Weiter ging es für sie als Krankheitsvertretung am Schulzentrum Dömitz. Dort gibt es zwar einen Gymnasialzweig, Bolte aber wurde an der Grundschule eingesetzt. Wieder für ein Jahr. Jetzt ist sie in Neu Kaliß, diesmal befristet auf ein halbes Jahr. Bald wird sie zurückwechseln nach Dömitz, wieder an die Grundschule. Aber dort, hofft sie, kann sie irgendwann den Sprung schaffen ans Gymnasium.

Wie ihr geht es vielen jungen Lehrern in Mecklenburg-Vorpommern. Sie werden hin- und hergeschoben von einer befristeten Stelle zur nächsten. Über die Ferien müssen sie sich arbeitslos melden, weil die Schulen kein Geld haben, sie weiterzubezahlen. Verbeamtungen gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nicht. Berufliche Unsicherheit und schlechte Bezahlung machen das Bundesland für Lehrer unattraktiv.

»Ich habe mich förmlich zerrissen, und das macht einen auf Dauer kaputt«

Das Bildungsministerium sagt, man habe das Problem erkannt. Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Schulen, Lehrerverbänden, Schulbehörden und den zuständigen Ministerien prüfe »Maßnahmenvorschläge zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs«. Teil der Überlegungen sei eine mögliche Verbeamtung und bessere Bezahlung.

In Susan Boltes Klasse sitzen 19 Schüler. Ganz hinten sitzt eine Schülerin mit nur 30-prozentiger Sehkraft. Auf ihrem Tisch steht ein Lesegerät. Sie benutzt es kaum, sondern steht lieber auf, geht nach vorne und beugt sich ganz nah an die Tafel. Rechts am Fenster zwei Jungen mit »sonderpädagogischem Förderbedarf«. Vor ihnen ein Schüler mit reduziertem räumlichem Vorstellungsvermögen. Er kann nicht richtig in Kästchen schreiben. Dazwischen einige leistungsstarke Schüler, die sich langweilen.

Inklusion heißt das. Alle lernen zusammen. Die Starken ziehen die Schwachen mit. Theoretisch. In der Praxis bleiben die Schwachen meistens auf der Strecke, zumindest in der 3. Klasse in Neu Kaliß. Susan Bolte sagt: »Einige sollen später aufs Gymnasium gehen. Ich kann nicht immer Rücksicht auf die Schwachen nehmen.« Eine Zeit lang hat sie es probiert, hat Aufgaben mit vier Schwierigkeitsgraden gestellt, je nach Leistungsstand der Schüler. Sie hat sie Gruppen- und Partnerarbeit machen lassen und sich intensiv um die Schwachen gekümmert. »Ich habe mich förmlich zerrissen, und das macht einen auf Dauer kaputt. Daraufhin haben auch meine Kollegen gesagt: Orientiere dich an der Masse.« Vielleicht kann Inklusion funktionieren, wenn sich genug Lehrer um die Klasse kümmern. Ein Lehrer allein jedoch kann wenig ausrichten, schon gar nicht, wenn er dafür nicht ausgebildet ist.

Noch hat Susan Bolte nicht aufgegeben. Sie ist eine gute Lehrerin, wer sie im Unterricht beobachtet, sieht das sofort. Sie ist kreativ, aufmerksam, engagiert. In Dömitz hofft sie auf einen Wechsel zum Gymnasium. Wenn das nicht klappt, wird sie wohl den Hof und die Pferde verkaufen und wegziehen aus Mecklenburg-Vorpommern.