Südkoreanerin in Deutschand"Immer heißt es warten"

Susanna Kim kommt aus Südkorea, jetzt studiert sie VWL in Köln. Hier erzählt sie, wie es ihr in Deutschland geht – zum Beispiel an Weihnachten. von 

Sind die Deutschen seltsam? Sagen wir es so: Es gibt einige Unterschiede zwischen den Menschen in Korea und in meiner neuen Heimat. Bis heute finde ich, dass man in Korea höflicher ist. Bei uns sagt man nie direkt Nein, in Deutschland ist das üblich. Gerade am Anfang habe ich es persönlich genommen, wenn ich jemanden gefragt habe, ob wir etwas zusammen unternehmen, und er abgelehnt hat. Natürlich weiß ich, dass es nicht gegen mich gerichtet ist, wenn die andere Person einfach keine Zeit für ein Treffen hat, aber trotzdem denke ich manchmal immer noch, dass das Nein damit zu tun hat, dass ich Ausländerin bin – kein schönes Gefühl.

Richtiges Heimweh habe ich nie. Ich lebe gerne im Ausland. In den letzten drei Jahren war ich nur zweimal zu Hause. Aber es gibt auch Momente, in denen ich mich in Köln einsam fühle und mir meine Eltern, mein Bruder und meine Verwandten fehlen. Gerade an Feiertagen, wie jetzt an Weihnachten, wenn alle anderen nach Hause fahren und ich mit meinen beiden Katzen in meiner Wohnung bin. Aber dieses Jahr wird es sehr schön: Ich koche gemeinsam mit meinen koreanischen Freunden. Es gibt koreanisches Essen, und ich habe die Wohnung mit Kränzen und Kerzen dekoriert. Und ich gehe in die Kirche, denn ich bin sehr gläubig. Ich mag vor allem die Messen im Kölner Dom, da bin ich jeden Sonntag.

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Meine Eltern bekommen ein Paket von mir: Meiner Mutter schenke ich ein T-Shirt, meinem Vater eine Krawatte. Mein Bruder kriegt auch was. Meine beiden Katzen haben ihr Geschenk schon Anfang Dezember bekommen: einen Adventskalender mit kleinen Snacks für Tiere.

Es stand immer fest, dass ich im Ausland studieren würde, das ist für viele in Südkorea inzwischen fast selbstverständlich. Vor fünf bis zehn Jahren war so ein Auslandsaufenthalt noch ein großer Pluspunkt im Lebenslauf, heutzutage ist es normal und gehört zum festen Bestandteil einer Ausbildung. Der Konkurrenzkampf in Korea ist groß, da muss man versuchen mitzuhalten. Hinzu kommt, dass ein Studium in Korea sehr, sehr teuer ist. Man kann Stipendien bekommen, aber das ist schwer. Viele junge Koreaner nehmen deshalb einen Kredit auf, oder sie ziehen ins Ausland, wie ich.

Auf Deutschland kam ich, weil mein Vater hier einen Bekannten hat, der in Freiburg lebt. Ich ging also nach Freiburg und zog in ein katholisches Studentenwohnheim für Mädchen. Ein Jahr lang machte ich einen Sprachkurs, denn von meinem Deutsch-Crashkurs in Korea hatte ich schon wieder vieles vergessen. Freiburg gefiel mir gut, aber es wurde mir zu beschaulich. Ich ging deshalb nach Köln. Dort besuchte ich das Studienkolleg, denn nur so kann man als Koreaner an einer deutschen Uni studieren – bei uns gibt es ein anderes Schulsystem. Ich machte einen Abschluss, der dem deutschen Abitur entspricht, Note 2. Und dann fing ich an, Volkswirtschaftslehre zu studieren.

Das Studium ist nicht einfach für mich. Oft habe ich während des Lernens ein Wörterbuch neben mir liegen, das mein Vater mir geschenkt hat. Von meinen Freunden in Korea weiß ich, dass es an koreanischen Hochschulen strenger zugeht als in Deutschland. Dort wird sehr genau darauf geachtet, dass man an allen Veranstaltungen teilnimmt. In Deutschland dagegen kontrolliert keiner, ob ich da bin.

Auch wenn ich gerade viel für Prüfungen lernen muss: Den Weihnachtsmarktbesuch lasse ich mir nicht nehmen. So etwas haben wir in Korea nämlich nicht. Vor allem den Glühwein finde ich sehr lecker. Lebkuchen dagegen schmeckt mir überhaupt nicht, auch wenn ich sonst ein großer Fan des deutschen Essens bin: Es ist schön fett. Ich liebe es, ins Brauhaus zu gehen und dort ein Schnitzel zu essen, auch das Bier schmeckt mir. Nur die typisch deutsche Haxe lockt mich gar nicht.

Mit deutschen Studenten habe ich leider nur wenig Kontakt. Es hat sich bisher einfach nicht ergeben, allein durch die Sprachkurse hat man doch mehr mit Leuten zu tun, die selber auch fremd im Land sind. Für immer hier leben kann ich mir nicht vorstellen. Ich will für mein Masterstudium in die USA gehen, da wollte ich schon immer studieren. Vielleicht werde ich Deutschland dann aber ein bisschen vermissen. Immerhin habe ich mich an einige Dinge gewöhnt, die ich anfangs nervig fand. Ich habe gelernt, dass man in Deutschland viel mehr Geduld haben muss als in Korea. Immer heißt es warten. Ich kenne das mittlerweile nicht mehr anders und plane nun schon selber immer sechs Monate im Voraus. Und ich mag, dass die Geschäfte sonntags geschlossen haben, dass es Feiertage gibt und dass die Menschen das Wochenende zum Ausruhen nutzen. In Korea ist immer etwas los, alle sind ständig unterwegs. Anfangs fand ich es darum langweilig hier, nach 20 Uhr war es mir zu still. Mittlerweile ist es umgekehrt: Ich bin genervt, wenn ich zu Hause bin – Korea stresst mich zu sehr.

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Leserkommentare
    • -
    • 27. Dezember 2012 10:02 Uhr
    1. Schön

    dass es Ihnen hier halbwegs gefällt.
    Genießen Sie Ihre Zeit hier.

    Nur in dieser überteurten möchtegern metropole würde ich nicht studieren.

  1. in Deutschland!

    Ich freue mich immer über Erzählungen von Menschen, die zu uns kommen. Und wer selber schonmal eine längere Zeit im Ausland gewesen ist, weiß wie schwer es sein kann Anschluss zu finden. Wobei ich der Meinung bin, dass es in Deutschland oft noch schwerer ist als anderswo.

    Nichts destotrotz wünsche ich Ihnen eine tolle Zeit hier!

    3 Leserempfehlungen
  2. "Bei uns sagt man nie direkt Nein, in Deutschland ist das üblich. Gerade am Anfang habe ich es persönlich genommen, wenn ich jemanden gefragt habe, ob wir etwas zusammen unternehmen, und er abgelehnt hat."

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Korea jedes derartige Angebot annimmt, oder? Was sagt man denn, wenn man nicht vorhat, mit jemandem auszugehen?

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    • DonataB
    • 28. Dezember 2012 4:13 Uhr

    Man sagt "Oh, ich habe leider total viel zu tun, aber vielleicht ein andermal." Ob das hoeflicher ist, nun ja.

  3. Danke für deinen Hinweis auf den Wert von Ruhe. Die Sonntagsruhe ist leider keine Selbstverständlichkeit mehr und wird von Vielen bekämpft, um noch mehr an Leistung für wenig Geld auf den Arbeitsmärkten erkaufen zu können.

    Dein Vergleich hingegen kann uns bereichern im Bewusstsein, wie wertvoll dieses kulturelle Erbe für uns ist.

    Sonnig grüßt Arno

    3 Leserempfehlungen
    • DonataB
    • 28. Dezember 2012 4:12 Uhr
    5. na ja

    Ich bin Deutsche und Professorin (fuer VWL) an einer koreanischen Top-Uni. Nur einige Bemerkungen zum Thema Strenge - ausser der Anwesenheitspflicht wird in Korea im Studium nicht viel von den Studierenden erwartet. Die Anforderungen und Nichtbestehensquoten sind vernachlaessigbar, vor allem im Vergleich zu einem identischen Studium in Deutschland (in den Grundstudiumsklausuren, die ich so als Studentin schrieb, sind gerne auch mal ueber 60% durchgeflogen). Koreanische Studierende sehen sich dagegen als zahlende Kunden (eben auch aufgrund der Studiengebuehren) und erwarten daher ihren Bachelorabschluss als Selbstverstaendlichkeit. Was die Hoeflichkeit betrifft: Koreaner sind hoeflich - zu Menschen, die sie kennen und die ihrer Meinung nach in der Hierarchie ueber ihnen selbst stehen. Zu allen anderen, nun ja. Dazu gehoeren auch Dinge wie Professoren, die ihre volljaehrigen Studierenden mit voelliger Selbstverstaendlichkeit "duzen" und sie im Allgemeinen nicht gleichwertig behandeln. Ansonsten wird beispielsweise in Bus und U-Bahn froehlich gerempelt und gedraengelt, was das Zeug haelt. Der Hoeflichkeitsbegriff scheint auf jeden Fall ein recht anderer zu sein.
    Was den Kontakt angeht - tja. Es gibt auch an deutschen Unis viele Moeglichkeiten, in Kontakt zu kommen (Fachschaft etc). Aber mit ausschliesslich koreanischen Freunden ist's natuerlich bequemer. Meist sind dann auch die Sprachkenntnisse der aus dem Ausland zurueckkehrenden Austauschstudierenden eher nicht vorhanden.

    2 Leserempfehlungen
    • DonataB
    • 28. Dezember 2012 4:13 Uhr

    Man sagt "Oh, ich habe leider total viel zu tun, aber vielleicht ein andermal." Ob das hoeflicher ist, nun ja.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... also genau wie in Deutschland???
    Ich hab noch nie erlebt, dass jemand rundheraus gesagt hätte, "Nee, mit Dir treff ich mich bestimmt nicht".

    Und "vielleicht ein andermal" ist auch hierzulande eine weitverbreitete ziemlich offensichtliche Floskel, die soviel bedeutet wie "hab keine Lust".

  4. Ein direktes "nein" zu vermeiden gilt nicht nur in Korea, sondern generell in Südostasien. In Indonesien beispielsweise wurde ich dezent darauf hingewiesen, dass die Frage "Haben Sie Kinder?" besser mit "noch nicht" zu beantworten sei - unabhängig davon, wie man zum Thema "Kinderplanung" steht. Mir wird von Angehörigen anderer Kulturen aber oft mitgeteilt, dass die deutsche Direktheit zwar gewöhnungsbedürftig sei, aber auch ihre Vorteile habe. So ist im positiven Sinne ein "ja" eben auch ein "ja". Und gerade wer aus den USA nach Deutschland kommt, wo Einladungen floskelhaft ausgesprochen werden, ist dann erfreut, dass die neuen deutschen Freunde es ernst meinen.

  5. Frau Kim,
    versuchen Sie, auszugehen und neue Bekannte zu finden. Ich weiss, dass das nicht einfach ist. Vielleicht gibt es ein Cafe in ihrer Nachbarschaft und bestimmt k"onnen Sie neue Bekannte in der Tierhandlung finden. Zu Hause bleiben und nur mit Koreanern zu reden hilft ihren Deutschkenntnissen nicht. Wie w"are es, zu einer Kaffee-/Teestunde ins Goethe-Institut zu gehen? Viel Erfolg und Spass!

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  • Schlagworte Student | Auslandsstudium | Südkorea | Weihnachten
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