ThyssenKrupp-Chef Hiesinger"Ich bin kein Lügendetektor"

Ein Gespräch mit Heinrich Hiesinger, dem Vorstandsvorsitzenden von ThyssenKrupp, über korrupte Mitarbeiter, falsche Treue und seinen Plan zur Rettung des Krisenkonzerns. von  und

DIE ZEIT: Herr Hiesinger, ThyssenKrupp war mehrfach an illegalen Preisabsprachen beteiligt. Es gab dubiose Geldflüsse im Ausland und noch vieles mehr. Führen Sie Deutschlands korruptesten Konzern?

Heinrich Hiesinger: Also wirklich! Das kann ich absolut nicht stehen lassen. ThyssenKrupp beschäftigt mehr als 150.000 Menschen. Bis auf ganz wenige haben sich alle stets an Recht und Gesetz gehalten. Wir haben uns von 50 Mitarbeitern getrennt, weil sie sich fehlverhalten haben.

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ZEIT: 50 Mitarbeiter an entscheidenden Stellen machen einen Unterschied.

Hiesinger: Die Spitze von ThyssenKrupp hat in der Vergangenheit die falschen Signale gesetzt. Es gab Fälle, da wurden Mitarbeitern Verfehlungen nachgewiesen, es gab sogar Verurteilungen, und trotzdem hat man sie weiterbeschäftigt. Man hat damals nicht erkannt, welch verheerende Botschaft das in die Organisation hineinsendet.

Heinrich Hiesinger

Der heute 52-Jährige wächst als ältestes von sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in Schwaben auf. Nach dem Studium der Elektrotechnik folgt die Promotion in München. Hiesinger ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern.

Die Karriere

1992 beginnt Hiesinger bei Siemens und steigt bis in den Zentralvorstand auf, wo er das Industriegeschäft verantwortet. Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von Siemens und ThyssenKrupp, holt ihn 2010 nach Essen. 2011 wird Hiesinger Vorstandschef von ThyssenKrupp. Er will den Konzern unabhängiger vom Stahlgeschäft machen.

ZEIT: Sie müssen davon ausgehen, dass mehr Mitarbeiter von Korruption in diversen Konzernsparten wussten als die 50, von denen Sie sich getrennt haben. Erhält eine zweite Chance, wer jetzt noch bei ThyssenKrupp arbeitet?

Hiesinger: Natürlich. Mitarbeiter haben nicht die Tendenz, etwas falsch zu machen. Sie versuchen, zu verstehen, was die Unternehmenslenker wollen, sie interpretieren das Gesagte und das Ungesagte. Hier haben sich einige Führungskräfte bei ThyssenKrupp nicht eindeutig verhalten. So sind Grauzonen entstanden. Aber das lassen wir nicht mehr zu.

ZEIT: Als das Schienenkartell, eines der größten Kartelle in Deutschland, aufflog, waren Sie bereits im Amt. ThyssenKrupp hatte mit anderen Herstellern jahrelang Preise und Mengen abgesprochen. Die Deutsche Bahn und damit der Steuerzahler soll mehrere Hundert Millionen Euro zu viel für Schienen bezahlt haben.

Hiesinger: Als das Schienenkartell im Sommer 2011 bekannt wurde, haben wir innerhalb von Tagen den zuständigen Bereichsvorstand und weitere Beteiligte entlassen. Wir kommunizieren solche und andere Fälle heute ganz bewusst. Als Exempel.

ZEIT: Es sind ja nicht nur Schienen, auch bei Aufzügen, Rolltreppen und Weichen gerieten Sie ins Visier der Ermittler.

Hiesinger: Das Aufzugs- und Fahrtreppenkartell wurde bereits 2004 abgestellt. Die Weichen sind im Zuge des Schienenkartells aufgedeckt worden. Dass jetzt mehr Fälle sichtbar werden, zeigt doch nur, wie gründlich wir den Konzern durchackern. Bei einem solchen Umbruch kämen auch bei anderen Unternehmen Fälle hoch. Wir haben Konsequenzen gezogen und Mitarbeiter entlassen, gegen die wir auch Schadensersatzansprüche verfolgen.

ZEIT: Sie haben bei Siemens Karriere gemacht, sind bis in den Zentralvorstand aufgestiegen, bevor Sie Chef von ThyssenKrupp wurden. In beiden Konzernen gab es in den vergangenen Jahren große Korruptionsfälle. Können Sie heute einen korrupten von einem integren Manager unterscheiden?

Hiesinger: Nein. Es wäre anmaßend, das zu behaupten. Ich bin doch kein Lügendetektor!

ZEIT: Wie war es für Sie persönlich, in der Welt der alten Ruhrbarone anzukommen?

Hiesinger: Dass wir die Villa Hügel haben und Schloss Landsberg, das schätze ich wert. Andere Dinge fand ich amüsant. Ich war beispielsweise der erste Vorstand, der auch mal einen braunen Anzug trug. Ich war etwas underdressed.

ZEIT: Tragen Sie Zweireiher?

Hiesinger: Nie. Aber keine Sorge, ich kann mich schon benehmen. Ich habe Frack und Smoking im Schrank. Aber für die Arbeit brauche ich das nicht.

ZEIT: Haben Sie bewusst mit Traditionen gebrochen?

Hiesinger: Wir haben Privilegien abgeschafft, und das stört einige Mitarbeiter.

ZEIT: Welche waren das?

Hiesinger: Eine Reihe von Äußerlichkeiten, beispielsweise die Größe oder Möblierung eines Büros oder Einladungen zu bestimmten Veranstaltungen. Auch der Stellenwert von Titeln ist viel zu hoch. Und wenn der Besuch des Konzernchefs in einer Fabrik anstand, erinnerte das manchmal an einen Staatsbesuch, was das Drumherum angeht. Das alles muss nicht sein, das passt nicht mehr in die Zeit.

Leserkommentare
  1. erst aus einem Gutachten erfährt, was Vorgesetzte und Kollegen von einem halten, besteht jedenfalls noch sehr viel Entwicklungspotenzial für die interne Kommunikationskultur.

    Eine Leserempfehlung
  2. Weiter so! Mir gefällt die freundliche Direktheit von Herrn Hiesinger. Mehr Gelassenheit und weniger persönlicher Erfolgsdruck... wie wäre es damit flächendeckend in der deutschen wirtschaftlichen Führungsriege... so als Trendwende?

    Einen angenehmen Jahresausklag allerseits,
    wünscht
    LB

  3. >>> Der Aufsichtsrat hat regelmäßig externe Gutachten eingeholt, wenn er zweifelte und zusätzliche Informationen wollte. Aber stets wurden die Aussagen des Vorstands bestätigt.

    Und ein Vollprofi an der Spitze eines der grössten und bis dahin anerkanntesten deutschen Industriekonzerne wagte nicht, die *steten* Ergebnisse der Gutachten zu hinterfragen in der mit Abstand grössten Investition eines deutschen Konzerns? Es kamen keine kritischen Stimmen zum Jahrhundert-Projekt frühzeitig aus dem Konzern im Vorstand oder beim Aufsichtsrat an oder sie stiessen zum falschen Zeitpunkt auf taube Ohren? Das klingt geradezu unglaublich unprofessionell.
    Hiesinger bestätigt allerdings genau dieses Szenario dramatisch mangelhafter Kommunikation in diesem Interview. Oder er bemüht sich darum - im Zwei-Knoten-Netzwerk mit Cromme ...

  4. Ich weiß zu wenig.
    Hätte der Manager dre Deutschen Bank erklärt, er hätte aufgrund der Korruptionsgeschchte 50 Mitarbeiter entlassen, dann hätte ich erst mal vermutet, daß diese entlassen wurden, weil sie in der Betriebkantine eine Krokette geklaut oder im Büro des Vorstandes Heftklammern entwendet haben.

    Also, ich kenne diesen Mann nicht. Aber man kommt nicht dahin wo er ist, wenn man nur ehrlich ist. Dazu braucht man Ellenbogen und muß Erfolge vorweisen usw.

    Solange die Eigentümerin von Tyssen-Krupp ncht noch Schadenersatz vom Staat velangt - und bekommt, rege ich mich nicht auf.

  5. Der Bereichsvorstand wurde nicht entlassen. Er wurde fürstlich (mit Zustimmung des Vorstandes und des Aufsichtsrat) belohnt. Fürstlich bedeutet 3.3 Millionen Euro Abfindung plus 8.500 Euro unverfallbarer monatlicher Rentenanspruch von ThyssenKrupp usw.
    Ein weiterer Vorstand wurde nach Verurteilung nicht nur weiterbeschäftigt, nein, auch die Strafe wurde von ThyssenKrupp übernommen.
    Die weiteren Straftaten wurden erst durch die Behörden (Staatsanwaltschaft und Kartellamt), sowie durch den Druck von außen (Dank an die Presse) öffentlich und nicht weil der Konzern es ans Licht durch "durchackern" gebracht hat.
    Ist ja sowieso ein Widerspruch in sich, da sich die Frage stellt, warum wird erst jetzt "durchgeackert" und nicht bevor die Öffentlichkeit informiert wurde, u.a. durch verschiedene Selbstanzeigen.
    Was hat den die Complianceabteilung für eine Aufgabe gehabt?
    Wie gesagt netter Versuch aber mehr auch nicht.
    Auch wenn es schwer fällt, es gibt nur eine Wahrheit und die kennen viele ehrliche, gute, loyale Mitarbeiter, die mit Stolz und Freude gern zu ihrem KONZERN zur Arbeit gegangen sind. Diese Menschen haben es nicht verdient Halbwahrheiten in der Presse zu lesen.

    Glückauf

    • maksym
    • 02. Januar 2013 15:09 Uhr

    dann kämen die Fordergunen aus allen Ecken, man müsse das alles privatisieren, solche Zustände können sich nur in wettbewerbsfernen Behördenoasen entwickeln. Aber man sehe, höre und staune, diese schlampigen Verhältnisse gedeihen auch prächtig in der hehren freien Wirtschaft. Ich fordere deswegen dazu auf, mit diesen korrupten Verhältnissen in der sogenannten freien Wirtschaft durch konsequente Verstaatlichung aufzuräumen.

  6. mit Steinbrück im Aufsichtsrat

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