Justizvollzug : Sie nennen es "Röchelabteilung"
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 Auf schwere Pflegefälle ist Detmold nicht eingestellt.

Alte könnten sich gegen jüngere Gefangene kaum behaupten, sagt die Detmolder Anstaltsleiterin. »Sie benötigen einen geschützten Raum.« Der Krankenpflegedienst halte einmal pro Woche eine Sprechstunde in der Altenabteilung ab, damit die Gefangenen nicht zu den Pflegern in die dritte Etage hinauflaufen müssen. Treppensteigen falle einigen schwer. Sie litten an Gicht, Diabetes, Herz- oder Lungenkrankheiten. Es gebe auch Gefangene auf der Station mit einer beginnenden Demenz. Auf schwere Pflegefälle sei Detmold aber nicht eingestellt.

Neulich, sagt Höltkemeyer-Schwick, sei ein 82-Jähriger gekommen, zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er sei nach kurzem Aufenthalt auf die Pflegestation in der JVA Hövelhof verlegt worden. Die sei allerdings nicht auf Alte spezialisiert, sondern auf Schwerkranke.

Ein Grauhaariger schlurft vorbei, nuschelt einen Gruß. Die Chefin nickt ihm zu. Mancher ihrer Alten ist erst Mitte 50, sieht aber aus wie 70. In besonderen Fällen macht Detmold beim Aufnahmealter eine Ausnahme.

Die Anstaltsleiterin träumt vom Ausbau der Altenabteilung. Dann könnte die Abteilung endlich rollstuhl- und rollatorgerecht werden. Und eine Pflegestation wäre gut. Höltkemeyer-Schwick hat ein Konzept beim nordrhein-westfälischen Justizministerium eingereicht. Doch für den Ausbau fehle zurzeit das Geld. Dabei werden nicht nur für Gefangene, die im Gefängnis alt werden, mehr Plätze gebraucht, sondern auch für die wachsende Zahl der Ersttäter über 60.

Der Mann, den wir hier Bernd Wolter nennen, ist zum ersten Mal im Gefängnis. Im zu großen abgewetzten grauen Pullover steht er in seiner Zelle und schaut am frühen Abend durch die Betongitter hinaus auf den Hof. Schnee fällt, Flocken treiben vorbei. Die Weihnachtszeit sei schlimm im Knast, sagt er. Kerzen seien verboten, alles sei so trist. Ein Adventskalender hängt an seiner Zellenwand.

Wolter sagt, er sei mit 57 Jahren erstmals straffällig geworden. Er habe seine Schwester umgebracht. Sie hätten sich um das Haus der Eltern gestritten. Er habe sein Kinderzimmer räumen sollen, dann sei der Streit eskaliert. Heute sei er 61, vier Jahre seiner elf Jahre habe er hinter sich. Mit ein wenig Glück komme er am 2. Juni 2016 raus. Draußen sei er Langzeitstudent gewesen. Sein Studium der Zahnmedizin habe er nun aufgeben müssen. Im Gefängnis arbeite er als Verpacker.

Wolter ist froh, in Detmold gelandet zu sein. Unter den Gefangenen hier werde Streit nicht mit Fäusten geregelt. Die Weihnachtsfeier sei ein Höhepunkt, sagt er, und jeder Besuch seiner Lebensgefährtin, die er seit 30 Jahren kenne.

Auf der Weihnachtsfeier liest ein junger Gefangener nun Selbstgeschriebenes vor: Der kleine Mika sucht seine Familie. Dann singt ein Türke zwei Lieder aus seiner Heimat zur Karaokemaschine. Und Gerhard Schneider, der Keksbäcker, unterhält sich mit der 21-jährigen Nora Hillemeyer, einer Studentin des Bauingenieurwesens. Die beiden kennen sich vom Kochen.

Ehrenamtliche von draußen kommen in die JVA, um alle zwei Wochen mit Häftlingen drei Stunden lang zu kochen und zu essen. Die junge Frau weiß nicht, warum der alte Mann im Gefängnis sitzt, will es auch gar nicht wissen. »Ich möchte dem Menschen begegnen, nicht dem Täter«, sagt sie. Zuletzt gab es Rindergeschnetzeltes. Schneider steht gern am Herd. Er hat als Koch und als Kellner gearbeitet. Seine Braten und seine Kekse sind begehrt. Er wirkt sympathisch und hilfsbereit.

Schneider hat 1978 eine Frau getötet, eine »bestialische Tat«, sagt er. Er sei völlig ausgerastet, einfach fürchterlich. »Da gibt es nichts zu beschönigen.« Sein Opfer, eine »flüchtige Bekannte«, sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Das Urteil lautete auf Mord, lebenslange Freiheitsstrafe.

Zwanzig Jahre nach der Tat, 1998, sei er in den offenen Vollzug gekommen. Er habe dort alles anders machen wollen, sei dann allerdings in eine Schlägerei geraten. Körperverletzung in der Bewährungszeit. Wieder habe er eine Haftstrafe bekommen, dieses Mal sechs Jahre plus weitere Jahre, die ihm von der ersten Strafe erlassen worden seien und die er nun doch absitzen müsse.

Sein nächster Haftprüfungstermin sei zum Ende 2013 angesetzt. Gerhard Schneider hofft, dann noch ein paar Jahre in Freiheit verbringen zu können, als Rentner.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Was Hänschen nicht lernt...

Vor drei Monaten wurde meine Hausbank überfallen.

Der Täter war zu diesem Zeitpunkt bereits 66. Er war 6 Monate zuvor aus der Haft entlassen worden. Ein Zeuge berichtet, das Urteil - 9 Jahre erneuter Freiheitsentzug - war ihm ziemlich gleichgültig.

Was sollte einen Menschen im Rentenalter noch zu einem Leben innerhalb der Gesetze und innerhalb der Gesellschaft motivieren? Er ist in aller Regel arm, hat kaum Rentenansprüche, kein soziales Umfeld und jede Menge Zeit, über sein/ihr verpfuschtes Leben nachzudenken. Eins jedenfalls nicht mehr: irgendeine Perspektive.

Die Weichen für derart vergeudete Existenz werden meines Erachtens nicht von der Justiz, sondern schon viel früher, in der Kindheit gestellt. Dies macht die enorme Wichtigkeit sozialer und psychologischer Betreuung jugendlicher Straftäter mehr als deutlich.

@peterra - Die Freiheit

"Was sollte einen Menschen im Rentenalter noch zu einem Leben innerhalb der Gesetze und innerhalb der Gesellschaft motivieren?"

Auch wenn ich arm bin, also von H4 leben müsste, würde ich schon einen Riesenunterschied zwischen einem Leben in Freiheit und einem hinter Gittern machen.
Allein der blaue Himmel, spazieren gehen wohin man will, Landschaft, Sonnenauf und -untergänge, sich sein Essen nach eigenem Gusto zubereiten. Tun, was man will und wenn man es will. Vielleicht sogar ein Hund.
Die bloße Vorstellung, eingeschlossen zu sein, macht mich klaustrophobisch.

@alraschid

Ja! Volle Zustimmung! Mir erginge es genauso.

Dennoch müssen wir uns eingestehen, dass es Menschen gibt, die anders ticken. Vielleicht haben sie nie gelernt, das Blau des Himmels zu genießen, vielleicht durften sie nie frei sein, wurden schon als Kind von den Eltern fremd bestimmt?

Wer Freiheit, Liebe und Respekt selber nicht erfahren hat, kann diese Werte kaum leben. Die Psychologin Alice Miller hat interessante Persönlichkeiten auf ihre Kindheitserfahrungen untersucht. Sehr empfehlenswert!

Mitleid ja , aber wo ist die Lösung ?

Sicher , viele haben ihren Charakter vielleict geändert - aber was mit diesen Leuten anfangen ?
Freilassen , in die Sozialhilfe und mit 3 Bewachern ?
Oder als Untermieter - Gutmenschen bitte melden !
Solange die Hirnforschung noch nicht weiter ist - gibt es für bestimmte Täter leider nur eine ehrliche Lösung:
Die echte lebenslange Strafe !