Stilkolumne : Kleiner Ausschnitt eines großen Themas

Tillmann Prüfer über das Dekolleté
Kleid von Saint Laurent Paris © Peter Langer

Die Zeitschrift Emma hatte letztens eine barbusige Frau auf dem Cover : eine Aktivistin der feministischen Protestgruppe Femen . In den Medien sind Brüste allgegenwärtig – in der Mode hingegen sind sie am Verschwinden.

Es ist immer weniger Dekolleté zu sehen. Schon der vergangene Sommer war vom Blusenkragen geprägt, und im nächsten Jahr geht es nicht unbedingt viel offenherziger zu. Der Ausschnitt ist nicht mehr rund, sondern V-förmig wie etwa in der Kollektion von Viktoria Beckham. Oder ein Schlitz, wie bei Saint Laurent Paris. Ansonsten sehen wir Kleider, die hochgeschlossen sind wie bei Vera Wang, oder enge Ausschnitte, zum Beispiel bei Carven oder Jil Sander .

Sogar Donatella Versace hat sich von der entblößten weiblichen Brust verabschiedet. Die bei den Herbstschauen vorgeführten Kleider waren zwar schulterfrei, aber gleichzeitig busenbedeckend. Und das bei einer Marke, die in der Vergangenheit einmal für großes Oho sorgte, als Jennifer Lopez in einem Versace-Kleid auftrat, dessen Ausschnitt bis zum Bauchnabel reichte.

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Es ist eine Abkehr von der Brust in der Mode zu beobachten, und sie wird kaum thematisiert. Ist das gut oder schlecht? Einerseits befreit es uns von voyeuristischen Blicken ins Dekolleté und sexistischen Darstellungen. Andererseits hat der weibliche Körper nun mal eine Brust wie der männliche einen Penis. Der Penis ist aus der Mode schon vor Hunderten Jahren verschwunden, er ist einfach nicht mehr da. Unsichtbar geworden in der Hose. Die Brust ist auf einem ähnlichen Weg. Mittlerweile gibt es in der Mode nur noch eine akzeptierte Form, nämlich die Apfelgröße, die mit Schalen-BHs in Form gepresst wird. Wer einen großen Busen hat, taucht modisch nicht mehr auf, genau wie die kleinen Dekolletés.

Mode erzählt über das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper. Von Queen Mary II und Henrietta Maria, der Frau von Charles I von England , wissen wir, dass sie sich mit völlig entblößten Brüsten bei Hofe zeigten. Als Zeichen ihrer Vornehmheit und ihres Status. Heute ist unser Verhältnis zum Körper offenbar ein distanziertes. Es wird Zeit, dass wir wieder zueinanderfinden.

Kommentare

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Interessantes Thema fürs Sommerloch

oder ist der Sommer vorbei und der Autor hat es noch nicht bemerkt? Entschuldbar ist das ja, da dieses Jahr zwischen Sommer und Winter kaum ein Unterschied war. Außerdem muss ein Journalist schließlich etwas schreiben, um Geld zu verdienen.

Es ist klar, dass die Frauen bei dem Wetter die Kleidung etwas dichter halten. Wenn dann endlich die globale Erwärmung kommt, werden sie sich schon wieder entblättern.

Natürlich kommt dieser Artikel von einem Mann ...

"Von Queen Mary II und Henrietta Maria, der Frau von Charles I von England, wissen wir, dass sie sich mit völlig entblößten Brüsten bei Hofe zeigten. Als Zeichen ihrer Vornehmheit und ihres Status. Heute ist unser Verhältnis zum Körper offenbar ein distanziertes."

UNSER Verhältnis zum Körper? Meint der Autor etwa das weibliche UND männliche Verhältnis zum weiblichen Körper? Es geht hier höchstens um das Verhältnis der Frau zu ihrem Körper, welches sie durch ihre Kleidung ausdrücken KANN. Scheinbar maßt sich der Autor hier an, das Verhältnis der Frau zu ihrem Körper durch ihre Art der Kleidung beurteilen können! Weshalb sollte IHM ein solches Urteil überhaupt gestattet sein? Und wieso sollte das Verhältnis der Frau zu ihrem eigenen Körper distanziert sein, nur weil sie ihre Brüste bedeckt? Ich verstehe hier den Zusammenhang nicht ganz. Hat Ihnen denn irgendwann eine Frau ein gestörtes Verhältnis zu Ihrem Körper unterstellt, weil Sie Ihren Penis bedecken? Ich finde diese Art über Frauen zu schreiben sehr unpassend. Für mich drückt sich darin lediglich das unwürdige Bedürfnis des Autors nach realer nackter Haut auf den Straßen aus, die er sonst nur auf den Plakaten zu sehen bekommt.

Kurven

"Wer einen großen Busen hat, taucht modisch nicht mehr auf"

Wann in den letzten Jahrzehnten waren je Frauen mit üppigeren Formen auf den Laufstegen zu sehen?

Bis auf ein paar Ausnahmen, die sich "trauten" auch mal ein Model in Gr. 42 zu zeigen, was dann unendich gehypt wurde, dominiert doch schon seit Ewigkeiten die knabenhafte Figur bei Schauen, in den Magazinen, bei Anzeigen.

Ob nun (im kommenden Sommer) hochgeschlossene Modelle dominieren oder nicht, macht da doch fast keinen Unterschied.