Gefeiert wird am 12. Dezember in der Sporthalle der Justizvollzugsanstalt Detmold. Die Tische unter dem Basketballkorb sind festlich dekoriert. In der Ecke steht ein Tannenbaum mit Lametta und Kugeln. Zwei Gitarristen von draußen spielen Go, Johnny, Go und Hotel California, und die Gefangenen gehen mit. Nach jedem Lied applaudieren die Mörder, Totschläger, Räuber, Betrüger und Vergewaltiger, die hier ihre Strafe absitzen.

Etliche von ihnen sind grauhaarig. Deutschland altert, die Straftäter werden älter und auch die Gefängnisinsassen. 1994 waren in Deutschland 588 Häftlinge älter als 55. Heute sind es 4.016. Und für sie probiert man in Detmold etwas Neues aus: die »Lebensälterenabteilung«, 22 Plätze für Häftlinge über 62 Jahren. Das Spottwort vom »Seniorenknast« liegt nahe; »Röchelabteilung« sagen sie hier.

Bei der Weihnachtsfeier sitzen die Alten in der ersten Reihe vor den Gefangenen aus dem normalen Vollzug; einige könnten ihre Enkel sein.

Jeder bekommt einen Pappteller mit Mandarinen, Schokolade und Keksen. Die Kekse, 5.000 Stück, hat ein Beamter mit einem Gefangenen gebacken, der in diesem Text Gerhard Schneider heißen soll, da er seinen wahren Namen nicht in der Zeitung stehen haben möchte.

Schneider, 65, graues, schütteres Haar, runder Bauch, freut sich über die Musik. Die Lieder erinnern ihn an Partys im Star Club auf der Großen Freiheit in Hamburg. Das war in seiner Jugend, als er noch selbst über sein Leben entscheiden konnte. Seit mehr als 30 Jahren gibt ihm das Gefängnis den Takt vor. Er ist alt geworden hinter Gittern. Seine Entlassung sei noch nicht in Sicht, sagt er, aber: »Ich will nicht im Knast sterben.«

Diesen Satz hat Lothar Dzialdowski oft gehört. Der Diakon arbeitet als katholischer Seelsorger in der JVA Detmold. Um im Gefängnis zu überleben, müsse man viel Energie aufbringen, sagt er. Das falle besonders den Alten schwer. Gerade im Alter, wenn der eigene Tod näher rücke, beschäftigten sich viele Gefangene mit ihren Taten. Allerdings schaue mancher auch altersmilde auf das eigene Leben zurück – die Taten eingeschlossen.

Der älteste Gefangene der neuen Abteilung ist 75, einer sitzt mit kleinen Unterbrechungen seit 42 Jahren. Von mittags bis abends sind ihre Zellen offen, am Sonntag auch vormittags. Die Gefangenen können sich dann frei bewegen; nur die Außentüren bleiben verschlossen. Den Schlüssel zum Weg nach draußen trägt Karin Ludewig am Gürtel. Die Justizvollzugsbeamtin dreht am Nachmittag vor der Weihnachtsfeier ihre Runde durch die Abteilung. Im Erdgeschoss liegen die Zellen. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, Toilette und Waschbecken passen gerade so hinein. Im Keller liegt der Freizeitbereich. Über einer der Treppen hängt ein Adventskranz aus Tannenzweigen. Statt Kerzen gibt es Glühbirnen, zwei brennen.

Alte Männer seien nicht immer einfach, sagt Karin Ludewig, eine Frau von 45 Jahren mit wilden blonden Locken. »Wohngruppenähnlich« sei das Konzept in Detmold, WG-typisch seien die Konflikte. Dass jemand die Küche nicht aufgeräumt habe, zum Beispiel. Ludewig und ihre drei Kollegen widmen sich den Gefangenen mehr als sonst im Strafvollzug üblich, das beginne schon bei der Medikamentenausgabe.

Ärger mit diesen Häftlingen gebe es aber kaum, sagt Frau Ludewig. Noch nie sei hier ein Beamter attackiert worden. Jeder hier habe viel zu verlieren. Das Leben sei angenehmer als anderswo im Gefängnis: die Betten auf Sitzhöhe, die Matratzen rückenfreundlich, die Toiletten höher, das Bad behindertengerecht und das Freizeitprogramm üppig: Montagabend Skat, Dienstagvormittag Büchertausch, Mittwochabend Hallensport, Samstagmittag Alt-Herren-Fitnessrunde. Es gibt einen Kicker- und einen Billardtisch, eine große Küche, in der Gefangene sich Essen machen können, eine Werkstatt, eine Waschmaschine, einen Computerraum und einen Gemeinschaftsraum. Auf dem Flur stehen Sportgeräte. Das Tragen ziviler Kleidung ist erlaubt, auch das ein Privileg.

Barrierefrei sei die Abteilung leider immer noch nicht, sagt Kerstin Höltkemeyer-Schwick, 50, die Anstaltsleiterin. Vor fünf Jahren hatte sie die Idee zur Seniorenabteilung. Die 22 Plätze seien längst zu wenig. »Wir haben eine lange Warteliste«, sagt sie. Gerade habe sie wieder Anfragen aus Köln bekommen, aus Aachen, aus Kleve. Leiter anderer Gefängnisse suchten Plätze für alte Häftlinge. Noch fehlt es in Deutschland an solchen Einrichtungen. Eine Seniorenhaftanstalt gibt es in Singen in Baden-Württemberg. Im westfälischen Bielefeld entsteht eine Altenabteilung im offenen Vollzug.

 Auf schwere Pflegefälle ist Detmold nicht eingestellt.

Alte könnten sich gegen jüngere Gefangene kaum behaupten, sagt die Detmolder Anstaltsleiterin. »Sie benötigen einen geschützten Raum.« Der Krankenpflegedienst halte einmal pro Woche eine Sprechstunde in der Altenabteilung ab, damit die Gefangenen nicht zu den Pflegern in die dritte Etage hinauflaufen müssen. Treppensteigen falle einigen schwer. Sie litten an Gicht, Diabetes, Herz- oder Lungenkrankheiten. Es gebe auch Gefangene auf der Station mit einer beginnenden Demenz. Auf schwere Pflegefälle sei Detmold aber nicht eingestellt.

Neulich, sagt Höltkemeyer-Schwick, sei ein 82-Jähriger gekommen, zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er sei nach kurzem Aufenthalt auf die Pflegestation in der JVA Hövelhof verlegt worden. Die sei allerdings nicht auf Alte spezialisiert, sondern auf Schwerkranke.

Ein Grauhaariger schlurft vorbei, nuschelt einen Gruß. Die Chefin nickt ihm zu. Mancher ihrer Alten ist erst Mitte 50, sieht aber aus wie 70. In besonderen Fällen macht Detmold beim Aufnahmealter eine Ausnahme.

Die Anstaltsleiterin träumt vom Ausbau der Altenabteilung. Dann könnte die Abteilung endlich rollstuhl- und rollatorgerecht werden. Und eine Pflegestation wäre gut. Höltkemeyer-Schwick hat ein Konzept beim nordrhein-westfälischen Justizministerium eingereicht. Doch für den Ausbau fehle zurzeit das Geld. Dabei werden nicht nur für Gefangene, die im Gefängnis alt werden, mehr Plätze gebraucht, sondern auch für die wachsende Zahl der Ersttäter über 60.

Der Mann, den wir hier Bernd Wolter nennen, ist zum ersten Mal im Gefängnis. Im zu großen abgewetzten grauen Pullover steht er in seiner Zelle und schaut am frühen Abend durch die Betongitter hinaus auf den Hof. Schnee fällt, Flocken treiben vorbei. Die Weihnachtszeit sei schlimm im Knast, sagt er. Kerzen seien verboten, alles sei so trist. Ein Adventskalender hängt an seiner Zellenwand.

Wolter sagt, er sei mit 57 Jahren erstmals straffällig geworden. Er habe seine Schwester umgebracht. Sie hätten sich um das Haus der Eltern gestritten. Er habe sein Kinderzimmer räumen sollen, dann sei der Streit eskaliert. Heute sei er 61, vier Jahre seiner elf Jahre habe er hinter sich. Mit ein wenig Glück komme er am 2. Juni 2016 raus. Draußen sei er Langzeitstudent gewesen. Sein Studium der Zahnmedizin habe er nun aufgeben müssen. Im Gefängnis arbeite er als Verpacker.

Wolter ist froh, in Detmold gelandet zu sein. Unter den Gefangenen hier werde Streit nicht mit Fäusten geregelt. Die Weihnachtsfeier sei ein Höhepunkt, sagt er, und jeder Besuch seiner Lebensgefährtin, die er seit 30 Jahren kenne.

Auf der Weihnachtsfeier liest ein junger Gefangener nun Selbstgeschriebenes vor: Der kleine Mika sucht seine Familie. Dann singt ein Türke zwei Lieder aus seiner Heimat zur Karaokemaschine. Und Gerhard Schneider, der Keksbäcker, unterhält sich mit der 21-jährigen Nora Hillemeyer, einer Studentin des Bauingenieurwesens. Die beiden kennen sich vom Kochen.

Ehrenamtliche von draußen kommen in die JVA, um alle zwei Wochen mit Häftlingen drei Stunden lang zu kochen und zu essen. Die junge Frau weiß nicht, warum der alte Mann im Gefängnis sitzt, will es auch gar nicht wissen. »Ich möchte dem Menschen begegnen, nicht dem Täter«, sagt sie. Zuletzt gab es Rindergeschnetzeltes. Schneider steht gern am Herd. Er hat als Koch und als Kellner gearbeitet. Seine Braten und seine Kekse sind begehrt. Er wirkt sympathisch und hilfsbereit.

Schneider hat 1978 eine Frau getötet, eine »bestialische Tat«, sagt er. Er sei völlig ausgerastet, einfach fürchterlich. »Da gibt es nichts zu beschönigen.« Sein Opfer, eine »flüchtige Bekannte«, sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Das Urteil lautete auf Mord, lebenslange Freiheitsstrafe.

Zwanzig Jahre nach der Tat, 1998, sei er in den offenen Vollzug gekommen. Er habe dort alles anders machen wollen, sei dann allerdings in eine Schlägerei geraten. Körperverletzung in der Bewährungszeit. Wieder habe er eine Haftstrafe bekommen, dieses Mal sechs Jahre plus weitere Jahre, die ihm von der ersten Strafe erlassen worden seien und die er nun doch absitzen müsse.

Sein nächster Haftprüfungstermin sei zum Ende 2013 angesetzt. Gerhard Schneider hofft, dann noch ein paar Jahre in Freiheit verbringen zu können, als Rentner.