Bologna-ReformViel zu tun, was?

Angeblich sind Bachelorstudenten enorm gestresst. Die Professoren Hans-Dieter Hippmann und Rolf Schulmeister haben untersucht, wie viel Zeit tatsächlich am Schreibtisch verbracht wird – mit überraschendem Ergebnis. Ein Streitgespräch. von Friederike Lübke

DIE ZEIT: Herr Professor Hippmann, sind Ihre Studenten faul?

Hans-Dieter Hippmann: Im Gegenteil. Bei einer Untersuchung an der Fachhochschule in Mainz haben wir herausgefunden, dass die Studenten belastet sind, und zwar ziemlich. Im Durchschnitt entfallen täglich rund sechs Stunden auf das Studium und jeweils eine Stunde auf Schulweg und Job. Das sind acht Stunden – und zwar nicht nur von Montag bis Freitag, sondern auch am Wochenende. Im Prinzip haben sie eine 40-Stunden-Woche allein durchs Studium, mit Nebenjob gar eine 50-Stunden-Woche.

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ZEIT: Sie, Herr Professor Schulmeister, kommen zu ganz anderen Ergebnissen.

Rolf Schulmeister: Die meisten Studenten investieren nicht mehr als 20 bis 27 Stunden pro Woche in ihr Studium. Das haben wir mittlerweile an 35 Studiengängen überprüft. Nur bei manchen Studiengängen, etwa Architektur oder Physik, können es auch 34 Stunden sein. Aber Studenten deshalb faul zu nennen, darum ging es mir nie. Das ist eine Zuspitzung der Presse.

ZEIT: Die Belastung im Bachelor ist aber wesentlich geringer, als angenommen wird?

Schulmeister: Ja. Das liegt unter anderem daran, dass die Studenten gar nicht alle Veranstaltungen besuchen, die sie laut Stundenplan haben. In vielen Studiengängen sind die Vorlesungen keine Pflicht, oft nicht einmal die Übungen und deshalb gehen Studenten auch nicht hin.

ZEIT: Wie sind Sie in Ihren Studien zu so unterschiedlichen Ergebnissen gekommen?

Hans-Dieter Hippmann

Hans-Dieter Hippmann ist Professor für Wirtschaft an der FH Mainz.

Hippmann: Wir haben mehr als 1000 Studenten der Fachhochschule Mainz einen Fragebogen ausfüllen lassen, in dem es darum ging, wofür sie in der Woche ihre Zeit verwenden. Als wir das abgefragt haben, liefen die Vorlesungen schon sechs Wochen und alle kannten ihren Stundenplan auswendig.

Rolf Schulmeister

Rolf Schulmeister ist Bildungsforscher an der Universität Hamburg.

Schulmeister: Man kann eine Woche aber nicht hochrechnen auf das gesamte Semester. In der einen Woche tun die Studenten dies, in der anderen das. Und vor den Prüfungen arbeiten sie mehr als im ganzen Semester. Deshalb haben wir das Verhalten täglich abgefragt und zwar fünf Monate lang. Wenn man Studenten schätzen lässt und dann hochrechnet, kommt viel mehr heraus – das haben wir auch gemerkt. Ich habe Studenten gefragt, wie viel sie schätzungsweise gearbeitet haben. Alle nahmen an, dass sie pro Woche vier bis acht Stunden mehr gearbeitet hätten, als es tatsächlich der Fall war. Da liegt der Unterschied. Man kann die Studien also nicht vergleichen.

ZEIT: Das würde bedeuten, es gibt eigentlich keinen Grund zur Klage. Aber Herr Hippmann erlebt ja, dass seine Studenten gestresst sind.

Schulmeister: Natürlich fühlen sich alle Bachelorstudenten gestresst, weil am Ende der Vorlesungszeit gleich sechs Klausuren auf sie losregnen und sie wissen, dass sie lange nichts dafür getan haben. Das ist ein riesiger Druck, der sich da aufbaut. Gleichzeitig muss man wissen: Bei unserer Studie hat die Hälfte der befragten Studierenden mehr als 35 Tage innerhalb von fünf Monaten als Urlaub bezeichnet. 35 Tage!

Hippmann: Also das ist bei uns nicht so. Unsere Untersuchung ergab, dass diejenigen gestresst waren, die zugleich angaben, dass sie ihr Studium selber finanzieren müssen. Es ist also nicht unbedingt das Studium, das stresst.

Leserkommentare
  1. 17. .....

    "Dann macht einem auch eine 80-h-Woche nichts! Das kraftverschleißende Party-Machen kann man den Dummen überlassen!"

    In meinen Augen läßt der schlau Mensch es sich gut gehen :) so unterschiedlich können Ansichten sein. Trotz evangelikaler Erziehung bin ich zu der Überzeugung gelangt, wann ausser in der Jugend haben wir Menschen den die Möglichkeit, das Leben mit all seinen Auswüchsen (bis auf das Alter halt) auszukosten?

    Ich werde bis 76 arbeiten müssen, um dann eventuell danach noch 10-20 Jahre "Rente" zu bekommen. Wenn nicht in jungen Jahren, dann die letzten 10, 20 Greisenjahre auf die "Kacke hauen"

    "Hei Matze, hast Du gestern beim Tanztee die scharfe Bufdi (Bundesfreiwilligendiens)gesehen?" "Neee , ich hatte meine Brille nicht dabei!"

    Ein 37,5h Woche ist mir vertraglich zugesichert, mit Fahrzeiten bin ich dann auch bei 60 von 168 Wochenstunden, mehr als 1/3 NUR für Arbeit. Gut Ding will Weile haben heißt es doch so schön. Sollte auch für ein Studium gelten, was jetzt aber nicht zur Trödelei oder so anspornen soll. Einfach nur ein bisschen geruhsamer, dann lebt man auch länger:)

  2. Irgendwie sollten die deutschen Studenten glücklcih sein - für eine kleine Gebür (oder gar keine) werden diese intensivst gelehrt - und wer eine höhere Ausbildung haben will soll auch bereit sein dafür arbeiten (daher lernen) zu müssen.

    Allerdings vermute ich dass irgendwann englische Verhältnisse eintreten werden...
    Ein Mathestudium mit 13-14 Stunden pro Woche... in dem 80% des Kurses diesen bestehen müssen da es sonst finanzielle Sanktionen vom Staat gibt...
    Dazu astronomische Studiengebühren (waren damals 3200 Pfund pro Jahr, nun knapp 9000 pfund pro Jahr) und die Erwartung dass Stundenten statt zu lernen mit Minijob "über Wasser" halten.
    Andererseits... mittlerweile will man ja scheinbar die Universität in England loswerden...
    http://www.guardian.co.uk...

    Andererseits waren Universitäten früher Orte an denen kritische Ansichten gedeiten welche den Regierungen durchaus kritisch gegenüberstanden. Universitäten forschten in früher Zeit für das Wohl der Forschung, nun stehen industrielle Interessen im Vordergrund...

    Na ja, was solls... ich habe ja mein BSc...

    • Zigarre
    • 29. Dezember 2012 16:02 Uhr

    "Die Bachelorstudenten" - wenn ich das schon höre! Da gibt's Unterschiede wie Tag und Nacht.

    In einigen Studiengängen kommt niemand ohne gewaltigen Lernaufwand auch nur über das erste oder zweite Semester hinaus.
    In anderen kann man sich mit einem gewissen Mindestaufwand ein ganz angenehmes Leben machen. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle das auch tun. Zusätzliche/weiterführende Literatur gibt es immer und überall, meistens schlägt sich das dann auch in den Zensuren nieder.

    Verallgemeinerungen sind der Tod dieser Diskussion.

  3. 20. Niveau

    Vielleicht peinlich (schmerzhaft) für Sie, wenn Sie dann feststellen daß auf dem internationalem Arbeitsmarkt genau die Talente gesucht werden - und nur die -, die sich nicht in Larmoyanz über eine quasi versklavte akademische Ausbildung beschweren. Ich stelle mir diese Diskussion gerade in Süd-Korea vor. Wann merkt die generation Golf++ eigentlich, daß es auch Hyundais gibt?

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    • eras
    • 30. Dezember 2012 12:52 Uhr

    "Ich stelle mir diese Diskussion gerade in Süd-Korea vor."

    In Südkorea gibt es keine Diskussionen. Dort gibt es ein Bildungssystem, in dem bis zu diesem Jahr noch die Prügelstrafe erlaubt war, das stupiden Gehorsam und stumpfes Auswendiglernen zum höchsten Gut erhebt, in dem kritisches Denken ein Selektionsnachteil bei der Auswahl des leistungsfähigsten und stromlinienförmigsten "Humankapitals" ist. In dem Schülern bis zum Haarschnitt alles vorgeschrieben ist. In dem es gefährlich ist, "anders" zu sein.

    Abiturstress heißt in Südkorea: Lernen in 16-18 Stunden-Schichten. Die koreanischen Schüler sind im internationalen Vergleich in zwei Dingen herausragend: Leistung und Unglücklichkeit. Hunderte flüchten jährlich vor dem Leistungsdruck in den Selbstmord (das Land hat die höchste Jugendselbstmordrate unter den Industriestaaten). Wenn sich ein Häufchen von vierhundert Schülern mal traut, friedlich mit einer Mahnwache gegen den absurden Druck zu protestieren, dann bietet der Staat 6000 Polizisten auf, um genau dies zu unterbinden. Und die Lehrer kommen, um festzustellen, ob einer ihrer Studenten unter den Protestlern ist. Damit man ihn dafür bestrafen kann. Eine "ideale" Gesellschaft, gleichgeschaltet, permanent unter Leistungsdruck, angetrieben von der Angst und mit Spitzeln in Vorbildfunktion.

    Schicken Sie Ihre Kinder ruhig zur Schule in Südkorea. Dann schaffen die es bestimmt an eine Eliteuni. Wenn sie nicht vorher von irgendeinem Dach springen...

  4. Bachelor/FH
    Bei uns war im ersten Semester richtig viel Stoff, 30 ECTS, 6 Module mit 10 Prüfungen. Der Stundenplan war total vollgestopft mit Vorlesungen und Übungen.

    Das war sehr stressig und durch den Stress konnte ich schlechter lernen und habe noch mehr Zeit gebraucht und hatte noch mehr Stress. Zudem habe ich kaum Leute an der FH kennen gelernt.

    Im 2ten Semester habe ich ein sehr gut verstecktes Seminar "lernen lernen" besucht, seitdem lerne ich zeitlich weniger und stofflich mehr.

    (lernpsychologisch wichtig: 1 Tag total freizeit die Woche und viel Entspannung => Meditation, nie überlasten wenn möglich)

    Dieser ganze Stress bringt gar nix und die gesellschaftliche Forderung das Studenten viele Stunden reissen sollen bringt gar nichts....

  5. Bilden kann und sollte man sich ein ganzes Leben lang. Für die akademische Ausbildung werden Resourcen in Anspruch genommen. Das müssen erst mal andere - auch die , die nicht studieren, finanzieren. Im Sinne der Resourcen-Schonug sollte dann das Studium in überschaubarer Zeit absolviert werden. Und Menschen sieht man doch im Hörsaal auch - oder? Lernen Sie nicht am Abend mit Kommolitonen zusammen?
    Klar - irgendwann hat jeder seinen Bachelor! Und dann? Wollen dann alle auf Bachelor-Level arbeiten? Ich habe gerade mein drittes haus bauen lassen. Ich weiß inzwischen, wo der Mangel in unserer Arbeitswelt ist!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Nibbla
    • 29. Dezember 2012 16:57 Uhr

    Autobahnen werden auch finanziert von Leuten die diese nicht direkt benutzen. Dies nennt sich Gesellschaft.
    Jetzt stellt sich die Frage, wie wichtig ist dieser Gesellschaft Bildung? Wieweit ist zusätzlicher Druck die Lösung? Wollen wir in Sachen Bildung wirklich Ländern wie USA, UK oder China nacheifern. (Usa ist berüchtigt für das schlechte staatliche Schulsystem mit einer großartigen Elitenförderung und China erschafft viele perfekte Taschenrechner, denen jegliche Kreativität rausgepresst worden ist)

    Und Arbeitskräfte haben wir ja zu genüge. Wir sind nur nicht mehr bereit sie angemessen zu bezahlen.
    Vlt sollte man sich beim Thema Bildung auch mal darum kümmern, dass Hauptschule nicht Versager bedeutet. Dass man mit Hauptschulabschluss trotzdem angesehen werden kann und eine Familie ernähren. Hängt ja alles zusammen. ^^

    Und es gibt Leute, egal wie sehr sie sich anstrengen und wieviel Druck sie sich machen, sie niemals! auch nur 1 Haus leisten können. und "selber schuld" ist kein Argument

    • Nibbla
    • 29. Dezember 2012 16:57 Uhr

    Autobahnen werden auch finanziert von Leuten die diese nicht direkt benutzen. Dies nennt sich Gesellschaft.
    Jetzt stellt sich die Frage, wie wichtig ist dieser Gesellschaft Bildung? Wieweit ist zusätzlicher Druck die Lösung? Wollen wir in Sachen Bildung wirklich Ländern wie USA, UK oder China nacheifern. (Usa ist berüchtigt für das schlechte staatliche Schulsystem mit einer großartigen Elitenförderung und China erschafft viele perfekte Taschenrechner, denen jegliche Kreativität rausgepresst worden ist)

    Und Arbeitskräfte haben wir ja zu genüge. Wir sind nur nicht mehr bereit sie angemessen zu bezahlen.
    Vlt sollte man sich beim Thema Bildung auch mal darum kümmern, dass Hauptschule nicht Versager bedeutet. Dass man mit Hauptschulabschluss trotzdem angesehen werden kann und eine Familie ernähren. Hängt ja alles zusammen. ^^

    Und es gibt Leute, egal wie sehr sie sich anstrengen und wieviel Druck sie sich machen, sie niemals! auch nur 1 Haus leisten können. und "selber schuld" ist kein Argument

    • JKF
    • 29. Dezember 2012 17:18 Uhr

    Durch einen Studienortwechsel (aus persönlichen Gründen, nicht wegen nicht-bestandener Prüfungen o.ä.) musste ich vom nichtmodularisierten in das modularisierte Lehramtsstudium wechseln.

    Meine im Schnitt 12 zweistündigen Kurse pro Woche würden bereits fast dem von Prof. Schulmeister erwähnten durchschnittlichen Arbeitsaufwand von 27 Stunden entsprechen - allein durch die Anwesenheitspflicht. Dazu kommen normale Vor- & Nachbereitung, Vorbereitung der 4-6 Referate pro Semester (meist mit enormem Aufwand "dank" Gruppenarbeit) & ein Nebenjob, ca. 10 Stunden = mind. 50-60 Stunden pro Woche. Während der Semesterferien fertigt man die geforderten 4-6 Hausarbeiten an und kaum ist die letzte Arbeit geschrieben, beginnt auch schon das neue Semester.

    Ich kenne einige Studenten, die ihr Studium ernst nehmen und gerne die erforderte Leistung bringen wollen, aber merken, dass dies zeitlich und kräftemäßig auf Dauer nicht möglich ist. Sie können diesem Druck nicht standhalten, werden oft krank, sind am Ende der Woche mit ihren Kräften regelmäßig am Ende. Dieser Druck, das ganze Semester über Leistung bringen zu müssen, über 6-10 Semester hinweg (je nach Studiengang), ist das, was bei vielen den Stress verursacht und zu dem schlechten Image des modularisierten Studiums führt.

    ... Natürlich gibt es aber auch Studenten, die eine andere, ähm, Prioritätensetzung während des Studiums haben. ;-) Für sie hält sich der Stress dann auch ziemlich in Grenzen.

    -> Studium ist, was ich daraus mache!

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