TheaterImmer schussbereit

Komisch oder tragisch? Moritz Rinke feiert Premiere in Frankfurt. von Ina Hartwig

Unter großer, gegen Ende hin schwächer werdender Lachbereitschaft des Premierenpublikums wurde am Schauspiel Frankfurt Moritz Rinkes neues Stück Wir lieben und wissen nichts unter der Regie von Oliver Reese uraufgeführt: eine Komödie über zwei Paare, die per Internet einen Wohnungstausch vereinbart haben. Sie sind Jobnomaden der Gegenwart, und längst ist es nicht mehr unbedingt der Mann, der bestimmt, wohin die Reise geht. Sebastian (Marc Oliver Schulze) zum Beispiel, Abziehbild des überkandidelten und zugleich unproduktiven Intellektuellen, muss wieder einmal seiner toughen Freundin Hannah folgen (Claude De Demo), die in Zürich der neuen Hasskaste der Banker mit Atemübungen den verschütteten Zugang zur Seele wieder freischaufeln soll. Eine wunderbare Verbindung von Karitas und Kapital, wäre da nicht der aufreibende Widerstand Sebastians, der sich einigelt und das Packen der heimischen Bücherkisten verweigert.

Hannahs Nerven liegen blank, schließlich soll es am nächsten Morgen schon losgehen mit den schweizerischen Atemübungen, da klingelt es, und die Tauschpartner stehen vor der Tür. Als Roman (Oliver Kraushaar) und Magdalena Hansen (Constanze Becker) dann in Sebastians »Bewusstseinszimmer« herumstehen wie bestellt und nicht abgeholt, ist der Höhepunkt des Theaterabends auch schon erreicht. Magdalena, schmollend: »So ein Zimmer haben wir leider nicht.«

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Die für ihre Tragödinnenrollen soeben mit dem Eysoldt-Ring geehrte Constanze Becker spielt diesmal eine leicht trottelig wirkende Ehefrau an der Seite eines Obertechnokraten. Ein rechtes Abziehbild auch er. Stocksteif steht Roman Hansen neben dem mitgebrachten Umzugskarton, schaut verächtlich auf die ihn umgebende Unordnung und haut sein technofaschistisches Fachlatein raus: Parken in der zweiten Reihe, Warnblinkanlage, Zentrifugalentsafter. Das steigert sich im Lauf der knapp zwei Stunden bis zum Satellitenabschuss in Kasachstan, bei dem er verantwortlich beteiligt sein will. Aber dabei bleibt es nicht, die Paare verheddern sich in allerlei schmutzigen Anmachereien. Roman, ganz digitales Triebwesen, zu Hannah: »Hast du ein eigenes Portal?«, und sie, die schon lange nicht mehr angerührt wird von Sebastian, grinst hinreißend verlegen.

Im Programmheft wird Goethes Liebeschemie aus den Wahlverwandtschaften bemüht, aber der passende Vergleich wäre wohl eher Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Zwei Paare, die eine Nacht lang mit- und gegeneinander ringen, dazu Alkohol in Mengen, Karrieren mit Knicks, sadistisch vorgeführt, dahinter die Tragödie eines unerfüllten Kinderwunsches: Die Ingredienzien sind identisch. In Rinkes Stück ist es Hannah, die »das vereinbarte Kind« verlangt, was Sebastian – er gesteht es der schon schwer betrunkenen Magdalena – nicht zeugen kann. Hat Rinke nun die zeitgemäße Version des mit Richard Burton und Elizabeth Taylor verfilmten Klassikers geliefert?

Dass die Paare auf der Frankfurter Bühne (Ausstattung: Anna Sörensen) auch im Leben zusammengehören (wie Burton/Taylor), mag zumindest das Klatschbedürfnis befriedigen. Rinkes Stück aber lebt von einem Witz, der allzu oft den Kalauer schrammt, es lebt von einer Art Dauerironie gegenüber unserem Internetjunkietum. Deshalb flippt Roman aus, als seine Vertragspartner den Zugangscode zum WLAN nicht kennen. Sebastians Pistole mit dem schönen Namen Napoléon Le Page, ein Erbstück, das schussbereit durchs Stück geistert, ist gewissermaßen das antiquarische Gegenstück zu Romans neurotischem Satellitenfimmel, hinter dem sich seine Entlassung verbirgt, die akute Arbeitslosigkeit, die er sich nicht eingestehen will.

Sosehr das Schauspielerquartett in einzelnen Szenen brilliert, besonders Constanze Becker und Claude De Demo, deren Rollen weniger standardisiert angelegt sind als die der Männer: Es haut als Ganzes nicht hin. Und das liegt am ungelösten Verhältnis von Komik und Tragik. Angesichts der vielen angetippten Konfliktpotenziale – Versagen und Enttäuschung, unterdrückte Aggression und Verlassensangst, Eifersucht, fluide Arbeitsverhältnisse, Technikwahn und Erfolgsdruck – bleibt die Psyche der handelnden Personen zu wenig ausgelotet. Halb gare Konflikte sind auf Dauer weder amüsant noch erschütternd.

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