Lehrermangel Eine Nummer kleiner, bitte

In Mecklenburg-Vorpommern unterrichten Gymnasiallehrer an Grundschulen – und müssen noch viel lernen. von Bastian Berbner

Susan Bolte stößt an diesem Morgen zwei Mal an ihre Grenzen. Das ist gar nicht so schlecht für drei Stunden Unterricht in ihrer dritten Klasse. Sie ist 33 Jahre alt, hat ein ansteckendes Lächeln und einen aufrechten Gang. Bolte tut etwas, wofür sie nicht ausgebildet ist: Grundschüler unterrichten. In Fächern, die sie nicht studiert hat: Mathematik und Sachkunde. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es zu wenig Grundschullehrer. Deswegen gehen die Schulen dazu über, ehemalige Lehrer aus dem Ruhestand zurückzuholen oder Lehrer anzustellen, die keine grundschulpädagogische Ausbildung haben. Wie Susan Bolte.

Dritte Stunde, Bolte steht in Zimmer 4 der Viktor-Bausch-Grundschule in Neu Kaliß, einem Nest an der Unterelbe. Die Kinder schreiben einen Test. Es geht um Blätter und Bäume. In der ersten Reihe fängt ein Mädchen an zu schluchzen, erst kaum vernehmbar, dann lauter. Die Schülerin ist eine der Besten in der Klasse, setzt sich bei dem Test aber so unter Druck, dass sie nicht weiterweiß. Bolte sagt: »Du kannst das.« Zwei Minuten später weint das Mädchen immer noch, und Bolte sagt mit sanfter Stimme: »Denk einfach an das, was du gelernt hast.« Die Drittklässlerin hört nicht auf. Dann platzt es aus Bolte heraus: »Mensch, jetzt reiß dich doch mal zusammen!« Das Mädchen heult weiter. Bolte wird später sagen: »Ich weiß einfach nicht, wie ich in so einem Moment an sie rankomme.«

Anzeige

Fünfte Stunde. Ein Schüler soll einen kurzen Text lesen, der zusammengefasst drei Informationen enthält: Der Marder ist ein Feind des Eichhörnchens. Er kann schnell klettern. Das Eichhörnchen kann aus 25 Meter Höhe springen. Die Frage der Lehrerin nach dem Feind des Eichhörnchens kann der Schüler nicht beantworten. Bolte wird später sagen: »Manchmal würde ich gerne rausrennen und schreien. Aber dann reiße ich mich zusammen und mache einfach weiter.«

Sie hat Sport studiert und Wirtschaftswissenschaften. Sie würde gern Oberstufenschülern erklären, warum Inflation gefährlich ist und Deflation noch gefährlicher, warum eine gemeinsame Währung eine gemeinsame Finanzpolitik braucht und was Keynes mit Schulden zu tun hat. Dafür ist sie ausgebildet. Stattdessen stellt sie Additionsaufgaben bis tausend und zeigt Kindern, wie man rote und weiße Farbe zu Rosa mischt. Dazwischen bindet sie Schnürsenkel und putzt Nasen.

An Grundschulen in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten mittlerweile mehr als hundert Lehrer ohne entsprechende Ausbildung, teilt das Bildungsministerium in Schwerin mit. Viele dieser Lehrer stoßen pädagogisch schnell an ihre Grenzen. Das Bildungsniveau in Mecklenburg-Vorpommern wird dadurch vermutlich noch weiter sinken.

Die jungen Lehrer wechseln von einer befristeten Stelle zur nächsten

Grundschullehrer sind Experten des »Wie« und nicht des »Was«. Sie wissen, wie man Fragen so formuliert, dass Kinder sie verstehen. Sie wissen, dass es nichts bringt, zu sagen: »Wir machen jetzt Aufgabe 23.« Sie sagen: »Jetzt holt bitte euer rotes Buch raus, schlagt es auf Seite acht auf und schaut euch die Aufgabe rechts oben an.« Sie wissen, wie man weinende Mädchen tröstet, die eigentlich alles können, das aber nicht wissen. Einiges davon hat Susan Bolte gelernt. Anderes nicht.

Nach ihrem Referendariat wollte sie eine Stelle an einem Gymnasium. Keine Chance. Vielen Kommilitonen ging es genauso. Die meisten zogen weg. Bolte wollte bleiben. Sie hat einen Hof in Deibow, ein paar Kilometer westlich von Neu Kaliß. Dort züchtet sie Pferde, mit denen sie sich einen Namen gemacht hat in der Region. Also nahm sie den einzigen Lehrerjob an, den sie finden konnte. An einer Grundschule in Neustrelitz, befristet auf ein Jahr. Ist ja nur der erste Job, dachte sie, wer weiß, wie es weitergeht.

Leserkommentare
  1. " und es ist ein Skandal, dass die Bezahlung zwischen GS- und anderen Lehrern so unterschiedlich ist - Korrekturaufwand und Studiendauer hin oder her!"

    Man sollte nicht das Monatsgehalt vergleichen. Wegen der längeren Studiendauer hat ein Gymnasiallehrer nicht nur keinen Verdienst in dieser Zeit, er muss auch noch sein Studium finanzieren.
    Unter Umständen hat er sogar im Beruf weitere Kosten, die ein Grundschullehrer nicht hat. (Gymnasien befinden sich i.allg. in Städten, dies bedingt höhere Mietkosten bzw. Grundstückskosten. Er unterrichtet mehr Klassen und Bücher für die Oberstufe sind teurer.)
    Außerdem kann er bei gleicher Studiendauer in anderen Bereichen, selbst im öffentlichen Dienst, mehr verdienen, denn gleicher Monatslohn wird zur Zeit nur über eine Angleichung nach unten möglich sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nein danke! :)"
  2. so nehmen man doch youtube:

    http://www.youtube.com/wa...

    danke für den Hinweis, werde ich mir mal zu Gemüte führen

    • Felix4u
    • 05. Januar 2013 19:20 Uhr

    Juchhuu, früher war alles viel besser!

    Es ist doch wohl kein Wunder, dass Lehrer/-innen in der TäTäRä als nützliche Idioten des Systems nur das "Wie" lernen sollten - statt die "Didaktik = die Inhalte der Lehre (Was?)". Ich finde es jedenfalls gut, wenn Fachkonferenzen an den Schulen fachlich mitentscheiden und die Lehrkräfte Verantwortung für die Inhalte ihres Unterrichts übernehmen müssen UND können. Das Zentralabitur hat zwar eine zentrale Steuerungsfunktion, aber es gibt in Deutschland - eben nicht wie in Frankreich oder der DDR zentrale Vorgaben, welche Inhalte in dieser oder jener Stunde zu unterrichten seien. Gut so! Ich bin gegen die Diktatur der Bildung durch eine Margot Honnecker & Co.! Ihre DDR-Beispiele (mit einem mir zu bestimmenden "Ende") verlangen eine Einordnung ins Gesellschaftssystem.

    By the way: Viele Schwierigkeiten, die heute Lehrkörper - ob Ost- oder Westdeutschland - haben, liegen im freien Leben von Kindern und Jugendlichen in einer offenen Gesellschaft. Dass der Job der Lehrkräfte da anspruchsvoller ist, ist klar. Auch das ist gut so und sollte nicht rückwärtsgewand abgewickelt werden - weder durch Neokonservative noch durch DDR-Nostalgiker.

    Eine Leserempfehlung
    • SB_33
    • 05. Januar 2013 22:40 Uhr

    Es war nicht meine Absicht "zu jammern", sondern Missstände aufzuzeigen. Es gibt viele ehemalige Kommilitonen, die bereits im ersten Jahr nach ihrem Referendariat in die umliegenden Bundesländer wie SH, HH, Niedersachsen oder Bremen abgewandert sind. Ich selbst habe im ersten Jahr nach meinem zweiten Staatsexamen an einer Grundschule im Schulamtsbezirk Neubrandenburg befristet als Krankenvertretung gearbeitet. Bezahlt werde ich nach Angestelltentarif für Grundschullehrer A11 (niedrigste Vergütung).
    Die Pferdezucht betreibe ich als Hobbyzucht. Ich züchte eine Ponyrasse namens Lewitzer und besitze vier Zuchtstuten, die ich ab und zu reite bzw. fahre. Ich betreibe keinen Reiterhof oder ähnliches.
    Wie am Ende des Artikels bereits beschrieben, erwäge ich meine Heimat aufzugeben und in ein anderes Bundesland mit mehr Perspektive zu gehen.

    Antwort auf "Genau lesen!"
  3. schicken wir doch einmal 1-2 grundschullehrer/-innen in eine 11. gymnasialklasse zwecks geschichts- oder deutschunterricht. und dann schaune wir mal, was so passiert. es bliebt die frage: wenn man einen ausgebildeten schweißer mit der aufgabe betraut, bäckerei-azubis zu unterrichten, was kommt dabei heraus?
    Zitat: "Lehrermangel Eine Nummer kleiner, bitte
    In Mecklenburg-Vorpommern unterrichten Gymnasiallehrer an Grundschulen – und müssen noch viel lernen." Der zusatz ".. und müssen noch viel lernen" entspricht exakt dem auch in der ZOL immer wieder gern und unterschwellig vermittelten lehrerbashing à la: "Die können's nicht!" nun müssten wir besprechen, was vorgeblich seriöse journalistInnen nicht können, wieviel sie noch lernen müssen [z.b. wenn es um fälle wie die odenwald schule geht] - und was sie vermutlich nie mehr lernen. dem autor kommt es doch offensichtlich sehr darauf an, die kollegin als hilflos, unwissend und überfordert hinzustellen, zwecks beweis des "... und müssen noch viel lernen".

  4. Lieber Tardisi_HQ - Sie mögen in vielen anderen punkten recht haben, aber wir SIND sklaven der finanzministerien - z.b.: 1. kein weihnachtsgeld mehr; wenn man kundigen glauben will, werden die entsprechenden klagen dagegen systematisch in die länge gezogen; 2. 250 selbstbehalt bei der beihilfe - das entsprechende "pro-domo"-urteil wurde von verschiedenen berufsrichtern zerpflückt, nutzt nix; 3. steigende klassenfrequenzen, also schleichende arbeitsintensivierung. wenn eine GS-kollegin 30 kinder hat, soll ich lachen? ich habe täglich bis zu 150 GYMschüler/-Innen; und die wollen, dass es "klappt": didaktisch, stofflich, methodisch - lachen wollen sie auch. dahinter mindestens 300 eltern (patchwork-families nicht eingerechnet); korrekturen um die 28, schon die rechtschreib- u. sprachkorrektur verschlingt bis zu einer stunde pro heft - und da schreibt eine GYM-kollegin, es sei ein "skandal", dass GS- und GYM-lehrerInnen unterschiedlich bezahlt würden... ICH bin schon lange dafür, dass ALLE Lehrerinnen auf GYM-niveau bezahlt werden. nebenbei: Bei GS muss dann auch noch geguckt werden a) was haben die zu korrigieren, nehmen sie abitur ab?, b) wieviele der meist weiblichen Lehrkräfte tatsächlich "volle stelle" arbeiten - am GYM jedenfalls füllen sich lehrerzimmer immer mehr mit "lehrkräften/weiblich", die zwischen 10 und 18 wochenstunden arbeiten - und sich gerne bei "unteilbaren aufgaben" von vollstelleninhaberInnen (soviel zur weiblichn solidarität) vertreten lassen. gruß!

    Antwort auf "Zeit - offline"
  5. ... heisst es bezüglich der neuesten Gräuel-Nachrichten von den Schullandschaften immer wieder:

    "Nachrichten aus Absurdistan"

    Und dabei sind wir in Bayern. Berlin, Bremen et al. kommen bei uns nur in Albträumen vor.

    Die Lehrer-"Karriere" sollte öffentlich bis zur Kenntlichkeit abgebildet werden. Bis keine Sau mehr sich dafür ( notabene: "die Karriere") interessiert.

    Dann kommt vielleicht etwas an Marktwirtschaftlichkeit in die Debattenarena und löst die alten Schützengräben auf, die in den letzten Jahrzehnten zu Gunsten unfähiger und / oder militanter, narzisstisch geschädigter Eltern verbunkert wurden.

  6. oder spiegelt sich hier nicht die gleiche Fehlleistung von Politik und Ministerialbürokratie wieder, wie auf vielen Großbaustellen in unserem Land (Flughafen Berlin, Bahnhof Stuttgart ... usw.. Ein erfolgreicher Industriestaat ist nicht in der Lage ein Bildungssystem "lebenslanges Lernen" zu organisieren. Wer Bildung als Aufgabe versteht hat schon verloren. "Lebenslanges Lernen" ist ein Ziel und keine Aufgabe. Der Unterschied zwischen Organisation und Verwaltung. Viele Fachleute haben wissenschaftlich erforscht, wie Gehirnbildung funktioniert. "Entscheidend ist die Lehrperson." Wird John Hattie es richten? Der Prophet im eigenem Land gilt bekanntlich nichts. Ein Ministerium ohne Führung und Teamgeist, wie in M-V, wird es nicht richten. Nicht nur hier sind Flickschuster am Werk (siehe oben).

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Grundschule | Lehrer | Pädagogik
Service