Theaterstück "Sommergäste"Unser monumentales Nichts

Was für ein Fest am Hügelgrab des Bürgertums: Alvis Hermanis entzaubert Gorkis "Sommergäste" an der Berliner Schaubühne. von 

In der Ferne, am weiten russischen Himmel, leuchtet schon die Morgenröte, bald kommt sie, die Revolution. Die Bourgeoisie ist bloß ein Haufen dekadenter Klugscheißer, sie fault vor sich hin, ihre Tage sind gezählt, und das Proletariat scharrt mit den Füßen. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!

So steht es, arg verkürzt, in Maxim Gorkis Theaterstück Sommergäste aus dem Jahr 1904. Der Regisseur Peter Stein schickte 1975 (in einer Bearbeitung von Botho Strauß) die Sommergäste noch einmal auf die Bühne und ließ sie schwermütig durch einen silbrigen Birkenwald schweben. Die Revolution, die Gorkis Figuren noch bevorstand, war bei Stein bereits Vergangenheit. Seine Sommergäste lebten aufgeklärt abgeklärt im Spätherbst von Achtundsechzig und inspizierten ihrer wunden Herzen Weh und Ach. »Freiheit, mein Liebster, was ist das?«

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Steins Aufführung wurde weltberühmt, und danach wollte man keine andere mehr sehen, warum auch. Jetzt hat der lettische Regisseur Alvis Hermanis das Stück noch einmal hervorgeholt (wieder an der Berliner Schaubühne), doch er hat es nicht mit dem Silberpinsel achtsam entstaubt, sondern – in einer Bearbeitung von Florian Borchmeyer – mit dem Brecheisen traktiert, ganze Textflächen herausgesprengt und die Figuren einer Gehirnwäsche unterzogen. Einige Sommergäste erkennt man kaum wieder, die Sozialrevolutionärin Marja (Judith Engel) ist völlig versteinert, eine Ruine der Hoffnung. Zu guter Letzt wirft Hermanis auch noch die Butzenscheiben im Bürgersalon ein, kippt den Hausmüll auf die Bühne und reißt die Tapeten von den Wänden (Bühnenbild: Kristine Jurjane). Niemand nimmt hier, wie bei Gorki, das Wort Revolution in den Mund, niemand stochert, wie bei Peter Stein, in der Asche des Aufruhrs. Aber das Ergebnis ist spektakulär: Hermanis inszeniert ein monumentales Nichts, den letzten Akt im langen Drama des Bürgertums, seine Tragödie als Farce. Diese Sommergäste schlabbern ein letztes Mal an ihrer Freiheit, um dann phlegmatisch zu verdämmern. Während Gorki nur eine gesellschaftliche Klasse untergehen ließ, lässt Hermanis den bürgerlichen Menschen gleich ganz verschwinden. Es gibt ihn nicht mehr, er ist an Selbstermattung gestorben. Die Körper der Untoten zucken noch, auch die einst prächtige Villa steht noch am See, aber schon bald wird sie von der wuchernden Wildnis verschluckt.

Selbst wenn die Wahrheit gesagt wird, tönt es hohl wie eine Lüge

Die Proben zu den Sommergästen müssen die Hölle gewesen sein, die reine Menschenquälerei. Hermanis hat seinen Schauspielern das Sprechen ausgetrieben, er hat ihre Stimmen von den Wörtern abgetrennt und die Sprache von den Menschen. Geisterhaft sprechen die Akteure nun, wie aus dem inneren Off, die Wörter gehören ihnen nicht mehr, sie klingen wie Fremd-Wörter, gestelzt, exzentrisch und unnatürlich. Vor allem die Frauen sprechen wie in Trance, und selbst dann, wenn sie einmal die Wahrheit sagen (»der Mensch scheint am Ende zu sein«), tönt es hohl wie eine Lüge. Rjumin, der verliebte Nichtsnutz (Niels Bormann), hat sein Herz an die somnambule Warwara (Ursina Lardi) verloren, er liebt sie abgöttisch, aber die Sprache seines Herzens scheppert wie Blech, der Sinn ist rausgesaugt, der Rest lyrisch überlackiert.

Wenn die Sprache tot ist, dann murmeln wortlos die Körper. Bei Hermanis bewegen sie sich wie in einem Fin-de-Siècle-Stück, gierig winden sich die Schlangenmenschen in der Horizontale, schwül, überhitzt, lasziv; sie fingern, fummeln, fuchteln, mal in einem Pappkarton, dann auf der Chaiselongue, gern auch daneben, zwischendurch türmen sie sich in erotischen Séancen zu Skulpturen auf, hellwach und total schläfrig. Nur im Körper steckt ein Lebensfunke, das letzte energetische Moment, denn wer begehrt, ist noch nicht tot.

Bevor die Kulturgutschützer der neuen Bürgerlichkeit auf die Barrikaden steigen: Die wortlose Gier, so hämmert Hermanis dem Publikum ein, ist das, was nach dem Schisma von Sprache und Körper übrig bleibt. In einer toten Sprache lassen sich die Gefühle nicht mehr an den Geliebten adressieren; das Begehren wird nicht mehr beglaubigt und durch Wörter erotisiert. Nur Wlas (Sebastian Schwarz), bei Gorki ein sympathischer linker Narr, kann das noch, er spricht wie ein Altmensch, vergeblich. Der Weltfremdling will sich erschießen, er drückt dreimal ab, nichts passiert. Dann nimmt Rjumin den Revolver, er stürzt getroffen zu Boden, aber in einer suizidalen Gesellschaft interessiert das keinen. War da was? Rjumin steht auf, er hat sein Herz verfehlt, denn es war gar keines mehr da.

Leserkommentare
  1. Immer ein Vergnügen, die einsichtigen Kritiken von Herrn Assheuer zu lesen.

  2. zu gehen.
    Steins Sommergäste habe ich damals gesehen, noch in der alten Schaubühne am Halleschen Ufer!

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Theater | Schaubühne | Maxim Gorki
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