von Václav Vorlíček, dem Regisseur. Ein sympathischer älterer Herr, der etwas ins Stammeln gerät, als er über den schier unglaublichen weltweiten Erfolg eines Films spricht, der schon zu allem Möglichen gewählt worden ist. Unter anderem zum Märchen des Jahrhunderts. Oder zur besten Komödie. Was etwas absurd ist.

Seine unbeholfenen Erklärungsversuche deuten darauf hin, dass er selbst etwas überfordert ist von dem, was da entstanden ist. Dass im Jahr 1973 eine Handvoll ziemlich okayer Menschen mit den besten Absichten und vielleicht aus Versehen etwas geschaffen hat, was auf wundersame Weise größer geworden ist als sie selbst.

Gibt es eine schönere Weihnachtsbotschaft?, frage ich mich und will gerade schon Hach machen, als Vorlíček erklärt, dass die Röte auf Aschenbrödels Gesicht beim Ritt durch den Schnee übrigens nicht Aufregung oder Verliebtheit verrät, sondern 21 Grad minus.

So genau will ich das natürlich nicht wissen. Schnell stehe ich auf und zwänge mich aus dem Kinosaal zurück in die Ausstellung, vorbei an ausgekübelten Reisebusladungen von Schwaben, Bayern und Westfalen. Vorbei an all den Leuten, die anstehen, um ihren Kopf durch das Loch einer aufgestellten Pappwand zu stecken und ihr Gesicht auf dem Körper von Irgendwem-aus-dem-Film fotografieren zu lassen: hoch in die Dachkammer, die auch Aschenbrödel Zuflucht bot, wann immer ihr alles zu viel wurde. Und dort sehe ich sie erneut, die gefiederten Begleiter meiner Reise.

"Meine lieben Täubchen – seid ihr wieder gekommen, um mir zu helfen?", frage ich, als mein Blick auf drei goldene Wunschnüsse fällt.

Ich sehe Rosalie an, die weise Eule. Rosalie sieht mich an.

"Und du meinst wirklich, ich soll...?" Rosalie nickt.

Eisläufer nutzen den zugefrorenen Schlossteich. © Matthias Hiekel/lsn

Ich schließe die Augen, werfe eine Haselnuss über die Schulter und gehe noch einmal zu Aschenbrödel.

Als ich vor ihr stehe, nehme ich all meinen Mut und die Wirkung des Alkohols zusammen. "Wer sind Sie?", frage ich und meine damit eigentlich: "Wo warst du nur so lange?"

Im Grunde aber hoffe ich, dass sie wie im Film antwortet. Mit dieser schon fast biblischen Gegenfrage. Diesem Satz, der problemlos als T-Shirt-Spruch für Philosophie-Erstsemester taugen würde.

Ganz nah gehe ich an sie heran. Meine Wange berührt ihren Schleier. Und gerade als eine schon bekannte Hand mich grob an der Schulter fasst, höre ich ihre Stimme: "Wollen Sie tanzen oder mich ausfragen?"

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